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Wissenschaft

Neue Hilfen aus der Psychologie. Modellfall “Mein Ich-Gewicht.”

Donnerstag, den 2. Juli 2009 um 16:34 Uhr von Rolf Ehlers

In meiner Besprechung des Buches von Dr. Gunter Frank, “Lizenz zum Essen” habe ich seinen Ratschlag erwähnt, zur Behebung des Kontrollzwangs im Rahmen der herkömmlichen Abnehmbemühungen das Buch der Psychologin Maja Storch, “Mein Ich-Gewicht”, 215 S., Goldmann, 2009, 7,95 €, zur Hand zu nehmen, in dem gelehrt werde, wie man sich systematisch Ziele setzen kann, die die Forderungen des Verstandes mit den Antrieben aus dem Unterbewussten versöhnen.

Wer das auch für einen Laien ganz leicht zu lesende Buch der erfahrenen Züricher Psycholanalytikerin und Psychotherapeutin Maja Strauch zur Hand nimmt, gewinnt sehr bald ein Verständnis von sich selbst und den wundersamen Abläufen in seinem Inneren, das nicht nur in der schwierigen Frage der Erlangung eines angemessenen Körpergewichts Hilfen geben kann, sondern uns Tag für Tag im Spannungsfeld von bewusster – rationaler – Planung unseres Lebens und der Bestimmung unseres Verhaltens durch uns nicht bewusste psychische Gesetzmäßigkeiten eine bessere Orientierung erlaubt.

Das adaptive Unbewusste und der bewusste Verstand

Es war ein langer Weg bis zur wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis, dass wir Menschen nicht nur das an das Bewusstsein gekoppelte System zur Hervorbrinung von Handlungen in uns tragen, das auf der Sprache und den für alle Menschen gleichermaßen gültigen Gesetze der Logik aufbaut – den bewussen Verstand. Er gibt den ihm zur Beurteilung vorgelegten Dingen erst eine Bedeutung. Wenn wir ihm den nötigen Raum geben, versucht er, Gott und die Welt zu verstehen. Mit dem bewusten Verstand kennen wir uns alle einigermaßen aus. Ihn wissen wir, wie ein Werkzeug zu benutzen. Ob er einen Wert in sich hat, brauchen wir hier nicht zu erörtern.

Wir haben daneben ein auf einer ganz anderen Schiene und mit ganz anderen Methoden arbeitendes System zur Hervorbringung von Handlungen. Dies ist das unbewusste System, das man wegen seiner unermüdlichen Anpassung an die sich ständig verändernden äußeren Umstände nach einem Vorschlag des amerikanischen Psychologen Timothy Wilson das adaptive Unbewusste nennt. Das adaptive Unbewusste beginnt schon im Mutterleib sich zu formen und registriert ohne Pause bis zum Ende des Lebens alle sinnlichen Wahrnehmungen und hält sie weitgehend im Gedächtnis fest. Dabei schafft es Assoziationen, vergleicht mit Erinnerungen, sucht Identitäten und Abweichungen. Die Logik hat in diesem System keinen festen Ort. Das adaptive Unbewusste sucht nicht nach der Bedeutung der Dinge. Es ist vielmehr immer nur darauf aus, zu zu bewerten. Dabei ist sein Maßstab das Interesse unseres Selbst, wie es sich aus den Erfahrungen des adaptiven Unbewussten darstellt.

