Guido Westerwelle umriss einem aktuellen Statement konkret, was nach dem 27. September von einer gelben Regierungsbeteiligung im Kontext von Gelb-Schwarz für Arbeitslose zu erwarten ist. Wie der FDP-Chef gegenüber der “žSaarbrücker Zeitung” äußerte, werde man die “žTreffsicherheit des Sozialstaates” erhöhen und schärfer gegen Sozialbetrüger vorgehen. Â Der Vorstoß geht mit der üblichen, wirtschaftshörigen Polemik auf Dummenfang ““ und offenbart dahinter grundsätzliche Konzeptlosigkeit sowie ein nahezu nur antisozial zu bezeichnende Haltung.
Abenteuerliche Vorschläge zur Kompensierung der Steuerabsenkungen
In dem heute veröffentlichten Interview (in welchem unter anderem erneut eine Aufweichung des Kündigungsschutzes angekündigt wurde), gab sich der FDP-Vorsitzende (“žIch bin älter und gelassener geworden“) ganz als Ritter des entrechteten Sozialstaates, der von schmarotzenden Sozialbetrügern nur so ausgeblutet werde. Die jeder politischen Sachlichkeit entbehrenden Äußerungen zogen einen kreativen mathematischen Bogen von den durch die FDP geplanten Steuerabsenkungen hin zu Einsparungen durch eine verschärfte Kontrolle von Hartz-IV-Empfängern. Mit anderen Worten: Durch “žErhöhung der Treffsicherheit des Sozialstaates” gegen “žstaatlich finanzierte Faulheit” (Westerwelle) soll das durch die geplanten Steuerabsenkungen noch vergrößerte Haushaltsdefizit gegenfinanziert werden. Sollte man sie ernstnehmen impliziert diese Rechnung allerdings, dass quasi jeder Arbeitslosengeld-Empfänger ein Schwarzarbeiter sein müsste.
Wahlkampf auf dem Niveau der Boulevard-Presse
Offenkundig bezieht der Profi-Politiker Westerwelle die Grundlagen für seine Wirtschaftskonzepte aus dem Privatfernsehen. Er habe in Talkshows “žmanche” gesehen, welche Hartz-IV bezögen, schwarzarbeiteten und dann “žnoch das Publikum dafür beschimpfen, dass es morgens aufsteht und zur Arbeit geht.” Die Konsequenz ist für den promovierten Politiker klar: “žDie werden von uns kein Geld bekommen“. Die diffamierenden Parolen zeigen indirekt deutlich, dass man seitens der FDP offenbar nun den Wahlkampf auf dem Niveau der Boulevard-Presse zu betreiben gedenkt. Wie schon häufiger bietet es sich dabei anscheinend an, die Opfer einer desaströsen Zocker-Wirtschaftspolitik und globaler Finanzmarktkrisen zu Tätern zu erklären und medial erzeugte Klischees zu real existierenden Feindbildern hoch zu polemisieren. Passend zu dieser schon fast demagogisch zu nennenden Parolen-Schmiederrei bezeichnete Westerwelle in einem anderen Abschnitt des Interviews den Gesundheitsfond als “žKassensozialismus”.
Kalkulierte Provokationen anstelle von Sachlösungen
Der sich über die letzten beiden Jahrzehnte verschärfende Trend zu weitgehend inhaltsfreiem Wahlkampf scheint sich auch in dieser Wahlsaison unvermindert und parteiübergreifend fortzusetzen – wie auch die zweifelhaften Äußerungungen des NRW-Ministerpräsidenten Rüttgers (CDU) nahelegen (RE berichtete). Da angesichts einer schwierigen Wirtschaftssituation nur komplexe und langfristige Strategien greifen, geht man seitens der FDP offenbar lieber auf Nummer Sicher: statt politische Langzeit-Konzepte vorzulegen und verständlich zu erklären, werden in Parolen Arbeitslose mit Schmarotzern gleichgesetzt um so durch kalkulierte Provokationen mediale Aufmerksamkeit zu provozieren. Man kann im Sinne des Wahlergebnisses nur hoffen, dass die Wähler nicht so dumm sind, wie Westerwelle sie hier hinstellen möchte.
Vielen Dank für die Information. Da zeigt Westerwelle doch klarer denn je auf, wes Geistes Kind er ist. Er kann sich mit Kubicki kurz schließen, der parallel erklärt hat, dass die Senkung des Spitzensteuersatzes durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer
gegenfinanziert werden solle.
Aber sehen denn Beck, Rüttgers, Müntefering und Koch das denn anders? Die, die es politisch nach oben geschwemmt hat, fühlen sich zusammen mit denen, die wirtschaftlich erfolgreich sind, zu Recht über der großen Masse der Habenichtse und
tun alles, um sich deren Ansprüche vom Leib zu halten. Die demokratischen Rituale, sich gerade dem gemeinen Volk alle paar Jahre mal zur Wahl zu stellen, stört zwar die Ruhe der abgehobenen Dienstwagenfahrer. Da sie aber die Medien beherrschen, schaffen sie es immer wieder, dass mehr oder minder nur Leute ihrer Art zur Wahl stehen und sie unter sich bleiben.