Das Leben ist Hartz – auch für die Umwelt.

Vor einiger Zeit sah ich eine sehr interessante Reportage im Fernsehen. Die Sendung nannte sich “Das Leben ist Hartz” und handelte von der mangelhaften Implementierung der Hartz-IV-Gesetze und den zum Teil menschenverachtenden Konsequenzen der Gesetzgebung für die Menschen an der untersten Sprosse der sozialen Leiter. Zwei junge Frauen simulierten dabei

Vor einiger Zeit sah ich eine sehr interessante Reportage im Fernsehen. Die Sendung nannte sich “Das Leben ist Hartz” und handelte von der mangelhaften Implementierung der Hartz-IV-Gesetze und den zum Teil menschenverachtenden Konsequenzen der Gesetzgebung für die Menschen an der untersten Sprosse der sozialen Leiter. Zwei junge Frauen simulierten dabei unter anderem für eine Woche das Leben als Hartz-IV-Empfänger und gingen zum Beispiel einkaufen.

Schließlich stellen sich beide die Frage, in wie weit die karge finanzielle Staatshilfe den Bedürftigen überhaupt noch eine gesunde Ernährung erlaubt. Vor dem Milchregal stehend wägen beide schließlich ab, ob sie nun bei der “normalen” Milch (Preis 42 Cent) oder der Bio-Milch (Preis 1,20 Euro) zugreifen. Schluss endlich greifen sie preisbewusst bei der Billig-Milch zu. Welcher Hartz-IV-Bedürftige (und ganz sicher nicht nur der), würde dies nicht tun? Richtig hellhörig wurde ich als eine der beiden jungen Frauen in etwa folgende, für mich bemerkenswerte Äußerung tätigte: “Wir würden ja gerne die Bio-Milch kaufen, aber bei unserem Budget können wir uns nur die billige Milch leisten. Bei dem Preisunterschied interessieren mich die Kühe leider nicht”¦” Ich stutzte. Wow. Plötzlich wurde für mich etwas Abstraktes konkret, doch ich wusste noch nicht genau was. Dann wurde mir bewusst, dass hier nicht nur die Milchpreis-Wünsche der Milchbauern (und scheinbar die der armen Kühe in der industrialisierten Tierhaltung) diametral zu denen der Arbeitslosen verlaufen und man sich daher fragen muss, wie sich dieser Konflikt zwischen den begründeten Bedürfnissen beider Gruppen überhaupt lösen lässt. Mir schoss jedoch noch ein weiterer Gedanke durch den Kopf. Das Mädchen ging ja scheinbar davon aus, dass der niedrige Preis auch dem Wohlergehen unserer gehörnten Freunde nicht unbedingt entgegenkommt. Doch wenn folglich offensichtlich selbst das Heer der Hartz-IV-Empfänger, aus durchaus plausiblen Gründen, ganz augenscheinlich nicht bereit ist, auch zu Gunsten der Kühe höhere Preise für den Liter Milch zu bezahlen, wie können “wir”, also die Menschen in unseren Breitengraden, denen es trotz allem so gut geht wie noch nie in der Menschheitsgeschichte, von den Bewohner der so gennanten “Dritten Welt” verlangen ihre Ressourcen und die Biodiversität in ihrer Heimat, quasi ihre “šKühe”™ zu schonen? Ein noch drastischeres Beispiel als die Aussage dieses Mädchens konnte es für die Absurdität dieser lebensfernen Forderung durch Seiten der Industrienationen kaum geben. Selbst als Hartz-IV-Empfänger geht es “šuns”™ doch noch immer um ein zigfaches besser als den bitterarmen und verzweifelten Menschen in weiten Teilen der südlichen Hemisphäre. Ich denke, möchte man wirklich verhindern, dass zum Beispiel die Regenwälder abgeholzt werden, nützt es nichts sich über die armen Teufel in Südamerika, Afrika und Asien zu ärgern, die auf der Suche nach einer (nicht vorhandenen) Perspektive die Natur zerstören. Schließlich die Frage, wenn das Individuum sich oftmals nicht um Umweltfragen kümmern kann, wie soll dann ein ganzer Staat sich dem Umweltschutz widmen, wenn er kaum im Stande ist seine Bürger zu ernähren?

Effektiver Umweltschutz muss die Bekämpfung der Armut mit einbeziehen

Bei der Lösung der drängenden Umweltfrage muss ganz offensichtlich ein wesentlich weiter gefasster Ansatz her. Wissen um diese Tatsache verwandelte sich bei mir seit dem Satz des Mädchens in Begreifen. Gelungener Umweltschutz funktioniert nur in Kombination mit internationalen Maßnahmen zur globalen Armutsminderung. Oder anderes gesagt: Effektiver Umweltschutz muss die Bekämpfung der Armut mit einbeziehen um überhaupt nachhaltig und effektiv sein zu können (Dies gilt darüber hinaus auch zu einem sehr großen Teil bei der “nachhaltigen” Bekämpfung von Phänomenen wie der Piraterie und dem internationalen Terrorismus). Und gerade für die Industrienationen ist es hier mehr als geboten mit gutem Beispiel voran zu gehen. Doch selbst “šwir”™ sind dazu scheinbar nicht bereit, obwohl wir selbst als Hartz-IV-Empfänger, im globalen Vergleich, auf sehr hohem Niveau leiden.

Die Kuh interessiert nicht, wenn in der Börse Ebbe herrscht. Wem soll man es verdenken? Schon mal versucht einem nackten Mann in die Tasche zu greifen? Aber was sollen dann erst die ärmsten der Armen in Brasilien, Kongo, Indien, Madagaskar, oder irgendwo sonst auf der Welt sagen? Umweltschutz ist ein Luxus, den sie sich ganz gewiss nicht leisten können, wenn sie sich und ihre Familien lieben wie wir es tun.

