Ökonomie und Mathematik

Ich habe heute in meinem Email-Postfach einen Offenen Brief von zehn britischen Ökonomen an die Queen gefunden. Es geht dabei um eine Stellungnahme auf die Frage der Königin an die Gemeinschaft der akademischen Ökonomen in England bei einem Besuch der London School of Economics (LSE), warum es so wenige Ökonomen

Ich habe heute in meinem Email-Postfach einen Offenen Brief von zehn britischen Ökonomen an die Queen gefunden. Es geht dabei um eine Stellungnahme auf die Frage der Königin an die Gemeinschaft der akademischen Ökonomen in England bei einem Besuch der London School of Economics (LSE), warum es so wenige Ökonomen gegeben habe, die die globale Finanz- und Wirtschaftskrise vorhergesehen hätten. Insbesondere das Problem der Kreditklemme sei offenbar völlig ignoriert worden.

The Majesty the Queen und ihre Frage an die Wirtschaftswissenschaftler

Die Queen nahm kein Blatt vor den Mund.

During a visit to the London School of Economics on 5 November 2008 Queen Elizabeth II queried Professor Luis Garciano on the size of the debt problem that led to the credit crunch: “If these things were so large, how come everyone missed them?” Pressing her point, she continued: “Why did nobody notice it?” Professor Garciano replied: “At every stage, someone was relying on somebody else and everyone thought they were doing the right thing.” The Queen described it as “Awful”.

Sie hat dabei in Großbritannien eine Debatte über Fehlentwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften losgetreten.

Die Antwort der Mainstream-Ökonomen

In einem Antwortschreiben wird einmal von so genannten Mainstream-Ökonomen das Versagen auf fundamentale Irrtümer über das Verhalten von Bankmanagern zurückgeführt,

“But against those who warned, most were convinced that banks knew what they were doing. They believed that the financial wizards had found new and clever ways of managing risks. Indeed, some claimed to have so dispersed them through an array of novel financial instruments that they had virtually removed them. It is difficult to recall a greater example of wishful thinking combined with hubris.”

Im Kern wird dabei darauf verwiesen, dass die Einzeldisziplinen der Wirtschaftswissenschaften das Verständnis über das Verhalten eines Gesamtsystems globaler Finanzmärkte verloren haben.

“So in summary, Your Majesty, the failure to foresee the timing, extent and severity of the crisis and to head it off, while it had many causes, was principally a failure of the collective imagination of many bright people, both in this country and internationally, to understand the risks to the system as a whole” (ebenda)

Spezialisierung und blindes Vertrauen auf die Annahmen einer Theorie rationalen Handelns auf Basis des homo oeconomicus, haben die Gemeinschaft der Wissenschaftler nach Ansicht der Mainstream-Ökonomen blind für das Problem kollektiver Systemrisiken gemacht.

Die Anwort von Abweichlern vom Mainstream

In einem zweiten Schreiben werden jetzt andere Aspekte für das Versagen der Zunft mitverantwortlich gemacht. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Kritik an der Stellungnahme der Mainstream-Ökonomen, mit denen sind sich auch diese Autoren weitgehend einig, dass es hinsichtlich der von ihnen gegebenen Irrtümer der Zunft große Gemeinsamkeiten gibt, aber sie legen den Schwerpunkt ihrer Kritik noch auf andere Entwicklungen, die hierzu maßgeblich beigetragen haben.

“In addition to the factors mentioned in their letter, we suggest that part of this responsibility lies at the door of leading and influential economists in the United Kingdom and elsewhere. Some leading economists – including Nobel Laureates Ronald Coase, Milton Friedman and Wassily Leontief – have complained that in recent years economics has turned virtually into a branch of applied mathematics, and has been become detached from realworld institutions and events.”

Der Vorwurf richtet sich gegen den Primat der Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften. Das Versagen besteht aus Sicht dieser Autoren darin, dass große Teil der akademischen Wirtschaftswissenschaften zu mathematischen Glasperlenspielen verkommen sind. Eine reine abstrakte mathematische Modellökonomie hat sich an den Universitäten und wirtschaftwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen etabliert, die sich bewusst von der empirischen Wirtschaftsforschung abschottet.

