Mehr Licht ins Dickicht

Das Buch von Marcel Reich-Ranicki Mein Leben (dtv 2000), das der aus Polen stammende Autor sechs Jahre lang als Selbstdarstellung seines Lebens geschrieben und erst mit 79 Jahren veröffentlicht hat, wurde in Deutschland automatisch zu einem Bestseller erklärt. Neun Jahre danach meldet sich nun der promovierte Historiker Gerhard Gnauck, geboren

wolk.jpgDas Buch von Marcel Reich-Ranicki Mein Leben (dtv 2000), das der aus Polen stammende Autor sechs Jahre lang als Selbstdarstellung seines Lebens geschrieben und erst mit 79 Jahren veröffentlicht hat, wurde in Deutschland automatisch zu einem Bestseller erklärt. Neun Jahre danach meldet sich nun der promovierte Historiker Gerhard Gnauck, geboren 1964 aus Warschau, wo er seit fast zehn Jahren als Korrespondent für “Die Welt” tätig ist, mit dem Buchtitel Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre (Klett-Cotta, Stuttgart 2009) zu Wort und versucht nach seinen eigenen Worten  “mehr Licht in das Dickicht” zu bringen.

Es ist immer spannend, wenn jemand über ein anderes Buch ein Buch zu schreiben wagt. In einem solchen Fall kommt selten Lob vor, und wenn, dann erst nach dem Tod des Autors. Die Spannung ist also groß: was kann zu einer politisch korrekten und dem Zeitgeist kompatibler Darstellung der Geschichte Neues gesagt werden? Zu lückenhaft und zu fleißig in der Bearbeitung seines Stoffes ist das menschliche Gedächtnis, stellt “Die Zeit” in ihrer Rezension (Feuilleton v. 25.6.09) unter dem markanten Titel Hauptmann von London fest. Es geht um die Lücken in einem individuellen Gedächtnis, die die Geschichte beeinflussen können, denn Geschichte wird schließlich nicht von Göttern geschrieben. Im Prolog zu Gnaucks Buch liest man schon – mit Skepsis oder Begeisterung eine Art Einführung zu einer sehr minutiösen Sezierung eines Lebenden:

“Wer hat sich nicht daran ergötzt: an der Sendungen des “Literarischen Quartetts”? Wer hat nicht darüber diskutiert: über die Autobiographie “Mein Leben”? Die Figur Marcel Reich-Ranickis hat in Deutschland Spuren hinterlassen. Sie hat in Polen, selbst in Israel zu Seufzern Anlass gegeben: “Schade, dass wir nicht auch so einen haben”. Nachdem er in Deutschland bereits `Literaturpapst` war, wurde er ein Medienstar, ja eine Symbolfigur; manche sehen in ihm sogar einen Geschichtslehrer und eine moralische Instanz. Eine Jahrhundertgestalt. Über diese Figur wollen wir alles wissen – auch jede Frage an sie richten dürfen.”

Damit lädt Gnauck den Leser zu einer Reise in die aufregende Vergangenheit Europas ein, und zwar nach Polen.

In Leslau (nach 1945 Wloclawek genannt), wo Marceli Reich als drittes Kind des jüdischen Fabrikanten David Reich 1920 das Licht der Welt erblickte und (insgesamt) fast 30 Jahre seines Lebens in Polen verbrachte. Zur Zeit der großen Turbulenzen in Europa war der junge Pan Reich also volljährig und sollte keine besonderen Schwierigkeiten mit seinem Gedächtnis haben. Aber gerade darum geht es in dem Buch Wolke und Weide.

Seine Ausbildung hat Reich-Ranicki in Deutschland 1929-1938 erhalten, wo er das Werner-Siemens-Gymnasium in Berlin besuchte und auch versuchte, Fuß zu fassen. 1938 wurde er wie viele andere polnische Staatsangehörige ausgewiesen. 1958 übersiedelte er nach Frankfurt am Main und blieb seitdem in Deutschland, ohne je nach Polen zurückzukehren. Schon nach einem Monat wurde er bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Literaturkritiker angestellt und begann seine Karriere ohne die Gefahr, erneut ausgewiesen zu werden, denn er erwarb die deutsche Staatsangehörigkeit. Das Wirken des bekannt gewordenen Literaturpapstes, der dann jahrelang mit seinem Literarischen Quartett, seinem rhetorischen Stil und seinen Kritiken, in denen er die Leichtigkeit des polnischen Zwischenkriegsfeuilletons mit der Härte des sozialistischen Realismus verband, gute Unterhaltung bot, soll hier sekundär sein. Primär könnte die Untersuchung des Lebens dieses Zeugen des Jahrhunderts als ehemaliger Parteigänger des Kommunismus sein, die Gnauck mit seinem Buch nun öffentlich macht.

