Raffiniert verkaufte Halbwahrheiten
Halbwahrheiten sind, auch wenn sie einen Teil der Wahrheit ganz korrekt wiedergeben, immer falsch, weil sie den anderen Teil falsch herüber bringen. Wenn einer zum Teil die Wahrheit verbreitet und zum anderen Teil einfach lügt, wird er mit dieser Halbwahrheit schnell erkannt und kommt damit nicht durch. Weit raffinierter ist es, in aller Deutlichkeit den wahren Teil des Tatbestandes auszubreiten und ihn sorgfältig mit den überzeugendsten Quellen zu belegen, den fraglichen anderen Teil des Tatbestandes aber elegant zu übergehen. Wenn man seinen Teil der Wahrheit auch noch für jedermann gut nachvollziehbar darlegt, hat man gute Chancen, dass gar nicht entdeckt wird, dass man wichtige Aspekte der Sache einfach beiseite geschoben hat.
Dieses unlautere Vorgehen der Verbreitung von Halbwahrheiten durch Verschweigen wichtiger Umstände hat in vielen Wissenschaften geradezu seuchenartig um sich gegriffen.
Halbwahr: die ganz große Bedeutung der Psychotherapie
Ein ganz typisches Beispiel für die Verbreitung einer solchen Halbwahrheit ist der groß angelegte Versuch der Psychotherapie, den Primat der Medizinwissenschaften für sich zu beanspruchen, weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die bedeutsame Zusammenhänge zwischen den von außen auf den Menschen einwirkenden Umständen mit der Entstehung von gesundheitlichen Störungen und fast der ganzen großen Zahl der psychischen und körperlichen Krankheiten beweisen.
Verschweigen der Hormonwirkungen
Der in der internationalen Wissenschaftsgemeinde hoch geachtete Psychiater, Psychotherapeut und Professor in der Abteilung Psychosomatische Medizin an der Universität Freiburg Dr. Joachim Bauer hat es übernommen, diesen Kunstsprung vorzuführen. In seinem bereits in der 14. Auflage 2009 bei Piper erschienenen Buch “Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern“, 271 S., Amazon 11,85 €, lässt er angesichts von akribisch nachgewiesenen Wirkzusammenhängen zwischen den dem Menschen begegnenden äußeren Ereignissen und den Funktionen von Körper, Geist und Gemüt anderen medizinischen Bemühungen um die Gesundheit, sei es in der allopathischen Medizin oder in der Pharmakologie nur wenig Raum.
Es kann schon angehen, dass die Psychotherapie einer neuen Bedeutung entgegen geht. Aber dass Bauer die gesicherten neuen Erkenntnisse der weltweiten Hormonforschung (Endokrinologie) einfach übersieht, ist nicht zu verstehen. Dabei ist heute nicht mehr bezweifelbar, dass die zerebralen Hormone und Transmitter die Grundlage für das Funktionieren des gesamten Gehirngeschehens und mittelbar auch des Funktionierens einer großen Zahl von körperlichen Funktionen sind. Insbesondere die weitgehend vollständige Erforschung des Neurohormons und Transmitters Serotonin (“Hormon oft he Nineties”) mit seiner Fähigkeit zur Modulierung des Einsatzes der vielen anderen Hormone und Steuerstoffe im menschlichen Gehirn ist in das Zentrum der Verursachung und Heilung von Krankheiten gerückt. Das ändert nichts daran, dass die neuen Ergebnisse der Hirnforschung, insbesondere der Erforschung der Gene und ihrer Ansteuerung ergeben haben, dass alles was wir wahrnehmen, Spuren in den neuronalen Netzwerken hinterlässt, die für die Fragen von Gesundheit und Krankheit sehr häufig große Bedeutung erlangen können. Ein gutes Beispiel dafür, wie die Herstellung der von Bauer sträflich vernachlässigten mental-hormonellen Balance im Zusammenwirken mit psychotherapeutischen Maßnahmen eine Krankheit besiegt, der allein mit psychotherapeutischen Maßnahmen nicht wirksam begegnet werden kann, ist die Depression.
Stress und Depression exogen oder endogen?
