Das Steinigen eines Menschen kann nicht schlimmer sein als die entsetzliche Prügeltat der zwei jugendlichen Kriminellen, die am 12.9.2009 auf einem S-Bahnhof in München dem 50-jährigen Geschäftsmann Dominik B. ingesamt 22 schwerste Tritte und Schläge gegen Kopf und Körper versetzt haben, die zu seinem Tode führten. Es war Mord, denn die Täter handelten aus allerniedersten Beweggründen. Sie handelten aus Rache dafür, dass der Helfer sich schützend vor vier Kinder stellte, die von den beiden Jugendlichen gerade in aller Öffentlichkeit beraubt und erpresst wurden.
Im Erschrecken über diese Tat werden viele auch wieder an den 17-jährigen Amokläufer Tim K. aus Winnenden denken, der in seine frühere Schule eingedrungen war und blindwütig Schüler, Lehrer und Dritte erschoss, bevor er sich am Ende selbst richtete.
Just in diesen Tagen, in der der brutale Mord in München geschah, berichtete die Presse über höchst bemerkenswerte Hintergründe der Tat in Winnenden, von denen bisher nichts in die Allgemeinheit gedrungen war. Ich meine damit nicht das Wissen über die Beschäftigung des Täters mit Gewaltspielen, auch nicht seine Fixierung auf “Bondage”-Bilder von gefesselten Männern, die von Frauen gequält werden, nicht seine Tötungsphantasien und seinen Abschiedsbrief. Auch die Schlussfolgerungen des Psychiaters, dass Tim K. manisch-depressiv war und eine masochistische Persönlichkeitsstörung hatte, ist nicht wirklich überraschend. (siehe hierzu: www.focus.de/panorama/vermischtes/amoklauf-von-winnenden-abschiedsbrief-aufgetaucht_aid_433805.html und http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,648555,00.html)
Tim K. war massiv gemobt worden
Wirklich zu denken gibt einem, dass Tim K. nach Berichten ein ganz und gar nicht aggressiver Schüler war, eher sanftmütig und zurückgezogen. Er hatte einen geradezu liebevollen Umgang mit seinem Vater. Aber schon lange vor der Bluttat war er von seinen Mitschülern massiv gemobbt worden, wie jetzt seine Nachhilfelehrerin berichtete. In einem Kondolenzschreiben an die Eltern von Tim K. beschreibt sie, dass ihr Sohn schon laufend auf dem Schulweg von Mädchen gehänselt worden sei. Durch die vielen Verletzungen habe Tim den Glauben an sich selbst und die Menschen verloren. Ferner habe er in seiner ehemaligen Schule unter schweren Versagensängsten gelitten. Wenn die Lehrer ihn aufriefen, begann er zu zittern. In Internet-Chats klagte seine jüngere Schwester, dass Tim sich seit seinem 14. Lebensjahr verändert hätte. Die Schulprobleme hätten ihn sehr belastet. Zuletzt sei er wegen schlechter Noten in Tränen ausgebrochen.