Nicht selten erhält man jedoch aktuell den nicht nur subtilen Eindruck, dass nun genau diese armen Bewohner ganzer Weltregionen aufgefordert sind, ihren Lebensraum als “Nationalparks der Erde”, als die letzten globalen Refugien, in einem möglichst ursprünglichen Zustand zu belassen, und ihre unendlich reichen Vorkommen an immens wertvollen Ressourcen, wie zum Beispiel in Afrika, nur im absoluten Einklang mit der Umwelt zu nutzen (es sein denn, die Industrienationen brauchen diese dringend für ihre eigene Wirtschaft, dann kann es ruhig etwas grober zugehen. Siehe Nigeria). Fast könnte man denken, sie sollen die Suppe nun auslöffeln die “šder Westen”™ durch schonungslose Umweltzerstörung der Welt eingebrockt hat. Sie sollen weiterhin “štraditionell”™ leben, möglichst ursprünglich. Ganz so wie es sich der zivilisations- und kapitalismusmüde Berufskonsument im Nordteil der Erde wohl insgeheim wünscht. Ohne Zweifel birgt traditionelles Wissen und eine dementsprechende Lebensweise einen unendlichen Schatz, den es zu bewahren gilt. Doch wird man so zur Wirtschaftsnation? Die Ausbeutung der Ressourcen im Süden wird gegeißelt, Nachhaltigkeit und Schonung der Umwelt mit verbissener Miene gegenüber den bankrotten Regierungen angemahnt. Zur selben Zeit jedoch werden diese Regionen der Welt dazu genutzt beispielsweise heimisches Giftmüll zu verklappen, oder um, wie wohl jüngst geschehen, alte und klapprige Abgasschleudern an die armen Teufel weiter zu verhökern. Auf die Bedürfnisse der Natur scheint die gesamte so genannte “šUmweltprämie”™ dabei ohnehin keine Rücksicht zu nehmen. Die Verschrottung noch fahrtüchtiger- bei gleichzeitiger (ressourcenintensiver) Produktion neuer, noch immer nicht zeitgemäßer PKW, schmeckt der Umwelt mit Sicherheit nicht. Hier wird wohl in mancherlei Hinsicht mit doppeltem Maß gemessen.

Wo sind eigentlich die flächendeckenden Urwälder der nördlichen Hemisphäre? Wohin ist die Tierwelt verschwunden? Wer hat eigentlich noch mal das Weltklima an den Rand des Abgrunds getrieben? Es gibt wohl kaum entsetzlichere Bilder als die eines hungernden Eisbären, dem der Lebensraum wortwörtlich unter den buschigen Tatzen weg schmilzt.

Ohne Rücksicht auf Verluste wurde die Natur in unseren Breitengraden bis zum Anschlag ausgebeutet um jetzt scheinbar durch lebensferne Forderungen an die Armenhäuser der Welt das eigene Gewissen zu beruhigen.

Doch wer nun davon ausgeht, dass im Gegenzug wenigstens jetzt bei uns endlich sorgsamer und nachhaltiger mit der Umwelt und ihren Ressourcen umgegangen wird, könnte kaum gewaltiger irren. Wem ist schon bewusst, dass sich in Kanada durch den Abbau von Ölsand zurzeit eine Umweltzerstörung unvorstellbaren Ausmaßes abspielt? Warum wird darüber kaum berichtet, dafür jedoch von jedem heroischen Einsatz westlicher Naturburschen und NGOs zum Schutz der Umwelt in Amazonien, Kongo etc? Von den unsäglichen täglichen politischen und wirtschaftlichen Ränkespielen und Winkelzügen um Abgasausstoß und CO2-Emissionen, die an Zynismus und Verantwortungslosigkeit kaum zu überbieten sind, ganz zu schweigen. Man könnte dabei fast den Eindruck gewinnen als wäre es nicht bereits punkt zwölf. Trotz Wohlstands spielen Fragen der Umwelt nach wie vor die zweite Geige – nach der Wirtschaft. Kurzfristiges Gewinnstreben schlägt langfristige Vernunft. Wie lautete noch mal diese Prophezeiung der Cree-Indianer Nord Amerikas: “Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.” Wir scheinen nicht mehr weit davon entfernt und dennoch sind wir die einzigen, die sich den Schutz der Umwelt im globalen Maßstab erlauben können und den eigenen Karren ja schon längst vor die Wand gefahren haben. Wen wundert es da, dass Afrika nun scheinbar erstmals mit einer Stimme sprechen wird, um Kompensationszahlungen in Milliardenhöhe für die Auswirkungen des Klimawandels einzufordern, von dem wiederum, wir alle wissen es, die südliche Hemisphäre in wesentlichem größeren Umfang zu leiden haben wird, als die Nationen der Nordhalbkugel.

Wenn wir das Ruder noch einmal herumreißen wollen müssen daher wir, die Industrienationen, nicht nur den ersten Schritt tun, sondern im Schweinsgalopp lospreschen und zum Beispiel tatsächlich nun massiv in  “grüne Technologie” investieren, die sich wiederum gewinnbringend auch in den Süden exportieren ließe. Davon hätte in der Tat auch die Umwelt etwas und nur so wird ein Schuh draus. Auch der Innovationsstandort Deutschland wäre langfristig gesichert. Ganz nach dem Motto: “Deutschland, Land der Ideen”.

Und wie sieht es bei mir aus? Tja, auch ich werde wohl trotzdem wieder zur billigen Milch greifen, ob es den Kühen nun gefällt oder nicht.

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