Öldorado 3.0: Mehr Netto – eine Strategie für Kopenhagen

Wie hypnotisiert starren wir auf fossile Energieträger, gebannt von der Hypothese, durch ihren Gebrauch eine Klimakatastrophe auslösen zu können. Und dabei vergessen wir die Vorteile, die wir aus ihrem Gebrauch ziehen. Denn wenn wir Öl, Kohle oder Erdgas verbrennen, machen wir das nicht zum Spaß. Wir verfolgen einen Zweck damit.

Wie hypnotisiert starren wir auf fossile Energieträger, gebannt von der Hypothese, durch ihren Gebrauch eine Klimakatastrophe auslösen zu können. Und dabei vergessen wir die Vorteile, die wir aus ihrem Gebrauch ziehen. Denn wenn wir Öl, Kohle oder Erdgas verbrennen, machen wir das nicht zum Spaß. Wir verfolgen einen Zweck damit. Wir generieren durch ihre Nutzung ökonomische Mehrwerte. Wir generieren Wachstum und Wohlstand. Diesen Vorteil müssen wir mit möglichen Nachteilen verrechnen. Ich nenne das “die Netto-Sicht auf den Klimawandel”.

Diese findet nicht statt. Nicht in den Medien, nicht (oder nur sehr versteckt) in den politischen Programmen und nicht in den Köpfen der Menschen.

Dabei tätigt das IPCC auch hierzu klare Aussagen.

Die Verkettung oder Verknüpfung zweier voneinander unabhängiger Szenarien ergibt eine Projektion. Eine solche ist ein umfassenderes, mehrdimensionales Bild einer möglichen Zukunft. Aber auch sie ist keine “Prognose”, keine “Vorhersage”. Auch sie soll die Entwicklung von Strategien für die Gegenwart ermöglichen, die es gestatten, die Chancen der Zukunft zu nutzen, ohne dabei die Vorbereitung auf die Risiken zu vermeiden.

Die Erstellung und Verkettung von Szenarien und damit die Entwicklung von Projektionen ist eine der Hauptaufgaben des IPCC. Zu diesem Zweck wurden seit 1996 durch eine Gruppe von Ökonomen und Sozialwissenschaftlern 40 unterschiedliche, so genannte sozioökonomische Szenarien aus der entsprechenden Literatur gesichtet und weiterentwickelt. Szenarien, die auf der Fortschreibung technologischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Trends der Gegenwart mittels komplexer mathematischer Modelle beruhen und die Entwicklung der Welt bis in das Jahr 2100 hinein zeichnen.

Diese Szenarien lassen sich anhand ihrer Ausgangshypothesen in vier Gruppen einteilen, die gemäß der IPCC-Nomenklatur mit den Abkürzungen A1, A2, B1 und B2 bezeichnet werden. Die A1-Szenarien sind dabei auf Basis folgender Annahmen entstanden:

- weiterhin erhebliche Investitionen in Forschung und Entwicklung, die entsprechend eine starke Innovationstätigkeit induzieren

- zunehmende Internationalisierung der Ströme von Waren, Kapital und Ideen, stärkere internationale Zusammenarbeit in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft

- ein auf Wettbewerb beruhendes marktwirtschaftliches System

Die Familien A2, B1 und B2 sind davon abgeleitet solche, in denen statt zunehmender Internationalisierung die Weltregionen eher isoliert voneinander handeln (A2, B2) und in denen eher planwirtschaftliche politische Strategien umgesetzt werden und eine geringere Innovationstätigkeit stattfindet (B1, B2).

Ich möchte mich hier auf die A1-Familie konzentrieren. Diese scheint mir die Trends unserer Gegenwart am besten zu erfassen. Und es sind die Szenarien, die eine IPCC-Welt mit dem ausgeprägten Klimawandel erzeugen, der durch ein mediales Dauerfeuer uns allen als kommende Katastrophe präsentiert wird. Es sind die Szenarien, die den höchsten Temperaturanstieg und damit das höchste Risiko begründen.

Denn ein für die Arbeit des IPCC wesentliches Ergebnis, das die 40 Szenarien liefern, ist ein Bild über unsere künftigen Primärenergieträger und die entsprechenden Emissionen, die sich aus diesem Bild ergeben. Und diese Emissionen gehen als Eingangswerte in den zweiten Schritt der Projektionsentwicklung ein, in die Rechenmodelle, mit denen ein Szenario über unser künftiges Klima erstellt wird. Und in diesen erzeugen eben die Szenarien der A1-Familie den höchsten Anstieg der mittleren globalen Temperaturanomalie, vier bis sechs Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts.