Unmittelbar nach der Tat habe ich hier in zwei Beiträgen darauf hingewiesen, dass Tim K. ganz offensichtlich nicht richtig “behandelt” worden war. Denn eine so schwere Schreckenstat kommt nicht “einfach so” zustande. Das Gefühlsleben eines jungen Mannes muss schon ganz entscheidend von der Norm abgewichen sein, wenn er am Ende ausrastet und reihenweise Menschen in den Tod reißt. Es war ja auch gar nicht so, dass Tim K. nicht fachliche Hilfe gesucht hätte. In der psychiatrischen Abteilung, in der er sich vorgestellt hatte, hat man ihn nur nicht aufmerksam genug angesehen und ihn offenbar ohne Behandlung wieder laufen gelassen. (siehe hierzu: https://www.readers-edition.de/2009/03/13/schule-nach-winnenden-agressionskontrolle-ist-moeglich und https://www.readers-edition.de/2009/03/17/winnenden-warum-immer-nur-jungs)
So wie es Tim K. ging, haben es ganze Generationen von Schülern erlebt. Aggressive und gewissenlose Mitschüler haben schon immer versucht, sich an stilleren und schwächeren Mitschülern zu reiben. Wer weiß nicht von solchen ständigen Gemeinheiten, von regelrechten Verfolgungsjagden auf dem Schulhof oder auf dem Nachhauseweg! Und die Mitschüler hacken auf dem Opfer noch herum oder schauen einfach weg. Kein Lehrer ist so erfahren, dass ihm da etwas auffällt ““ oder die Lehrer haben einfach keine Lust, sich um die Befindlichkeiten der Schüler zu kümmern. Ich fühle heute noch Scham über meine lange Untätigkeit gegenüber einem Unhold aus meiner Klasse, der einen schwächeren Mitschüler jeden Tag ohne Unterlass hänselte, ihm Kopfnüsse und Stöße verpasste und ihn auf dem Schulweg regemäßig abpasste und ihm den Schulranzen wegnahm. Erst als der Bösewicht sich auch an anderen Schülern und auch an mir vergreifen wollte und ich ihn ganz energisch zurechtrückte, hörten diese Quälereien auf. Wieso die Lehrer die ständige Verfolgung des Gequälten nie bemerkten, jedenfalls nicht gegen den Übeltäter einschritten, ist mir auch heute noch ein Rätsel.
Soll man glauben, dass es niemand bemerkt hat, dass Tim K. zu zittern anfing, wenn er nur vom Lehrer aufgerufen wurde? Die Nachhilfelehrerin hat völlig Recht, wenn sie eine Mitschuld für die Bluttat bei den Mitschülern sieht. Mitschuldig sind gewiss auch die Lehrer und die Eltern. Mitschuldig ist aber insbesondere unser überholtes Schulsystem, das den Schülern ihre natürliche Wissbegierde raubt und ein fröhliches Lernen unmöglich macht. Die Schule wird leider auch heute noch oft von vielen Schülern als eine schreckliche Zwangsanstalt erfahren. Wenn Lehrer das mitbekommen, reagieren sie oft noch mit Schuldvorwürfen gegenüber den Schülern.
Kein Wunder, dass die meisten Lehrer meinen auf das Instrument des Sitzenbleibens nicht verzichten zu können, obwohl die Koryphäen in der pädagogischen Wissenschaft mehrheitlich das Sitzenbleiben längst für überholt halten. Es fehlt einfach überall am liebevollen Umgang mit den jungen Menschen. Viel zu oft fühlen die Lehrer selbst sich überfordert und schlagen ““ natürlich nur verbal ““ um sich, auch wenn sie wissen, dass sie eine Not in den Seelen der Kinder erzeugen, die auch die Gewalt und die Rücksichtslosigkeit unter den Schülern fördert. Im Grunde genommen entsteht die Überforderung der Lehrer erst wegen dieses schrecklichen Kreislaufs. Nähmen sie sich wohlwollend und geduldig jedes einzelnen Schülers an und förderten ihn entsprechend seinen Möglichkeiten und seinem Entwicklungsstand statt ihn mit schlechten Kopfnoten, Zensuren und der Strafe des Sitzenbleibens zu erschrecken, wäre auch die Arbeit der Lehrer viel erfreulicher und weniger belastend.
Wie sieht es wohl im Innersten der jugendlichen Mörder von München aus?
Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass die beiden Prügler, die schon mehrfach vorbestraft sind, unter anderem wegen Diebstahls, einer auch wegen gefährlicher Körperverletzung und schwerer räuberischer Erpressung, der andere auch wegen Drogenbesitzes, bevor sie zu Tätern wurden, selbst Opfer unguter Verhältnisse waren. Ohne Arbeit, ohne Beruf oder eine Aufgabe trieben sie sich herum, ohne dass jemand sich um sie gekümmert hätte. Ihre ersten strafrechtlichen Entgleisungen haben ihnen sicherlich Vorstrafen eingebracht, aber keine Zuwendung und keine Hilfe. Das entschuldigt sie natürlich nicht. Aber es zeigt die Mitschuld einer unbedachten, rückständigen Gesellschaft, die viel zu sehr auf die Mittel des Zwangs gegen Rechtsbrecher setzt. Es gibt zwar die Möglichkeit, Bewährungshelfer einzusetzen. Auch die Jugendämter kümmern sich um manche gefährdete Jugendliche. Nötig wäre aber eine ständige Betreuung und Beratung durch fachlich gut geschulte Betreuer, die sich persönlich intensiv um die gefährdeten Jugendlichen kümmern. Solche Betreuer müssen in den kritischen Phasen eigentlich immer wissen, wo sich ihre Sorgenkinder aufhalten und was sie so tun. Die Wirklichkeit ist eine andere. Da hängen viele Jugendliche, auf die zuhause nicht geachtet wird, draußen herum und begehen eine Untat nach der anderen. Wehe, ein Bürger kommt ihnen zu nahe!
Unsere Gesellschaft macht es sich viel zu leicht mit den potenziellen Straftätern. Sie schaut weg, wenn die Saat der Gewalt in den Köpfen der Jugendlichen ausgestreut wird. Geht sie dann auf, schlägt die Gesellschaft auf die Täter ein und fasst sie von Mal zu Mal härter an. Unser Recht kennt neben dem System von Bußen und Strafen ein komplexes System von Maßnahmen zur Sicherung und Besserung. Von diesen Möglichkeiten wird aber nicht ausreichend Gebrauch gemacht. Noch immer gibt es eine große Zahl von Staatsanwälten und Strafrichtern, die sich darüber mokieren, dass Straftäter oft zu weich angefasst würden.
Eine eingehende persönliche Betreuung gefährdeter Jugendlicher kostet natürlich viel Geld. Ein Staat, der sich im Interesse des Erhalts der Freiheit der Banken hemmungslos verschuldet, kann sich allerdings solche Leistungen nicht erlauben. Dabei würden sich solche Bemühungen schon sehr bald mehr als bezahlt machen.
Nur eine umfassende Therapie kann solchen Gräueltaten vorbeugen
Letztendlich sieht unsere Gesellschaft noch weg, wenn sich neue Möglichkeiten auftun, grundlegend die Lebenseinstellung der gefährdeten Jugendlichen zu verbessern. Im Falle Winnenden hatte ich darauf hingewiesen, dass eine Verbesserung der Versorgung des Betroffenen mit dem zentralnervös die Kontrolle von Stress, Aggression und Suizidalität bewirkenden Neurotransmitters Serotonin mit großer Wahrscheinlichkeit den Amoklauf mit abschließendem Selbstmord verhindert hätte. Viele der Kommentare zu dieser meiner Meinung zeigen den allgemeinen Unwillen, sich in solche Fragen überhaupt nur hinein zu denken.
Dabei weiß doch eigentlich jeder, dass unser Gemüt ohne die Arbeit der Hormone keines einzigen Gefühls fähig ist. Ohne hormonelle Wachkontrolle fühle ich mich nach dem Aufstehen nur müde und zerschlagen. Ohne hormonelle Schlafkontrolle finde ich keinen Schlaf. Ohne das Glückshormon Dopamin bleiben die glücklichen Momente im Leben aus. In der Fachwelt ist es durch Hunderte von weltweit gemachten Studien ganz und gar gesichert, dass sich die fehlende Verfügung über das Kontrollhormon Serotonin maßgeblich auf das Auftreten kriminellen Handelns auswirkt..
