Wie einige Medien (unter anderem DIE WELT) diese Woche berichteten, kam es bundesweit zu einer Serie von Razzien in Chinesischen Restaurants durch Polizei und Zoll. Mit der Aktion sollte gegen chinesische Menschenhändler vorgegangen werden, die ihre Angestellten wie rechtlose Sklaven halten. Doch auch hierzulande gelten insbesondere im Niedriglohnsektor kaum noch faire Spielregeln für Arbeitnehmer. Disziplinargespräche im Fall von Krankschreibungen, Lohnbetrug und Ausbeutung sind auch für deutsche Arbeitnehmer Alltag.
Beispiel Krankschreibung: es drohen Disziplinargespräche
Vor allem im Niedriglohnsektor und bei gering qualifizierten Beschäftigten hat es sich inzwischen eingebürgert, im Falle einer Krankschreibung die Mitarbeiter durch einen Vorgesetzten zu Hause anrufen zu lassen – um „freundlich die gegenwärtige Belastungssituation zu schildern“ und „nachzufragen, ob der Mitarbeiter vielleicht bald wieder gesund ist“ – so ein Supervisor eines großen ostdeutschen Callcenters, der nicht genannt werden will. Aus einem ebenfalls in Ostdeutschland angesiedelten Reifenwerk ist inoffiziell bekannt, dass Arbeitnehmer bei der zweiten Krankschreibung im Jahr bei ihrem Vorgesetzten vorzusprechen haben, um diese zu begründen. Solcherlei klar rechtswidrige Maßnahmen könnten unter anderem erklären, warum im ersten Quartal 2009 der niedrigste Krankenstand seit gut vierzig Jahren erreicht wurde. Vorausgesetzt natürlich, man unterstellt, dass es sich hier nicht um Einzelfälle, sondern um flächendeckende Praxis handelt.
Unbezahlte Probearbeitszeit als Extremform der Ausbeutung
Eine trendige Boomvariante aktueller Ausbeutung ist die unbezahlte Probearbeit. Diese stellt inzwischen eine Art Pendant zum unbezahlten Ewig-Praktikum gut ausgebildeter Akademiker dar. Auch hier werden Arbeitslose mit einer bezahlten Festanstellung geködert – nicht selten, um sie nach mehreren Wochen nicht entlohnter Tätigkeit gegen andere Probearbeiter auszutauschen. Besonders verbreitet ist diese extreme Form von demütigender Entwertung menschlicher Arbeitsleistung im Dienstleistungsbereich und in der Gastronomie, vor allem also dort, wo eigentlich gar keine größere Einarbeitung notwendig ist. Flankiert werden solche Methoden meist durch de facto nicht erhältlichen Urlaub, unzulässig hohe Arbeits- und Überstundenzahlen und – mangelnde Konsequenzen. Leider zu Recht können Arbeitgeber davon ausgehen, dass insbesondere gering qualifizierte Mitarbeiter weder die Rechtslage wirklich kennen noch einen auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwalt finanzieren könnten. Von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt hat sich eine stillschweigende Akzeptanz rechts- und menschlichkeitsfreier Räume in der Arbeitswelt etabliert.
Die Entmenschlichung der Arbeit hat System
„…verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ gab Gott Adam bei der Vertreibung aus dem Paradies mit. Insofern könnte man meinen, in der Arbeitslandschaft in Deutschland seien inzwischen biblische Zustände erreicht. Zumindest sind wir definitiv aus dem Paradies der Sozialen Marktwirtschaft vertrieben, denn die Vertreter des Kapitalismus sehen nach dem globalen Untergang des Sozialismus offenbar keine dialektische Notwendigkeit mehr, der Arbeit noch ein menschliches Antlitz zu verleihen. Dies ist jedenfalls die These des Psychoanalytikers Horst Eberhard Richter im gestern veröffentlichten Spiegel-Interview („Der Kapitalismus ist krank“). Ungeachtet der Frage, ob man ein gesellschaftliches System mit pathopsychologischen Begriffen beschreiben kann oder ob – wie Richter vorschlägt – die Lösung der gegenwärtigen Humanitätskrise des Arbeitsmarktes darin besteht, Führungspositionen mehr mit Frauen zu besetzen (!?): Ausbeutung und die Entwertung menschlicher Arbeit haben längst System und durchziehen zahlreiche Branchen. Die durch Ver.di und NGG kürzlich ins Netz gestellte Seite www.dumpinglohn.de, auf der mit Hilfe von Arbeitnehmern eine Art Niedriglohnbarometer für Deutschland erstellt werden soll, zeigt bereits jetzt, dass es sich längst nicht mehr um bedauerliche Einzelfälle handelt. Vielleicht sollte es mal ein paar Razzien bei deutschen Unternehmen geben.
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Aber natürlich hat die Prekariseirung der Arbeit System! NIemand kann übersehen, dass “die da oben” schon weit damit fortgeschritten sind in ihrem Ziel “die da unten” zur Bedeutungslosigkeit zu stutzen. Dazu gehört es, gut bezahlte Arbeitsplätze einzuziehen und die, die zur Arbeit dann zugelassen werden, brutal auszubeuten.
Das ging doch schon vor ein paar Jahren soweit, dass an Universitäten wisenschaftliche Mitarbeiter ausgesondert wurden und dann im Rahmen von unterbezahlten Arbeitsamtsprogrammen die selbe Arbeit gegen Hungerlohn weitermachen zu dürfen.