Dieter Althoff muss vom glücklichen Ausgang der Motorrollerfahrt in den Orient und wieder zurück ins heimische Hagen von vornherein überzeugt gewesen sein. Sonst wagt man so ein Abenteuer sicherlich nicht. Althoff hatte sich im Juni gemeinsam mit seinen Vespa-Club-Freunden Frank Menzenhauer und Volker Hagebeuker nach Istanbul aufgemacht. Dieter Althoff, der inzwischen 72 Jahre junge Vespa-Fan der ersten Stunde legt übers Jahr so an die 15 000 Kilometer mit der Vespa (auf Deutsch: Wespe) der italienischen Marke Piaggio zurück. Ende letzten Monatas kehrten die „Wespen“-Liebhaber nun von ihrem Reiseabenteuer wohlbehalten wieder ins westfälische Hagen zurück.
Über ca. 5000 Kilometer rollerten die sechs Vespa-Rollerräder unter ihren 3 Fahrern!
Wenn man Dieter Althoff so entspannt von der Reise erzählen hört, könnte man fast den Eindruck gewinnen, die ca. 5000 [sic!] zurückgelegten Fahrkilometer auf Straßenbelag unterschiedlichster Qualität – versteht sich – die die sechs Vespa-Räder unter ihren drei Fahrern von Hagen nach Istanbul und von dort wieder zurück nach Hagen geschnurrt, gerappelt und gezischt sind, seien eine nachgerade „schlappe“ Distanz gewesen. Man selber denkt eher: Was für eine Qual für`s Gesäß! I wo! Glaubt man dem eingefleischten Vespa-Piloten, muss Vespa-Fahren einfach die reine Wonne sein. Schon wegen des aufregenden Programms, das da rechts und links des Straßenrands an einem vorbeizieht. Da kann kein TV-Sender mithalten! Dieter Althoff gibt zu, auch heute noch immer wieder aufs Neue davon fasziniert zu sein. Durchaus vorstellbar. Jedenfalls, wenn ich mich an eigene frühe Moped-Touren mit dem dem roten „Star“ von Simson-Suhl zurückdenke. Ausfahrten freilich, die selten über eine Distanz von 200 Kilometer hinaus gingen, wie ich angesichts der von unseren Vespa-Piloten „hingelegten“, zweifelsohne, bravourösen Leistung ein wenig beschämt zugebe…
Vespa-Fahren als Entdeckung der Langsamkeit
Reisen auf der Vespa: Die Gemütlichkeit des allmählichen Dahinschnurrens? Ganz Offenbar! Einen nahezu unnachahmlichen „Pfiff“ muss eben das ganz gewisse Vespa-Fahr-Gefühl im Körper der Vespa-Piloten auszulösen imstande sein. Es scheint dabei ein herrliches „Nebenprodukt“ herauszukommen: die wundersame Entdeckung der Langsamkeit.
Wo andere in protzig-schweren Auto-Schlitten oder auf Superkrädern mit vibrierenden Monsterpferdestärken nur so durch die Gegend brettern, als sei der Teufel hinter ihnen her – ohne Sinn und nicht selten auch ohne Verstand – nichts mitbekommend, und schon gar nichts begreifend vom Charakter und der Schönheit der jeweilig gerade durchmessenen Landschaft, den Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten der an der Strecke liegenden Felder, Wälder, Dörfer und Städte. Da ist der Vespa-Fan von andrem Schrot und Korn: Der nimmt sich, scheint’s, ganz mit Freuden zurück. Spielend mit niedrigerem Tempo leben könnend, wohl wissend, dass Vespa-Pferdestärken andere, unvergleichbare Freuden hervorbringen, die aber eben ganz ohne jegliche Art von Geschwindigkeitstaumel auskommen. Geschärft den Blick nach vorn übern Lenker hinweg: das noch weit entfernte Ziel leise im Hinterkopf bedenkend, und so dennoch gut Etappe für Etappe hinter sich bringend. Sich dabei noch weidlich an der Landschaft ergötzend. Auch hier ist in der Tat der Weg das Ziel! Ließe sich Vespa-Fahren treffender beschreiben?
Vom Vespa-Treffen in Zell am See ging es dann endgültig auf die Piste
Bevor es richtig auf „Große Fahrt“ ging, hatten die drei Freunde vom Vespa-Club-Hagen (VCH) noch das traditionelle Vespa-Treffen (Vespa World Days 2009) im österreichischen Zell am See am Großglockner „mitgenommen“. Dann ging es bei weitgehend schönem Wetter endgültig auf die Piste. Die Fahrtroute lehnte sich in etwa an den Streckenverlauf des legendären Orient-Express. „Gerollert“ wurde via Ungarn, vorbei am Balaton, direkt hinein in den an geschichtlichen Ereignissen reichen Landstrich des Balkan, mit all seinen Naturschönheiten und der sprichwörtlichen Gastfreundschaft seiner Bevölkerung.
