Öldorado 2.0: Der Teelicht-Effekt

Artikel von Peter Heller vom 29.08.2009, 22:36 Uhr im Ressort Politik, Wirtschaft, Klimawandel | 113 Comments

Etwa 30 Minuten hat es schon gedauert, in der Hotelbar in Hamburg am vergangenen Donnerstag. Ich war allerdings auch abgelenkt. Cocktail, Zigarillo, Gibsons “Mustererkennung” und die übliche Melange swingender Klänge, wie sie den Hotelbars der Welt so eigen ist, getaucht in das Schummerlicht flackender Teelichter in undurchsichtigen aber durchscheinenden Gläsern. Teelichter? Mitnichten, wie mir eben nach einer halben Stunde auffiel. Es waren LEDs. Eine perfekte Illusion.

Wir können nichts über die Zukunft wissen. Sie ist in jeder Hinsicht völlig unvorhersehbar. Und das gilt nicht nur für die Lotteriezahlen der kommenden Ziehungen, sondern auch für das Wetter, für das Klima, für Technologien und Produkte und deren Markterfolg.

Der Zukunftsforscher untersucht daher auch nicht die Zukunft, sondern das Jetzt. Und dabei interessieren ihn nicht die Zustände der Gegenwart, ihre Stasis, sondern die Prozesse, die in ihr wirken, ihre Dynamik. Diese Mechanismen der Veränderung, ihr Ausmaß, ihre Wirkungsweisen, ihre Einflusssphären sind es, die den Zukunftsforscher zu seinen Schlussfolgerungen veranlassen. Er nennt sie Trends, und das Aufspüren und Charakterisieren solcher Trends ist ein Hauptteil seiner Arbeit.

Die Fortschreibung von Trends in die Zukunft ergibt ein Szenario. Man kann sich beispielsweise überlegen, welche Trends unser heutiges Mobilitätssystem geprägt haben und prägen, wie stabil diese sind und wie bedeutend – und daraus letztlich ein Szenario entwickeln, wie Mobilität in 20, 30 oder mehr Jahren aussehen könnte. Ein solches Szenario, das sich aus den als wirksam angenommenen aktuellen Trends ergibt, das also schlicht aus einer Fortschreibung der heutigen Mechanismen folgt, wird oft als “Standard-” oder “Business-as-usual-Szenario” bezeichnet. Es ist – Erfahrungstatsache – in aller Regel dasjenige, das der Zukunft am nächsten kommt. Man kann sich in einem weiteren Schritt überlegen, welche Trends sich im Laufe der Zeit wie verändern könnten und damit dem Standardszenario eine Reihe weiterer sinnvoller Möglichkeiten hinzufügen. Diese Menge an Szenarien spannt einen möglichen Zukunftsraum auf, überdeckt ihn aber niemals vollständig. Die Realität der Zukunft ist nach wie vor unbekannt, sollte sie eines der entwickelten Szenarien treffen, wäre das reiner Zufall. Die Szenarien sind also nicht mehr als “Koordinatensätze”, die die “Grenzen” möglicher Zukünfte bestimmen.

Sinn und Zweck dieser Szenarien ist es daher auch nicht, zu bestimmen, wie man sich in der Zukunft verhalten sollte.

Sie dienen vielmehr der Strategiefindung für die Gegenwart. Es geht darum, Strategien zu entwickeln, die nicht nur auf eine gewünschte Zukunft ausgerichtet sind, sondern die robust unter vielen verschiedenen möglichen Zukünften funktionieren.

Nun sind nicht alle Trends, die ein Zukunftsszenario beschreiben, gleichrangig. Es gibt solche, die stabil sind und nur durch extreme Brüche verändert werden könnten. Diese bezeichne ich als Basistrends, weil sie Ausgangspunkte für weitere Überlegungen sein können.

Basistrend: Wir werden mehr Energie umsetzen. Indem wir unsere vorhandenen Energieträger besser und intensiver nutzen. Und neue Energieträger finden und entwickeln.

Das ist ein stabiler Trend über Jahrzehntausende hinweg – und keine kulturelle Revolution, keine technische Entwicklung, keine Katastrophe gleich welcher Art hat diesen Trend beeinflussen können. Dies ist ein Attraktor, um den herum ein Zukunftsforscher ein Standard-Szenario aufbauen kann.

Man sagt, das hätte mit der steigenden Weltbevölkerung und deren steigendem Wohlstand, die einen höheren Energiebedarf bedingen, zu tun. So steht es geschrieben, in fachlichen Ausarbeitungen ebenso wie in den Medien und so spukt es in den Köpfen vielerlei Politiker herum.

Der Gedanke ist falsch, auch wenn er zum richtigen Ergebnis führt.

Vielmehr ist der Rahmen, in dem sich ein solcher Trend entwickeln und stabilisieren kann, ein solcher, in dem mit der Bereitstellung von Energie Geld verdient werden kann. Energie ist eine Ware, ein Produkt, man kann sie am Markt anbieten und hoffen, damit Profite zu erzielen. Das gelingt offensichtlich und ebenso offensichtlich werden durch diese Tatsache mehr Angebote induziert. Das Angebot weitet sich aus, es steht immer mehr Energie zur Verfügung.

