Gestern veröffentlichte das Statistische Bundesamt, die vorläufigen Wachstumszahlen für das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal 2009. Danach ist das BIP gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent gestiegen. Haben wir daher das schlimmste hinter uns? Kommt jetzt sogar der große Konjunkturaufschwung, wie einige Analysten meinen? [1] Es wird schon für 2010 bei einigen auf ein Wachstum von 3 Prozent spekuliert.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer
Wer jetzt – aufgrund dieser Meldung – vorschnell einen kräftigen Konjunkturaufschwung prognostiziert, könnte schnell wieder auf den Boden der Realitäten zurückgeholt werden. Ein Wachstum von 0,3 Prozent als aktuellste vorläufige Schätzung ist alles andere als bereits ein Signal, um bereits jetzt einen Konjunkturaufschwung zu feiern. Zum einen liegt dieser Anstieg in der Größenordnung statistischer Messungenauigkeiten beim BIP, zum anderen unterliegt die BIP-Messung insbesondere bei den Finanzdienstleistungen einem methodischen Problem, dass die BIP-Messung bei heftigen konjunkturellen Schwankungen diese tatsächliche Entwicklung dort unzureichend widerspiegelt.
FISIM verzerrt die BIP-Messung
Nach der FISIM-Methode, der indirekten Messung der Wertschöpfung der Finanzdienstleistungen, finden Wertberichtigungen hinsichtlich des Anlagevermögens der Finanzdienstleister bei der Ermittlung der Wertschöpfung schlichtweg nicht statt. Die Konsequenz daraus: Die globale Finanzkrise findet keinen adäquaten Niederschlag in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen.
Die Milliardenverluste der deutschen Banken und Versicherungen existieren bei der Berechnung der Wertschöpfung des BIP schlichtweg nicht. Eingang finden aber sehr wohl die Gewinne der Banken, auch wenn diese zu einem erheblichen Teil durch staatliche Finanzhilfen im Zuge der Überlassung von Staatsschuldverschreibungen zur Stärkung der Eigenkapitalbasis der Banken und durch Kapitalhilfen des Soffin zustande gekommen sind. Mithin zeichnet entsprechend das BIP in der derzeitigen Form zwangsläufig ein zu optimistisches Bild der tatsächlichen Lage. Dieser Problematik ist sich auch die EZB bewusst und hat bereits Studien in Auftrag gegeben, wie man hier Abhilfe schaffen kann.[3] Ergo ist große Vorsicht bei der Interpretation der BIP-Daten vor dem Hintergrund der globalen Finanzkrise geboten.
Exporte steigen im Juni deutlich an
Trotzdem deuten aktuelle Zahlen für den Export der deutschen Wirtschaft für den Monat Juni 2009 darauf hin, dass diese sich gegenüber dem Vormonat deutlich gebessert haben. Trotzdem lag der Export noch um minus 22,3 Prozent unter dem Vorjahreswert. Auch hier macht eine gewisse Hurra-Presse daraus einen sich abzeichnenden Exportboom der deutschen Wirtschaft. Mithin wird durch den Wechsel der Bezugsgrößen in einem wilden Durcheinander von Monatswerten, Jahresrate bzw. Quartalsgrößen ein Aufschwung zurechtgeschustert.
Das ist zwar nicht seriös, dienst aber einem Zweck: Stimmungsmache, Zweckoptimismus, insbesondere vor einer Bundestagswahl, bei der vermutlich eine konservative Mehrheit die Große Koalition ablösen könnte, soll den Wähler für einen solchen Wechsel geneigt machen.
Hinzu kommt, dass die Börsen schon eine gewaltige Put-Option hinsichtlich vorweggenommener Kurssteigerungen in die aktuellen Börsenkurse eingepreist haben. Sollte es nicht zu dem erhofften Aufschwung im kommenden Jahr kommen, dann droht ein deutlicher Kursrückschlag. Die Party wäre zunächst einmal vorüber. Mithin haben sie viele gute Gründe, jetzt das Stimmungsbarometer nach oben zu treiben.
Schade nur, dass die Wirtschaft – folgt man einer Redensart – nur 50 Prozent Psychologie sind und doch noch 50 Prozent in der Realität verankert ist. Diese 50 Prozent könnten im Herbst einigen Stimmungsmachern arg auf die Füße fallen.
