Unternehmertum und Zukunftsverantwortung

- Auch das ist Social Entrepreneurship. (Screenshot via YouTube)
Der leicht sperrige Begriff Social Entrepreneurship, übersetzt: Soziales Unternehmertum, bezeichnet eine Geschäftsführung ohne jeden Profit-Gedanken und will den radikalen Wandel. In dieser Woche treffen sich Social-Entrepreneurship-Pioniere und neue Akteure auf einer Veranstaltung in Berlin.
Wie ist ein Social Entrepreneur, also jemand der eine Soziale Unternehmung leitet, beschaffen? Wie Bill Drayton, Gründer und Vorsitzender von Ashoka, der ”ersten und größten internationalen Non-Profit-Organisation zur Förderung von Social Entrepreneurs” (lt. Wikipedia) in einem Informations-Video definiert, ist ein Social Entrepreneur jemand, der…
“eine innovative Möglichkeit zur Lösung eines Problems (sieht) und sie auf lokaler Ebene einführt. Das bringt den Status Quo zum Wanken und zerstört die Auffassung, dass Dinge sich nicht ändern können. Wie wenn man den Boden umpflügt.”
Ashoka unterstützt weltweit sogenannte Fellows (Stipendiaten) finanziell, beratend und in der Einbindung in Netzwerke. Ein Beispiel der von Ashoka geförderten Projekte ist etwa jenes des Schweizers Markus Gander, Ashoka Fellow 2009, der in der Schweiz mit seinem Projekt Infoklick.ch Jugendliche unterstützt.
Andere Social Entrepreneurs wie Volker Baisch etwa gründen eine Initiative zur Stärkung der Väterrolle in unserer Gesellschaft (vaeter.de/ YouTube) führen wie Christiane Daepp “Ideenbüros” an 34 Schulen in der Schweiz ein, weil sie festgestellt hat, “dass Kinder zwar hervorragende Problemlöser sind, aber nicht als solche eingesetzt werden” (YouTube) oder helfen wie Judy Korn, Gründerin der Organisation Violence Prevention Network e.V., bei der Resozialisierung rassistisch motivierter Straftäter und erreichen anhand einer neuen Methode eine Schrumpfung der Rückfallqoute auf unter zehn Prozent (YouTube).
Social Entrepreneurs wollen den radikalen Wandel in der Gesellschaft. Nachhaltigkeit und Zukunftsverantwortung sind für sie entscheidende Schlüsselbegriffe. Nicht alle Projekte gelingen sofort, manche scheitern. Und dennoch gilt wohl: Was zählt, ist wohl vor allem der Wille, etwas zu bewegen, andere zu überzeugen und womöglich mit diesem “Virus” des Grundgedankens uneigennützigen Handelns zu infizieren. Und: Wie man anhand der Beispiele gut sehen kann: Radikaler Wandel fängt oft im Kleinen an.
Treffen von Social Entrepreneurs in Berlin
Am Donnerstag und Freitag dieser Woche (16./17. Juli) findet im HUB Berlin ein Treffen derjenigen Menschen statt, die sich der Idee des Sozialen Unternehmertums verschrieben haben. Unter dem Titel “Social Entrepreneurship: Status Quo 2009 (Selbst)Bild, Wirkung und Zukunftsverantwortung” steht die Veranstaltung ganz im Zeichen des Austauschs zwischen Forschung und Praxis, zwischen anerkannten Pionieren und neuen Akteuren. Organisator ist die Social Entrepreneurship-Forschungsgruppe GETIDOS in Zusammenarbeit mit der self eG (Social Entrepreneurship & Leadership Foundation). Anm.: Aufgrund des hohen Andrangs ist das Treffen leider bereits ausgebucht. Readers Edition wird vor Ort sein und für Sie berichten.











Jan van Winried
Klingt spannend - allerdings stört mich persönlich der globale Ansatz und daraus resultierend die starke Fragmentierung der sozialen Unternehmen. Geht es um die Interessen von Deutschland, werde ich gerne dabei sein.
Rolf Ehlers
Bestimmt eine sehr gute Sache. Problematisch ist dabei gewiss die Abgrenzung zu
sozial wertvollen Projekten, die anders als - auch - kommerziell einfach nicht zu machen sind.
Wir leiden ja weltweit unter den Folgen übelster Geschätemacher, die
rücksichtslos jeden sozialen Aspekt ihres Tuns ausgeklammert haben. Lange waren
reine Geschäftemacher im Westen hoch angesehen, während ihnen in den neuen Bundesländern immer nur Skepsis gezeigt wurde. Heute muss jeder Unternehmer im Osten wie im Westen mit diesen Vorurteilen leben, selbst wenn seine Arbeit nur notgedrungen eine kommerzielle Basis braucht und die soziale Tragweite seines Tuns sehr groß ist.
Bei den Idealisten zählt schon der Weg, bei allen anderen nur der Erfolg. Komische Welt.
Joss
@ Rolf Ehlers:
ein sehr wesentlicher Aspekt der leider noch nicht ganz durchgekommen ist, ist
dass so allerhand Erfolg der letzten Jahre darin bestand irrsinnig hohe Verluste
einzufahren und damit zu einem Kollektivproblem geworden zu sein.
Das mag jetzt wie Haarspalterei klingen. Aber an diesem fragwürdigen Erfolg
werden jetzt alle beteiligt, u.a. mittels langfristiger Staatsverpfichtung, dh. Steuern
die natürlich dann kleiner portioniert werden und zur Zahlung in den feinen Nuancen
des Steuerwesens dann eingezahlt werden müssen.