Ein typisches Beispiel für eines der Szenarien aus der A1-Gruppe hatte ich Ihnen im  Vorläuferartikel Öldorado 2.0 vorgestellt. Es ist das Modell A1-AIM. Das Kürzel steht dabei für seine Herkunft, Asian Integrated Model. Es wird seit mehr als 15 Jahren am National Institute for Environmental Studies in Japan entwickelt. Der Projektleiter ist Prof. Dr. Tsuneyuki Morita.

Einige Kommentatoren hielten das Szenario für ““ höflich ausgedrückt ““ unglaubwürdig. Ich möchte an dieser Stelle betonen: Szenarien dieser Art erzeugen erst die IPCC-Welt, in der ein erheblicher Klimawandel stattfinden kann. Und eine Projektion aus verketteten Modellen ist dann nicht mehr als realistisch akzeptierbar, wenn man schon das erste Modell aus der Kette verwirft. Es ist nicht ganz einfach, einen ganzen Planeten in diesem Ausmaß aufzuheizen. Man benötigt die Mengen an Emissionen und damit auch die Mengen an fossilen Brennstoffen, wie sie den A1-Szenarien zu eigen sind.

Das IPCC kennt nur vier Welten. Und nur in der A1-Welt findet der katastrophale Klimawandel statt. Wenn es die A1-Welt nicht geben kann, kann es auch den katastrophalen Klimawandel nicht geben. Wer an den A1-Szenarien zweifelt, muss also auch an der Klimakatastrophe zweifeln. Es bleibt ihm nichts anderes übrig.

Aber was ist das für eine IPCC-Welt, in der diese Katastrophe stattfindet? Was können wir über diese Welt über den Energiemix hinaus sonst noch sagen?

Weltmodelle wie A1-AIM liefern noch eine Menge mehr Daten. Die künftige Landnutzung ist beispielsweise ein Ergebnis, das künftige Wirtschaftswachstum, ja sogar das künftige Durchschnittseinkommen.

Sie können alles nachlesen, Links finden sich unten. An dieser Stelle möchte ich nur einmal das projizierte künftige Durchschnittseinkommen (bezogen auf die Kaufkraft des US-Dollar des Jahres 1990) nennen.

- Durchschnittseinkommen gemäß A1-Familie (1990 als Vergleichswert)

o   1990: 4.000 $ (weltweit) / 1.100 $ (Entwicklungsländer) / 14.400 $ (Industrieländer)

o   2050: 20.800 $ (weltweit) / 15.900 $ (Entwicklungsländer) / 44.200 $ (Industrieländer)

o   2100: 74.900 $ (weltweit) / 66.500 $ (Entwicklungsländer) / 109.200 $ (Industrieländer)

Die Kaufkraft in den Entwicklungsländern würde also gegenüber 1990 um mehr als das 60fache steigen und unsere Kaufkraft immerhin noch um mehr als das siebenfache. Im Jahr 2100 würde ein Einwohner eines heutigen Entwicklungslandes über fast fünfmal soviel Kaufkraft verfügen, wie wir heute. Im Durchschnitt. Entwicklungsländer gäbe es also dann nicht mehr. Die IPCC-Welt mit Klimakatastrophe ist eine sehr reiche Welt.

Nun kann man zu Recht einwenden, das verkettete Klimaszenario müsse das ursächliche sozioökonomische Szenario wieder negativ beeinflussen. Der Klimawandel sollte einen erheblichen Teil unseres Wohlstandes also wieder aufzehren.

Hier liegt aus meiner Sicht eine zentrale Lücke des derzeitigen IPCC-Prozesses vor. Die Rückwirkung der Klimamodellrechnungen auf die ökonomischen Weltmodelle wurde nicht kalkuliert und findet daher auch im aktuellen IPCC-Bericht nicht statt. Die Szenarien sind nur linear miteinander verkettet, sie sind nicht dynamisch miteinander verknüpft. Das soll sich in der Zukunft aber ändern. Bereits für den kommenden IPCC-Bericht wird eine solche Verknüpfung von Szenarien zu einer neuen Projektion ins Auge gefasst.