Der junge Marceli Reich ist nicht besonders berührt von der Besetzung seines Heimatlandes durch die Rote Armee und der Vertreibung Deutscher aus ihrem. Auch die Inhaftierung polnischer Politiker, wie z.B. Wladyslaw Gomulka wegen angeblicher rechtsnationalistischer Abweichung, über der dieser wie andere führende Kommunisten in jahrelanger Gefängnishaft nachdenken musste, scheint ihn nicht bekehrt zu haben. Er war ein entschlossener Antifaschist und marschierte wie viele Mitläufer immer in die richtige Richtung, unbeirrt auch vom stalinistischen Terror jener Zeit.

Unter diesen Umständen ist sehr interessant, warum ein junger Mann plötzlich so großes Vertrauen bei den sowjetischen NKWD-Aufsehern der Marionettenregierung der Volksrepublik Polen genießen konnte und sogar als Vize-Konsul nach London geschickt wurde. Gab es keine geeigneten Diplomaten? Oder brauchte Moskau  zuverlässige Agenten, um die polnischen Emigranten in London zu betreuen? Reich-Ranicki diente aus Dankbarkeit für seine Befreiung und aus Überzeugung der polnischen Geheimpolizei UB (Urzad Bezpieczenstwa), zunächst in Oberschlesien und bei der Polnischen Militärmission in Berlin, dann als Einsatzleiter im Range eines Hauptmanns der UB, dem gegen Großbritannien gerichteten Auslandsnachrichtendienst (MBP)  deswegen hatte er Mitte der 50er Jahre in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland Einreiseverbot. 1948 war er unter dem Namen “Marceli Ranicki” als Vize-Konsul mit 32 Untergebenen und Resident an die Polnische Botschaft in London entsandt worden, wo zu jener Zeit auch die nicht kommunistische polnische Exeilregierung ihren Sitz hatte. Resident Ranicki war vor allem für Informationsbeschaffung zuständig.

Ende 1949 wurde er aus London abberufen und musste nach Warschau zurückkehren. Seine Karriere endete abrupt trotz seiner ofensichtlichen Verdienste für die Geheimpolizei, die u. a. mit zwei hohen zivilen Orden 1946 und 1948 mit der Medaille des Sieges und der Freiheit belohnt worden war. Nach dem Geheimdienst entließ ihn auch das Außenministerium und er wurde wegen ideologischer Entfremdung aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Einige Wochen verbrachte er sogar in einer Einzelzelle im Gefängnis, Anfang 1950 wurde er entlassen.

Das Buch Wolke und Weide beabsichtigt eigentlich nichts weiter, als das Gedächtnis auf zufrischen.

Aber es gibt Ewiggestrige, wie die polnische Kulturanthropologin Joanna Tokarska-Bakir (Universität Warschau), die das Buch scharf kritisiert hat. Sie vergleicht Gnauck mit Martin Walser: “Gnaucks Buch ist jedoch mehr als die Phantasie von der Ermordung eines unguten Juden. Es behandele die reale Welt und gebe sich den Anschein einer Biografie. Offenbar könne Gnauck Reich-Ranicki nicht verzeihen, dass er diesen Krieg gegen die Deutschen nicht nur gewonnen, sondern sie sich auch noch untergeordnet hat.”

Als gute Antwort kann folgende Bemerkung Gnaucks in seinem Buch gelten: “Wo wird Reich-Ranicki von anderen etwas unterstellt? Wo frisiert der Kritiker seinen Lebenslauf? Biegt er sich im eigenen Interesse die Geschichte zurecht die deutsche, die polnische, die Europäische? Und: Reich-Ranicki hat doppelt erst unter Deutschen, dann unter Polen, erfahren, wie es ist, ein Ausgestoßener zu sein. Er hat in seinem Leben Schlimmes durchgemacht und ist selbst in schlimme Verstrickungen geraten.”