Deswegen ist das m. E. ein Problem der Linken, diese machen es mit der
Undifferenziertheit bzgl. Profit v. Verlust jenen Verrückten Erfolgsmenschen und wem immer damit viel zu leicht die verluste einfach weiterzugeben.
Raif
Die Geschichte ist alt und auch wieder abhängig von der politischen Landschaft. Social Entrepreneurs kommen ohne PR-Arbeit nicht aus. Und PR-Arbeit ist teuer! Nur die jenigen die es sich leisten können werden Social Entrepreneurs Deutschlands.
Wirs sind Social Entrepreneurs… Aber keine merkt es :-)
Markus Dietrich
Sozialunternehmertum ohne Profit-Gedanken? Das Gegenteil ist der Fall. Es geht beim Sozialunternehmertum darum, soziale Probleme mit den Mitteln der Marktwirtschaft, inklusive Profit, zu lösen. Kurz: Changemaker + Moneymaker. Mehr und mehr Menschen begreifen, dass Entwicklungshilfe und Wohlfahrtsunternehmen die sozialen Probleme, z.B. Armut, nicht gelöst, sie in vielen Fällen sogar verstärkt haben. Nachhaltigkeit und eine kritische Grösse können nur erreicht werden, wenn die Programme sich selber finanzieren, d.h. profitabel sind. Was mit dem Profit geschieht, ist eine andere Frage: Grameen-Danone z.B. werden sie in die Firma investieren und nicht an die Aktionäre ausschütten, aber es gibt auch andere Modelle.
Rolf Ehlers
@Joss: einverstanden, ich dachte aber am Ende weniger an die Geschäftemacher wie die meisten, die den Erfolg um des Erfolges willen anstreben, sondern an die, die ihre Geschäfte nur unter Einbeziehung des Wohls der Allgemeinheit (und ihrer Mitarbeiter) betreiben. Sicher sind das nicht die meisten. Aber ihnen schlägt die Ablhenung jeglichen Kommerzes ebenso entgegegen.
Wir brauchen eine Politik, die ohne die Wirtschaft zu dominieren, ihr im Interesse der Allgemeinheit sinnvolle Vorgaben macht. Weg vom dümmlichen en Merkelschen Spruch: “Die Wirtschaft muss frei sein.” Sozialer Edelmut von ein paar Entrepreneurs, die es sich erlauben können, jegliches wirtschftliche Interesse aus ihrem Tun heraus zu halten, ist nicht mehr als ein wenig Caritas auf wirtschaftlichem Sektor.
Im großen Stil brauchen wir eine neue Versöhnung von Kapital, Arbeit, Wirtschaft und Politik. Unter dem politischen Primat des Wohls der Allgemeinheit wäre das schon zu finden, wenn man nur wollte.
Das wäre dann das Ende des Lobbyismus, der größten Geißel aller “modernen” r repräsentativen Demokratien. Der Lobbyismus korrumpiert die Parlamtarier und Politiker und beherrscht die Medien - alles gegen das Volk. Der Lobbyismus wird auch immer wieder Kräfte gebieren, die mit dem Abholen von wirtschaftlichen Vorteilen nicht genug haben, vielmehr im Hintergrund die wahre politische Macht ausüben wollen. Flick und von Brauchitsch sind einmal aufgefallen, ihre modernen Nachfolger halten sich verdeckt - obwohl man nur zwei und zwei zusammenzählen muss um sie zu finden.
Der Reeder Kremer und der Drogist Werner sind Beispiele dafür, dass die Wirtschaft auch Kräfte hat, die ihr Handelne gern am Wohl der Allgmeinheit ausrichten. Solche Bestrebungen zu fördern bringt mehr als auf betuchte oder
begünstige Unternehmer zu hoffen, die sich den Luxus erlauben können, ohne
Vergütung sinnvoll zu arbeiten.
@Raif: Klar sind wir. die wir in der RE schreiben und kommentieren, (auch) solche
besonderen Entrepreneurs. Man könnte ja mal psychologisch ergründen, was einen Menschen treibt, die Öffentlichkeit zu informieren und zu belehren.
Felix Kubach
@Markus Dietrich
Danke für Ihre Korrektur, Sie haben natürlich Recht. Richtiger müsste es heißen: Profit wird nur insoweit erwirtschaftet, als er der Finanzierung sozialer Unternehmungen zugute kommt.
Mit freundlichen Grüßen
Readers Edition » “Jeder soll ein “Changemaker” werden” - Interview mit Dr. Rafael Ziegler, GETIDOS
[…] Dr. Rafael Ziegler, Projektleiter der Nachwuchsgruppe Sozialökologische Forschung GETIDOS an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald und Mitveranstalter des in dieser Woche stattfindenden Treffens von Social Entrepreneurs in Berlin, über den Mut, sich nicht nur seines eigenen Verstandes zu bedienen - sondern auch seiner Hände, und seines Herzens. […]
Readers Edition » Die Unternehmer von morgen denken sozial
[…] Zum ersten Mal fand am 16./17. Juli die Konferenz “Social Entrepreneurship: Status Quo 2009 (Selbst)Bild, Wirkung und Zukunftsverantwortung” statt (RE berichtete 1/ 2/ 3) Wesentliches Ziel der Konferenz war der Austausch zwischen den verschiedenen Social Entrepreneurship-Akteuren und die Beantwortung drängender Fragen, wobei insbesondere die Heterogenität der Teilnehmer kreative Lösungsansätze versprach. […]