Ralph Giordano und das Bundesverdienstkreuz – Kommentar

Der inzwischen 86-jährige jüdische Publizist Ralph Giordano ist ein hoch geachteter Mann. Nicht nur hierzulande. Niemand, der in Deutschland noch alle Tassen im Schrank hat, und somit Kenntnis von den unumstrittenen Leistungen Giordanos und der seinerseits oft bewiesenen Zivilcourage besitzen dürfte, käme ernsthaft auf Idee, ihm plötzlich Respekt und Anerkennung

Felicia_Langer.jpgDer inzwischen 86-jährige jüdische Publizist Ralph Giordano ist ein hoch geachteter Mann. Nicht nur hierzulande. Niemand, der in Deutschland noch alle Tassen im Schrank hat, und somit Kenntnis von den unumstrittenen Leistungen Giordanos und der seinerseits oft bewiesenen Zivilcourage besitzen dürfte, käme ernsthaft auf Idee, ihm plötzlich Respekt und Anerkennung abzusprechen. Noch verfiele man wohl darauf, den Staat oder andere Institutionen aufzufordern, dem Manne einmal verliehene Auszeichnungen wieder abzuerkennen. Jedenfalls nicht, wenn kein schwer wiegender Grund dafür vorliegt. Ralph Giordano ist Träger des Bundesverdienstkreuzes, sowie des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deuschland.

Niemand kam auf die Idee, Ralph Giordano Preise aberkennen zu wollen

In letzter Zeit trat Ralph Giordano desöfteren als er- (oder ver-?) bitterter Gegner von Moscheebauten in Deutschland auf den Plan. Es hat viele gegeben, die ihm beipflichteten. Ironischerweise sogar von  der extremen politischen Rechten (gegen die Giordano zurecht seit Jahrzehnten mit spitzer Feder und kritischer Stimme zu Felde zieht) erhielt der Publizist lebhaften Beifall (was Giordano mit sich selber ausmachen muss). Viele politisch anders verortete Menschen jedoch fanden, dass sich Giordono mit seiner, wie es schien, prinzipiellen Moschee-Gegnerschaft auf Abwege begeben hat. Nicht wenige dürften die Meinung Ralph Giordanos gar für ziemlich grenzwertig gehalten haben. Aber es ist nun einmal dessen Meinung. Diese ist sicher aus dem Kontext der Summe der von ihm gemachten bitteren Erfahrungen heraus durchaus halbwegs verständlich. Diese Meinung sei ihm selbstverständlich auch unbenommen. Ich habe damals, da sich der Mann mit dem Seidenschal kritisch zum Islam und den Muslimen äußerte, niemanden weit und breit wahrgenommen, der nun forderte, Giordano müsse man – meinetwegen auf Grund von islamophoben Äußerungen -  bestimmte, staatlicherseits verliehene Orden aberkennen. Wer – in Kenntnis Giordanos`Biographie und dessen auch für die Geschichte und die Demokratie unseres Landes so wichtigen Lebenswerkes – hätte vermocht, so etwas Vermessenes zu denken, oder gar: zu verlangen?

Ralph Giordano vs. Felicia Langer

Genau so handelt aber leider Ralph Giordano heute höchstselbst! Dieser Tage kritisierte der anerkannte Publizist sogar allein schon die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an die israelische Rechtsanwältin und Schriftstellerin Felicia-Amalia Langer scharf: “Niemand hat in den letzten 25 Jahren mit einer an Blindheit grenzender Einseitigkeit Israel mehr geschadet als diese angebliche Menschenrechtsanwältin.” Langer sei die “schrillste Anti-Israel-Fanfare in Deutschland”. Sie täusche das Publikum “notorisch” über Totalität und Kausalität des Nahostkonfliktes.” Meinen dürfte Giordano damit in etwa: das Verhalten und die Taten des Staates Israel müssten stets aus dessen besonderen Lage (umgeben fast nur von seinen arabischen Feinden) heraus bedacht und dementsprechend verstanden werden.

Was ist in der Lage Israels gerechtfertigt?

Bei allem Richtigen daran: Ist aber nicht auch das einseitig gedacht? Und die Frage darüber hinaus ist: Was an Taten und Handlungen, ins Werk gesetzt durch den Staat Israel, kann diese spezielle Lage rechtfertigen? Wir alle haben noch den Gaza-Krieg vor Augen. Mehr und mehr erfährt die Welt nun: die israelische Armee (die Ehud Barak “eine der moralischsten Armeen” nennt)  hat ihren Krieg gegen die Hamas in Gaza mit unverhältnismäßigen Mitteln geführt, und womöglich auch gegen das Völkerrecht verstoßen. Das scheint nun auch von israelischen Armeeangehörigen, die sich zur Gruppe “Das Schweigen brechen” zusammengeschlossen haben, bestätigt zu werden. (ein im ND veröffentlichter Auszug ihres aufschreckenden Berichtes; sowie Informationen von Medico).

