Wagen wir ein Experiment. Wir frieren die Gegenwart ein. Den Bruchteil eines Augenblicks konserviert als ein dreidimensionales Abbild der Welt in diesem Moment. Starr und ohne jede Bewegung, ohne Geräusche, Musik, Sprache und elektronischen Datenfluss. Was verriete ein solches Abbild in 500 Jahren einem Betrachter, der sich mit unserer Gegenwart historisch auseinandersetzen möchte? Was würde seine Beachtung finden?
Vermutlich würde er Schriftfragmente von aufgeschlagenen Zeitungen und Büchern, Computerbildschirmen, Werbeplakaten usw. sammeln und auswerten. Derartige Daten würden sicherlich sehr detailreich Aufschluss darüber geben, was die Menschen unserer Gegenwart in jenem kurzen Moment bewegte. Ein Querschnitt unserer gegenwärtigen Informationslage.
Spannender dürfte für den Forscher jedoch sein, was diese Daten nicht oder nur ansatzweise abzubilden vermögen; einen Längsschnitt durch unsere Zeit. Informationen über unser gegenwärtiges Leben jenseits dieses einen eingefrorenen Moments. Wenn man so will jene Zusammenhänge, welche dem eingefrorenen Moment vorangegangen sind und ihn bedingen.
Tatsächlich enthält jener eingefrorene Moment die nötigen Informationen, um eben einen solchen Längsschnitt zu ermöglichen. Der Schlüssel zu diesen Informationen sind die Gebäude, die uns heute umgeben. Sie bilden in ihrer Gesamtheit historische Prozesse und gesellschaftliche Entwicklungen ab, sind so etwas wie die Fahrtenschreiber unserer Gesellschaft. In unserem Bauen und in der Weise, wie wir den Raum beleben (‚Wohnen’) spiegelt sich, wie wir die Wirklichkeit verstehen und was wir für sinnvoll erachten (‚Denken’). Die Art wie was an welcher Stelle zu welchem Zweck gebaut wird, lässt Rückschlüsse auf Weltsicht, Kultur und gesellschaftliches Zusammenleben jener Menschen zu, welche für die jeweilige Architektur verantwortlich zeichnen. Auch wir nutzen heute die Architektur der Vergangenheit, um Aufschluss darüber zu erlangen, wie unsere Vorfahren lebten und was sie bewegte. Ähnlich wie in der Literatur lassen sich die Erkenntnisse zu mehr oder weniger eindeutig abgrenzbaren Epochen zusammenfügen.
Was wären wohl die auffälligen Merkmale unserer Gegenwart? Was sagt die gegenwärtige Architektur über uns und unser Leben aus? Zu welchem Ergebnis käme der Forscher, wenn er sich mit uns und unserer Zeit beschäftigt?
Weltweit betrachtet würden sicherlich die “Wolkenkratzer” in den “Metropolen” der Gegenwart von Interesse sein. Sie zeigen an, wie sich Wohlstand und damit auch Macht verteilen und auch, wie diese Entwicklung verlief. Sie zeigen auch, dass die höchsten und auffälligsten unter ihnen nicht zum Wohnen, sondern zum Arbeiten erbaut wurden, dass ein enormes Know-how und große Energieressourcen für ihren Bau und Betrieb notwendig gewesen sein müssen usw.
Der interessierte Leser merkt an diesem Beispiel, wie umfangreich, ja uferlos eine weltweite Betrachtung dieses eingefrorenen Moments wäre. Es empfiehlt sich also einen kleinen Ausschnitt aus der Gesamtheit herauszugreifen.
Die Frankfurter Zeil
Das Zentrum der größten hessischen Stadt Frankfurt am Main bildet die Zeil. Genauer gesagt der Abschnitt zwischen Haupt- und Konstablerwache. Dem Touristen wird dies spätestens mit dem Blick auf die U- und S-Bahnpläne klar. Unter der Zeil laufen nahezu alle Linien der Stadt zusammen. Hier befindet sich der Kern Frankfurts.
Natürlich könnte auch der Römer als großer Platz mit Kirche, Rathaus, Bars und Brunnen das Zentrum bilden; die Frankfurter haben sich jedoch anders entschieden. Das Zentrum bildet eine Straße, auf der der Bürger im Grunde nur zwei Dinge tun kann. Entweder er konsumiert oder er läuft einfach nur die breite Fußgängerzone entlang.
Die Zeil steht exemplarisch für viele jener Innenstädte, welche nach den Bombardements zum Ende des 2.Weltkriegs neu aufgebaut werden mussten. Es gibt hier nichts, was älter als 60 Jahre wäre.
