China: Prostituierte glaubwürdiger als Funktionäre
Eine vom Magazin Insight China veröffentlichte Online-Umfrage unter 3.376 Personen bringt Erstaunliches zu Tage: Chinesische Prostituierte scheinen vertrauenswürdiger zu sein als chinesische Politiker, Lehrer oder Wissenschaftler.
Die Umfrage fand heraus, dass 7,9 Prozent der Befragten Sex-Arbeiterinnen als vertrauenswürdig einstuften, womit sie an dritter Stelle hinter Bauern und im religiösen Bereich Beschäftigten rangieren. Ein Kommentar auf der Webseite von China Daily meint, ein derartiges Resultat sei überraschend, aber auch peinlich. Der Artikel analysiert den sozialen Background und die Gründe für die unerwartete Prominenz der Sex-Arbeiterinnen in dieser Liste und kommt zu dem Schluss, dass dies die Gleichgültigkeit, wenn nicht Missachtung, der Regierung gegenüber den Bürgern widerspiegelt.
Im Allgemeinen sind chinesische Lokalpolitiker nur ihren Vorgesetzten verantwortlich, und ihre Beförderung oder Absetzung hat wenig bis nichts mit den Reaktionen seitens der Gemeinde, der sie dienen sollten, zu tun. Nach Meinung des Autors müsste vor allem die Glaubwürdigkeit der Regierung wiederhergestellt werden, wobei ein erster Schritt darin bestehen sollte, die Kluft zwischen Funktionären und Öffentlichkeit zu verringern. In den Augen der chinesischen Internet-User scheinen die Regierungsvertreter jede Glaubwürdigkeit verloren zu haben, wie die folgende Auswahl an Kommentaren zum Thema auf SouFun.com zeigt.
“Ich glaube allerdings nicht, dass dies einen vernünftigen Vergleich darstellt. Was die Glaubwürdigkeit von Prostituierten betrifft, so sind sie natürlich ‘glaubwürdiger’ als Funktionäre, weil sie immer erst nach der Erfüllung ihrer ‘Dienste’ bezahlt werden. Prostitutierte sollte man eher mit den Geliebten der Funktionäre vergleichen … die erhalten ihren Lohn meistens im vorhinein.”
Ein anderer Kommentar meint:
“Dass die Menschen ihre Gefühle gegenüber der Regierung bereits auf so drastische Weise zum Ausdruck bringen, zeigt, dass die Glaubwürdigkeit der Partei bereits total zerstört ist.”
Ein anderer Kommentator schreibt, dass die Ursache für diese Ergebnisse in der aktuellen gesellschaftlichen Situation zu suchen ist:
“Das alles ist im sozialen Kontext zu verstehen. Was die Funktionäre heutzutage sagen, unterscheidet sich nicht von Werbeslogans.”
Ein Blogger namens Zuiyanwulong schrieb einen Kommentar auf Sina.com, in dem er der Einparteienherrschaft die Schuld an der Korruption gibt:
“In China hat die Korruption bereits die Wurzeln des Landes erreicht. Warum schauen die Chinesen aber so tatenlos zu? Weil weder Reden noch Zorn auch nur irgendwas bewirken. Wir sind hilflos. Die Einparteienherrschaft ist so unangreifbar, es gibt keine Druckmittel, und die Funktionäre können so korrupt sein, wie sie wollen. Das schafft eine Top-Down-Pyramide der Korruption, die die Funktionäre schützt und wodurch immer nur der Untergebene geopfert wird, wenn es gilt, ein Problem zu beseitigen. Deswegen kann Korruption auch nicht ausgemerzt werden.”
Neben diesen Gedankensplittern finden sich auch sehr kohärente Analysen. Ein Blogger postete einen Artikel im bekannten Forum Xici.net, in dem das Umfrageergebnis als Indikator für tiefer liegende Probleme in China wertet, nämlich als Zeichen einer allgemeinen gesellschaftlichen Vertrauenskrise:
“Würde eine Umfrage wie diese ergeben, dass Immobilienhändler und Entertainer am wenigsten vertrauenswürdig sind, würde ich das sofort glauben, denn in einer vom Kommerz bestimmten Zeit wie der unseren wissen die Leute schon längstens, dass in diesen Kreisen Geld das treibende Motiv ist.”
Der Autor fährt fort:
“Was mich aber am meisten überrascht, ist, dass Personen mit eigentlich hohem gesellschaftlichem Ansehen wie Wissenschaftler und Lehrer hier auch als wenig vertrauenswürdig gelistet werden und nicht einmal als so vertrauenswürdig wie Sex-Arbeiterinnen gelten. Das ist schon seltsam, denn Prostituierte wurden immer der untersten gesellschafltichen Schicht zugerechnet - und nun sind sie plötzlich vertrauenswürdiger als Lehrer und Wissenschaftler. Was für eine unglaubliche Umkehr der Verhältnisse!”
Der Autor kommt zum Schluss, dass dies eine Schande für die Gesellschaft darstellt:
“Ein Mensch ist dann glaubwürdig, wenn man ihm, vertrauen kann, er ehrlich ist und seine Versprechen einhält. Verhaltensweisen wie Betrug, Scheinheiligkeit oder Fälschung stellen das Gegenteil dar. Lehrer sollten in ihrem ganzen Verhalten Vorbilder für die Schüler sein. Und nun rangieren sie unter den Prostituierten. Ist das nicht eine Schande?”
Ein englischer Blogger kann dieser Umfrage jedoch auch etwas Positives abgewinnen: Seiner Meinung nach ist nun Schluss mit dem Personenkult. Zumindest reißen sich die Prostituierte den Arsch auf, um ein ehrliches Geld zu verdienen, statt die Leute zu betrügen, die hart arbeiten.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Ingrid Fischer-Schreiber, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.











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[…] Von George Sun. Deutsch von Ingrid Fischer-Schreiber. Quelle: Readers Edition/ Global Voices. […]