Die Geister die ihr rieft…

Oder: Warum Deutschland und “šAfrika”™ eben keine Partner sind Eine Frage: Was denken Sie, wenn Sie das Wort Afrika hören? Jeder sollte nun kurz in sich gehen. Schnell stellen wir dann fest, dass es sich um eine rhetorische Frage handelt, denn die ehrliche und spontane Antwort wird bei den meisten

Oder: Warum Deutschland und “šAfrika”™ eben keine Partner sind

Eine Frage: Was denken Sie, wenn Sie das Wort Afrika hören? Jeder sollte nun kurz in sich gehen. Schnell stellen wir dann fest, dass es sich um eine rhetorische Frage handelt, denn die ehrliche und spontane Antwort wird bei den meisten Menschen mit den drei großen Ks Krieg, Korruption und Krankheit verbunden sein.

Der “schwarze Kontinent”, “das Herz der Finsternis”, “der geschichtslose Kontinent”, die “zehn kleinen Negerlein” sind dabei Assoziationen, die bei den allermeisten unter uns unterbewusst aufflackern, wenn sie an die “Wiege der Menschheit” denken (ja, welch ein Widerspruch). Hinzu kommen romantisierte Afrika-Vorstellungen des “Guten Wilden” der gutmütig und dumpf die weise Führung seines gewieften und wohlwollenden weißen Freundes sucht und ihrer Bedarf. Der weiße Mann in Afrika. Herr über die Natur, Bezwinger der Kreatur und der Wilden. Afrika, ein Ort für echte Männer und auch Frauen lieben diese verwegenen Robert Redfords ja. Wer trauert da nicht insgeheim der guten alten Kolonialzeit nach, als alles noch seine Ordnung in Afrika hatte? Ach jaaa, Afrika könnte so schön sein, wenn es diese Afrikaner nicht gäbe”¦

Ob Angie wohl auch so denkt? Schließlich ist “Jenseits von Afrika” (in der Hauptrolle besagter Robert Redford, übrigens ein hervorragender und engagierter Schauspieler) ja der Lieblingsfilm unserer Kanzlerin. Wenn ich derartigen Erwägungen nachhänge, frage ich mich manchmal, ob man ernsthaft erwarten kann, dass die gleichen Menschen, denen diese Afrika-Bilder durch die Medien wie das zu fragwürdigem Ruhm gelangte Propofol eingeträufelt wurden, Afrika und den Afrikanern überhaupt unvoreingenommen gegenüberstehen können? Es ist in dieser Hinsicht kein besonders beruhigender Gedanke sich vorzustellen, dass wohl die Mehrzahl der Menschen auch in Deutschland mehr über die Tierwelt Afrikas als über die menschlichen Bewohner dieses Kontinents weiß.

Nur ganz allmählich dämmert es gleichzeitig vielen Menschen, dass es sich bei Afrika nicht um ein Land, sondern um den zweitgrößten Kontinent der Erde, mit jetzt über einer Milliarde Einwohnern, verteilt auf 22 Prozent der gesamten Landfläche der Erde handelt. Noch wesentlich weniger Menschen wiederum wird bewusst sein, dass die Bewohner des afrikanischen Kontinents sich untereinander derartig unterscheiden, dass die genetischen Divergenzen zwischen einem Ost- und Westafrikaner größer sein können, als die zwischen einem Ostafrikaner und beispielsweise einem Spanier. Dies wiederum liegt wohl daran, dass die Menschheit in der Tat in Afrika entstand, dort folglich die ältesten Gesellschaften der Erde leben und gerade einmal ein Gen im Erbgut des Menschen für die Hautfarbe verantwortlich zeichnet.

