Ökonomie: Einfache Heuristiken, die einen schlau machen können

In der Ökonomie herrscht eine Neigung zu scheinbaren Totalmodellen der Wirtschaft, die aber in Wahrheit höchst speziell hinsichtlich der gesetzten Grundannahmen sind. Die allgemeine Gleichgewichtstheorie erhebt ja den Anspruch, alles Wesentliche über das Marktgeschehen zu berücksichtigen. Der Urgroßvater dieses Analyse ist Leon Walras. Sein Grundgedanke besteht darin, ein Gleichungssystem für

In der Ökonomie herrscht eine Neigung zu scheinbaren Totalmodellen der Wirtschaft, die aber in Wahrheit höchst speziell hinsichtlich der gesetzten Grundannahmen sind. Die allgemeine Gleichgewichtstheorie erhebt ja den Anspruch, alles Wesentliche über das Marktgeschehen zu berücksichtigen. Der Urgroßvater dieses Analyse ist Leon Walras. Sein Grundgedanke besteht darin, ein Gleichungssystem für sämtliche Märkte hinsichtlich der Angebots- und Nachfrageseite aufzustellen und die Bedingungen so zu setzen, dass es nur ein globales Gleichgewicht, das heißt eine einzige Lösung für dieses Gleichungssystem gibt.

Diesem Denkansatz ist die moderne neoklassische Ökonomie bis heute treu geblieben. Um einen dynamischen Anpassungsprozess an diese Marktgleichgewichtslösung zu erreichen, wurde von Walras der Auktionator eingeführt, der durch Verkündung einer Liste für sämtliche zu bestimmenden Marktpreise des Systems iterativ eine Marktgleichgewichtslösung mit den Marktteilnehmern aushandelt. Soweit die Theorie. Mathematisch ist ein solcher iterativer Anpassungsprozess jedoch keineswegs trivial herzustellen.

Die französische Schule der Ökonomie

In Frankreich hatte man schon immer eine große Vorliebe für mathematische Theorien in der Ökonomie wie auch in der Mathematik. Man wollte einen total deduktiven Aufbau sowohl der Wirtschaftstheorie wie auch der Mathematik erreichen. Trotzdem bereits Russel und Whitehead, zwei britische Mathematiker und Philosophen, mit dem Projekt, die Mathematik vollständig deduktiv in ihren Principles of Mathematics bzw. Principia Mathematica – das heißt aus einem Minimum an Grundannahmen – abzuleiten, gescheitert waren, fühlten sich die Ökonomen herausgefordert, dem axiomatischen Modell der Mathematik weiter nachzueifern. In Frankreich bemühte sich das Projekt Nicolas Bourbaki ebenfalls darum, eine axiomatisches System der Mathematik zu etablieren. Zwar hatte Gödel bereits zuvor gezeigt, dass eine vollständige Axiomatisierung der Mathematik logisch unmöglich sei, aber das ficht bekanntlich andere nicht an, dies trotzdem zu versuchen.

Diese Leidenschaft für das mathematische Modell der Ökonomie fand dann auch folgerichtig in Debreus Theory of Value, für die er den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, als endlich gelungene Fundierung der Wirtschaftstheorie als exakte, das heißt vollständig abstrakter und allgemeinster Wirtschaftstheorie ihren Niederschlag. Der Wert von Gütern bestimmt sich eben durch die Gleichgewichtslösung eines Vektors von Marktgleichgewichtspreisen à la Walras. Die möglichst allgemeinsten Bedingungen für die Lösung eines solchen Gleichungssystem mathematisch formuliert zu haben, das heißt die Wirtschaftstheorie weitgehend zu einem Gebiet der angewandten Mathematik gemacht zu haben, wurde als großer Durchbruch für die Etablierung der Wirtschaftswissenschaften als exakte Wissenschaft angesehen. Im Prinzip besteht Ökonomie dann darin, Gleichungssysteme von Angebots- und Nachfragefunktionen zu lösen. Man quälte sich daher seit den 1950er Jahren damit, ähnlich wie in der abstrakten Malerei die Wirtschaftstheorie auf ihre abstraktesten Grundelemente zurückzuführen. Bezeichnender Weise gelang es selbst Werner Hildenbrand nicht, das so genannte Gesetz der Nachfrage, das heißt: Ein steigender Marktpreis führt zwangsläufig zu einer sinkenden Nachfrage am Markt, mikroökonomisch befriedigend zu begründen. Er hatte zuvor Mathematik und Physik studiert. Dies wurde immer mehr zur Eintrittskarte für eine Universitätskarriere an den Universitäten. Die Wirtschaftsfakultäten bevölkerten sich zunehmend mit Mathematikern und Physikern, die ihre mathematischen Kenntnisse und Anwendungsfälle aus der Physik für die Ökonomie nutzbar machen wollten. Das Erkenntnisinteresse war dabei wie gesagt möglichst größte Abstraktheit und Allgemeingültigkeit.