Felicia Langer als Menschenrechtsanwältin

Für Felicia Langer, die in Israel als Anwältin arbeitete und heute in Tübingen lebt, war der Sechs-Tage-Krieg 1967 Anlaß, sich in den von Israel besetzten Gebieten politisch und juristisch für Palästinenser zu engagieren. Dafür ist sie in Israel von Anfang hart kritisiert worden. Langer beklagt, die Menschenrechte der Palästinenser seien seitens Israel von jeher missachtet worden. Während der 1. Intifada schloss sie ihre Anwaltskanzlei aus Protest. Ihrer Meinung nach war im Laufe dieses Konflikts das israelische Justizsystem zur Farce verkommen. Langer ist u.a. Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Ehrenbürgerin der Stadt Nazareth, Inhaberin des Bruno-Kreisky-Preises und des Erich-Mühsam-Preises der Erich-Mühsam-Gesellschaft.

Felicia Langer – eine Frau, die aneckt…

Felicia Langers bisheriges Leben gleicht nun keineswegs einem perfekt rund- und kantenlos geschliffenen Stein, der einem sanft und ohne jeglichen Widerstand dabei verursachend, durch die Hände gleitet. Felicia Langer, der als Mitglied der Kommunistischen Partei Israels, auch eine “stalinistische Phase” eigen gewesen war, hat oft,  bis in die heutige Tage hinein, immer wieder Meinungen zum Ausdruck gebracht, die von anderen zweifelsohne als grenzwertig und unerträglich angesehen werden. Während andere wiederum gleichzeitig begeistert Hurra gerufen haben mochten – auch (unvermeidbar) Feinde Israels – sahen wieder andere (verständlicherweise) in Langer dagegen eine Dämonin und Nestbeschmutzerin. Letztere werfen ihr vor, sie teile den Osten in böse Israelis und gute Palästinenser. Nun ja, wenn’s denn wirklich so einfach wäre…

…die Stimme der Schwachen und Unterdrückten

Die Holocaust-Überlebende Frau Langer – der Holocaust-Überlebende Herr Giordano sollte eigentlich imstande sein, sich das vor Augen zu führen -  hat jedoch das deutsche Bundesverdienstkreuz nicht für irgend eine einmal geäußerte Meinung – wie es sich im übrigen auch bei Giordano und den anderen vielen bisherigen Bundesverdienstkreuzträgern verhält – verliehen bekommen, sondern für eine bestimmte Lebensleistung. Diese besteht bei Felicia Langer im Wesentlichen darin, dass sie sich stets für schwächere, unterdrückte und ausgegrenzte Mitmenschen eingesetzt hat. Felicia Langer gibt jenen Menschen eine Stimme. Eine Stimme, die in Israel, wie in der Welt gehört wird. Dafür hat sie das Bundesverdienstkreuz mehr als verdient.

Kritik gegenüber Israel: In Deutschland eine Seltenheit

Dass Langer, die den in Israel Regierenden ein gewaltiger Dorn im Auge ist, diese Auszeichnung und Würdigung von Deutschland erhalten hat, ist höchst beachtlich. Schließlich wissen wir nur zu gut um das historisch bedingte und deshalb auch von vornherein überhaupt nicht verkehrte, vorsichtig-bedachte Verhalten der deutschen Regierungen im Verkehr mit dem Staate Israel. Wir können jedoch heute im Grunde das vielfältige Fehlverhalten des Freundes Israel (Palästinenser-Frage, ausufernder Siedlungsbau auf palästinensichem Boden, Libanon- und Gaza-Krieg, Mauerbau auf palästinensischem Land), wenn wir als Demokraten ehrlich zu uns selbst sein wollen, nicht länger vollkommen ohne Kritik zu üben hinnehmen. Selbst auf die real vorhandene Gefahr hin, dass diese Kritik als Antisemitismus (absichtlich) fehlinterpretiert wird. Dass es an der Zeit dafür ist, finden sogar kritische Stimmen in Israel selbst  Sie fordern uns Deutsche auf, Israel zu Liebe (das momentan eine der schlechtesten Regierungen hat), diese im Falle des offensichtlichen Fehlens eines Freundes unnötige Angststarre gegenüber der israelischen Regierung endlich zu überwinden. (Wofür viellicht im Augenblick die Zeit günstig wäre, da selbst die USA unter Obama finden, dass es die Israelis im puncto Siedlungsbau auf palästinensichen Boden mittlererweile zu bunt treiben, und deshalb vielleicht der Regierung Netanjahu den Geldhahn ein wenig zudrehen werden.)

