“Jeder soll ein “Changemaker” werden” - Interview mit Dr. Rafael Ziegler, GETIDOS
Dr. Rafael Ziegler, Projektleiter der Nachwuchsgruppe Sozialökologische Forschung GETIDOS an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald und Mitveranstalter des in dieser Woche stattfindenden Treffens von Social Entrepreneurs in Berlin, über den Mut, sich nicht nur seines eigenen Verstandes zu bedienen - sondern auch seiner Hände, und seines Herzens.
Was bewegt Sie persönlich dazu, für Soziales Unternehmertum zu werben und wie kann die Idee Ihrer Meinung nach für weitere Unternehmer attraktiv gemacht werden?
Ziegler: Wir wollen nicht so sehr “werben” - schau Dir diesen Social Entrepreneur an! - sondern zum Austausch und zur Zusammenarbeit von Social Entrepreneurs und Universitäten und Fachhochschulen einladen. Meine persönliche Motivation hierfür sind sehr positive Erfahrungen und daraus resultierendes Vertrauen in einige Social Entrepreneurs. Wir leben in einer Welt, in der Strukturmängel ständig beklagt werden - wenn es nicht nur bei der Klage bleiben, sondern gesellschaftlicher Wandel angestrebt werden soll, dann brauchen wir Handlungen, mutige und kluge Handlungen, “idealistisch Realisten” wie eben Social Entrepreneurs.
RE: Social Entrepreneurship strebt einen radikalen gesellschaftlichen Wandel an. Wie sieht dieser angestrebte Wandel im Konkreten aus?
Ziegler: Ashoka Gründer Bill Drayton hat die Maxime ausgegeben: Everyone a changemaker. Eine wichtige Dimension davon ist, Kant variierend: Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen - und Deiner Hände, und Deines Herzens. Ich interpretiere mit Kant, um den öffentlichen Gebrauch von Verstand, Hand und Herz zu unterstreichen. Meiner Erfahrung nach sind Social Entrepreneurs weder “Pro-Wirtschaft”, “Anti-Staat” etc., sondern Pragmatiker mit einem ausgeprägten Sinn für das Gemeinwesen und für Gerechtigkeit. Der angestrebte Wandel richtet sich daher zum Beispiel auf die Einbeziehung von Menschen, die aus verschiedensten Gründen in ihrer Gesellschaft ausgeschlossen sind (vom Arbeitsmarkt, vom Zugang zu Kredit etc.) bzw. immer wieder ausgeschlossen werden (wie buchstäblich der Fall in der Zielgruppe, rechtsradikale Jugendliche, des Berliner Violence Prevention Network). Gerade weil Social Entrepreneurship derzeit “in” ist, wird Social Entrepreneurship allerdings von etablierten Gruppen vereinnahmt, die dieses Hybrid in ihrem Sinne besetzen möchten.
RE: Welche besonderen Charaktereigenschaften würden Sie einem Social Entrepreneur zuschreiben, was unterscheidet ihn, was zeichnet ihn aus?
Ziegler: Soweit ich die Literatur kenne, sind alle Versuche einen “Charakter” von Social Entrepreneurs zu bestimmen, gescheitert. Wenn jeder ein “Changemaker” werden soll, ist es vielleicht auch ein beruhigendes Ergebnis, dass das nicht einen bestimmten Charakter erfordert . . .
Der Profit-Gedanke ist bei SE zweitrangig. Wie werden die Projekte in der Regel finanziert?
Ziegler: Sehr häufig sind Mischfinanzierungen, d.h. Einnahmen durch eigene Produkte und Serviceleistungen plus Unterstützung durch Stiftungen und den Staat. Ein Beispiel dafür sind die “EcoWise”, zu denen bei der Tagung eine empirisch fundierte Studie vorgestellt wird. Selbst die berühmte Grameen Bank, das immer wieder zitierte Beispiel für Social Entrepreneurship, war jahrelang von internationalen Unterstützungszahlungen abhängig. Umgekehrt gibt es wohl auch Beispiele wie das Berliner Violence Prevention Network, für das ein “profitabler Social Business” vielleicht gar nicht das letzte Ziel sein muss, sondern eine Gesetzesänderung, mit der das durch die Gesetzeslage strukturell bedingte Vertrauensproblem zwischen staatlichen Betreuern und jugendlichen Straftätern in deutschen Jugendgefängnissen aufgehoben werden könnte.
Was ist das Hauptziel der von GETIDOS organisierten Veranstaltung zu Social Entrepreneurship in dieser Woche (16./17.7.) im HUB Berlin?
Ziegler: Wir wollen die Wechselwirkung zwischen Social Enterpreneurs und der an vielen deutschen Unis beginnenden Forschung zu Social Entrepreneurship sowie das Angebot an Kursen zu Social Entrepreneurship fördern. Die Anmeldungen für unsere Tagung und meine eigenen Erfahrungen als Dozent zeigen mir: Sehr viele StudentInnen möchten Social Entrepreneurship, ob nun eher theoretisch oder eher praktisch orientiert, als Thema an der Uni haben. Daher folgt dem ersten Tag mit Vorträgen ein zweiter Tag mit einem Open Space, der genau für diese Wechselwirkung Raum für die Diskussion von Ideen und Vorhaben bieten soll. Würden sich unsere TeilnehmerInnen am Samstag nach der Tagung als “Changemaker” mit anderen “Changemakern” (gestärkt) fühlen, so wäre damit unser erstes Ziel erreicht, und bestehende und neue Initiativen zu Impact, Bildung etc. von Social Entrepreneurship gefördert.
Dr. Rafael Ziegler ist seit Mai 2008, Leiter Vorphase der SÖF-Nachwuchsgruppe GETIDOS, Uni-Greifswald/IÖW Berlin (->Vita)
Weitere Informationen auf:
www.getidos.net sowie u.a. auf www.idw-online.de
Mehr zum Thema auf RE:
Unternehmertum und Zukunftsverantwortung
(Interview: Felix Kubach)











Jan van Winried
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