Begegnung der ärgerlichen Art in Rumänien
Neben teilweise wegen ihres Pflastermaterials bzw. Allgemeinzustandes gewöhnungsbedürftigen Straßen, welche die Vespa-Roller ziemlich gut „wegsteckten“ – hatten die drei Reisenden aber auf ihrer Fahrt durch das noch junge EU-Mitgliedsland Rumänien leider auch eine Begegnung der ärgerlicher Art zu verkraften. Nein, nicht etwa Dracula war es, der den rollernden Männern aus Hagen in die Quere kam, sondern ein sogenannter „Freund und Helfer“: ein Staatsdiener in (Polizei-)Uniform. Vielleicht hatte der regelrecht auf so einen „Leckerbissen“ gewartet? Irgendwie war es an dieser Stelle der Reise nicht recht vorangegangen mit dem Straßenverkehr, so schildert Dieter Althoff die Situation, weshalb die Vespa-Fahrer nach Ausweichmöglichkeiten Ausschau hielten. Beim Überholen querten Dieter Althoffs Vespa-Rollerreifen jedoch dummerweise eine weiße durchgehende Linie auf der Fahrbahn. Ja, gibt Dieter Althoff unumwunden zu: Auch in Deutschland ist das ein Verkehrsvergehen. Aber, schickt er hinterher: 500 Euro Strafgeld dafür, das ist nun wohl doch allzu starker Tobak.
Plötzlich war besagter rumänischer Polizist zur Stelle gewesen. Und er forderte diese Summe als Strafgeld ohne Wenn und Aber. Den Beweis für das Vergehen – auch bei der rumänischen Polizei ist die Zeit nicht stehen geblieben – hatte der gute Mann dokumentiert: mit einer handlichen Videokamera.
Obwohl nun guter Rat in der Tat teuer geworden zu sein schien, unternahmen die drei Vespa- Männer einen Versuch, den wohl nicht mehr abzuwendenden Schaden wenigstens einigermaßen zu begrenzen, indem sie höflichst um Milde und Verständnis baten. Schließlich wolle man doch noch weiter nach Istanbul, und…
Der Mann des rumänischen Gesetzes aber blieb zunächst hart: Ansonsten müsste man die Sache eben im weit entferntem Bukarest klären…
Um die Papiere zurück zu bekommen. Bei den drei Hagenern gingen gewissermaßen die roten Warnlampen an. Aber Vespa-Fahrer geben so schnell nicht auf. In ihrer Not stückelten sie drei Fünfzig-Euro-Scheine zusammen und reichten sie dem Polizisten. Der nahm sie natürlich nicht, ganz falsch gedacht, liebe Leserinnen und Leser! Die Vespa-Lenker deuteten jedoch dessen Zeichensprache jedoch ihres Erachtens völlig richtig und legten das Geld dem adäquat in die Ablage der Polizeiautotür. Und siehe da: sie erhielten ihre Papiere zurück, der Videobeweis wurde gelöscht und die Welt war soweit wieder in Ordnung. Wenn man das denn so sagen kann – die Fahrt jedenfalls konnte weitergehen: Gen Istanbul…
Nicht Istanbul. Konstantinopel!
Immer, so war es abgesprochen, fuhr Dieter Althoff den zwei anderen moderneren und PS-stärkeren Vespen seiner Vereinskameraden, mit seiner 30 Jahre alten Zweitakt- Vespa P 200 E mit ihren lediglich zehn Pferdestärken unterm Sitz voran. An der Maschine flatterte inzwischen das griechische Fähnchen und die Flagge der Türkischen Republik.
Nachdem der Fahrtwind wohl die Flagge der Griechen irgendwo hinweg gefegt hatte, erregte verständlicherweise nun die bayrak der Türken im Land der Hellenen umso mehr Interesse. Wohin und zu welchem Zweck man auf diesen Zweirädern unterwegs sei – das waren die meist gestellten Fragen an griechischen Tank- und Raststellen, welche von den Adressaten dieser Fragen gern und ausführlich beantwortet wurden.
