USA vor neuem Produktivitätswunder?

Die Financial Times Deutschland hat heute auf dem Titelblatt als zentrale Nachricht die Meldung über einen dramatischen Anstieg der Arbeitsproduktivität in der amerikanischen Industrie. Die Arbeitsstundeproduktivität der amerikanischen Wirtschaft ist nach Angaben des Bureau of Labor Statistics (BLS) im zweiten Quartal diesen Jahres um 6,4 Prozent mit einer Jahresrate gegenüber

udss.jpgDie Financial Times Deutschland hat heute auf dem Titelblatt als zentrale Nachricht die Meldung über einen dramatischen Anstieg der Arbeitsproduktivität in der amerikanischen Industrie. Die Arbeitsstundeproduktivität der amerikanischen Wirtschaft ist nach Angaben des Bureau of Labor Statistics (BLS) im zweiten Quartal diesen Jahres um 6,4 Prozent mit einer Jahresrate gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen. Stehen die USA also vor einem neuen Produktivitätswunder?

Nichts ist so wie es scheint

Nun gilt der Produktivitätsfortschritt als ein zentrales Maß für den technischen Fortschritt einer Gesellschaft. Allerdings kann die Arbeitsproduktivität nur in begrenztem Umfang als Verhältniszahl aus eingesetzter Arbeitsmenge bzw. –volumen zur realen Wertschöpfung einer Wirtschaft diesen Zusammenhang darstellen. In der Regel wird trotzdem die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen oder auch je Erwerbstätigenstunde (bezogen auf das Arbeitsvolumen) wegen der einfachen Berechenbarkeit und Verfügbarkeit als Leading Indicator (Frühindikator) bei der kurzfristigen Betrachtung des Produktivitätsfortschritts verwendet.

Kündigungsproduktivität als Ursache

Schon der leider zu früh verstorbene ehemalige Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Mitglied des Sachverständigenrats, Horst Siebert, hat bereits vor Jahren vor Interpretationsproblemen bei kurzfristigen Änderungen der Arbeitsproduktivität gewarnt. Wenn Unternehmen im Zuge einer Rezession massiven Personalabbau betreiben, dann führt dies dazu, dass, wenn die Wertschöpfung nicht in gleichem Umfang sinkt, die Arbeitsproduktivität steigt. Er hat damals den Begriff der Kündigungsproduktivität für diesen Effekt verwendet.

Mithin ist ein erheblicher Teil des jetzt in den USA beobachteten Produktivitätswunders schlicht der Kündigungsproduktivität durch massenhaften Personalabbau insbesondere auch in der US-Industrie geschuldet. General Motors und Chrysler sind hierfür anschauliche Beispiele. Wenn Werke geschlossen werden, die ihre Kapazitäten nicht ausgelastet haben und das Personal entlassen wird, dann wird aus Sicht des Unternehmens die Profitabilität gesteigert und die Produktivität erhöht. Wenn im Gegensatz dazu wie derzeit in Deutschland das Personal nur auf Kurzarbeit gesetzt wird, weil man hofft zu einem späteren Zeitpunkt die Produktion dann wieder rasch hochfahren zu können, dann sinkt die Arbeitsproduktivität.

Mithin zeigen sich in den kurzfristigen Änderungen der Arbeitsproduktivität der unterschiedliche Umgang mit der Rezession. In den USA wurde bereits in den zurückliegenden Monaten ein passiver Personalabbau betrieben. Die übrigen Mitarbeiter mussten dafür meist höhere Arbeitsleistungen erbringen, um die Produktion trotz sinkender Leistung zu günstigeren Produktionskosten aufrechtzuerhalten. Dies zeigt sich in den USA auch in den sinkenden Lohnstückkosten. Lohnverzicht und steigende Arbeitsbelastungen der verbliebenen Belegschaften sind also eine der wesentlichen Quellen des amerikanischen Produktivitätswunders. Mithin sind die Unternehmen lean and mean, das heißt schlank und gemein, geworden. Selbst Microsoft und Google haben einen deutlichen Personalabbau im Zuge der Krise vorgenommen.

In Deutschland wurde dagegen mit staatlicher Unterstützung dieser Beschäftigungsabbau herausgezögert. Durch Kurzarbeitergeld wurden Belegschaften über das unmittelbar erforderliche Maß weiterbeschäftigt. Die Folge die Arbeitsproduktivität sinkt in Deutschland während sie in den USA steigt.

Ist die Anpassung der Kapazitäten immer von Vorteil?

