Jim Morrison, Curt Cobain, Michael Jackson: ihr Ableben löste kollektive Trauerphänomene und gleichzeitig ein letztmaliges Aufröhren der nun hastig angeworfenen Vermarktungsmaschine aus. Medien übertragen in der Regel tagelang Bilder von sich umarmenden, weinenden Menschen, deren Leidbekundungen beim Rein-Zappen vermuten lassen, sie würden schmerzerfüllt um einen der engsten Freunde oder einen sehr nahen Verwandten trauern. Das Phänomen folgt einigen interessanten psychologischen Bedingungsfaktoren – und wird von kommerziellen Interessensgruppen bewusst so lange wie möglich angefacht.
Bedingungsfaktoren für kollektive Trauer: bewegtes Leben, plötzlicher Tod, Zeitikone
Kollektive Trauer scheint umso wahrscheinlicher zu sein, je plötzlicher und lebenszeitlich früher der Tod eines medial unterstützen Idols erfolgt – und muss damit gleichzeitig in gewisser Weise voraussetzen, dass dieser unter gewaltvollen oder (meist zunächst zwangsläufig) mysteriösen Umständen erfolgt. Bei den verstorbenen Stars, die starke kollektive Trauer auslösen, handelt es sich zudem regelmäßig um Personen, deren eigene Biografie sowohl von bisher unerreichten Höhen als auch tiefsten Abstürzen gekennzeichnet sind – über welche die Medien auch regelmäßig ausführlich und weltweit berichtet haben.
Damit sich Menschen spontan in Gruppen zusammenfinden (wie im Fall von Michael Jackson beispielsweise vor dem New Yorker Apollo-Theater) muss dieser neben einem entsprechendem Bekanntheitsgrad (der Passanten sich spontan beteiligen lässt) auch über Eigenschaften verfügen, die ihn zu einer medialen Bezugsperson für verschiedenste Altersgruppen und Subkulturen werden lassen. Michael Jackson beispielsweise stand wie kein anderer für den Aufstieg des Pop und das Lebensgefühl der 80er Jahre. Darüber hinaus verkörperte er wirkungsvoll den amerikanischen vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos und entsprach mit seiner seltsam androgyn wirkenden, am Jugendlichkeitsideal orientierten Körperlichkeit den Vorschriften des Zeitgeistes.
Das Phänomen erlebter Nähe: „Als wäre mein bester Freund gestorben“
Typisch für kollektive Trauer um Prominente sind Bemerkungen, die eine starke Beziehungsnähe zwischen dem Trauernden und dem verstorbenen Idol implizieren sollen, unter anderem in dem pseudo-vertraulich Spitz- oder Vornamen („Di“, „Curt“, „Jacko“) verwendet und Bezüge zur eigenen Person betont werden. In einem Forum zum Tod von Prinzessin Diana beispielsweise finden sich Einträge wie: „Prinzessin Diana war eine wunderbare Frau, die unsere gesamte Familie sehr geschätzt hat.“, „Ich möchte so werden wie du, Di!“ oder „Ich werde immer an Diana denken, da mir auch viele nachsagen ich hätte etwas Ähnlichkeit mit ihr.“
Die Trauerreaktion kann als unbewusster Versuch verstanden werden, sich die Größe und das soziale Prestige einer bekannten Persönlichkeit teilhabend zu Eigen zu machen; die Trauer schafft Nähe zum Star, die Trauernden kommen zumindest kurzfristig selbst in den medialen Fokus – und erhalten so einen kleinen Abglanz des Starruhmes. Motto: Ich trauere um den Star, also bin ich wie er.
Die Maschine läuft: Warum Gruppenweinen erwünscht ist
Selbstverständlich ist es kein Zufall, dass kollektive Trauer und das sie anfachende Ableben des Idols über Wochen, teils Monate in den Medien präsentiert werden, obwohl der eigentliche Informationswert marginal und die meisten Fakten zum plötzlichen Tod diffus, widersprüchlich und meist in Zusammenhang mit Verschwörungstheorien nur wieder und wieder verrührt werden. Das Thema ist aus journalistischer Sicht höchst dankbar, lediglich ausführliche Wiederholungen hinlänglich bekannter Meilensteine der Starbiografie dürften etwas Mühe bereiten, verlangen aber keinen sonderlich Rechercheaufwand. Stattdessen kann mit emotionsgeladenen Bildern und dem Aneinanderreihen von Zitaten Auflage gemacht werden – die wiederum den Verkauf bisher „noch nie veröffentlichten Materials“ anfeuert (zusammengekauft aus allerlei Tonstudios oder bei der Nachlassversteigerung billig erworben und dann hastig zusammengemixt).
Der Tragik einer Persönlichkeit wie Michael Jackson und einer angemessenen zeitgeschichtlichen und kulturellen Würdigung steht das tränenreiche Massenspektakel leider eher im Weg – der Verstorbene wird zu einem medialen Produkt reduziert.
Ich fürchte, der Verstorbene war immer nur ein mediales Produkt. Und das war seine Tragik.
super boah krass konkret geil