Wir wissen, dass wir solche Steuerstoffe nicht unmittelbar zu uns nehmen können. Sie werden aus einer Vielzahl von Nahrungsmittelbestandteilen im Hirn synthetisiert. Also brauchen wir für den Aufbau dieser Stoffe die richtige Nahrung. Da einige der Bausteine der Hormone nur in wirklich vitalstoffreicher Nahrung zu finden sind wie z.B. Folsäure, Vitamin B 12, Zink und Omega-3-Fettsäuren, müssen wir darauf achten, dass wir und insbesondere aber die Jugend, solche wertvolle Nahrung bekommen und nicht immer wieder zerkochtes Kantinenessen, inhaltsarme Hamburger, Döner, Pizza mit Analogkäse und Pressschinken sowie Nudeln mit Tomatensoße. Wer weiß, wie Tim K. ernährt war und was die Mörder aus München an Nahrung zu sich nahmen? Ich vermute, dass ihnen unverzichtbare Vitalstoffe immer wieder gefehlt haben. Ein Mensch, der sein hormonell-mentales Gleichgewicht hat, kommt nicht in Gefahr, so auszurasten wie die Mörder von München.
Die “Ernährungstherapie” allein kann aber nicht alle einmal eingetretenen Störungen beseitigen. Wo sich bereits Irrwege in unsere neuronalen Netzwerke im Gehirn eingegraben haben und wo in unserer geheimen Schreckenskammer, der Amygdala, innnerhab des Limbischen Systems, dem Sitz der Gefühle, furchterregende Bilder gesammelt haben, bedarf es der Hilfe von fähiger Seite, diese verborgenen Störquellen aufzuspüren und durch neue, bessere Inhalte zu ersetzen. Man weiß ja seit einigen wenigen Jahren von der hohen Plastizität des Gehirns. Es lohnt sich daher, diese Probleme anzugehen, damit sich solche Schrecken wie die von Winnenden und München nicht wiederholen.
Auch den Helfern muss vorbeugend geholfen werden
Wer sich der brutalen Gewalt entgegenstellen will, riskiert wie der tapfere Dominik B., der den Angriffen der Jugendlichen auf die vier Kinder in der S-Bahn nicht tatenlos zusehen wollte, dass sich die Gewalt gegen ihn selbst wendet. Es wird immer wieder Situationen geben, in denen man fremder Gewalt als Nothelfer ganz allein gegenüber steht. Wer da allzu besonnen die Risiken abwägt, wird oft nicht helfen können. Geht man entschlossen gegen die Übeltäter vor, hat man eher eine Chance, weiteres Unrecht zu vermeiden. Das Risiko, dabei zu Schaden zu kommen, wenn man sich gegen Rechtsbrecher wendet, ist nicht zu vermeiden.
Einen guten Rat gab gestern der bekannte Kriminologe Professor Dr. Christian Pfeifer im Interview mit dem SWR. Wird man Zeuge eines rechtswidrigen Angriffs gegen Dritte, soll man vor dem Einschreiten Verbündete um sich scharen. Gemeinsames Vorgehen erhöht die Chance, wirksam helfen zu können, ganz erheblich. Treten mehrere Personen den Störenfrieden entschlossen entgegen, ist die Gewähr auch größer, dass die Helfer nicht selbst zu Opfern werden.
@ Rolf Ehlers
“Wird man Zeuge eines rechtswidrigen Angriffs gegen Dritte, soll man vor dem Einschreiten Verbündete um sich scharen.”
Das ist leider wesentlich leichter gesagt als getan. Woher die Zeit nehmen dazu? Entweder man greift entschlossen ein, oder man lässt es bleiben. Aber wenn man eingreift, muss man auch bereit sein, selbst Gewalt anzuwenden und die Konsequenzen später zu tragen (man landet da, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, leicht wegen Körperverletzung vor Gericht; zur Beruhigung für Nachahmer: das Verfahren wurde eingestellt).
Leute wie diese beiden Schläger sind zwar im Grunde Feiglinge, aber im Suff unberechenbar. Ein einzelner, körperlich überlegener Mann, der ihnen von Anfang an klar macht, dass er vor nichts zurückschreckt, hat vielleicht eine Chance, zwei Burschen von der Sorte abzuschrecken oder in die Flucht zu schlagen. Ab drei zu eins kann ich nur dringendst dazu raten, sich rauszuhalten und lediglich die Polizei zu rufen. Fotos machen, laut um Hilfe rufen, Krach schlagen, aber um Gottes willen sich nicht einmischen! Es macht keinen Sinn, wenn es nicht nur einen, sondern zwei Tote gibt.