Ein mathematischer Ökonom erwirbt seine Reputation in der Regel dadurch, dass er anhand eines ungeprüften Axiomensystems über das Verhalten von Wirtschaftssubjekte eine endogene Modellanalyse vornimmt, das heißt aus diesen Grundannahmen Schlussfolgerungen ableitet, die Allgemeingültigkeit beanspruchen. Wie der Satz von Pythagoras können so universell gültige, das heißt raum-zeitlich-unabhängige, mathematische Modellanalysen durchgeführt werden. Um dieses Ziel zu erreichen sind allerdings diese Modelle auf ein Bündel von vereinfachenden Annahmen angewiesen.

Universell sind daher diese Modelle nur dann, wenn die Grundaxiome dieser Modelle universelle Gültigkeit beanspruchen können. Leider ist dies in der Regel gemessen an der empirischen Wirklichkeit meist nicht der Fall. Die Wirklichkeit ist komplexer und damit in der Regel auch weniger vorhersehbar als die Ergebnisse in einer heilen weil vereinfachten Modellwelt. Mithin unterliegt im Kampf zwischen mathematischer Schönheit und Eleganz und der weniger dem Prinzip der Einfachheit genügenden Wirklichkeit auf Komplexität und Interdependenz letztere im akademischen Wettbewerb. Es ist nicht zufällig, dass Kritikern wie Nouriel Roubini – nickname: Dr. Doom – von IMF-Ökonomen vorgeworfen wurde, dass er kein schlüssiges Gesamtmodell vorweisen könne, um die von ihm erwartete globale Finanzkrise auch durch eine entsprechende Modellanalyse belegen zu können.

Selbst wenn Modelle vorliegen, die ein Marktversagen beispielsweise von Finanzmärkten oder staatlichen Institutionen wie dem Staat bei der Theorie des fiskalischen Preisniveaus, das heißt einen Zusammenhang von Inflation und Staatsdefiziten, analysieren, werden diese Analysen wegen “falscher” Annahmen von der Zunft der Mainstream-Ökonomen zurückgewiesen.

Dogmatik hinsichtlich der Postulate von Gleichgewicht und Effizienz

Mit der Präferenz für das Postulat flexibler Märkte werden Analysen, die Marktversagen konstatieren in einer Vielzahl von Fällen als speziell und auf willkürlichen Annahmen basierend zurückgewiesen. Ähnlich hätte man in der Physik der Einsteinschen Relativitätstheorie zurückweisen können, da sie auf unrealistischen Annahmen wie der Raumkrümmung basiere, die mit der euklidischen Geometrie unvereinbar sei.

Da mathematische ökonomische Modelle sich in der Regel oftmals einer empirischen Überprüfung entziehen, kann in großen Teilen der Wirtschaftswissenschaften ein mathematischer Modellplatonismus umsichgreifen.

Originalität und Spezialisierung

Hinzu kommt der Zwang zur Originalität. Wer in der Zunft Karriere machen möchte, muss originäre Fragestellungen oder zumindest Modellergebnisse vorweisen können, die mit den bisherigen unvereinbar sind. Wolfgang Wiegard hat einmal im Rahmen des vom Bundesministerium für Finanzen finanzierten Projekts “Frontiers in Economics” einmal sarkastisch festgestellt, dass ein Großteil der akademischen finanzwissenschaftlichen Literatur darin bestünde, unter unrealistischen Annahmen Ergebnisse zu produzieren, die – weil mit der Realität scheinbar in Widerspruch stehend – als Paradoxien in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlich werden können. Dies sind jedoch Symptome einer wachsenden Scholastik im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Spezialisierung auf immer engere Forschungsfragen führen dabei zu einer Ausgrenzung globaler Systemzusammenhänge.

