“frau aktuell”: Dr. Gerhard rät
Artikel von Rolf Ehlers vom 16.08.2009, 10:41 Uhr im Ressort Wissenschaft | 2 Comments
Im Urlaub bekomme ich manchmal die seltsamsten Zeitschriften in die Finger. Da kann ich mich aber doch wundern, wie gezielt die moderne Frau in den für sie geschriebenen bunten Blättchen medizinisch aufgeklärt wird. Beispiel: Der auch als Fernseharzt bekannte [1] Dr. Günter Gerhard klärt über den Spannungs-Kopfschmerz auf. („Was Siedagegen tun können“, frau aktuell, Heft 33 vom 5.8.2009, S. 42 ff.)
Eine Information voller Licht und Schatten
Erst einmal beeindruckend ist die akribische Unterteilung der verschiedenen Kopfschmerzarten. Viele, auch Experten, reden immer nur von Migräne. Dabei kann man bei den Schmerzsymptomen wirklich Unterschiede feststellen.
Episodischer und chronischer Spannungskopfschmerz
Das ist der häufige Spannungskopfschmerz, an dem jeder zweite Erwachsene regelmäßig leiden soll. Ihn gibt es in der episodischen Form mit bis zu 15 Anfällen im Monat und in der chronischen Form, die noch mehr Anfälle zählt. Der Spannungskopfschmerz geht vom Nacken aus und zieht sich bis in die Stirn.
Migräne
Dr. Gerhard nennt die Migräne eine andere Form der „Kopfschmerzerkrankung.“ Aber sind die Schmerzen nicht nur Symptome und nicht die Krankheit? Dazu später mehr. Wie auch immer, die Migräne ist auch sehr häufig. Typischerweise tritt sie immer nur auf einer Kopfseite auf. „Der Schmerz ist pulsierend, pochend oder stechend.” Er beginnt im Nacken und strahlt bis zu Stirn und Schläfe.
Cluster-Kopfschmerz, der schlimmste von allen
Meist im Frühjahr oder Herbst kommt der Schmerzanfall früh morgens und quält besonders im Augen-, Stirn- und Schläfenbereich.
Dr. Gerhards Erklärungen
Beim Spannungskopfschmerz soll „Spannung, z.B. psychischer Stress“, „eine große Rolle spielen.“ Auch wenn nicht alle Menschen mit Schmerz auf Stress reagieren. Dr. Gerhard beruft sich auf unbenannte „Forscher, die vermuten, dass bei Betroffenen zusätzlich eine Störung der körpereigenen Schmerzabwehr vorliegt.“ Das Gehirn kenne eine immanente´„Wichtigkeitskontrolle” für alle unsere Wahnehmungen Was in diesem unbewussten Filter als nicht wichtig eingestuft würde, käme gar nicht erst ins Bewusstsein. Dieses System sei auf das Vorhandensein des wichtigen Botenstoffes Serotonin angewiesen. Sei das Gehirn damit unterversorgt, könnten selbst kleine Schmerzreize die Filter passieren. Die Folge: der Kopfschmerz. Dr. Gerhard behauptet, dass normalerweise die Serotoninspeicher im Gehirn gut gefüllt seien. Stress, aber auch verspannte Nackenmuskeln, Alkohol und Nikotin könnten ihn aber leeren und die Schmerzfilter offen halten.
Vorschläge zur Therapie: Autogenes Training, Medikamente, Psychopharmaka …
Spannungskopfschmerzen sollen ein Alarmsignal sein für krank machenden Dauerstress. Dieses Signal sollte man nutzen und Ruhe in sein Leben bringen, z.B. durch autogenes Training oder ein Anti-Stress-Training. Dadurch würde nicht nur Stress abgebaut, auch der Serotoninspeicher fülle sich wieder auf! Ausdauersportarten hätten dieselbe Wirkung.
Je nach Art des Kopfschmerzes setzt Dr. Gerhard auf ärztlich verschriebene Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Acetylsalzilsäure (Aspirin, ASS), Paracetamol, Naproxen oder Ibuprofen oder – bei chronischen Schmerzen - auf Antidepressiva und - bei Migräne und Clusterkopfschmerz - auf Medikamente mit dem Wirkstoff [2] Triptane. Letztere sind Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die das im Gehirnwasser einmal vorhandene Schmerzkontrollhormon Serotonin an der natürlichen Wiederaufnahme in den Körper hindern und dazu zwingen immer und immer wieder an seinen Rezeptoren zu agieren,
Kritik
Dr. Gerhards Erklärung, dass das Schlüssel- und Schmerzkontrollhormon Serotonin vorhanden sein müsse, damit eingetretene Störungen bei entsprechender Veranlagung des Menschen nicht Schmerzreaktionen hervorrufen, entspricht dem Stand der Wissenschaft. Es ist dabei nicht entscheidend, ob wirklich Störungen vorliegen, die wegfilterbar sind oder ob – was ich vermute – äußere Ereignisse bei Bestehen einer ausgeglichenen mentalen Hormonlage mit guter Verfügung über das zentrale Hormon Serotonin gar nicht erst als Störungen ankommen. Wenn man will kann man von „gutem“ Eustress reden, der nicht verzweifeln lässt, sondern zum Handeln anregt und von „schlechtem“ Distress, der je nach Veranlagung beim einen Menschen Kopfschmerzen hervorruft, beim anderen Depression, Angst, Zwang, Phobie oder Manie. Allein Serotonin ist in der Lage, die vielfach beschriebene schreckliche Stresskaskade, die durch das Aufschaukeln der Hormone CDH, Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin aufgebaut wird, herunter zu fahren. Mentale Techniken (s. [3] 1 und [4] 2)können hilfreich sein, vorhandenes Serotonin zum Einsatz zu bringen und die Stresswirkungen zu begrenzen.