An den Rand ihrer Vorstellungskraft geraten wohl wiederum äußerst viele unter uns, wenn sie sich dann wiederum vorstellen müssen, dass unsere Vorfahren laut amerikanischen Genetikern und Anthropologen, erst vor etwa 12000 bis 6000 Jahren zu Bleichgesichtern wurden. Die Anthropologin Heather Norton von der University of Arizona drückt es so aus: “The [evolution of] light skin occurred long after the arrival of modern humans in Europe”. Für die Geschichte bedeutet dies, dass bspw. die berühmten Höhlenmalereien von Lascaux, Chauvet und Altamira von Menschen mit brauner Haut geschaffen wurden. Wurde eventuell gar das erste bayerische Bier vom Mohren gebraut?

Ist es in diesem Zusammenhang nicht vollkommen kurios, dass ein Mensch sobald er auch nur einen Tropfen “afrikanisches Blut” in sich trägt zur heutigen Zeit als “Schwarzer” oder gar “Neger” bezeichnet wird, mag seine Haut noch so hell sein, während bei der Einordnung  der “šrassischen”™ Zugehörigkeit beispielsweise der alten Ägypter genau andersherum verfahren wird? Denn hier gelten jetzt nur noch die  pechschwarzen, in Grabkammern oder Kunstwerken dargestellten Afrikaner mit platter Nase und wulstigen Lippen als echte “Schwarze”, während die braun bis hellbraun dargestellten Menschen, dem europiden, oder einem skurrilen vorderasiatischen Kulturkreis angehören sollen. Das ist mehr als eigenartig, denn mit Sicherheit würden mindestens 80 Prozent der dargestellten alten Ägypter heutzutage ohne zu zögern als schwarz definiert werden. Anders formuliert: Die alten Ägypter hätten in den USA noch vor wenigen Jahrzehnten in der Tat ganz hinten im Bus sitzen müssen. Wird der eher gelblich-braune Barack Obama nicht auch als Schwarzer bezeichnet?

Wer ist sich darüber hinaus schon bewusst, dass die südlichere nubische Hochkultur, die Wurzeln der späteren ägyptischen Kultur bildete?

Ja, viele werden jetzt instinktiv den Kopf schütteln und Wissenschaftlichkeit anmahnen. Doch genau diese Experten sind es, welche die Realität verleugnen. Die afrikanische Geschichte soll und darf nicht von Afrikanern gestaltet worden sein. Wie hat es Napoleon in der englischen Übersetzung doch so treffend formuliert: “History is a lie agreed upon”¦” Wie sollte man auch Menschen von ihrer Minderwertigkeit überzeugen, wenn sie sich, genau wie Europa auf Griechenland, zum Beispiel auf Ägypten als kulturellen Kristallisationspunkt berufen würden?

Nicht von ungefähr trachteten die Briten beispielsweise im von ihnen kolonisierten Mali danach die in Familienbesitz befindlichen Schriftrollen über die Geschichte Malis und Timbuktus an sich zu reißen und zu vernichten. Die Familien widersetzten sich jedoch und versteckten die Schriften und erst seit einigen Jahren werden die wertvollen Manuskripte wissenschaftlich untersucht und siehe da, bei dem schwarzafrikanischen Mali bzw. Timbuktu handelte es sich über Jahrhunderte um ein Zentrum des Wissens und der Gelehrsamkeit. Die meisten der Schriften entstanden vor mehr als 600 Jahren und für Wissenschaftler sind sie von unschätzbarem Wert. Urteilssprüche aus Gerichtsverfahren, einfache Briefe erzählen vom kaum erforschten Leben im Westen Afrikas vor Jahrhunderten.

Afrika, “der geschichtslose Kontinent”?

Mediziner aus Timbuktu versorgten die Könige Frankreichs, und die Grundlagen unserer heutigen Mathematik sind hier nachzulesen. Während in Europa nur wenige lesen und schreiben konnten, entstanden hier abertausende von Manuskripten und wertvollste Schriften. Religion, Physik, Astronomie und Mathematik – alles wurde hier studiert und penibel zu Papier gebracht. Das jedoch passte den europäischen Invasoren überhaupt nicht, denn das kulturelle Erbe der Afrikaner schien zu gewaltig, als dass sie sich ohne weiteres unterwerfen lassen würden. Derartige Erkenntnisse passen nicht zum Bild des tumben Wilden. Es gibt ein afrikanisches Sprichwort das besagt: Mann muss wissen woher man kommt, um zu wissen wohin man geht. Genau dies sollte jedoch in Afrika, bis heute, verhindert werden. Wer jedoch Menschen Kultur und den Intellekt abspricht, wird bei diesen Menschen auch nicht investieren. Es ist eigentlich ganz einfach. Nur dass sich Europa diesmal ins eigene Fleisch schneidet.