Anzeichen der Anerkennung und vielleicht auch Verwunderung hätten sich daraufhin auf den Gesichtern der Griechen abgewechselt, so Dieter Althoff. Mit einem jedoch konnte bzw. wollte sich manch einer der griechischen Fragesteller offenbar ganz und gar nicht abfinden. Natürlich, belehrten sie die Vespa-Fahrer, denen kopfschüttelnd bedeutet wurde: sie seien ganz sicher nicht auf dem Weg nach Istanbul, sondern vielmehr nach Konstantinopel…
Istanbul…
Und Istanbul? Die Stadt verfehlte selbstredend ihre außergewöhnliche Wirkung auch auf die drei deutschen „Wespen“- Fahrer nicht: Die waren schwer beeindruckt wie schon so viele Istanbul-Reisenden vor ihnen. Als schier unglaublich empfanden es die drei Abenteurer jedenfalls, dass sie es geschafft hatten und mit ihren „Wespen“ nun „plötzlich“ vorm Kopfbahnhof Sirkeci (Endstation des legendären Orient-Express) im europäischen Teil von Istanbul standen. Sie waren überglücklich. Man war in einem Hotel in der Altstadt, nahe zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die neben Konstantinopel freilich auch einmal den Namen Byzanz getragen hatte, abgestiegen. Und das Glück setzte noch eins drauf: man traf in der Herberge einen netten, dort ebenfalls logierenden Griechen, an, der nicht nur gut Deutsch, sondern darüber hinaus auch ganz passabel Türkisch sprechen und verstehen konnte!
Zusammen mit dem freundlichen griechischen Gast unternahm man einen Schiffsausflug zu den Prinzeninseln. Selbstverständlich ohne Vespa: Schließlich durfte und wollte man die Ruhe dort, wo kein motorisierter Verkehr erlaubt ist, auch nicht stören. Im Gegenteil: man staunte erfreut und wusste diesen gewiss auch für andere Orte auf unserer oft viel zu lauten Welt erstrebenswerten Zustand der Ruhe nach der langen Fahrt schließlich auch entsprechend zu genießen. Stolz sind die drei Hagener am nächstem Tag über die große und weltbekannte Bosporus-Brücke hinüber in den asiatischen Teil der Mega-Stadt Istanbul gebrummt.
Nach insgesamt nur zwei Tagen stand dann aber schon wieder die Rückfahrt auf dem Plan. Immerhin erwartete die drei nach einer Fährüberfahrt noch eine kleine Sightseeing-Tour in der Stadt der Gondeln, Venedig…
Die geliebte Vespa bestimmt weiter das Leben des Dieter Althoff
Über Österreich liefen dann die drei Roller mit ihren weit gereisten Lenkern auf ihren Sitzpolstern wie geschmiert gen Heimat, zurück nach Hagen. Keine schlechte Leistung! Das Wetter spielte mit. Bis auf ein Gewitter einmal. Am Tag, so Dieter Althoff am Telefon, legten die drei Männer so zirka 150 bis 300 – in Bulgarien sogar einmal 480 Kilometer am Stück – zurück. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 und 85 Km/h. Und all das ganz ohne Panne! Für die von einem Reifenwerk in Heidenau (Sachsen) gesponserten Rollerreifen sind die Vespa-Enthusiasten aber trotzdem äußerst dankbar.
Dieter Althoff wäre nicht Dieter Althoff, wenn er sich jetzt – obschon seit Jahren im Ruhestand – nun erst einmal ruhig zurück lehnte.
Seine 10-PS Maschine mit den zusätzlichen 5000 Straßenkilometern (Hagen-Istanbul-Hagen) auf dem Tacho musste nach der Reise hübsch hergerichtet werden. Nun steht sie ordentlich gewienert blitzend und blinkend im Schaufenster der Hagener Buchhandlung Kersting. Wo sie tagtäglich von Kunden und Passanten bewundert werden kann. Selbstverständlich ruft nun auch das Vereinsleben wieder. Bis zum „Abrollern“ im Herbst zum Ende der Saison 2009 bleibt aber noch reichlich Zeit. Und sicherlich gibt es noch die eine oder andere schöne Ausfahrt mit der geliebten Vespa…
Ich habe Dieter Althoff Ende der Achtziger bei einer – ich nenne sie mal Schnitzeljagd – des Vespa Club Hagen kennen gelernt. Ich kann nur sagen: Hut ab für den Mut, in diesem Alter noch so eine Tour zu unternehmen. Ich wünsche ihm für die nächsten Jahre noch viele unfall- und pannenfreie Kilometer mit seiner Vespa PX 200 E!
MfG.