Die polnische “Gazeta Wyborcza”, in der die polnische Ausgabe des Buches von Gnauck Marcel Reich-Ranicki, “Polskie Lata” (Wydawnictwo W.A.B., Warszawa 2009), heiß diskutiert wird, kommt zu dem Fazit: Nicht nur in Deutschland ist das Buch eine wertvolle Ergänzung der Debatte um die zwei Gesichter des Totalitarismus. Und gilt nicht auch für ihn selbst und seinen Bestseller “Mein Leben”, was Reich-Ranicki über Thomas Mann sagte: “Eine Beschreibung seines Lebens kann nur dann nützlich sein und ihre Aufgabe erfüllen, wenn sie aus der direkten oder indirekten Polemik gegen sein Autorenporträt hervorgeht”?

Nach Erscheinen der deutschen Ausgabe von “Wolke und Weide” haben die Krakauer katholische Wochenzeitung “Tygodnik Powszechny”, die polnische Ausgabe von “Newsweek” und der liberale “Dziennik” längeren Vorabdruck gebracht (Kapitel über London und Oberschlesien). Im Rundfunk las der Schauspieler Krzysztof Gordon über mehrere Tage Fragmente aus dem Buch.

Für mich ist das Buch von Gnauck ein gutes Beispiel auf sanfte Weise, treffend und fast zu perfekt, das Phänomen Gedächtnislücken zu präsentieren und über das, was aus Sicht der political correctness nicht erwünscht ist zu diskutieren. In unserer Zeit wirkt das Prinzip Offenkundigkeit selbst bei denkfähigen Menschen nicht mehr.
Aussagen der britischen Nobelpreisträgerin des Jahres 2007, Doris Lessing, können helfen, das zu verstehen:

Politische Korrektheit ist ein Erbe des Kommunismus, eine Sprach- und Denkweise, die unter dem Kommunismus geboren wurde und noch nach dessen scheinbarem Tod unser Leben regiert. Das gilt auch für die Literaturkritik. Wieder sind selbsternannte Vigilante Komitees ideologisch inspiriert und es ist offenbar sehr verlockend, anderen Menschen zu sagen, was sie tun (und lesen) sollen. Es gibt in allen Ländern eine enorme Zahl von Menschen mit einer Bereitschaft zur Akzeptanz bestimmter Dogmen, und es ist ein erstaunliches Phänomen unserer Zeit, das man von einem Ende der Welt zum anderen diese Menschen murmeln hören kann es ist politisch korrekt oder es ist politisch nicht korrekt.

Frankfurt, den 26. August 2009

Weitführende Links:
LESEPROBEN AUS DEM BUCH:
http://www.klett-cotta.de/sachbuch_buecher_g.html?&tt_products=2249&backPID=170&seite=leseprobe
BERLINER LITERATURKRITIK
http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/flecken-auf-der-haut.html
INTERVIEW IN „DIE PRESSE“ (Wien)
http://diepresse.com/home/kultur/literatur/483738/index.do?from=suche.intern.portal
POLSKIE RADIO in Deutsch, Interview mit Magda Dercz (Warschau)
http://www.polskieradio.pl/zagranica/de/news/artykul107247.html
GESPRÄCH AM STAND BEI LEIPZIGER BUCHMESSE
http://blog.klett-cotta.de/allgemein/nachgefragt-gerhard-gnauck-wolke-und-weide/
KULTURRADIO Berlin-Brandenburg
http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2009/gerhard_gnauck___wolke.html
BUCHVORSTELLUNG in KIEW (Ukraine)
http://www.bukvoid.com.ua/events/pesentation/2009/05/12/104552.html
DER „PAPST“, DER UB DIENTE (in Polnisch)
http://www.esensja.pl/ksiazka/recenzje/tekst.html?id=7648
JUNGE FREIHEIT
http://www.jf-archiv.de/archiv09/200929071052.htm

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