Bauer widmet der Depression, einer typischen Stresserkrankung, den dieser schlimmen Volkskrankheit zustehenden breiten Raum. Ausgangspunkt für sein Verständnis der Entstehung von Schäden durch Stress ist die Wirkung zwischenmenschlicher Beziehungen auf die Funktionen des Körpers. Er berichtet von einer Patientin, die regelmäßig am Sonntagnachmittag jeder Woche ohne ersichtlichen Grund Herzrasen, Angstzustände und Atemnot bekam, ohne dass sie oder ihr Arzt erklären konnten warum. Bauer fand heraus, dass sie immer erst am Nachmittag vor dem Beginn der heranrückenden Arbeitswoche an das sich in der letzten Zeit erheblich verschlechterte Arbeitsklima bei ihrer Arbeitgeberin zu denken angefangen hatte. Er erklärt zu Recht, dass nicht alle Menschen auf solche Umstände gleich reagieren. Aber hat er den zerebralen Serotoninspiegel der Patientin überprüft?
Er berichtet ausführlich, wie vom Menschen wahrgenommene Stressmomente “von außen” auf dem komplizierten Weg über die Zuschaltung von CRH- und POMC-Stressgenen die Ausschüttung der Stresshormone Cortisol, Noradrenalin und Adrenalin freisetzen. Diese andernorts häufig als Stresskaskade beschriebene Aufschaukelung der Stresshormone ist seines Erachtens mit psychotherapeutischen Mitteln in den Griff zu bekommen. Er sagt aber kein Wort dazu, dass wir mit dem Schlüsselhormon Serotonin ein probates Gegenmittel gegen die Stresskaskade haben. Steht Serotonin zerebral in ausreichender Menge zur Verfügung, schraubt es die Wirkungen der Stresshormone selbsttätig herunter und der Mensch gewinnt seine innere Ruhe und Besonnenheit zurück. Noch wichtiger ist, dass angesichts ausreichender Verfügung über das Anti-Stress-Hormon Serotonin die Stresshormone gleich mit dem Beginn der Stresseinwirkung von außen die nachteiligen Wirkungen in Körper, Geist und Gemüt nicht Platz gegriffen hätten.
Konjugation von Endokrinologie und Psychotherapie
Bauer beschreibt, dass schwere und anhaltende Stresserlebnisse sich tief in die neuronalen Netzwerke eingraben, insbesondere im Limbischen System und dort in der Amygdala, während zugleich nachteilige Einwirkungen in dem in der Hirnfurche vor kurzem erst gefundenen Gyrus Cinguli, dem “Sitz des Selbstgefühls, des Mitgefühls mit anderen Menschen und … Ort der Lebens-Grundstimmung” auftreten. Solche tief eingegrabenen Strukturen wird man nicht unmittelbar durch die (Wieder-)Herstellung einer guten mental-hormonellen Balance mit dem Schlüsselhormon Serotonin im Zentrum auflösen können. So wie Bauer die Abläufe im Gehirn mit der laufenden Verstärkung aktiver Bahnen und dem allmählichen Verschwinden der inaktiven Strukturen beschreibt, ist anzunehmen, dass die Beseitigung der nachteiligen Schaltungen und erschreckenden inneren Bilder zumindest viel Zeit braucht, besser noch zwischenmenschliche Zuwendung und am besten professionelle psychotherapeutische Behandlung.
Geschlossene Gesellschaft!
Die anerkannte Wissenschaft wird vermutlich keinen Anstoß daran nehmen, dass Bauer in seinen umfangreichen Ausführungen über den Stress praktisch kein Wort über die bekannten Wirkungen des Anti-Stress-und Wohlfühlhormons Serotonin verliert. Denn in den hohen Wissenschaftskreisen, in denen sich Bauer bewegt, ist nicht bekannt, dass es die Möglichkeit gibt, durch geeignete Ernährung auf körpereigene Weise den sicheren Aufbau von zerebralem Serotonin zu fördern. Wie kann er auch zur Kenntnis nehmen, dass ein in seinen Kreisen unbekannter und notwendigerweise unsichtbarer Seiteneinsteiger wie ich das entdeckt habe, was ich das AMINAS-Prinzip nenne: die kontrollierte Synthese des Neurohormons Serotonin durch den täglichen Verzehr einer nur kleinen Menge ausgewählter fein vermahlener pflanzlicher Nahrung?! Für Bauer ist das Thema Serotonin dadurch abgehakt, dass er in einem einzigen Satz seines Buches auf die widersprüchlichen Wirkungen der pharmakologischen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer verweist, deren Einsatz er zu Recht nur in schweren Fällen psychischer Störungen für verantwortbar hält. Aber was sich da außerhalb seiner Kreise rührt, auch wenn inzwischen Tausende “einfacher” Therapeuten mit zehntausenden ihrer Patienten auf die körpereigene Synthese von Serotonin setzen, muss in unserem “Gesundheitssystem” zwingendermaßen an ihm vorbei gehen.
Pingback: Readers Edition » Beslan und andere Traumata