Noch vor einem Jahr klang alles ganz anders: Umweltminister Sigmar Gabriel scheiterte im Februar 2008 mit der Einführung von E10. Der Beimischung von zehn Prozent Bioalkohol zum Superbenzin. Hintergrund: Angeblich soll Bioethanol in direktem Wettbewerb zur Nahrungsmittelproduktion stehen und sei deshalb ethisch nicht vertretbar. Obwohl mehr als 90 Prozent aller Autos Bioethanol als Beimischung vertragen, rannte der ADAC Sturm gegen die Biospritpläne von Gabriel. Böses denkt, wer einen Zusammenhang zwischen dem Shell-Rabatt für ADAC-Mitglieder und der Mineralöl-Lobby vermutet.
Vor allem ältere japanische Motoren würden das Gemisch nicht vertragen. Zufällig genau die gleichen Triebwerke, die auch in den USA verkauft werden und Beimischungen bis 15 Prozent vertragen müssen. Mittlerweile hat AVIA E10 flächendeckend in Deutschland eingeführt. Auch ohne Gabriel.
Die Boykott-Lobby hat ganze Arbeit geleistet, schließlich sogar Journalisten und Mitarbeiter von Behörden nach Südamerika eingeladen, um sich von den Umweltsünden durch Bioethanol zu überzeugen. Reisen zum Ölschlamm-See am Baikal oder zu den tropfenden Ölpipelines in Nigeria wurden übrigens nicht angeboten. Im Gegenteil TV-Journalisten, die auf eigene Faust in Nigeria filmten, wurden verhaftet und erst vor kurzem wieder frei gelassen. Politische Öl-Gegner in Nigeria eindrucksvoll liquidiert. Die Strafanzeigen gegen Shell laufen bereits.
Erstaunlicher Weise wurde den Biosprit-Journalisten tatsächlich verkauft, dass Bioethanol nur anstatt von Lebensmitteln hergestellt werden kann. Was verschwiegen wurde, ist dass als Abfallprodukt Maische entsteht, das beste, teuerste und leckerste Tierfutter. Wer also wirklich Korn für die Dritte Welt sparen wollte, müsste dementsprechend eigentlich auf Fleisch verzichten. Manuel Klarmann gehört zum Team der ETH-Universität Zürich, das dieses Jahr den ersten Preis für eine Studienarbeit gewonnen hat: Wer einmal pro Woche auf Fleisch verzichtet, spart mehr CO2 ein, als ein Student der eine Woche lang mit dem Fahrrad statt dem Auto zur Uni fährt.
In Zeiten der Krise zerplatzt die Biokraftstoff-Lüge
Die Sahel-Zone ist eben nicht neu. Seit Beginn des Jahrhunderts lebt die Nordhalbkugel im Überfluss, Afrika in bitterer Armut. Es ist vielmehr ein Verteilungsproblem, denn noch immer rechnet sich der Handel mit Waffen und Drogen in der Dritten Welt eben mehr als mit Nahrungsmitteln. In Zeiten der Krise zerplatzt die Biokraftstoff-Lüge plötzlich wie eine Seifenblase: Getreidekorn wird in Biogasanlagen verfeuert, Milch in den Ausguss geschüttet, weil es zu viel gibt, weil der Verkaufspreis unter dem Anbaupreis liegt. Nahrungsüberfluss, obwohl die Erdbevölkerung in den letzten zwölf Monaten um 500 Mio. Menschen zugenommen hat. Essen wir alle weniger? Wohl kaum.
Synthetischer Biokraftstoff als Sackgasse
Bislang gibt es weltweit keine BTL-Anlage (Biologic to Liquid), die funktioniert. Die von Angela Merkel im Sommer 2008 eingeweihte Choren-Fabrik sollte im September 2008 anlaufen, jetzt herrscht kommunikative Funkstille. Inoffiziell gibt man zu, dass sich die Anlage wohl nie rechnen würde. BP-Chef Uwe Franke gibt in Auto Straßenverkehr sogar zu: “In Deutschland steht die Herstellung von BTL im Fokus, im Rest der Welt die Ethanol-Produktion aus Cellulose.”
Und plötzlich scheint Bioethanol aus Zellulose wieder in Mode zu kommen. Mit Cellulose Ethanol ließe sich das Klima schädliche CO2 um bis zu 90 Prozent reduzieren. Das Elektroauto – übrigens von den großen Energieversorgern als perfektes Speichermedium für das Überschuss-Strom-Problem propagiert – wird noch zehn Jahre bis zur Serienreife brauchen. Der Benzinpreis wird, und da sind sich ausnahmsweise alle einig, mit dem nächsten Konjunktur-Anschub in astronomische Höhen klettern. Bioethanol wäre die ideale Interimslösung für (fast) alle Benzinmotoren. Der Preis von Bioethanol ist billig wie nie: Während Super bleifrei 1,36 Euro kostet, ist E85 fast überall für 85 bis 89 Cent zu haben. Wie zum Beweis startet mitten in der Krise ein frisch saniertes Unternehmen aus der Insolvenz: Die Ökotankstelle Biofuel24.
Sehr geehrter Herr Lauter,
Beim Lesen Ihres Artikels sind mir so einige Fragen gekommen. Warum glauben Sie, die Ölmultis würden sich gegen Biokraftstoffe wehren? Wenn sich mit diesen gutes Geld verdienen lässt sollten doch gerade diese davon am meisten profitieren, weil sie schon ein funktionierendes Versorgungsnetz über die Tankstellen haben.
Sie implizieren weiter in Ihrem Artikel, Biokraftstoffe würden nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen. Ich denke dass Ihnen dort unter anderem die Mexikaner deutlich widersprechen würden. Erlebten sie doch durch den Bioethanol Boom in den USA massive Preissteigerungen bei ihrem Grundnahrungsmittel.
Sehen Sie in Zukunft große Potenziale für aus Zellulose hergestelltes Bioethanol? Woher sollen aus Ihrer Sicht die dafür benötigten gewaltigen Mengen an Ausgangsrohstoffen kommen?
Mit freundlichen Grüßen,
Rudolf Kipp