China: Warum Zhu Rongji noch immer so populär ist
Zhu Rongji (朱镕基), der frühere chinesische Premierminister (und damit zweiter Mann im Staat), war als Staatsmann sehr populär und wurde für seine hohen moralischen Qualitäten, seine Aufrichtigkeit, Entschlossenheit und Arbeitsethik, aber auch für die engagiert vorangetriebenen Wirtschaftsreformen und seinen Kampf gegen die Korruption gelobt.
Er versuchte - sehr erfolgreich - viele tief verwurzelte Probleme Chinas zu lösen. Zum Beispiel wurden während seiner Amtszeit viele Staatsbetriebe modernisiert, ohne dass es dabei zu hoher Arbeitslosigkeit oder größeren Unruhen gekommen wäre. Auch der Stil seiner Reden ist bemerkenswert, da er einer der wenigen chinesischen Politiker war, der frei sprach, was seinen Pressekonferenzen einen lockeren, offenen und oft auch berührenden Ton verlieh.
Am 2. September 2009, mehr als sechs Jahre nach Zhus Rückzug aus der Politik, erschien nun ein Buch mit dem Titel “Zhu Rongji beantwortet Fragen von Journalisten” (朱镕基答记者问), das Transkripte der wichtigsten Pressekonferenzen enthält, die Zhu als Vizepremier und Premier gab. Das Buch war vom ersten Tag an ein Bestseller: Laut Verlag soll in Kürze eine Million Exemplare verkauft sein - ein Rekord im Buchhandel.
Nach seinem Rückzug von der Macht vermied Zhu Rongji jede öffentliche Aufmerksamkeit. So war er weder bei der Eröffnungs- noch der Abschlussveranstaltung der Olympischen Spiele anwesend. Er weigerte sich auch, die Biografie, die sein Cousin über ihn verfasst hatte, zu lesen. Beim jüngst veröffentlichten Buch bestand er darauf, dass sein Name in kleinerer Schrift als der Rest des Titels auf dem Cover erscheint, was auch der Fall ist. Dank solch kleiner Gesten ist er den Menschen als disziplinierter, bescheidener Führer in Erinnerung.
Allerdings rückte dieses neue Buch Zhu wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Sowohl die hohen Verkaufszahlen als auch die Diskussionen rund um das Buch im Internet zeigen, dass Zhus Popularität ungebrochen ist, obwohl er bereits so viele Jahre nicht mehr im Amt ist.
Dies spiegelt sich auch im Resumé wider, das Blogger Jia Junjun vom Leben Zhu Rongjis zieht:
“Zhu Rongji ist ein durch und durch integrer Führer, der seine Bewährungsprobe bestanden hat. Ich glaube, dass seine Bedeutung im Laufe der Zeit noch deutlicher werden wird. Mit Zhu Rongji wehte eine frische Brise durch unser politisches System. Er war eine Klasse für sich. Seine Courage, seine Bürgernähe, seine Unkorrumpierbarkeit, sein Talent im Umgang mit der Öffentlichkeit, sein pragmatischer Führungsstil und seine Gnadenlosigkeit gegenüber Korruption und Mittelmaß scheinen Eigenschaften aus einer anderen Zeit zu sein und nicht ins jetzige China zu passen. Zhu Rongji war eine herausragende Persönlichkeit.”
Ein anderer Internet-User schrieb dazu folgenden Kommentar:
“Im Moment sind Premier Zhus Mut, Weisheit, Humor, Kompetenz und Weitsicht unübertroffen!”
Überall im Netz findet man kürzere Würdigungen wie “Er war ein großartiger Premierminister” oder “Die Menschen lieben dich”.
Warum ist Zhu Rongji auch nach noch so vielen Jahren noch so populär? Warum haben die Menschen nach wie vor eine so hohe Meinung von ihm, obwohl sie ihn ja nicht einmal direkt wählen konnten? Die beste Erklärung scheint zu sein, dass er so anders als andere Politiker war.
In gewisser Hinsicht verkörpert Zhu Rongji die Sehnsucht der Menschen nach einem Politikertypus, der in der chinesischen Bürokratie nur selten zu finden ist. Seine besten Eigenschaften - Aufrichtigkeit, Offenheit und Verantwortungsgefühl - sind Qualitäten, die die meisten Chinesen bei den heutigen Funktionären vermissen. Die ungebrochene Bewunderung für Zhu Rongji ist also nicht nur als nostalgische Verklärung zu werten, sondern als Wunsch, mehr Menschen mit seinen Eigenschaften in der Regierung zu sehen. Diese Begeisterung ist auch ein indirektes, aber doch sehr klares Zeichen dafür, dass sich die Menschen in China substanzielle Reformen, mehr Transparenz, Verantwortlichkeit und einen entschlosseneren Kampf gegen Korruption erwarten.
Zum Schluss möchte ich noch einen der denkwürdigsten Aussprüche Zhu Rongjis zitieren, sodass Sie sich ein besseres Bild von seiner Person machen können und besser verstehen, warum die Menschen ihm noch immer nachtrauern:
“Im Kampf gegen die Korruption sollten wir zuerst den (stärkeren) Tiger und dann den (schwächeren) Wolf bekämpfen. Was den Tiger betrifft, so müssen wir gnadenlos sein. Lasst uns hundert Särge vorbereiten - auch einen für mich. Im schlimmsten Fall gehen wir alle miteinander unter, im besten Fall erreichen wir eine langfristig stabile Entwicklung unseres Landes und gewinnen das Vertrauen der Menschen in unsere Sache.
Was meinen Rückzug von der Politik und das, was ich danach machen werde, betrifft, so habe ich dazu schon 1998 Stellung genommen. Ich sagte, ich würde ohne Zögern mutig voranschreiten und bis zu meinem Tode hart arbeiten. Auch heute stehe ich noch zu diesem Versprechen! Aber Sie dürfen mich nicht missverstehen: “Bis zu meinem Tode” bedeutet nicht, dass ich bis zu meinem Tod an diesem Sessel des Premierministers kleben werde. Das meine ich nicht. Ich will nur sagen, dass ich mein ganzes Leben lang “bis zu meinem Tode hart für das Volk arbeiten werde”.
Ich wünsche mir, dass Menschen aus dem ganzen Lande nach meiner Pensionierung sagen werden, dass er ein guter, nicht korrupter Funktionär war. Dann wäre ich mehr als zufrieden. Und wenn sie vielleicht sogar sagen könnten, dass Zhu Rongji wirklich etwas bewegt hat - dann würde ich Himmel und Erde danken!”
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Ingrid-Fischer-Schreiber, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.











Helmut Rohe
Das ist das schöne an Readers-Edition.Man bekommt auch Zugang zu Beiträgen dieser Qualität, an die man sonst nie heran kommen würde.
In China tut sich so viel, gerade Positives, von dem wir hier wenig mitbekommen.
So wie Zhu Rongji hier vorgestellt wurde, würde ich mir ihn für die kömmenden vier Jahre als Bundeskanzler vorstellen.