Gestern stellte der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sein Kompetenzteam vor, mit dessen Hilfe er die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel trotz aktuellem Umfragepunkte-Verlust an die Wand zu spielen hofft. Emanzipationsbewussten wie rechenfähigen Beobachtern sticht besonders das Geschlechterverhältnis ins Auge: auf acht Männer im Team kommen zehn Frauen. Doch: geht es hier wirklich um Emanzipation? Oder umgibt sich das kernige Mannsbild Steinmeier einfach gern mit ein paar Frauen? Eine tiefenpsychologische Annäherung.
Die Emanzipationshypothese: Frauen haben es auch in der Politik endlich geschafft
Mit Ulla Schmidt wären es sogar elf Frauen gewesen, die Steinmeier für wesentliche Regierungspositionen vorsieht – ein Schachzug, der die vorauslaufende, höchste Geheimhaltung zur Zusammensetzung des Kabinetts verständlich macht – und bei einem Mann wie Steinmeier unmöglich vorherzusagen war. Beugt sich der stets stilsicher und konventionell gekleidete Außenminister (vielleicht gar wider eigenen Befindens) dem Geist der Zeit? Hat die erste deutsche Kanzlerin mit ihrem Amtsantritt vor Jahren schon die „gläserne Decke“ durchbrochen, welche die Frauen über Jahrhunderte am Aufstieg in die höchsten Etagen von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik hinderte? Will nun die SPD endlich nachziehen, wenn sie auch keine Kandidatin vorzuschlagen wagt (weil das Nachahmung wäre und dann Steinmeier auch nicht dürfte)? Zu begrüßen wäre es jedenfalls. Zeigte sich doch hier deutlich das nahende Ende einer über Jahrhunderte wirkenden Ungerechtigkeit in der Geschlechterkonstruktion a la „Frauen an den Herd – Männer an die Schalthebel der Macht“.
Die Macho-Hypothese: viel Frau – viel Macht
Zwar ist sowohl in der Frauen- als auch in der Männerforschung seit Jahrzehnten in sich kontrastreich verdichtenden Theoriedebatten umstritten, ob mit dem Begriff des Patriarchats eine angemessene Konzeptualisierung des Geschlechterverhältnisses oder gar männlicher Dominanz geleistet werden kann. Doch andererseits gilt immer noch: Macht macht Sexappeal. Insofern gäbe es auch weniger idealistisch anmutende Erklärungshypothesen als ein weiterer klarer Sieg für die Emanzipationsbewegung. Denkt man beispielhaft an Bill Clinton etwa, käme in der Psychoanalyse Steinmeiers durchaus die Hypothese in Betracht, dass er sich eines alten Mechanismus bedient, der nachweislich sowohl bei Frauen als auch bei Männern funktioniert: Der Alpha versammelt um sich die meisten zeugungsfähigen Weibchen. Gestützt wird dieser düstere Gedankengang durch das für die Politik außergewöhnlich junge Alter einiger Kandidatinnen: „Viele junge Gesichter“ hebt ja der Kanzlerkandidat bei der Einzelvorstellung verräterisch selbst hervor. Manipuliert Steinmeier die Wähler geschickt über jahrtausendealte, evolutionsbiologisch verankerte Beurteilungs-Strukturen von Macht und Führungskompetenz? Setzt er gar geschickt unter dem Deckmantel der Reformation alte Rollenmuster gegen die Verweiblichung, die Ver-Merkelung der Politik?
Die Amzonen-Hypothese: Zehn Frauen gegen die Überfrau?
Als der gegenwärtige Außenminister am gestrigen Donnerstag sein Schattenkabinett („Team Steinmeier“) nach der SPD-Klausur in Potsdam vorstellte, fiel jedoch nicht nur der Frauenanteil auf. Sondern auch, welche Posten diese besetzen. Brigitte Zypries etwa ist als Inhaberin des Justizressorts auf einem sich mit klassisch männlich-unnachgiebigen Strafritualen befassenden Posten gelangt, die Abgeordnete Dagmar Freitag ist für die Sportpolitik vorgesehen (Assoziationen: Frauenfußball, Regina Halmich und die bange Frage, ob Sportfernsehen sich in Zukunft bis zur Unkenntlichkeit verändert). Ulrike Mertens soll gar als Verteidigungsministerin unter anderem das männlichste aller Männerspiele beherrschen: das Kriegsspiel. Führt Steinmeier eine ganze Gruppe Amazonen in eine Schlacht gegen die Überfrau Merkel? Geht es Steinmeier auf einer tiefenpsychologischen Ebene gar nicht um Emanzipation oder Männlichkeit sondern unbewusst nur um die aggressive Behauptung gegen die eigene Mutter – unter Bündnisbildung mit den vermännlichten Schwestern? Entsteht aber hier nicht auch der schlimmste Konflikt für einen Mann: Der Frauenanführer kann doch selbst nur eine Frau sein, entstehen nicht Kastrationsangst und Zweifel an der eigenen Männlichkeit, die von acht Alibi-Geschlechtsgenossen im Kabinett ja wohl kaum aufgefangen werden dürften? Und ja, gestern, im Fernsehen, wirkte da Steinmeier nicht tatsächlich blass und auch unsicher?
Das Unentscheidbare im Geschlechterdiskurs
Die Frage über Steinmeiers Motive muss bei näherer Betrachtung (wie im Übrigen schon so viele Überlegungen zu Geschlecht und Geschlechterkonstruktion) wohl im Unentscheidbaren des Geschlechterdiskurses vergraben werden. Als aufgeklärter Wähler darf man sich von solchen Feinheiten sowieso nicht beeindrucken lassen, schließlich geht es ja um Sachkompetenz und ausschließlich um Sachkompetenz. Apropos: Eigentlich interessant ist, dass die Medien bisher den im Kabinett vorgesehenen Männern lediglich die Aufmerksamkeit gewidmet haben, die man Statisten oder Chauffeuren widmet. Ist das nicht diskriminierend?
Bildquelle: (wikimedia.org)
Ist Steinmayr nicht etwa jener Aussenminister, der gerade vor kurzem die
Datenweitergabe an die USA erleichterte? Natürlich mit allen Vorbehalten und
Zusicherungen es werde schon nicht …. (wie alle anderen auch):
http://www.n24.de/news/newsitem_5273383.html