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[1] Thomas Fricke et al.: Deutsche Wirtschaft startet durch, Meldung der Financial Times Deutschland vom 14. August 2009.
[2] Eichmann, W.: Finanzserviceleistung, indirekte Messung (FISIM). In: Wirtschaft und Statistik, Heft 7/2005, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 710–716
[3] Basu, S., Inklaar, R., Wang, C.: The Value of Risk: Measuring the Service Output of U.S. Commercial Banks. Working Paper 4/2008 der Federal Reserve Bank of Boston. Inklaar, R. J., Wang, C.: Not Your Grandfather‘s Bank Anymore? Consistent Measurement of Non-Traditional Bank Output. Paper präsentiert auf der SUERF Conference, (The European Money and Finance Forum) Conference: Productivity in the Financial Services Sector, Banque Centrale du Luxembourg, 11.–12. November 2008, Luxemburg
Leserbrief an die Financial Times Deutschland
Irrationale Wachstumsphantasien
Die gestrige Meldung des Statischen Bundesamts, dass nach Berechnung des Amts das reale Wirtschaftswachstum Deutschland im zweiten Quartal bei 0,3% gegenüber dem Vorquartal gelegen hat, führt derzeit zu Wachstumsphantasien in der Öffentlichkeit, die man nur als irrational bezeichnen kann. Schaut man sich nur die Pressemeldung mit dem gesamten Zahlenanhang genauer an, dann wird deutlich, dass erstens gegenüber dem Vorjahesquartal ein Rückgang des realen BIP um -7,1% zu verzeichnen ist. Selbst wenn man die Kalendereinfluss bereinigten Werte heranzieht, lag der Rückgang bei -5,9%. Der Kalendereinfluss wird dabei gegenüber dem Vorjahresquartal mit -1,3% angegeben. Erst nach Saison- und Kaldenderbereinigung ergibt sich dann der Zuwachs von 0,3%.
Nimmt man die Ursprungswerte des BIP in jeweligen Preisen, dann bedeuten 0,3% gegenüber dem Vorquartal laut Amt einen Anstieg um ganze 1,7385 Mrd. Euro = 0,003 * 579,5 Mrd. Euro. Wovon reden die Leute eigentlich?
Wenn einige meinen die Konjunkturprogramme der Bundesregierung insbesondere die Verschrottungsprämie seinen überflüssig gewesen, um diesen kärglichen “Ausschwung” zu erreichen, dann sollte man bedenken, dass allein für die Verschrottungsprämie insgesamt 5 Mrd. Euro eingesetzt worden sind. Dies hat zu einem Anstieg der Erstzulassungen gegenüber dem Vorjahreshalbjahr 2008 um 26,4% geführt. Gehen wir vereinfachend davon aus, dass wenigens 2 Mrd. Euro im zweiten Quartal 2009 durch Neuwagenkäufe eine entsprechende Zahlung der Verschrottungsprämie ausgelöst haben, dann zeigt dies bereits, dass alein diese Maßnahme ausgereicht hat, den winzigen Anstieg der BIP daraus herzuleiten. Berücksichtigt man, dass ja ein Neuwagenkauf zusätzliche Zahlungen als die 2,500 Euro erforderlich macht, dann dürfte der Multiplikatoreffekt das Vier- bis Fünffache dieses Werts erreicht haben. Mithin kann man mit Fug und Recht schlussfolgern ohne die Verschrottungsprämie wäre aller Voraussicht nach ein Rückgang des BIP im zweiten Quartal eingetreten. Nimm man die Verlängerung der Zahlungen des Kurzarbeitergeldes etc. hinzu, dann sähe es noch sehr viel finsterer aus.
Es überrasch daher außerordentlich, wie aus diesen harten Fakten ein kräftiger Wirtschaftsauschwung der deutschen Wirtschaft von bis zu 3% im kommenden Jahr herbeigeredet wird. Eigentlich sollten die Wirtschaftsredakteure der Wirtschaftspresse, die sich zu solchen Äußerungen und Spekulationen hinreißen lassen, besser ihre Hausaufgaben machen.
Dr. Georg Erber, Berlin