Bummeln unerwünscht
Wer die Zeil erstmalig betritt, dürfte über die Architektur, welche diese Straße säumt, erstaunt sein. Im Wesentlichen bilden alle Gebäude zu beiden Seiten eine fünf bis sieben Stockwerke hohe Wand, welche nur an wenigen Stellen durch einmündende Seitenstraßen unterbrochen wird. Senkrechte Beton- und Glasflächen bilden einen Kanal, durch den sich Menschen vom Platz an der Konstaberwache zum Platz an der Hauptwache schieben. Alternativ auch in die andere Richtung.
Straßencafés, Bars oder andere Orte, die zum Verweilen einladen, gibt es nicht. Verschämt reihen sich wenige Bänke um einige der uniform gestutzten Bäume. Wer hier sitzt, kann eilige Menschen und glatte Häuserfronten beobachten. Die Zeil ist ein Ort der Geschwindigkeit. Nichts soll den Menschen bremsen.
Der Grund hierfür liegt auf der Hand. Die Häuserfronten entlang der Zeil dienen einzig der Beherbergung von Geschäften welche in erster Linie Modeartikel verkaufen. Hinter den glänzenden Fassaden für gut und normal Verdienende, hinter unauffälligen für die, die wenig haben. Spitzenverdiener kaufen nicht auf der Zeil ein, sondern auf der Goethestraße, wo es dann auch Straßencafés gibt. Die Massenkundschaft der Zeil muss schnell von einem Geschäft zum anderen eilen um einkaufen zu können. Bummeln schadet dem Umsatz. Wer bummeln möchte, muss sich in andere Stadtteile begeben, wer (von einem Schnellimbiss abgesehen) etwas essen möchte, wechselt ebenfalls in ein anderes Viertel. Der einzige Grund die Zeil zu betreten besteht darin, Modeartikel und Elektrowaren zu konsumieren.
Die Zeil ist noch im Lebensgefühl der Wirtschaftswunderzeit verhaftet, als Konsum in Deutschland erstmals Teil der Freizeitgestaltung wurde und individuelle Mobilität als Segen und nicht als Stressfaktor galt. Die steigende Anzahl verwahrlosender Abschnitte der Zeil und die daraus resultierenden Bauaktivitäten deuten darauf hin, dass sich hier etwas verändert.
My Zeil
Vor einigen Monaten feierte das Einkaufszentrum “My Zeil” seine Eröffnung. Die Architektur fügt sich widerspruchslos in die wandähnliche Bebauung der Zeil ein. Eine den Himmel spiegelnde, überhohe Glasfront nimmt nun mehrere hundert Meter der Zeil ein. Ein im Verhältnis zur Größe des Gebäudes winzig erscheinende Öffnung fungiert als Eingang. Ein “Auge” in der glatten Glasfassade ist funktionslos, dient lediglich als Hingucker. Im Inneren finden sich, eingebettet in weiche Formen, auf mehreren Etagen verschiedene Geschäfte (bevorzugt für Modeartikel). Ein Stockwerk wird beinahe komplett von einem großen Elektronikhändler eingenommen. Das Dach bildet eine riesige, wellenförmige Glasfläche. Über dem Dach befindet sich ein exklusives Fitnessstudio. Zentrales Element des Innenraums ist die laut Presseerklärung längste freischwebende Rolltreppe Europas, die direkt in das oberste Stockwerk führt, welches eine Reihe von Gastronomiebetrieben beherbergt. Nicht zu übersehen ist jedoch, dass die längste Rolltreppe Europas nur in eine Richtung läuft. Wer das Gebäude verlassen möchte, der ist gezwungen auf verschlungenen Wegen, vorbei an allerlei Geschäften, den Ausgang zu suchen.
Eine Einrichtung, welche von außen offen wirkt, mit Nahrung lockt und dann den Rückweg erschwert, wird im Tierreich als Falle eingesetzt. Dies ist auch die Funktion von My Zeil. Während gläserne Front, gläsernes Dach und weiche Formen im Inneren auf einen transparenten, luftigen Ort schließen lassen, entpuppt sich das Gebäude nach dem Betreten als gläserner Käfig. My Zeil verspricht durch seine Architektur und sein Angebot, jene Bedürfnisse zu befriedigen, welche die Zeil selbst nicht befriedigen kann. Tatsächlich fügt sich ihr Interesse nahtlos in das der Zeil. Einziger Unterschied: Während die Zeil das Bummeln verbietet, wird es durch My Zeil erzwungen.
Bei genauerer Betrachtung der baulichen Details zeigt sich zudem, wie schnell und schlampig dieses riesige Gebäude erbaut wurde. Der Glanz ist bestenfalls oberflächlich und macht damit den ökonomischen Druck, der hinter dem Fertigstellungstermin gestanden haben muss sichtbar.