Bis dahin dienen eine Reihe anderer Untersuchungen als Lückenschluss. Die vielleicht prominenteste und umfassendste ist der so genannte Stern-Report. Er wurde von einem Team unter dem britischen Ökonomen Nicholas Stern entwickelt und im Jahr 2006 veröffentlicht. Diese Untersuchung ist derzeit die, in der die ökonomischen Folgen des Klimawandels am höchsten eingeschätzt werden.

Wenn über den Stern-Report berichtet wird, betreten scheinbar enorme Zahlen den Raum. Mehr als fünf Billionen Euro sollen die Folgen eines Klimawandels in der IPCC-A1-Welt bis 2100 kosten. Werden wir also alle arm? Mitnichten, wenn man das konsequente Netto-Denken berücksichtigt. In der A1-Welt steigt das globale Bruttoinlandsprodukt von heute etwa 30 Billionen Dollar auf etwa 550 Billionen im Jahr 2100. Gegen diese Entwicklung sind die Kosten des Stern-Reports gegenzurechnen. Denn wieder gilt: Nur in dem A1-Szenario treten die im Stern-Review genannten ökonomischen Risiken tatsächlich auf. Und unter bei deren Berücksichtigung ergibt sich als Durchschnittseinkommen im Jahr 2100 für einen Einwohner der heutigen Entwicklungsländer 62.000 $ und für uns in den Industrieländern 99.000 $. Auch bei Berücksichtigung der Risiken des Klimawandels werden wir also immer noch sehr viel reicher sein als heute.

Reichtum ist ein Reizwort, keine Frage. Und Reichtum ist ganz sicher kein Wert an sich. Möglicherweise sind Menschen mit sehr viel höherer Kaufkraft nicht unbedingt glücklicher. Aber das, was wir in der heutigen Welt, wie auch in der historischen Entwicklung beobachten können, zeigt eines ganz deutlich: Mit steigendem Wohlstand sinken Risiken wie beispielsweise Hunger oder Krankheit und das Schutzniveau vor destruktiven natürlichen Einflüssen (Überschwemmungen, Stürme, Dürren) steigt. Heute sind nach aktuellen Schätzungen etwa eine Milliarde Menschen von Hunger bedroht. In der wohlhabenden IPCC-A1-Welt werden dies im Jahr 2085 nur noch etwa 100 Millionen sein. Der Klimawandel allerdings kann unsere Möglichkeiten, Nahrung zu erzeugen, begrenzen. Es gibt auch hier eine Reihe von Untersuchungen, die die entsprechenden Risiken in der A1-Welt abschätzen. Nach deren Ergebnissen kann man konstatieren, dass zu den 100 Millionen Hungernden noch etwa 30 Millionen infolge des Klimawandels hinzukämen.

Dass die wohlhabende A1-Welt mit Klimawandel eine insgesamt sehr viel bessere Welt sein kann, als die heutige, zieht sich wie ein roter Faden durch alle derartigen Analysen. Ob es dabei um die Wasserversorgung geht, um die Gefährdung durch Überflutungen oder auch um Krankheiten wie Malaria: In jedem Fall sehen die veröffentlichten Brutto-Zahlen furchtbar aus und in jedem Fall verkehrt die Netto-Rechnung die mögliche Interpretation in ihr genaues Gegenteil.

Als letztes Beispiel hierfür möchte ich die Zahl der Todesfälle ins Feld führen. Eine Welt ohne Klimawandel ist immer noch eine Welt, in der es Naturkatastrophen, Hunger und Krankheiten geben wird. Die A1-Welt mit Klimakatastrophe ist aber von allen IPCC-Welten diejenige, in der wir uns vor diesen Problemen am besten schützen können. Derzeit sterben etwa vier bis fünf Millionen Menschen pro Jahr an Hunger, an Malaria oder infolge von Überflutungen. Das ist nicht akzeptabel.

In der warmen A1-Welt werden es nach mir vorliegenden Zahlen nur noch etwa 2,3 Millionen Tote sein. Und nur etwa 300.000 davon sterben infolge klimatischer Änderungen. Zwei Millionen würden in dieser Welt auch dann noch zu Tode kommen, wäre sie nicht wärmer. Auch das ist nicht akzeptabel.

Aber ist es zynisch, an dieser Stelle von einem möglichen großen Fortschritt zu sprechen?