Das Bundesverdienstkreuz ehrt die Lebensleistung

Israelkritische Stimmen sind rar. Gerade hierzulande. Aus den hinlänglich bekannten Gründen. Dass aber auch sie ihren Platz in unserer Gesellschaft (im Kontext zu den anderen Ansichten) haben können, beweist die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Felicia Langer. Wie bereits erwähnt: Langer hat es für ihre beachtlichen Lebensleistungen erhalten. Nicht etwa für ihre Meinungsäußerungen und ihre zuweilen damit verbundene drastische Wortwahl, derart: der Gaza-Streifen ist ein Ghetto, Israel betreibt eine Politik der Apartheid.

Langer ist nicht allein mit ihrer Kritik an Israel

So denken allerdings auch andere Kritiker Israels, die etwa konstatieren, die “…letzten Wahlen in Israel hätten den Friedensprozess getötet. Die öffentliche Meinung in Israel geht in Richtung Religiösität, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus” (George Jabbour, ehemaliger Berater des syrischen Präsidenten Hafez al-Assad im ND-Interview). Wer eine Stimme aus Syrien womöglich für völlig fehl am Platze halten mag, nehme sich anstelle dessen vielleicht dann einmal vor, was der verbal offen rassistisch auftretende israelische Außenminister Avigdor Liberman gelegentlich so über israelische Araber und Palästinser so von sich gibt…

Wie auch immer: kritische Einschätzungen die israelische Politik betreffend sind meistenteils Minderheitenmeinungen. Jeder von uns mag sich anhand von realen Fakten selbst ein Bild machen.

Diskussion nicht über eine Auszeichnung führen

Wie alle wissen, wie kompliziert die Lage im Nahen Osten ist. Wie nahezu weit entfernt oder auch unmöglich eine friedliche Lösung derzeit erscheint. Die Diskussion über ein RICHTIG oder FALSCH in dieser Sache aber letztlich auf einer hohen Auszeichnung bzw. der Trägerin dieser Auszeichung, in dem Falle Felicia Langer, austragen zu wollen, kann nur in eine Sackgasse führen.

Ralph Giordano und Arno Lustig, wollen ihre Auszeichung zurückgeben, wenn Felicia Langer ihren Orden behalten darf

Ralph Giordano und der Historiker Arno Lustig haben ganz offensichtlich nicht den Schneid, eine Einzelmeinung, wie die von Langer (über die man fraglos diskutieren kann), neben den ihren (scheinbar immer richtigen) gelten zu lassen, zu tolerieren. Aus diesem Grunde kündigten die beiden aufgebrachten Herren für den Fall an, dass die Verleihung des Ordens an die israelische Schriftstellerin und Anwältin, nicht rückgängig gemacht werde, ihre eignen hohen Auszeichnungen zurückgeben zu wollen. Das Ansinnen dahinter ist sicherlich ehrenhaft: hier soll sozusagen um jeden Preis Schaden von Israel abgewendet werden. Jedoch, indem man fordert, einem kritischen Geist (der man ja selber ebenfalls zu sein beansprucht) eine Auszeichnung (welche einem selber zuteil wurde!)  für eine anerkennenswerte Lebensleistung – nicht für geäußerte Meinungen wohlbemerkt -  zu entziehen. Mutet ein solches Vorgehen nicht einigermaßen schizophren an?

Einander aushalten können

Mit dem Bundesverdienstkreuz werden in der Regel Menschen geehrt, welche sich für die Gesellschaft stark engagiert, diese vielfältig geistig bereichert, ihr die Augen bezüglich Mißständen geöffnet haben, bzw. diejenigen unterstützen, welche zu den Schwachen unter uns gehören. Wir brauchen einen kritischen Ralph Giordano ebenso wie eine kritische Felicia Langer. Gleichermaßen ist uns die Meinung des einen wie die der anderen wichtig. Wir müssen sie nicht immer teilen. Aber aushalten sollten wir sie doch können! Wie auch ein Ralph Giordano eine Bundesverdienstkreuzträgerin Langer aushalten können muss. Alles andere wäre doch wahrlich einer offenen demokratischen Gesellschaft, wie es die unsere sein will, ziemlich unwürdig, wenn nicht gar aberwitzig-unklug.

Kommentare

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  1. Was in Dresden geschehen ist, haben wir alle gesehen. Selbst der Autor berichtete davon. Dieser Umstand ist auch Herrn Ralph Giordano und den anderen Auswüchsen dieser Gesellschaft zu verdanken.

    Was will uns dieser Beitrag sagen? Etwa alles was die Öffentlichkeit ehrt, zum Wohle de Volkes sei? Von einer offenen demokratischen Gesellschaft kann hier nicht die Rede sein.

    Ich bin sogar inzwischen davon überzeugt, dass das Recht und Gesetz eher von staatlichen Stellen bzw. Behörden missachtet wird.