Da kann “der Kopf” über einem Problem rauchen bis zu einer rational perfekt nachvollziehbaren Lösung. Dagegen steht dann das “Bauchgefühl”. Wenn das adaptive Unbewusste irgend ein Haar in der Suppe findet und fast kindisch darauf beharrt, alles anders zu machen, muss sich im Kampf beider Systeme erweisen, wer der Stärkere ist. Für den Verstand spricht seine unvergleichliche Beweglichkeit, seine Fähigkeit, ohne Grenzen von Zeit und Raum in Gedanken zu springen, bis in die fernste Zukunft zu projizieren und mehr. Dagegen steht allerdings die im Vergleich zum bewussten Verstand, der sich immer nur in konkret begrenzeten Bereichen bewegen kann, die wahrlich gigantische Kapazität des adaptiven Unbewussten und seine viel größere Schnelligkeit. Storch berichtet, dass die Übertragungsrate des adaptiven Unbewussten unvorstellbare 200 Millisekunden schnell ist, die des bewussten Verstandes mehr als viermal so langsam. Beide Systeme verstehen sich übrigens nicht. Denn der Verstand spricht eine klare Sprache, während das Unbewusste sich nur in diffusen Gefühlen ausdrücken kann, deren rationale Analysierung endlos dauern würde, wenn sie überhaupt gelänge.

Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Bei einer Verkaufsveranstaltung sucht ein Interessent, nennen wir ihn Bert, in aller Ruhe alle möglicherweise wichtigen Informationen zu der riesigen Menge an Angeboten zu erfahren, bevor er sich entscheiden will, einen preiswerten Einkauf zu tätigen. Er hat noch keine zwei Artikel geprüft, da hat sich sein Freund, nennen wir ihn Ernie, bereits energisch durch alle Angebote gewühlt und hat mit schlafwandlerischer Sicherheit die besten Teile herausgepickt.

Die Entscheidung: Kopf oder Bauch?

Da es in unserem Hirn keine automatische Harmonie gibt, sondern unser Selbst immer wieder einen Clinch erlebt zwischen dem System des bewussten Verstandes und dem des adaptiven Unbewussten, fragt sich, wer denn am Ende gewinnt.

Storch schildert einen sehr anschaulichen Vorgang, den sie in ihren Seminaren zum Selbstmanagement wiederholt beobachtet hat. Alle Teilnehmer erklärten, dass sie gern mehr Sport trieben, aber dass immer irgend was dagegen stünde. Von der Bedeutungsebene hat Sport doch bestimmt etwas für sich, Sport erinnert doch gewiss an gesunde Bewegung und schöne schlanke Körper. Warum verzichten denn so viele Menschen auf seine Wohltaten? Aber was ist, wenn das adaptive Unbewusste beim Wort Sport gleich an den halbgebildeten Sportlehrer auf der Mittelstufe denkt, der die langsamen Schüler nur getriezt hat? Was wenn dem adaptiven Unbewussten wieder einfällt, wie wenig erfolgreich die Turnübungen in der Halle waren? Un wie verschwitz man nach dem Sport war und ausgepumpt. Beim Sport gibt es doch viel mehr Verlierer als Sieger. Ein gut funktionierendes adaptives Unbewusstes vergisst keine Niederlagen.

Ein anderes Beispiel Storchs ist die Fage an einen Raucher, ob er nicht doch lieber Nichtraucher werden möchte. Das Wort Nichtraucher ist aber assoziativ besetzt mit “langweilig”, “ungesellig”, “angepasst”, “vernünftig” und “brav”. Dieses Beispiel zeigt, dass man wenn man Einfluss auf die beiden handlungserzeugenden Systeme in sich nehmen will, sich den gewünschten Zielen positiv annähern soll statt sich vorzunehmen, die unerwünschten Dinge zu vermeiden. Diese Überlegungen haben ja auch in der Suchtbehandlung zur weitgehenden Ablehnung der Aversionstherapie geführt (Petry, Behandlungsmotivation, Beltz, 1993).

Somatische Marker helfen bei der Selbstregulation

Storchs Bemühungen um den Menschen zielen darauf, ihn zur Selbstbestimmung zu führen. Er soll nach seinem Willen handeln lernen. Fragt sich angesichts des Wissens um die unterschiedlichen Systeme zur Hervorbrinung von Handlungen im Menschen, was denn dieser Wille überhaupt ist.