Und neue Anwendungen entwickeln sich durch eine Verbreiterung des Angebotes. Erst kam das Feuer, dann der Ofen. Niemand hat einen Ofen entwickelt und dann gefolgert: Jetzt brauchen wir das Feuer! Niemand hat ein Auto gebaut und dann erst gefolgert: Jetzt brauchen wir Benzin! Erst war das Angebot da – und dann haben sich findige Leute überlegt, wozu man dieses neue Produkt denn noch verwenden könnte, weit über das hinaus, was vom Anbieter vielleicht ursprünglich intendiert wurde. John Davison Rockefeller wollte nur Licht machen. An Autos hat er nie gedacht.

Ein größeres Angebot induziert eine größere Vielfalt an Anwendungen. Und dadurch steigt unser Energieumsatz. Auch in der Zukunft. Immer weiter.

Basistrend: Die Vielfalt an technischen Systemen für eine bestimmte Anwendung nimmt zu.

Technische Systeme haben eine konkrete Nutzfunktion. Diese ist es, die den Geldbeutel des Kunden öffnet. Und Kunden sind Individuen mit individuellen Bedürfnissen. Bietet der Eine ein Auto an, das den Kunden sicher von A nach B bringen kann, so wird ein zweiter Anbieter versuchen, einen Teilmarkt für sich zu gewinnen, indem er ein Auto anbietet, das den Nutzer und ein bestimmtes Transportgut von A nach B bringt. Und das setzt sich fort. Heute gibt es für jeden Zweck das passende Auto, vom kleinen und wendigen Stadtauto über die komfortable (Langstrecken-)Luxuslimousine bis hin zur Familienkutsche oder dem Van (für private Transportzwecke). Und jeder dieser Typen kann zusätzlich durch eine individuelle technische Ausstattung und eine individuelle Gestaltung den konkreten Wünschen des Nutzers weiter angepasst werden. Am Ende haben wir uns von einer Welt des “Modell T” zu einer Welt entwickelt, in der kein Auto mehr mit dem anderen identisch ist. Vom Schreibstift bis zum Handy, vom Fernseher bis zum PC, dieser Trend ist universell. Und konnte ebenfalls alle Wendungen der Menschheitsgeschichte überdauern.

Mit diesen beiden Dynamiken kann ein Standardszenario für die Energieversorgung der Zukunft heuristisch entwickelt werden:

- Fossile Energieträger (Öl, Kohle, Erdgas) werden noch weiter an Bedeutung gewinnen. Es sind erhebliche Investitionen in die zugehörigen Technologien und Verfahren getätigt worden. Dadurch konnten diese Energieträger am Markt zu konkurrenzfähigen Preisen etabliert werden. Die Technologien und Verfahren werden immer effizienter werden, und damit diese Rentabilität (und die ausreichende Verfügbarkeit entsprechender Reserven) auch in der Zukunft absichern. Die Vielfalt an Anwendungen, für die sie genutzt werden können, wird weiter zunehmen und in vielen Fällen auch effizienter werden. Enorme Steigerungsraten sind dabei beim Erdgas zu erwarten, insbesondere zur Wärmeerzeugung (Haushalt und Industrie). Erdgas ist vergleichsweise einfach zu gewinnen und zu transportieren, seine Nutzung als Treibstoff (als Ersatz für Benzin und Diesel) als auch zur Stromerzeugung (als Ersatz für Kohle) wird zunehmen. Dadurch wird ein Substitutionsdruck auf Öl und Kohle ausgeübt, der langfristig im Verbund mit den weiteren Trends (s.u.) deren Wachstum begrenzen oder sogar rückläufig gestalten kann.

- Biomasse wird intensiver genutzt. Heute ist es fast ausschließlich Holz, das fast ausschließlich zur direkten Gewinnung von Wärme verwendet wird. In Zukunft werden aus Biomasse gewonnene Treibstoffe (hierzu zähle ich auch solche, die durch Algen und andere, möglicherweise gentechnisch gestaltete, Mikroorganismen hergestellt werden) und auch die Stromerzeugung aus Biomasse weiter an Bedeutung gewinnen. Und damit ebenfalls einen Substitutionsdruck auf Erdöl und Kohle ausüben.

- Kernenergie bleibt ein wesentliches Element der Stromerzeugung. Ihre Bedeutung wird zunehmen. Die kerntechnische Forschung und Entwicklung zeigt Möglichkeiten der Effizienz- und der Sicherheitssteigerung auf, die Rentabilität und Akzeptanz erhöhen und daher auch zur Umsetzung gelangen können.