Ein Großteil all der heute lebenden Menschen mit “schwarzer” Hautfarbe entgegengebrachten Vorurteile und Zerrbilder entstanden zudem während der Kolonialzeit, als Legitimation und Rechtfertigung einer wirtschaftlichen Ausbeutung und menschlichen Unterdrückung Afrikas und der Afrikaner durch Europa. Der Afrikaner musste nun kindlich, gutmütig, dümmlich und primitiv sein und mit den Augen rollen. Nur so konnte man sich mit gutem Gewissen seiner Schätze bemächtigen. Schulbücher, Kinderlieder- und Spiele, die Kinoindustrie und schließlich “die Medien” taten ein Übriges um die Gehirne von Generationen zu waschen und somit Klischees von einer Generation an die nächste weiter zu reichen und immer wieder aufs Neue zu reproduzieren. Die überlieferten Ressentiments sind längst in das Unterbewusstsein der Menschen eingesickert und verhindern bis zum heutigen Tag eine pragmatische und unvoreingenommene Betrachtung des afrikanischen Kontinents und der mannigfaltigen, auch ökonomischen Möglichkeiten. Deutschland scheint hier, zumindest auch nach Meinung des Geschäftsführenden Vorstands des Afrikavereins, Hans W. Meier-Ewert, auch unter den europäischen Staaten nochmals eine Sonderrolle einzunehmen: Stimmt! Dass Deutschland im Vergleich zu China, aber auch Frankreich und Großbritannien eher zurückhaltend beim Afrikahandel ist, hat auch etwas mit der spezifisch deutschen Wahrnehmung dieses Kontinents zu tun. Die Leute denken doch gleich an Kriege, Krankheiten, Hunger- und Naturkatastrophen. Das enorme Wirtschaftswachstum, die enormen Veränderungen zum Guten, der Rückgang der Krisen und Kriege ““ das erkennen die Wenigsten. Siemens ist seit 150 Jahren in Südafrika präsent, aber das breite Interesse an diesem Kontinent fehlt leider immer noch.

Grotesker Weise werden jedoch nun beispielsweise die Chinesen, die sich in Afrika wirtschaftlich und finanziell engagieren seitens der Europäer und Amerikaner als kaltblütige Heuschreckenimperialisten dargestellt. Zur selben Zeit fürchten diese Kritiker um den Verlust des eigenen Einflusses, der in der Vergangenheit keineswegs entlang humanitärer und sozialer Leitlinien verlief. Eines scheint ebenfalls klar: Anders als die Deutschen, sind Chinesen, Inder, Türken aber mittlerweile selbst die Briten und Franzosen in der Lage und bereit, “šAfrika”™ als das zu betrachten was es ist, nämlich der größte noch unerschlossene Markt der Welt. Ein Kontinent voller Kreativität, Reichtum, Intellekt und Potential. Zumindest findet man sich mit dieser Perspektive in der “Financial Times” bestätigt. Dort schreibt ein Gastkommentator: Unsere Sorgen müssen daher nicht Afrika gelten. Vielmehr muss sich die westliche Welt fragen, ob sie vielleicht dabei ist, politisch und wirtschaftlich einen der wichtigsten und nachhaltigsten Trends der nächsten 10 bis 20 Jahre zu verpassen. Viele arabische und asiatische Staaten sehen in Afrika nicht länger Hunger, Krieg und Armut, sondern Werte, Märkte und Möglichkeiten. Es gibt für Afrika keine andere denkbare Zukunft als die eines starken Wirtschaftsraumes.