Der Einsatz des Willens kann erfolgen als Akt der Selbstkontrolle. Dabei stellte der Mensch alle inneren Wünsche zurück und enschließt sich zu tun, was ihm sein Verstand als richtig bezeichnet hat. Solche Selbstdisziplin oder Selbstüberwindung ist aber eine zweischneidige Sache, weil sie das ganz anders empfindenden und wertende adaptive Bewusstsein brutal übergeht. Wer beispielsweile eine bittere Arznei oder ein bitteres Nahrungsergänzungsmittel herunterwürgt, weil es ihm nach seiner Erwartung wohl gut tut, darf sich nicht wundern, dass er ohne zu wissen warum immer wieder die Einnahme vergisst. Am Ende begreift er, was da falsch läuft und entwickelt Schuldgefühle wegen seines “innerenSchweinehundes”, der es einfach nicht bitter mag. Da wäre die Lösung doch einfach, beide Systeme miteinander zu versöhnen, indem man die bitteren Stoffe zusammen mit einem Löffel Honig zu sich nimmt! Das wäre dann ein Fall der Selbstregulation.

Storch nennt die Momente, die das adaptive Unbewusste zufrieden stellen, somatische Marker, ein Begriff den der amerikanische Hirnforscher Antonio Damasio im Jahre 1994 geprägt hat. Der Schluss liegt nahe, zur Herstellung des inneren Friedens solche Marker zu suchen und sie zu nutzen, um an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten - und natürlich auch am eigenen Körpergewicht.

Die Versöhnung von Körperschema und Körperbild: eine neue Haltung

Das Bild, das man von sich macht, ist anders als das so genannte Körperschema nur gedacht und nicht gefühlt. Das Körperschema oder das Körperselbst ist der mit den Sinnen wahrgenommene reale eigene Körper. Nur der Mensch mit seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion kennt ein eigenes Körperbild. Er kennt aber auch Idealbilder, die ihm von allen Seiten vorgegaukelt werden. Nur er von allen Wesen der Natur kennt den Verdruss, wenn sein Körperbild diesen nicht entspricht. Masochistisch wie viele von uns sind, benutzen wir ständig Waage und Spiegel, um ja nicht die Diskrepanzen zwischen Soll und Ist zu vergessen.

Storchs Lösung liegt darin, das eigene Körperschema zu akzeptieren und von ihm ausgehend unbeeinflusst von Mode und Ernährungsdiktat seine eigenen Kriterien für sein Ich-Gewicht zu entwickeln. Damit kommt man weg von den üblichen blinden Bemühungen, nach fremden meist verlogenen Idealbildern mit Gewalt seinen Körper umformen zu wollen. Das adaptive Unbewusste in uns lässt sich so etwas ohnehin nicht gefallen. Schritte, die in die richtige Richtung führen, sind nach Storch u.a. die richtige Absicht zu formulieren, Bedeutungsebene (Verstand) und Wahrnehmungsebene (Unbewusstes) zu sortieren, fremde Gründe auszuscheiden und die stärksten eigenen Gründe voran zu stellen, um sich so dem selbst gesetzten Ziel, dem höchst individuellen Körper-Ich anzunähern.

Storchs Methode gipfelt darin, nicht wie immer wieder fälschlich vorgeschlagen wird, das eigene Verhalten zu ändern, sondern eine neue Haltung zu gewinnen. Wer so mit seinen inneren Bestrebungen vereint ist, wird keine unsinnigen Ziele anstreben wie einen Waschbrettbauch mit 70 oder eine Mannequinfigur nach einem harten Arbeitselben und mehreren Geburten. Er wird sich erreichbare Ziele setzen und am Ende sein ganz individuelles “Wohlfühlgewicht” erreichen.

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4 Reaktionen zu “Neue Hilfen aus der Psychologie. Modellfall “Mein Ich-Gewicht.””