Die Serotoninspeicher können aber, anders als Dr. Gerhard das schlicht behauptet, niemals durch psychische Einflüsse wieder aufgefüllt werden. Das würde ja heißen, dass unsere psychischen Kräfte so weit gingen, dass sie dort wo nichts ist - nicht einmal die nötigen molekularen Bausteine einschließlich der prozessualen Cofaktoren - Hormone synthetisieren könnten. Das wäre nicht weniger ein Wunder wie wenn Jesus wirklich über den See Genezareth gewandelt und er und Maria gen Himmel gefahren wären.
Ebenso einfach dahingesagt ist die Erklärung von Dr. Gerhardt, dass „unsere Hormonspeicher im Gehirn normalerweise …immer gut gefüllt“ seien. Hat er sich je damit befasst, welche Stoffe sämtlich im Hirnstamm vorhanden sein müssen, damit dort das Neurohormon Serotonin aufgebaut wird? Ohne den Hauptbaustein L-Tryptophan wird daraus nichts, der aber kann nicht einfach so gegessen werden. Er hat vertrackte Wege durch den Körper zu machen, die er nur findet, wenn die richtigen Nährstoffe zur richtigen Zeit konsumiert werden. Nichts geht ohne Folsäure, Vitamin C, Vitamine B1, B6 und B12, Zink, Magnesium, Mangan und Omega-3-Fettsäuren. Wie gesagt, die Psyche kann diese Baustoffe und Hilfsmittel nicht heranschaffen! Jeder kann sich leicht ausmalen, dass bei unseren heutigen Essgewohnheiten kaum jemand regelmäßig genügend von diesem wichtigen Steuerstoff ins Gehirn bekommt. Ich habe wiederholt meine [5] Entdeckung eines sicheren Weges zur körpereigenen Synthese zerebralen Serotonins geschildert, sodass ich hier gern auf die Wiederholung verzichten kann. Aber warum berät Dr. Günter sein Frauenklientel so unzureichend? Ob es daran liegt, dass er einen Weg finden wollte, auf ein paar Handelsnamen von [6] mehr als fragwürdigen Schmerzmitteln zu kommen und auf die nicht ungefährlichen Antidepressiva und Triptane, die in der Praxis viel zu leichtfertig verabreicht werden?
So kann sich die tüchtige Hausfrau nicht einmal im Urlaub zurücklegen und sich entspannen, ohne zusammen mit ein paar netten Informationen über die Einteilung von angeblichen Krankheiten von der Werbemaschinerie der Pharmakonzerne vereinnahmt zu werden.
Hinter der ganzen Darlegung über die angeblichen unterschiedlichen Kopfschmerzerkrankungen steckt der häufige Fehler der allopathischen Medizin, Symptome von körperlichen oder psychischen Störungen zu behandeln statt die Krankheiten selbst. Schon schlimm genug, dass den Gründen für die gesundheitlichen Unregelmäßigkeiten nicht nachgegangen wird. Absurd wird es aber dann, wenn wie bei Dr. Gerhard die Symptome selbst die Krankheiten sein sollen. Dann versteht es sich ja von selbst, dass man wie die Schulmedizin meist eben nur die Symptome behandelt. Dabei ist es am Ende so einfach und aus den anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen leicht abzuleiten: Kopfschmerzen wie andere Schmerzen entstehen, wenn es am zerebralen Schmerzkontrollhormon Serotonin fehlt, beim einen hinten am Kopf beim andern vorne, beim Dritten in den Muskeln, ein Vierter wird depressiv, entwickelt Zwangsstörungen, Ängste, Manien, Phobien oder kommt gar auf Gedanken an Selbstmord. Der Grund ist immer der Eine: ein Mangel am lebensnotwendigen zentralnervösen Steuerstoff Serotonin.
Anders als in Amerika, wo die Industrie viele Jahre lang mit viel Aufwand, wenn auch am Ende ohne ausreichendes Ergebnis, versucht hat, L-Tryptophan und 5- HTP als Medikamente zur Förderung der Serotoninverfügung zu vermarkten und damit auf den häufigen Serotoninmangel aufmerksam gemacht hat, gibt es in Deutschland erst wenige Menschen und selbst Ärzte, die darüber Bescheid wissen und sich die Welt dann eben auf selbstgestrickte Weise erklären. Wenn die fehlende Information aber so selektiv und unzutreffend unter die Leute gebracht wird wie in den meisten Frauenmagazinen üblich, ist das eher ein Schaden als eine Hilfe für die armen Betroffenen.
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2009/08/16/frau-aktuell-dr-gerhard-raet/
Links im Artikel:
[1] Dr. Günter Gerhard: http://www.drgerhardt.de/
[2] Triptane: http://de.wikipedia.org/wiki/Triptane
[3] 1: http://www.readers-edition.de/2009/01/23/replik-zu-think-pink-was-bringt-eigentlich-positives-denken
[4] 2: http://www.readers-edition.de/2009/07/02/neue-hilfen-aus-der-psychologie-modellfall-mein-ich-gewicht
[5] Entdeckung: http://www.readers-edition.de/2009/03/26/replik-serotonin-das-wundermittel-wissenschaft-u-n-d-heilsv
ersprechen
[6] mehr als fragwürdigen Schmerzmitteln: http://www.readers-edition.des.https://www.readers-edition.de/2008/04/09/lebensgefaehrliche-schmerzt
abletten