Die Elite der Wirtschaftswissenschaftler besteht daher heute weitgehend aus Mathematikern oder Vertretern, die vorher in anderen naturwissenschaftlichen Fächern ihr Studium absolviert hatten. Wirtschaftswissenschaften waren am Ende nur dann wissenschaftlich, wenn sie sich mathematischer Modelle bedienten. Ohne mathematisches Modell keine Wirtschaftswissenschaft, so lautet das Kredo. Dabei spielt die Empirie, das heißt die Kontrolle anhand der Wirklichkeit in der Regel keinerlei Rolle mehr. Es geht vorrangig darum, anhand eines gewählten axiomatischen Systems die Widerspruchsfreiheit der klassischen daraus abgeleiteten Implikationen – eindeutige Marktlösungen, Tendenz zum allgemeinen Marktgleichgewicht, fallen Nachfrage- und steigende Angebotsfunktionen, etc. – herzuleiten. Wie ihnen schon Gödel hätte vor rund hundert Jahren sagen können, ist dieses Wissenschaftsprogramm wenig chancenreich. Aber man kann es ja trotzdem weiterhin probieren. Sysphos lässt grüßen. Das Ziel all dieser Bemühungen ist, die Behauptung von Adam Smith es gäbe einen automatischen Anpassungsprozess, der als unsichtbare Hand die Gesellschaft aufgrund der Marktprozesse zu einem idealen Marktgleichgewicht führt.

Leider ging im Zuge dieser Verallgemeinerung der größte Teil des empirischen Wirtschaftsgeschehens wie Wettbewerb unter Berücksichtigung von Marktmacht, Informationsprobleme, Unvollständigkeit der Märkte, Marktrigiditäten, etc. verloren. Die Liste der Kritikpunkte konnte ständig erweitert werden, aber alle Versuche dieses Denksystem zum Wanken zu bringen scheiterten, wie wenn man versuchen würde den Papst zum Atheismus zu bekehren.

Angelsächsischer Pragmatismus

Während die allgemeinen Gleichgewichtstheoretiker der Ökonomie sich um den mathematischen Beweis einer quasi-göttlich perfekten Marktordnung mühen, haben die Engländer als mehr an praktischen Ergebnissen und empirischen Tatsachen orientierte Ökonomen, sich mehr auf an praktisch anwendbares Wissen und Lehrsätze zu ökonomischen Sachverhalten konzentriert. Wicksteed ein früher englischer Ökonom, nannte dann auch sein Lehrbuch, Common Sense of Political Economy. Es ging um ein pragmatisches Vorgehen für das Verständnis von Phänomenen der Wirtschaft. Einer der herausragenden Nachfolger in dieser Tradition ist Alfred Marshall gewesen. Keynes und heute Paul Krugman sehen sich ebenfalls in dieser Tradition stehend. Man schert sich bei diesem Ansatz nicht um die Frage einer Axiomatik eines vollkommenen Gleichgewichts, sondern bekennt sich zu dem Forschungsansatz aus des Analyse eines konkreten Problems im Bereich der Wirtschaft durch empirische Untersuchungen zu einem grundlegenderen Verständnis der Zusammenhänge zu kommen. Modellbildung erfolgt eher induktiv, das heißt anhand stilisierter Fakten – so genannten stylized facts. Aus dem Zusammenhang und der Interaktion solcher stilisierter Fakten werden dann verallgemeinerte Schlussfolgerungen vorgenommen. Diese können erfolgreich sein, das heißt sich im Sinne von Popper bewähren, oder scheitern. Prognosen über wirtschaftliche Zusammenhänge sind nichts anderes. Beide Denkrichtungen stehen in einem ständigen Konflikt in den Wirtschaftswissenschaften.

Ähnliche Denkansätze finden sich in der Psychologie. Gigerenzer, ein deutscher Psychologe, hat anhand von Entscheidungsverhaltensstudien nachgewiesen, dass Menschen in komplexen Entscheidungssituationen sich einfacher Heuristiken bedienen, um schnell und effektiv Entscheidungen ohne größere zusätzliche Hilfsmittel treffen zu können. Der gesunde Menschenverstand analog zu Wicksteeds Common Sense, schafft einen besseren Zugang zu Verständnis menschlichen Verhaltens bei Entscheidungsproblemen als der Versuch dieses durch die Lösung eines komplexen mathematischen Gleichungssystems zu simulieren.