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  1. Andreas Ehlers

    am 3. Juli 2009 um 13:51 Uhr | Link | Kommentar melden

    Mannige Ausfallschritte in ‚die‘ richtige Richtung — zumindest, sofern man von der heute (wieder) heillosen Verzerrung der Auffassung von den gestreiften Besprechungsgegenständen ausgehen will, welche altmittelländische und altpersische, dann ‚christ‘liche Gedankenfehler verschuldet haben —; aufs Ganze gesehen jedoch selbst den letztgenannten noch in vielfachen, schwer entwirrbaren (‚unbewußten‘) Eingeständnissen verhaftet, die der Darlegung eine verderbliche Beilast anhängen: so könnte man m. E. den vorstehenden Beitrag zutreffend kennzeichnen.
    Die größte Gefahr umstürzlerischer, bzw. aller Erneuerungs-Bewegungen, auch und vor allem im Denken, ist ja dieses: Daß das Reden zum Streite für erhöhte Rechenschaftlichkeit („Rationalität“) in sein um déren innewohnende Berechtigung ertüchtigtes Sprechen zugleich Gärkeime früherer (nicht aber wahrhaft ursprünglicher!) Anschauungen mit hinein verschleppt, welche eben darum nur zu einer ihrerseits gesteigerten Durchschlagskraft gelangen, die den Lohn des ganzen Unterfangens oft genug mehr als verkehrt.
    Zur Auseinandersetzung mit dem kaum überbietbar bedeutsamen Fragenkreis im Feld von (bewußtem) „Selbst“ und tatsächlichem Um-Selbst [Erstnennung] würde ich dementgegen die Schlagworte C. v. Ehrenfels, Gestaltpsychologie (Leipziger eher denn Berliner Schule) sowie „Emergenz“ (FULGURATION) vorschlagen.
    Weiterentwicklungen würde ich gern zur Kenntnis erhalten! Danke.

  2. Andreas Ehlers

    am 3. Juli 2009 um 14:03 Uhr | Link | Kommentar melden

    Nachsatz:
    Man fragt sich überhaupt, warum der ganze Arm der vor dem letzten Großen Krieg so verheißungsvollen GESTALTPSYCHOLOGIE „heute“ gar nicht mehr gepflegt wird.
    Zieht sich etwa die Wissenschaft von den WIRKLICH menschentumswichtigen Fragestellungen zurück, etwa gar in nur mehr (!) eigenbemittelte, oder „wehrentscheidende“ … oder geheimdienstliche Forschungsanstalten?
    Das vollständige und weltweit ausnahmslose Fehlen der der „Gestaltpsychologie“ entsprechenden „Saiten“ im Angestimm des öffentlich entlöhnten Wissenschaftsbetriebs wirft ein fragwürdiges Licht auf denselben.

  3. karl

    am 7. Juli 2009 um 13:53 Uhr | Link | Kommentar melden

    andrea ehlers: was soll uns das denn sagen?

  4. Rolf Ehlers

    am 9. Juli 2009 um 13:24 Uhr | Link | Kommentar melden

    @Andreas Ehlers: Das adaptive Unbewusste, das man treffend auch Um-Selbst nennen kann, schleppt tatächlich Elemente aus früheren tief im Inneren vergrabenen Anschauungen in die Einsteidung über das Handeln des Menschen hinein. Aber auch die aktuellen Wahrnehmungen werden von diesem Teil unseres Selbst nicht rational-logisch und reichlich unkritisch aufgenommen, bewertet und in die Waagschale geworfen.

    Ich stimme übrigens zu, dass die von Forschern bis in die Mitte des letzten Jahrhuderts ermittelten Gestaltgesetze für die Arbeitsweise unseres Gehirns bei der Wahrnehmung von größter Bedeutung sind. Man kann sich in der Tat nur wundern, dass diesem Sektor der Wissenschaft seit langer Zeit praktisch nicht mehr nachgegangen wird.

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