Lyrileison – Neue Lyrik und deren kritische Betrachtung: Teil 30

Die Wahrheit als Schwester des Abscheus (Aus KINDER DES KRONOS 1983) Aufgereihet wie die Perlen an dem immergrünen Faden Und mit blitzenden Gewehren stolz das Bajonett erhoben Also steht das stramme Heer, eng sortiert wie Bücklinge, Den Geruch nach Räucherfischen, den lässt man vorerst noch missen. Die Tribüne ist geschmücket,

jenpho11111111111111121111111.jpgDie Wahrheit als Schwester des Abscheus (Aus KINDER DES KRONOS 1983)

Aufgereihet wie die Perlen an dem immergrünen Faden

Und mit blitzenden Gewehren stolz das Bajonett erhoben

Also steht das stramme Heer, eng sortiert wie Bücklinge,

Den Geruch nach Räucherfischen, den lässt man vorerst noch missen.

Die Tribüne ist geschmücket, traute Fahnen flattern rüber

Und der Chor der Eingeweihten räuspert sich an hehrer Stelle.

Plötzlich helle Stoßtrompete, Trommelwirbel wie zum Abschied

Und es tröten blanke Hörner, die mit Bändern man umwunden.

Am Balkone zeigt sich eine dicke bleiche Mannsperson,

Wirft mit blöder Handbewegung Zeichen in die trübe Menge.

Darauf antwortet im Chore fast ekstatisch diese Herde

Und mit hoch erhobnem Fuße schreitet Reih` um Reih` vorüber.

Trötet nur ihr blanken Hörner und ihr Trommeln rühret fleißig,

Wie einst Hannibal die Alpen mit dem Heer der Elefanten

Sinn los zog nach Rom und Pisa, wanken jetzt auch diese Männer,

Denn: im Schwung des ersten Angriffs ist der Rückzug schon enthalten.

Fragt man, die dabei gewesen, nach dem Sinne dieses Schauspiels,

Kann man eine Antwort hören, die dem Märchenbuch entnommen.

Während dessen stößt der Fette, dem das Ganze hat gegolten,

Seinem Nebenmann die Seite, dieser zwirbelt frisch den Schnurrbart.

Rastlos wie das Licht auf Blättern, wie der Mücke flinker Flugtanz

Lässt der gnadenlose Spieler sich die Lagekarte  zeigen,

Steckt mit bunten Nadelköpfen seinen Superfriedhof ab,

Und im Nebenzimmer lässt er seine pralle Blähung flieh`n.

Krault mit flehender Bewegung seine edle Siamkatze,

Krümelt ihr vom Honigkuchen ein paar saft`ge Brocken hin,

Aber selbst die Abendsonne, die den letzten Strahl versendet,

Schenkt ihm heute keine Ruhe und so greift er nach Tabletten. –

Später wundern sie sich alle, die zum Schauspiel war`n geladen

Und sie halten Gottesdienste in den hohen Domen ab,

Halten ab auch die Gedanken, die der Wahrheit schon so nahe,

Mit viel Umstand wird zerredet, wo ein wahres Wort am Platz wär`.

Wahre Worte könne immer, grad in unsrer Zeit gesprochen,

Aus dem Keller edler Herzen oder auch der Einfalt wegen,

Könnten, ach, so viel erreichen, hätten wir nur die Antenne,

Es zu hören, zu verstehen, was dem Menschen wirklich dienlich.

Klaus Grunenberg

Kritik

Im Stil der Romantik geschrieben, wirkt dieses Gedicht zugleich offen wie auch ironisch und es erinnert in etwa an Heinrich Heines Romanze “Atta Troll” und soll es wohl auch.

Immerhin ist es keine Tendenzdichtung und das Anliegen ist verständlich, denn es behandelt eine Situation, die sich so oder so ähnlich vorfand, sich aber wiederholen kann, ja in Wahrheit wiederholt stattgefunden hat und auch im Moment stattfindet.

Hier nun wird eine ganz spezielle Situation behandelt, das ist nämlich unsere fatale Deutsche Geschichte, die einmündete in Militarismus ohne Ende und sich verbeugte vor Macht (schon immer) und diese anbetete bis zur Erniedrigung, wie bekannt. Man drosch am Ende mit allem aufeinander ein, sogar mit dem Spaten. Die Macher standen daneben, davor und dahinter. Heine hatte gewarnt. Trompeten erweckten Aggression, ( Liszt), Opernmusik (Wagner) rief zu den Waffen. Trotzdem lieben wir diese Musik, romantisch wie wir sind und werden zu Unmenschen, wenn es ein muss.

Und all die Fragen an heute noch Überlende des Unglücks, die im Umkreis der Verantwortung standen, sind eigentlich dazu berufen, echte Reue zu ermöglichen. Doch meist verbreiten die Befragten Erhabenes, meist suchen und buhlen sie um Verständnis, wie erst jetzt in einem Wochenmagazin wieder zu lesen ist.

Schwamm drüber? Natürlich nicht! Es hilft nur die Wahrheit in der Rede. Unsere Väter, die wir liebten (und die es um Deutschland wagten und taten), waren sie auch Verbrecher?

Immer noch bleibt ein Rest an Fragen.

Ed Moercke

“Schwamm drüber?” Niemals! Und das mit den hohen Domen und den Gottesdiensten, die abgehalten werden, um vielleicht etwas abzuwaschen, abzulenken von allem, das gefällt mir besonders gut in diesem Gedicht, das ich irgendwann schon einmal gelesen habe.

Übrigens ist es erstaunlich, dass der Dichter das Dilemma mit den Darmwinden des Despoten aufgreift, es wurde erst später darüber berichtet und man muss sich die Generäle vorstellen, die den Geruch aushalten mussten. Das ist ja direkt faustisch gewesen im Bunker! Und die Andeutung mit der Siamkatze, die als Ersatz für den Schäferhund steht, ist ebenfalls gelungen, wie ich meine.

Dieses Gedicht ist nicht im üblichen einmal vierhebigen trochäischen Metrum der Romanze geschrieben, sondern im zwei mal vierhebigen, das macht aber nichts. Der Schwung ist da und die dadurch vermittelnde Anwesenheit und Teilnahme am Geschehen immer zu spüren, eine Warnung, die durch uns fahren möge.

Mark Beil-Ritzi

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Photo Quelle/Copyright: Jenzig71, via pixelio.de

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