Was uns die Zeil über uns lehrt
Was würde ein Forscher nun über jene Gesellschaft sagen, deren Stadtzentrum er im eingefrorenen Moment untersuchen kann? Was würde er aus der Architektur lesen können?
Architektur bedeutet Innen von Außen zu trennen und diese Grenze zu gestalten. Die Grenzen auf der Zeil sind ambivalent in ihren Aussagen. Während die älteren Gebäude noch auf Beton und solide Wände setzen, so werden die Fassaden im Zuge der Erneuerung zunehmend mit Glasflächen überzogen. Glas ist auch sonst ein beliebter Baustoff geworden. Er ergießt sich von den glänzenden Banktürmen hinab in die Stadt und haftet an immer mehr Gebäuden. Auffällig ist, dass nahezu ausschließlich Gebäude betroffen sind, welche dem Umsatz von Geld gewidmet sind. Das ist auch nur konsequent, denn Glas ist ein besonderer Baustoff mit paradoxen Eigenschaften, welche in der Geschäftswelt aber durchaus sinnvoll erscheinen.
Glas ist durchsichtig, für das Auge im Idealfall unsichtbar. Es erzeugt Transparenz indem es nur Immaterielles passieren lässt. Materielles weist es hingegen konsequent ab. Dinge hinter Glas sind zum Greifen nah und zugleich unerreichbar. Das Schaufenster setzt diese Eigenschaften des Glases erstmals bewusst ein, um Wünsche zu produzieren. Der Blick in das Schaufenster eröffnet den Blick auf Dinge, die man sonst kaum als für sich selbst erstrebenswürdig erachtet hätte. Von denen man u.U, nicht wusste, dass es sie gibt. Zugleich bleibt das Objekt hinter Glas unerreichbar, bis eine bestimmte Menge Geld bei der Person hinterlegt wird, welche die Grenze am Schaufenster gezogen hat.
Glas ist ein Machtfaktor. Verspiegelt lässt es nur den Blick des Betrachters der einen Seite zum Betrachter auf der anderen Seite hindurch, welcher seinerseits nur sich selbst im Spiegel sieht. Man stelle sich vor die Scheiben der Bankentürme würden andersherum montiert. Jeder könnte in die Büros hineinschauen aber niemand aus den Büros hinaus. Wer Objekte hinter Glas ausstellt und damit Wünsche weckt gewinnt Einfluss auf die Person jenseits der Glasscheibe. So verhält es sich auch mit demjenigen, der Gebäude konstruiert, die von außen transparent und luftig wirken, in denen man sich dann aber verläuft.
Man könnte also zusammenfassend sagen, dass die Zeil eine Art Geldfalle ist. Sie ist der Ort Frankfurts, der ausschließlich dazu dient, Konsumwünsche zu wecken und zu decken. Ihre Architektur ist allein auf dieses Ziel ausgerichtet. Alle anderen Bedürfnisse werden dem untergeordnet oder als Lockmittel verwendet. Wohlfühlen muss sich auf dieser Straße niemand, da bisher auch so ordentlich gekauft wurde.
Die Bemühungen, die Zeil baulich zu verändern und sie wohliger zu gestalten, sind allein darauf zurück zu führen, dass die Zeiten des bedingungslosen Kaufrausches offenbar vorbei sind. Die Diskussion um die Attraktivität von Karstadt-Kaufhäusern zeigt dies am konkreten Beispiel. Ob aber Konsumfallen wie My Zeil die Zukunft gehört bleibt abzuwarten. Interessant bleibt jedoch die Frage, warum diese Gesellschaft einen derart ungemütlichen Ort zum Zentrum ihrer Stadt erhebt. Einen Ort, an dem nicht gewohnt wird, der nach Geschäftsschluss ausstirbt und der nicht einmal der Begegnung dient, wie es einst alle Stadtzentren (Marktplätze etc.) taten. Vielleicht wäre dies die zentrale Erkenntnis des Forschers. Frankfurt, nach dem Krieg erbaut von einer Gesellschaft, die ihre Bedürfnisse nicht selbst entwickelt, sondern identitätsstiftende Vorgaben benötigt. Dieser Wunsch nach Führung scheint so stark zu sein, dass das Leben ihrer städtischen Gemeinschaft um jenen Ort kreist, an dem diese Informationen gehandelt werden.
Am liebsten hinter Glas.
Im Text leider nicht kenntlich gemacht:
“In unserem Bauen und in der Weise, wie wir den Raum beleben (‚Wohnen’) spiegelt sich, wie wir die Wirklichkeit verstehen und was wir für sinnvoll erachten (‚Denken’).”
Zitat: Martin Heidegger: Bauen, Wohnen, Denken (2000)