- Alternative Energien werden zur Stromerzeugung verstärkt herangezogen oder ihre derzeitige Marktstellung (Wasserkraft) behaupten. Windenergie wird im Offshore-Bereich intensiv genutzt werden, Wasserkraft wird durch immer effizientere Turbinen und durch neue Ansätze (Gezeiten- und Wellenkraftwerke) bedeutend bleiben, die Effizienz von Solarzellen wird steigen, Solarthermie, Geothermie und völlig neuartige Kraftwerkskonzepte (bspw. Aufwindkraftwerke) werden Marktsegmente besetzen. Die Intensität, mit der in diesem Bereich schon derzeit geforscht und entwickelt wird, läßt diese Abschätzungen zu. Der Substitutionsdruck insbesondere auf die Kohle steigt auch durch diese Entwicklungen an.

Diese Trends sind aus den beiden oben beschriebenen Basistrends abgeleitet. Sie erzeugen das Standardszenario, in dem Trendbrüche definitionsgemäß nicht vorkommen. Solche Trendbrüche können sein:

- die Erschöpfung von Ressourcen fossiler Energieträger und des Urans: Dies ist äußerst unwahrscheinlich, da in der gesamten Menschheitsgeschichte bislang noch nicht eine Ressource aufgebraucht wurde. Vielmehr lässt der Weg des technischen Fortschrittes für das Standardszenario nur den Schluss zu, dass es immer gelingt, eine ausreichende Menge an Ressourcen in Reserven zu überführen, deren Gewinnung zu am Markt akzeptierten Kosten möglich ist.

- die Entwicklung revolutionärer Methoden der Stromerzeugung, deren Substitutionsdruck sämtliche Alternativen sofort vom Markt verdrängt: Dies ist äußerst unwahrscheinlich, da derartiges noch nie geschehen ist. Mit der Kernfusion ist derzeit auch nur ein einziger Kandidat für eine solche technische Revolution erkennbar. Eine Auswahlmöglichkeit aus mehreren Kandidaten würde diesen Trendbruch wahrscheinlicher machen.

- eine globale Katastrophe, die die Zerstörung weiter Teile der menschlichen Zivilisation zur Folge hat (Meteor, Atomkrieg, Seuche)

- eine grundsätzliche Abkehr vom Prinzip der Marktwirtschaft (also vom Handel) nicht nur in Teilen, sondern überall auf der Welt – dies würde die beiden Basistrends (”Mehr Angebot induziert Wachstum” und “Vielfalt der Lösungen steigt”) betreffen

Primar.jpgNun gibt es kluge Leute, die aus solchen rein qualitativ formulierten Abschätzungen mithilfe zusätzlicher Annahmen (bspw. über die Bevölkerungsentwicklung und die Marktzyklen) sogar quantitative Schlüsse ziehen. Eine entsprechende Modellrechnung für das Standardszenario finden Sie in beigefügter Grafik. Sie zeigt den Energieumsatz der gesamten Menschheit über einen Zeitraum bis 2100 und dessen Verteilung auf die oben angeführten Primärenergieträger. Die Berechnung stammt aus dem Jahr 2002. Die Werte von 1990 bis 2002 sind also reale Daten, von denen aus entsprechend hochgerechnet wurde. Wir werden demgemäß zum Ende des Jahrhunderts etwa doppelt soviel Energie aus fossilen Energieträgern bereitstellen wie heute, und trotzdem werden sie zusammen weniger als 50 Prozent des Gesamtmarktes ausmachen.

Ich bin gespannt, ob Sie herüber in ähnlich leidenschaftlicher Weise debattieren werden, wie bei meinem vorhergehenden Artikel. Was mich dabei interessiert ist weniger, ob Sie das Szenario für wünschenswert halten. Dazu werden Sie sich ohnehin äußern. Zukunftsforschung befasst sich aber nicht mit wünschenswerten Zukünften. Sondern mit realistischen. Die Frage ist also: Halten Sie dieses Bild für realistisch, für möglich?

Die absoluten Zahlenwerte des Energieumsatzes sind dabei nicht so sehr von Interesse. Es geht um das Prinzip. Und vom Prinzip her, denke ich, kann es tatsächlich genau so eintreten. Und jedwede in die Zukunft gerichtete Strategie, ob politisch oder unternehmerisch intendiert, kann nur dann robust sein, wenn sie auch auf dieses Szenario ausgerichtet ist. Denn selbst der Markt für Teelichter folgt diesem Ansatz. Farben, Größen, Duftstoffe werden hinzugefügt und variiert. Bis am Ende gar das Teelicht selbst durch eine elektronisch entsprechend angesteuerte LED ersetzt werden kann. Das programmierbare (Lichtstärke, Farbe, Flackern) LED-Teelicht wird sicher nicht lange auf sich warten lassen. Es wird das klassische Teelicht niemals ersetzen. Aber es ergänzen können, denn das Teelicht-Gefühl kann damit erstens individualisiert und zweitens auch dort genossen werden, wo Wind oder sonstige Umstände es bislang nicht möglich machten. Und die Entwickler der LED werden ganz sicher an alles mögliche gedacht haben, aber kaum an die Anwendung ihres Systems als Teelicht-Substitut.


Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de

Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2009/08/29/oeldorado-20-der-teelicht-effekt/

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