Nun wird es zahlreiche Kommentatoren geben, die einen drastischen Kapazitätsabbau und steigende Arbeitsproduktivität als wesentlichen Wettbewerbsvorteil für die amerikanischen Unternehmen gegenüber beispielsweise denen der deutschen Industrie ansehen. Wegen günstigerer Kostenstrukturen sind sie statistisch gesehen jetzt deutlich wettbewerbsfähiger als die Deutschen. Allerdings ist dies auch dann ein Fehlschluss, wenn die geschrumpften Unternehmen bei einem Wiederanstieg der Nachfrage aufgrund der gesunkenen Produktionskapazitäten ihre Produktion nicht rasch genug ausweiten können. Fabriken und Anlagen können nicht von heute auf morgen wieder hingestellt werden und sofort die potentielle Nachfragelücke schließen. Es kann also vorkommen, dass andere Unternehmen – wie beispielsweise aus Deutschland – zwar vorübergehend einen Produktivitätsnachteil gegenüber ihren amerikanischen Konkurrenten hinnehmen müssen, aber aufgrund ihrer weiterhin vorhandenen hohen Produktionskapazitäten einen raschen Nachfrageanstieg auch unmittelbar aufgrund der vorhandenen niedrigeren Kapazitätsauslastung auch befriedigen können. Langfristig kann sich daher ein radikales “Grundschrumpfen” als fatal erweisen. Man ist so schlank geworden, dass man bei einem raschen Nachfrageanstieg nicht schnell genug die zusätzliche Nachfrage bedienen kann. Kapazitätsreserven sind daher je nach Marktlage einmal ein Produktivitätsnachteil oder auch ein Produktivitätsvorteil.

Sollte das Produktivitätswunder nur aufgrund der rascheren Anpassung der Kapazitäten zustande gekommen sein, dann könnte dies auch ein Hinweis für eine zukünftige Angebotsschwäche darstellen. Rasch steigende Nachfrage bei unelastischem Angebot führt jedoch entweder zu Marktanteilsverlusten der amerikanischen Industrie und/oder auch zu höherer Inflation. Weil eine Übernachfrage nicht zu den bisherigen Preisen bedient werden kann, werden Preissetzungsspielräume der Unternehmen von ihnen genutzt. Die Unternehmensgewinne steigen dann zwar, aber zu Lasten der Kunden. Die müssen sich mit steigenden Preisen und längeren Lieferfristen auseinander setzen. Gesamtwirtschaftlich kann also eine Überreaktion bei der Kapazitätsanpassung sich durchaus als Nachteil erweisen. Ob die US-Wirtschaft letztendlich über das Ziel hinausgeschossen ist, wird sich im weiteren Verlauf der Wirtschaftsentwicklung in den kommenden Monaten zeigen. Bekanntlich lacht derjenige am Besten, der zuletzt lacht.

Massive Lohnsenkungen als Wachstumsstrategie?

Im Zuge der scharfen weltweiten Rezession ist es auch zu deutlichen Lohneinbrüchen gekommen. Wer froh ist überhaupt seinen Arbeitsplatz zu halten – auch um den Preis von Kurzarbeit oder weiteren Lohnverzicht – trägt selbstverständlich zu deutlich sinkenden Lohnstückkosten bei. Allerdings sind sinkende Arbeitseinkommen auch mit einem entsprechenden Rückgang der Konsumnachfrage verbunden. Wer weniger verdient hat in der Regel weniger Geld zum Ausgeben. Wenn daher die Lohnzurückhaltung besonders drastisch und auf breiter Front in der Gesamtwirtschaft ausfällt, dann führt dies unweigerlich auch zu einem sinkenden Konsum. Konsumschwäche ist jedoch eine maßgebliche Wachstumsbremse einer Wirtschaft. In den USA machte der private Verbrauch rund 70 Prozent der Gesamtnachfrage aus. Wenn daher die Nachfrage schwächelt, dann nützt den Unternehmen ihre gestiegene Arbeitsproduktivität wenig. Sie können zwar effizienter und aufgrund gesunkener Produktionskosten tendenziell billiger produzieren, aber dieses Angebot trifft auf eine zu geringe Nachfrage.

Deflation oder Stagflation oder Aufschwung?

Das Ergebnis wäre dann letztendlich Deflation. Um ihre Produkte noch absetzen zu können, müssen die Preise auf breiter Front gesenkt werden. Dies drückt dann wieder die zuvor bejubelten Gewinnmargen. Trotzdem bleibt die Nachfrage schwach. Mithin bei fortgesetzter Strategie kann dieses Unternehmensverhalten, so rational es aus einzelwirtschaftlicher Sicht erscheint, eine Rezession verlängern und sogar eine Deflationsspirale auslösen. Sinkende Löhne und Personalbbau führen zu sinkender Nachfrage und tendenziell bei funktionierendem Preiswettbewerb zu Deflation. Bei einer Überanpassung der Angebotsseite durch radikalen Kapazitätsabbau kann diese aber auch zu einer Stagflation wie zuletzt zu Beginn der 1980er Jahre in den USA führen. Obwohl die Produktion vor sich hin dümpelte stiegen die Preise rasch an. Überliquidität durch das Angebot der Zentralbank traf auf ein zu geringes Produktionspotential, das auch nur zögerlich ausgeweitet wurde. Manch einem der Optimisten könnte am Ende der Jubel über den sich jetzt abzeichnenden Aufschwung der US-Wirtschaft nach kurzer Zeit im Halse stecken bleiben. Wer jetzt schon auf einen starken Konjunkturaufschwung in der derzeit hoch fragilen Wirtschaftslage fabuliert, der kann rasch eines Besseren belehrt werden.

Photo Quelle/Copyright: Stephanie Hofschlaeger, via pixelio.de

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*