Es scheint so, als würden die kolonialen Geister die “šwir”™ selber riefen es verhindern, den Afrikanern auf Augenhöhe zu begegnen und darüber hinaus die rationale um pragmatische Wahrnehmung von Möglichkeiten und Potentialen extrem mühsam gestalten, oder gar blockieren. Dies kann letztendlich nicht im Interesse auch der deutschen Exportwirtschaft sein. Rühmen nicht gerade wir Deutschen, wir Europäer uns wirtschaftliche und globale Entscheidungen ausschließlich entlang der Vorgaben von Vernunft und Ratio zu fällen?

Chinesen und Inder besitzen nun wiederum eine derartig gespaltene “šTradition”™ der Beziehungen zwischen ihnen und den Staaten Afrikas nicht. Vielmehr wurden sie selbst einst als “šDritte Welt”™ bezeichnet. Die gegenseitige Anziehungskraft ist daher enorm und das, eventuell ungerechtfertigte, Vertrauen groß. Man kennt sich und die gegenseitigen Bedürfnisse. Die Chinesen denken langfristig, kalkulieren kühl und schrecken dabei auch vor eventuellen Rückschlägen nicht zurück. Zu diesem ökonomischen environment scheint die sprichwörtliche deutsche Risikoscheu generell nicht zu passen, doch ganz gewiss lassen sich die Chinesen ihren geschäftlichen Blick zusätzlich nicht durch Voreingenommenheiten und Klischees gegenüber den Afrikanern trüben. Der ökonomische Erfolg in den Beziehungen zu Afrika scheint ihnen dabei Recht zu geben. Außerdem verfügen China und Indien über Handelsbeziehungen vor allem nach Ostafrika, die auf Jahrhunderte bzw. Jahrtausende zurückblicken. Auch wenn abzuwarten bleibt, in wie weit Afrika vom Engagement Chinas, Indiens etc. weiter profitieren wird, ist die neue Situation für Afrika dennoch bereits jetzt ein Segen. Sind die Afrikaner doch nun nicht mehr auf das alleinige Wohlwollen aus dem Norden angewiesen. Nicht nur die Ureinwohner Amerikas würden in diesem Zusammenhang wohl bestätigen, dass “šder weiße Mann”™ am Ende doch immer “šmit gespaltener Zunge”™ zu ihnen gesprochen hat”¦ Längst bemühen sich aber nun auch die USA und selbst Russland um neue wirtschaftliche Beziehungen zu Afrika. Die Lage der Afrikaner wird komfortabler, können sie doch nun die Angebote gegeneinander abwägen. Ganz nach dem marktwirtschaftlichen Gebot: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Natürlich verbietet es der gesunde Menschenverstand die einen nun womöglich zu verdammen um die anderen zu preisen.

Nichts wäre naiver. Doch auch für die Europäer sollte es nun geboten sein, die eigene Afrika-Politik zu überdenken. Denn immer nur den erhobenen Zeigefinger zu schwingen und Diktaturen, je nach eigener Interessenlage mal zu fördern um sie dann zu verdammen und das eigene Gewissen durch unverbindliche Absichtserklärungen auf Großkonferenzen zu beruhigen hat in Afrika bisher nicht zu ökonomischer und politischer Stabilität beigetragen. Sinn bzw. Unsinn der so gennanten Entwicklungshilfe steht dabei ja ebenfalls seit Jahrzehnten auf dem wissenschaftlichen Prüfstand. Daher ist es auch für Europäer und Deutsche nun an der Zeit die Dinge, wenn man so will, nicht länger schwarz/weiß zu betrachten, sondern sich auf Augenhöhe zu begeben und dass nicht aus einem bizarren humanitären Verständnis heraus sondern aus ureigenstem, nicht zuletzt wirtschaftlichen Interesse, um Fragen der zukünftigen Energieversorgung und die Gefahren des internationalen Terrorismus gar nicht erst zu erwähnen.

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