Politisches Handeln sollte sich am Wohlergehen von Menschen ausrichten, und nicht an dem von Thermometern. Wir verfügen durch die Berichte des IPCC über die Projektion einer Welt, in der es den Menschen insgesamt besser geht, den Thermometern aber schlechter. Man kann natürlich an der Realitätsnähe dieser Welt zweifeln. Wenn man sagt, die technische Entwicklung geht einen anderen Gang und die sozioökonomischen Szenarien der A1-Familie werden nicht eintreten. Aber dann ist die gesamte IPCC-Projektion zu verwerfen und man muss sich um die Thermometer nicht weiter sorgen. Man kann auch sagen, die Klimamodelle seien unzureichend oder gar falsch. Dann kann es die A1-Welt sogar ohne Temperaturanstieg geben.

Jedoch muss Politik aus meiner Sicht eine Strategie entwickeln, die auch die grundsätzliche Möglichkeit der IPCC-A1-Erde mit erheblichem Klimawandel berücksichtigt. Die also in jedem Falle für die Menschen die optimale Zukunft ermöglicht.

Darf eine solche Strategie darauf ausgerichtet sein, die wohlhabende, aber warme Zukunft zu verhindern? Darf eine solche Strategie unseren Nachkommen diese Welt, eine Welt mit mehr Chancen und Möglichkeiten, als wir sie vorgefunden haben, vorenthalten? Darf eine solche Strategie eine Welt mit weniger Hunger und weniger Krankheiten als nicht wünschenswert deklarieren?

Hier entdeckt man das ethisch/moralische Dilemma der Klimadebatte. Das Dilemma, über das nicht gesprochen wird. Das in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit nicht bzw. noch nicht ausreichend vorhanden ist.

Eine politische Strategie, die die Interessen der Menschen auf der ganzen Welt in den Mittelpunkt stellt, sollte die warme und reiche Welt möglich machen, statt sie zu verhindern. Sie sollte die Risiken einer solchen Zukunft minimieren, in dem sie die Erforschung des möglichen Klimawandels weiter unterstützt und daraus Maßnahmen zur Anpassung ableitet. Eine solche Politik wäre unter allen denkbaren Zukünften robust. Denn sie vernichtet nicht unnötig Wohlstand, um einen Klimawandel zu bekämpfen, der vielleicht doch nicht ““ oder nicht in einem besorgniserregenden Ausmaß ““ eintritt. Und die Vorbereitungen, die sie zur Anpassung an den möglichen Klimawandel trifft, nutzen in jedem Fall. Denn schlechtes Wetter wird es immer geben, immer wieder überall.

Wird eine solche robuste und rationale Strategie in Kopenhagen ein Thema sein? Wenn, dann höchstens im Hinterzimmer. Dabei ist sie genau das, was die Menschen eigentlich von einer Politik erwarten sollten, die ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt.

Referenzen:
Ich habe die Argumentation hemmungslos aus einer Analyse von Indur Goklany übernommen. Daher hier der Link zu seinem Papier, in diesem finden Sie alle Zahlen und auch die entsprechenden Verweise auf die Quellen (bspw. Stern-Report), denen diese Zahlen entnommen wurden:
http://www.cato.org/pubs/pas/pa-609.pdf
Seine Homepage:
http://goklany.org/
Falls Sie sich intensiver mit dem IPCC-Szenarioprozeß und den 40 sozioökonomischen Weltmodellen(also auch mit A1-AIM) auseinandersetzen möchten, verweise ich auf den entsprechenden IPCC-SRES (Special Report Emission Scenarios – von da aus können Sie dann weiterrecherchieren):
http://www.ipcc.ch/ipccreports/sres/emission/index.php?idp=0
Wie ja bereits in den Kommentaren zum Vorläuferartikel vermutet, ist Professor Morita irgendwann in den neunziger Jahren durch ein von Exxon angeheuertes Team schwerbewaffneter Blackwater-Söldner mit vorgehaltener Pistole zur Entwicklung des Szenarios A1-AIM gezwungen worden. Auf der Homepage seines Institutes und in seiner Vita finden sich keinerlei Verweise auf diesen Vorfall. Was natürlich ein klares Indiz für eine Verschwörung des militärisch/industriellen-Komplexes ist:
http://www.nies.go.jp/index.html
http://www-iam.nies.go.jp/aim/morita/morita_long.htm

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