Wie die Tageszeitung DIE WELT vermeldet, erreichte der Krankenstand deutscher Arbeitnehmer nach neuesten Statistiken des Bundesgesundheitsministerium im ersten Halbjahr 2009 den tiefsten Stand seit Einführung der Statistik vor knapp 40 Jahren. Die heutigen Arbeitsverhältnisse scheinen faszinierenderweise gesundheitsförderlich zu sein – trotz (oder gerade wegen?) Niedriglöhnen, Überstunden und beständiger Angst vor Arbeitsplatzverlust.
Niedergang des Krankfeierns: ein wehmütiger Rückblick
Die trotz Krise bisher in Beschäftigung verbliebenen Arbeitnehmer hätten im ersten Halbjahr 2009 im Durchschnitt lediglich 3,24 Prozent der Sollarbeitszeit gefehlt, berichtete DIE WELT unter Berufung auf neueste Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums. 3,42 Prozent! 3,5 Arbeitstage im Jahr! Mit einem Ziehen im Bauch erinnert man sich wie es früher einmal war, an beliebigen Brückentagen, Freitagvormittagen oder gar am Montagmorgen allgemeinärztliche Praxen aufzusuchen: Stundenlang ohne Sitzplatz, von verkaterten, schuldbewussten Gestalten in viel zu kleinen, stickigen Wartezimmern umzingelt. Im Gang stehend musste man sich aus dem medizinischen Wörterbuch plausible Symptome zusammenklauben – die sich von den sonst in vielfältiger Weise vorgetragenen diffusen Bauchschmerzen auch noch möglichst originell unterscheiden sollten. Und endlich im Sprechzimmer brachte man dann aufgrund der langen Wartezeit so viel durcheinander, dass der gestresste Mediziner meist nur noch genervt fragte: „Wie lange?“. Heute sind die Wartezimmer dagegen langweilig und leer, nur mürrische Echt-Kranke mit schmerzverzerrten Gesichtern und vereinzelt Trauben einsamer Rentner auf der Suche nach einem Gespräch. Verblasst zum vagen Fragment: die allgemein verschwörerische Atmosphäre, das kaum merkliche Kopfnicken, die sich gegenseitig abtastenden Blicke. Die freudig-überraschte Begrüßung durch Kollegen („Du auch…?!“). Das „Wir-Blaumacher-Gefühl“.
Arbeitnehmer von heute: zupackend, still und dankbar
Werden deutsche Arbeitnehmer denn tatsächlich immer gesünder? Sollten die Vitaminzusätze in den Lebensmittel-Imitaten doch wirken? Gesundheit, einst von der WHO definiert als „Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ – ein flächendeckender Zustand in unserem Land? Oder verursacht die Wirtschaftskrise ein anderes, ein eher zupackendes, ja, ein amerikanisches Wir-Gefühl, in welchem Drückebergerei und das Auskurieren kleinerer Erkrankungen jenseits von Krebs und Herzinfarkt keinen Platz mehr finden?! Bereits jeder Fünfte Beschäftigte erhält nur noch einen Stundenlohn von 9,62 Euro in Westdeutschland bzw. von 7,18 Euro in Ostdeutschland, fast ein Viertel der Beschäftigten, die weniger als fünf Euro pro Stunde verdienen, sind in Vollzeit tätig. Vielleicht erscheint es den so Entlohnten zu frech, geradezu undankbar, den darbenden Arbeitgeber (der nur noch so wenig Lohn zahlen kann, dass es für den Arbeitnehmer zum Leben nicht mehr reicht) nun nur wegen einer kleinen Bauchfellentzündung oder einer harmlosen Salmonellose auch noch im Stich zu lassen. Die tapferen, stillen Arbeitnehmer von heute: Da wird nicht geklagt, da wird geklotzt.
Angst vor Jobverlust? Pah! Survival of the Fittest
Weit fragwürdigere Erklärungen behaupten dagegen, die allgegenwärtige Angst vor Jobverlust provoziere Arbeitnehmer, weit über die eigenen Grenzen hinauszugehen und schon warnen „Experten“ (vermutlich allesamt sich im Stich gelassenen fühlende Allgemeinärzte): Infekte könnten verschleppt, potentiell tödliche Erkrankungen nicht rechtzeitig behandelt werden. Diese Argumentation jedoch verkennt völlig die Verhältnisse: Denn wer schwächelnd und nicht belastbar ist, hat doch schon bei der vor-vor-vorletzten Massenkündigung den blauen Umschlag bekommen. Die Zahl der geleisteten Überstunden steigt ja auch seit Jahren an, was schlüssig beweist: die (verbliebenen) Arbeitnehmer sind belastbarer denn je. Neben der guten, altdeutschen Arbeitsmoral hat sich also auch ein anderes, in Deutschland traditionsreiches Konzept um ein Neues hier bewährt: Das Überleben derjenigen, die am besten angepasst sind.
Bildquelle: pixelio (mad max)
Doping am Arbeitsplatz
Zwei Millionen Menschen in Deutschland haben ihrer Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz bereits einmal mit Psychopharmaka nachgeholfen. Knapp die Hälfte davon nimmt stimmungsaufhellende oder leistungssteigernde Medikamente gezielt und regelmäßig als Doping, wie aus einer von der Krankenkasse DAK am Donnerstag veröffentlichten Studie hervorgeht. Damit einher geht der überproportionale Anstieg psychischer Krankheiten in den vergangenen zehn Jahren. Ihr Anteil am Krankenstand stieg von 6,6 auf 10,6 Prozent. “Insbesondere chronischer Stress in der modernen Arbeitswelt ist ein ernsthafter Risikofaktor für seelische Krankheiten”, sagte DAK-Chef Herbert Rebscher. Der Krankenstand im Jahr 2008 blieb insgesamt auf einem niedrigen Niveau. Er stieg von 3,2 im Vorjahr geringfügig auf 3,3 Prozent. Ein DAK-Versicherter fehlte im Schnitt 11,9 Tage 2008; im Jahr davor waren es 11,5 Tage. Fünf Prozent der Beschäftigten haben als Gesunde schon einmal mit leistungsstärkenden Mitteln nachgeholfen. Von diesen zwei Millionen “dopen” 800.000 Menschen laut DAK regelmäßig, um am Arbeitsplatz leistungsfähig zu sein. Vier von zehn nehmen die Medikamente täglich bis mehrmals wöchentlich ein. Dabei neigen Männer eher zu aufputschenden und konzentrationsfördernden Präparaten, Frauen bevorzugen beruhigende Mittel gegen depressive Verstimmung oder Ängste. “Männer frisieren ihr Leistungspotenzial – Frauen polieren ihre Stimmungen auf”, sagte Rebscher.
Quelle: Frankfurter Rundschau
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/1674458_Doping-am-Arbeitsplatz.html
Dazu auch:
Der Pillenkick – Doping am Arbeitsplatz
Aufputschmittel, Beruhigungspillen, Psychopharmaka – fünf Prozent der Beschäftigten in Deutschland bekämpfen ihren Arbeitstress mit Pillen, funktionieren nur noch gedopt. Das sind rund zwei Millionen Menschen. Seelische Erkrankungen nehmen zu, die Ursachen: Hohe Arbeitsbelastung, starke Konkurrenz, unsicherer Arbeitplatz. Die Pille, die dagegen hilft, muss erst noch gedreht werden.
Quelle: hr-Hörfunk (mp3, ca. 53 min,
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Quelle: hr-Hörfunk (mp3, ca. 53 min, ca. 18,8 MB)