Erinnerungen an die blutigen Kämpfe in Tibet vor ca. eineinhalb Jahren werden wach. Andere ziehen gar Vergleiche zum vor 20 Jahren stattgefundenen Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Auch zwei Tage nach Beginn der Unruhen ist es am Dienstag wieder zu Zwischenfällen in der im Nordwesten Chinas gelegenen Provinz Xinjiang gekommen. Twitter, noch Hauptkommunikationsmedium bei den kürzlichen Revolten in Iran, kommt in China jedoch bislang kaum zum Einsatz.
BBC berichtet, dass etwa 200 Menschen – “vor allem ältere Frauen oder Frauen mit Kindern” – auf die Straßen der Provinzhauptstadt Urumqi gingen, um gegen die willkürliche Verhaftung ihrer Angehörigen zu protestieren. Insgesamt 1434 Verdächtige wurden im Zusammenhang mit den Unruhen am Sonntag Abend in Gewahrsam genommen, ist etwa auf dem chinesischen Blog sinolinx zu lesen. Dieses zitiert auch Li Yi, Sprecher der Öffentlichkeitsabteilung der Kommunistischen Partei Chinas, der bekannt gibt, dass die Polizei mittlerweile mit der Verhörung der Verdächtigen begonnen habe. Wie es bei BBC weiter heißt, sei es zu den Zwischenfällen während einer Führung ausländischer Journalisten durch das teilweise während der Unruhen in Mitleidenschaft gezogene Viertel Urumquis – Häuser und Geschäfte wurden beschädigt – gekommen. Die Polizei setzt Tränengas ein, schreiben RTE News um kurz nach 10.00 Uhr am heutigen Dienstag über den Microbloggingdienst Twitter. Wenige Minuten später heißt es dann plötzlich: “Ein Mann wurde heute in den frühen Morgenstunden tot in einer Gasse in Newry aufgefunden.”
Warum gibt es keine Tweets?
Derweil scheint die “Great Firewall” in China perfekt zu funktionieren. Suchbegriffe, die auf die blutigen Unruhen verweisen könnten, sind in China blockiert. Das staatliche Fernsehen gibt einzelnen wenigen Unruhestiftern die Schuld. YouTube und Twitter sind bis auf weiteres blockiert, ein Twitter-User fragt deshalb auch verwundert: “Bin überrascht, dass das Thema Iran bei Twitter so heiß war und jetzt: In China gibt es 156 Tote!!! Aber keine Tweets?” (s.o.) Und auch User robbarbour ist irritiert: “In welche Farbe tauschen wir unsere Twitterbilder, um den Uiguren in China unsere Unterstützung zu zollen? Oh, das tun wir ja gar nicht!” (s.u.), fasst er die Geschehnisse im Internet zusammen. Die Welle der weltweit überschwänglich geäußerten Solidaritätsbekundungen, wie sie für die Menschen in Iran charakteristisch war, hat offenbar noch nicht begonnen.

Was für Twitter gilt, ist auch auf Fotoportalen zu beobachten. Bilder unter creative-commons-Lizenz sind etwa auf Flickr bis dato schwer bis gar nicht zu finden.
Bilder bahnen sich ihren Weg – trotz Internetsperre
Eine mögliche Erklärung für die Zurückhaltung liefert indes chinainblog. Hier heißt es: “Die Regierung gab an, dass das Internet in Xinjiang gesperrt sei, um eine Ausbreitung der Unruhen zu verhindern…” Das bestätigt auch China News, die von einer möglichen Twitter- und Youtubesperre am späten gestrigen Nachmittag berichten. Doch wie in der Vergangenheit in Myanmar, war es den Menschen auch diesmal möglich, sich mitzuteilen. Trotz der Internetsperre gelangten einige Aufnahmen, die zum Teil heimlich von den Dächern der umliegenden Häuser gedreht wurden, ins Internet. Wie etwa nachfolgende, die am vergangenen Sonntag entstanden sind:
Die Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften, bewaffneten Han-Chinesen und Uiguren haben bereits 156 Todesopfer, vor allem auf Seiten der muslimischen Minderheit gefordert. Schreckliche Szenen hatten sich bereits am Sonntag abspielt. Polizisten hatten wahllos in die Menge geschossen (so sind auf einem der Videos Schüsse zu hören):
Als Auslöser der Unruhen gelten die bereits am 25. Juni stattgefundenen Auseinandersetzungen in einer Spielzeugfabrik in Süd-China (Provinz Guangdong/ Shaoguan) zwischen Han-Chinesen und Uiguren, bei dem zwei Uiguren von einer aufgebrachten Menge erschlagen worden waren. Nun seien die Menschen “auf die Straße gegangen, um eine Aufklärung dieses Falls zu fordern”, berichtet etwa die “Süddeutsche Zeitung”. Ein YouTube-Clip, der seit diesen Tagen im Netz kursiert, hatte die Gewaltexzesse dokumentiert und mit der Schuldfrage die Diskussionen angeheizt:
Während westliche Medien sich überwiegend auf die Seite der Minderheit der Uiguren stellen, findet sich auch scheinbares Propaganda-Material. So heißt es im Bei-Kommentar des Clips: “Die Regierungserklärung beschreibt lediglich den Tod von zwei Uiguren, aber bestreitet das Vergewaltigungsverbrechen und den Tod von Han-Arbeitnehmerinnen. Dieses verzerrte Ergebnis ist untolerierbar für die chinesische Bevölkerung.”
Text: Felix Kubach/ Nicole Oppelt
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