Kurzstudie: Online-Wahlkampf kommt noch nicht in Fahrt

“Youtube im Wahlkampf vorn” titelte unser Autor Patrick Brauckmann vor fast genau einem Monat. Er bezog sich dabei auf die Untersuchungen des Dienstes “videocounter”, der die Aktivitäten im Superwahljahr unter die Lupe genommen hat. Das Video-Portal “punktet auch in Deutschland in diesem Jahr extrem stark”, so seine Zusammenfassung der Ergebnisse.

angie1.jpgYoutube im Wahlkampf vorn” titelte unser Autor Patrick Brauckmann vor fast genau einem Monat. Er bezog sich dabei auf die Untersuchungen des Dienstes “videocounter”, der die Aktivitäten im Superwahljahr unter die Lupe genommen hat. Das Video-Portal “punktet auch in Deutschland in diesem Jahr extrem stark”, so seine Zusammenfassung der Ergebnisse. Dass das alleine jedoch nicht ausreichend scheint, stellt heute die Berliner Online-Agentur “newthinking communications” in ihrer 5. Kurzstudie fest.

Von Parteien im Netz bis hin zu Social Networks

Das Team rund um Markus Beckedahl interessierte sich in seinem quartalsmäßigem Überblick für so grundlegende Fragen wie “Welche Rolle spielt das Internet im Wahlkampf?” oder “Welche Plattformen werden genutzt – und durch wen?” Ihr Fokus lag dabei auf der Präsenz der “Parteien, Jugendorganisationen sowie Spitzenpolitikern der Parteien und Jugendorganisationen in den in Deutschland relevantesten Social Networks (StudiVZ, MySpace, Facebook) sowie auf YouTube und Twitter.” Das insgesamt 17 Seiten umfassende Papier bringt es am Ende jedoch mit folgenden ernüchternden Worten auf den Punkt: “Der Online-Wahlkampf kommt noch nicht in Fahrt”. 83 Tage vor der Wahl des 17. Deutschen Bundestags ist es noch nicht wirklich zu einer “Obamafizierung” gekommen.

Ein “Wahlkampffieber”, wie es nach den kürzlich stattgefundenen Europawahlen vielleicht zu erwarten gewesen wäre, konnte nicht festgestellt werden. “Die Daten bieten Hinweise darauf, dass die Parteien entweder unterschiedliche Strategien zur Erreichung ihrer Wähler im Web 2.0 gewählt haben, oder dass sich schlicht ihre User an unterschiedlichen Orten im Netz aufhalten”, stellt Beckedahl fest. So seien zum Beispiel bei Facebook überproportional starke Grüne- und SPD-Gruppen zu finden, bei StudiVZ seien dagegen besonders die FDP und die Union hervorzuheben. Die Linkspartei hingegen scheine in der Web 2.0-Nutzerschaft weiterhin nicht soviel Interesse hervorzurufen, wie dies die anderen Parteien für sich reklamieren können. Einzig die Grünen hätten zumindest innerhalb des Microblogging-Dienstes Twitter ordentlich zulegen können.

Angela Merkel spielt Kanzlerinnen-Bonus aus

Das Ergebnis von “videocounter” hat sich indes auch in dieser Untersuchung bestätigt. “Insgesamt ist bei den Videoplattformen ein deutliches Wachstum der Zugriffe zu verzeichnen”, berichtet Beckedahl weiter. Gleiches gelte zudem für die Social Networking Plattform StudiVZ. Hier habe sich die Etablierung eines neuen Features bemerkbar gemacht. Die so genannten “Edelprofile” kommen an. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint die Nase mit 50.137 Anhängern nicht nur hier ganz weit vorne zu haben. Sie “spielt ihren Kanzlerinnen-Bonus auf allen Plattformen aus und lässt Frank-Walter Steinmeier immer weit hinter sich.”

Insgesamt ist allerdings Nachholbedarf für alle Parteien angesagt. Sie müssen “ihre Aktivitäten wenn überhaupt in naher Zukunft entfalten”, so das Fazit von Markus Beckedahl, Falk Lüke und Julian Zimmermann. Doch ob dies mit Hinblick auf die neue “Zensurgesetzgebung” erfolgsversprechend ist, wird sich zeigen. Denn die “realpolitische Komponente könnte dem strategisch erwünschten zarten Pflänzlein Onlinewahlkampf in Deutschland das Wasser abgegraben haben, bevor es wirklich sprießen konnte.”

Hier gibt es die gesamte Studie als pdf-Datei.

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  1. In Kürze: die zentral gesteuerten Kampagnen in Deutschland lassen keinen Web 2.0 – Wahlkampf zu wie in Frankreich oder den USA. Dort werden Kampagnen auch zentral gesteuert, doch die Akteure haben verstanden, dass Wahlkampf in sozialen Netzwerken weniger Präsentation und viel mehr Moderation ist. Sinnbildlich für diesen Unterschied steht das Auftreten Obamas und Steinmeiers auf einer kreisförmigen Bühne – der eine moderiert, der andere könnte genauso gut auf einem Podium stehen. Schade! Verpasste Chancen.