Tagebuch einer Iranerin: Reyhana*, ein Mädchen aus Teheran, ist mittendrin (Teil 1). Seit der zehnten Präsidentschaftswahl, die ihr Land am 12. Juni erlebt hat, tobt nicht nur auf den Straßen, sondern auch in ihrer unmittelbaren Umgebung das Chaos. Via Email richtet sie sich nun an die Menschen abseits ihrer gebeutelten Heimat Iran und schildert in einer Art Tagebuch die Ereignisse vor Ort.
Dienstag, 16. Juni 2009: Die Auseinandersetzungen, die am Vortag sieben Tote gefordert haben, wirken schwer nach. Immer noch kann Reyhana nicht fassen, wie es zu diesem Wahlergebnis mit dem Sieger Mahmud Achmadineschad gekommen ist: “53 Millionen Wahlzettel wurden gedruckt – ca. 40 Millionen haben gewählt”, schreibt sie in ihr Tagebuch. Also sind ca. 13 Millionen verschwunden. An einem Beispiel erklärt sie die absurde Lage: “Ein Lehrer aus einem Dorf hat auf einem ausländischen Sender berichtet, dass sein Dorf aus insgesamt 800 Menschen besteht (von 0 bis 99) und die veröffentlichten Wahlergebnisse im offiziellen Fernsehen gaben an, dass 2000 für Ahmadinedschad gewählt hätten!” Unregelmäßigkeiten dieser Art scheint es nicht nur einmal gegeben zu haben. Öfter seien so Wahlbeteiligungen von 120 Prozent zustande gekommen. Dass da etwas nicht stimmen kann, ist den Menschen bewusst. Seit zwei Tagen, so erzählt sie weiter, gehen die Menschen “punkt 22.00 Uhr auf die Dächer und rufen: ‘Gott ist groß!’”, während im Hintergrund Luftgewehre zu hören sind, genau wie “vor 30 Jahren”, resümiert sie.
Kommunikation und Information werden weiter eingeschränkt
Nichts scheint mehr sicher: “Zivile Polizisten, Informanten und andere mischen sich seit Tagen unter die Demonstranten, um Informationen zu sammeln und wo nötig, greifen sie zu”, schildert sie das Vorgehen der Regierung. Etliche Kämpfer aus Syrien seien eingeflogen worden, um ebenfalls gegen die Demonstranten zu kämpfen. Immer mehr geraten die Menschen unter Druck. Kommunikation und Information werden weiter eingeschränkt: “Mobiltelefone waren erst teilweise und gegen Abend dann ganz ausgeschaltet. SMS ist weiterhin komplett lahm gelegt. Mehrere wichtige Nachrichtensender, die nur über Satellit zu empfangen sind, sind nicht mehr zu empfangen.”
Doch die offiziellen Fernsehsender zeichnen ein ganz anderes Bild der Lage: Szenen von “brennenden Autos und zerstörten Banken” machen die Runde. Sie berichten “von “wenigen” Chaoten, die es auf Zerstörung und Vandalismus angelegt” hätten. Menschen, die ohne Genehmigung demonstrierten, würden als Gesetzesbrecher bezeichnet, gegen die nun noch härter durchgegriffen werden solle.
Mittwoch, 17. Juni 2009: Zur Wochenmitte gibt es noch immer keine Entspannung. Reyhana berichtet knapp: “Weiterhin nicht zugänglich: SMS, bestimmte Fernsehsender über Satellit, viele Internetseiten und ab nachmittags kein Mobilnetz.” Auch viele Web-Accounts wie zum Beispiel GMX seien nun nicht mehr zugänglich und Anrufe ins Ausland fast unmöglich geworden. Die Internetgeschwindigkeit wird immer langsamer. Am Mittwoch ist die junge Frau ein weiteres Mal unmittelbar involviert. Der Vater einer guten Freundin war unter den Festgenommenen. Ein Informant, der auf der offiziellen Seite arbeitete und von Wahlbetrug erzählt hatte, wurde indes hingerichtet. “Wieder eine Riesendemo, wie jeden Tag”, heißt es in ihren Notizen. “Ich kann nicht sagen, wie viele es waren – schätzungsweise eine Million. Auch in anderen Städten wird weiterhin demonstriert.”
Während die Regierung von “Chaoten” spricht, ist die Szenerie, die sich ihr auftut, jedoch eine ganz andere. “Die Demonstranten sind still, das heißt ohne Parolen. Man sieht ständig Leute mit ‘Silence’-Schildern herumlaufen. Damit will man zeigen, dass man friedliche Absichten hat”, erzählt sie. Die meisten würden vor Sonnenuntergang nach Hause gehen, bevor die Auseinandersetzungen in der Dunkelheit beginnen.
“Morgen ist die Demo mit schwarzer Kleidung geplant als Trauermarsch für die sieben Verstorbenen”, so Reyhana über die weiteren Pläne der Demonstranten. Ihr ist flau im Magen. Denn abgesehen von der Gefahr, herrsche in Teheran eine komische Stimmung, die sich bei ihr besonders in den letzten Tagen bemerkbar gemacht habe. “Ich fühle mich jeden Tag mehr von der gesamten Welt abgeschnitten – Jetzt gibt’s nur noch das extrem verlangsamte Internet. Wollen wir hoffen, dass dies uns bleibt.” Und “trotz allem weiterhin:”, so schließt sie ihre Notizen, “Ich bin froh, mich hier beteiligen zu können.”
*Reyhana ist Anfang 30. Aus Angst vor Konsequenzen möchte sie anonym bleiben. Sie ist eine studierte Akademikerin aus Deutschland. Geboren wurde sie im Iran und ist schon als Kind nach Deutschland umgesiedelt. Hier ist sie auch berufstätig. Der Beruf ist so selten, dass wir ihn nicht öffentlich nennen dürfen und somit Rückschlüsse auf die Person gezogen werden könnten. Reyhana ist ledig und hat keine Kinder. Finanziell ist sie gut situiert. Sie ist weiter eine engagierte und intergriete Persönlichkeit und identifiziert sich sowohl mit Deutschland als auch mit dem Iran. Sie empfindet es als “gleichwertig†und profitiert von der “Bereicherung†zweier Kulturen. Zurzeit ist sie in Teheran aus beruflichen UND privaten Gründen, im familiären Kreis.
Text: Amina Runge, Nicole Oppelt, Felix Kubach
Photo: Faramarz Hashemi via Flickr (cc Lizenz)
Teil 1 lesen: Iran: “Das ganze Land ist in Unruhe – noch halten alle durch!”
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