Heuristiken als Entscheidungshilfen

So konnte er anhand einfacher Beispiel demonstrieren, dass es einfache Heuristiken gibt, die konsequent angewandt, eine zielorientierte Handlung erfolgreich abschließen. Das klassische Beispiel ist das Fangen eines Balls wobei der Fänger zum Ball hinlaufen muss, um ihn erreichen zu können. Während ein Physiker versuchen könnte ein exaktes mathematisches Modell des Wurfprozesses zu modellieren, dann aufgrund der jeweiligen Daten den möglichen Punkt berechnen würde, an dem der Ball landen würde und daraus den Laufweg für den Fänger berechnen wollte, löste Gigerenzer das Problem dadurch, dass er als heuristische Regel vorschlug, dass der Fänger den Blick in einem konstanten Winkel zum fliegenden Ball ausrichtet und entsprechend seiner Wahrnehmung in diese Richtung läuft. Besteht die Möglichkeit für den Läufer den Ball zu fangen, dann kann er anhand dieser einfachen Regel das Problem erfolgreich lösen. Er braucht nichts über die physikalischen Bedingungen der Flugparabel des Balls wissen. Dieses intuitive Wissen wie man Probleme das Lebensalltags erfolgreich bewältigt, steht im klaren Gegensatz zu einer an abstrakt mathematischen Modellen orientierten Wirtschaftswissenschaft.

Erfolgreiche Prognose mittels Heuristiken und stilisierter Fakten

Ähnlich hat auch Nouriel Roubini seine Argumente für die sich abzeichnende globale Wirtschafs- und Finanzkrise formuliert. Er sammelte eine Reihe stilisierter Fakten wie beispielsweise rasante Ausdehnung des Kreditvolumens, rasant steigende Immobilienpreise, stetig sich ausweitende Handelsbilanzdefizite der USA, etc., um daraus zu folgern, dass diese Entwicklung zu immer größeren Ungleichgewichten irgendwann sich nicht länger fortsetzen lassen würde. Ebenfalls lehrt die Erfahrung, dass Spekulationsblasen, wenn sie platzen, dies nicht gemächlich, sondern schockartig tun. Mithin war es plausibel zu vermuten, dass es in absehbarer Zeit krachen würde. Natürlich konnte Roubini nicht exakt vorhersagen wann und wie und in welchen Ausmaß. Dies war jedoch für die mathematische Modellschule unter den Ökonomen ein hinreichender Grund seine Warnungen als unwissenschaftlich und damit unbegründet zu verwerfen. Da man selbst eine Krise auch nicht vorhersehen konnte, durften andere zumindest nicht wissenschaftlich begründet dies tun können. Mithin behauptet man strikt die Krise war generell unvorhersehbar. Der gesunde Menschenverstand von zahlreichen Ökonomen, die auf dramatische Fehlentwicklungen hinwiesen, reicht eben aus Sicht der wahren Wissenschaftler nicht aus. Es war eben in ihrem Sinne nicht hinreichend wissenschaftlich bewiesen. Wenn daher die Politiker oder die Queen von der mathematische Zunft der Wirtschaftswissenschaftler irgendein einen praktischen Ratschlag hinsichtlich Krisenprävention erhofft haben sollten, dann unterlagen sie zwangsläufig einem Irrtum. In der mathematischen Modellwelt der allgemeinen Gleichgewichtstheoretiker sind diese nicht vorgesehen. Um so schlimmer für die Realität, dass sie dem Weltbild dieser Zunft nicht entspricht. Man muss sie dann normativ versteht sich zu ihrem Glück zwingen. Was nicht passt wird eben passend gemacht. Die Wunderdroge hierzu heißt Deregulierung der Märkte. Die Märkte versagen will sie reguliert werden, darum müssen sie dereguliert werden. Punkt um. Dies steht zwar in krassem Gegensatz zu der aktuellen Diskussion, wo es um Regulierungsversagen wegen zu wenig Kontrolle über die Märkte geht, aber vielleicht beruhigt sich das Ganze wieder, und dann kann man ja weiterhin von der Deregulierung als Lösung aller Problem träumen. Träumen muss schließlich auch in der Wissenschaft erlaubt sein, bitteschön.

Kommentare

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  1. “Die Wunderdroge hierzu heißt Deregulierung der Märkte. Die Märkte versagen will sie reguliert werden, darum müssen sie dereguliert werden.”

    Schade Herr Erber bis kurz vor Ende ein guter Aufsatz wie ich meine.
    Der Markt der Derivate um den es bei dieser Krise vor allem geht war und ist nicht reguliert.
    Die Banken waren und sind ziemlich umfassend reguliert, aber was nutzen Regeln, wenn diese vor allen Dingen den Interessen der Banker dienen und nicht deren Kunden und wenn man diese durch geschickte Bilanzmanipulationen umgehen kann ?
    Stichwort Conduits …
    Freie Märkte gibt es schon lange nicht mehr, sind Krisen dadurch seltener geworden ? Was leider von den meisten Experten nur schwer akzeptierbar ist oder gerne vergessen wird, sind die kleinen Mängel in unserem Charakter. Tugend hat einen Preis, beim manchen einen Hohen, bei vielen ist dieser eher leicht bezahlbar. Regulierung braucht nicht nur intelligente Regeln und unbestechliche Kontrolleure sondern auch intelligente, nicht korrumpierbare Politiker. Wie soll das gehen ? Das System muß m.E. so umgestaltet werden, daß ein freier Markt das System nicht gefährden kann, also kleinere Banken, Trennung des Investmentgeschäftes und vor allem höhere Mindestreserven.