Mikroökonomie und der Verlust des Sytemdenkens

Mikroökonomen leben von der Illusion des perfekten individuellen Entscheidungsträgers, der seine Entscheidungen aufgrund seiner individuellen Präferenzen, völlig autonom vom Rest der Gesellschaft fällt. Mit der Mikrofundierung der Makroökonomie sind unabhängig vom Individualkalkül gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge auch aus der Makroökonomie als unzulässige willkürliche Annahmen verbannt worden. Systemzusammenhänge ergeben sich nur aus der Aggregation der Entscheidungskalküle der Individuen. Rückwirkungen von Ergebnissen von inkonsistenten Einzelentscheidungen in Form von Makroinkonsistenzen werden durch gängige Marktanpassungsprozesse zu einem asymptotischen Marktgleichgewicht eliminiert.

Asymptotische Gleichgewichte und aktuelle Ungleichgewichte

Zwar wagte Keynes einmal gegen diese Denkungsart einmal einzuwenden, dass “on the long-run  we are all dead” mithin eine asymptotische Konvergenz an einen fiktiven Gleichgewichtszustand wenig hilfreich für die Analyse von Ungleichgewichtszuständen ist, aber da Krisen in der Wirtschaft in der Regel seltener vorkommen als vergleichsweise ruhigere Phasen der Wirtschaftsentwicklung tendiert die Zunft immer wieder zu einer Rückkehr zum Modell des allgemeinen wirtschaftlichen Gleichgewichts. Da dieses Krisen jedoch ex definitione von vornherein ausschließt, bleibt eine solche Sichtweise für die Prognose von Krisen untauglich. Wer an die Effizienz der Märkte glaubt, der empfindet Krisen aufgrund von Marktversagen als überflüssige Störung seiner wissenschaftlichen Gewissheiten. Man beschränkt sich darauf diese nach Möglichkeit solange zu ignorieren bis sie hoffentlich rasch vorbei sind.

Ökonomische Krisen als exogene Schocks

Eine Theorie und Empirie ökonomischer Krisen findet sich daher auch nicht mehr in den Curricula der wirtschaftwissenschaftlichen Bildungskanons. Krisen der Wirtschaft werden dann nur noch als außerökonomische Schocks angesehen. Nicht die Ökonomie versagt, sondern außerökonomische Ereignisse stören den ruhigen und gleichmäßigen Verlauf des Wirtschaftsgeschehens.

Die Probleme der Mainstream-Ökonomie werden dann besonders offensichtlich, wenn es um die Analyse von ökonomischer Entwicklung geht. Schumpeters Theorie der permanenten kreativen Zerstörung der Marktverhältnisse durch innovative Unternehmen, hat sich bisher zu einem erheblichen Teil einer erfolgreichen Mathematisierung entzogen. Disruptive Innovationen, die die Entwicklungsperspektive ganzer Industrien und Wirtschaftszweige oder sogar der ganzen Wirtschaft nachhaltig verändern, sind mit dem herkömmlichen Instrumentarium der Wirtschaftstheorie nicht analysierbar. So werden regelmäßig die Potentiale neuer Basisinnovationen falsch eingeschätzt und im Rahmen traditioneller Analysen völlig ignoriert bzw. als exogene Faktoren der ökonomischen Analyse entzogen. Es gibt sie zwar, aber ein Ökonom hat nicht viel dazu zu sagen. Technischer Fortschritt oder Präferenzänderungen der Wirtschaftssubjekte bleiben in der Regel exogen. Technologische Revolutionen einschließlich Finanzinnovationen sind so nicht angemessen analysierbar. Ebenso können rasche Präferenzänderungen nicht ökonomisch erklärt werden, sie fallen mehr oder weniger wie Manna bei den griechischen Göttern vom Himmel. Wer also erwartet, dass die ökonomische Zukunft grundlegende Korrekturen an ihrem Wissenschaftskonzept und Forschungsprogramm vornimmt, der könnte am Beharrungsvermögen seiner Repräsentanten scheitern. Man hat sich behaglich in ein Denksystem zurückgezogen, dass solche wissenschaftlichen Revolutionen ausschließt. Man kann später wunderbar erklären warum es zu einer Krise gekommen ist, aber man kann sie schlicht und einfach nicht vorhersagen. So einfach ist das.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*