Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat tiefgreifende Fragen nach den Ursachen für das Versagen der Wirtschaftswissenschaften aufgeworfen. Neben diesen Krisenursachen treten jedoch weitere hinzu: Die Umweltkrise, die soziale Krise, die sowohl auf einer zunehmenden Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung beruht. Des Weiteren kommt der Zerfall sozialer Beziehungen hinzu, die in wachsender Jugendkriminalität, Unfähigkeit zu stabilen sozialen Bindungen, insbesondere auch intergenerativ, ihren Niederschlag finden. Es entsteht eine zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft in heterogene Gruppen, die miteinander nicht mehr kommunizieren können.
Die Vermarktung der Gesellschaft als eine der Ursachen
Gesellschaft wird seit einigen Jahrzehnten immer stärker unter dem Gesichtspunkt der Dominanz von Marktbeziehungen, der Nutzen- und Gewinnmaximierung betrachtet und zugleich dementsprechend umgestaltet. War früher der Bereich der wirtschaftlichen Beziehungen auf den Bereich der Produktion von Gütern und Dienstleistungen, der Austauschbeziehungen dieser Produkte mittels Märkte fokussiert, hat sich die Wirtschaftswissenschaft immer weitere Bereiche unter dem Paradigma eines marktgetriebenen Prozesses der Nutzen- und Gewinnmaximierer als Leitbild erschlossen.
Bildung und Wissen wurden zu Human-, Sozial- und Wissenskapital, das heißt unter dem Gesichtspunkt der Verwertung von Bildung und Wissen im Sinne materieller Einkommensströme subsumiert. Die Bildungsrendite wird dabei zum zentralen Entscheidungskalkül und weniger der Gedanke der Entwicklung seiner Persönlichkeit oder der Entwicklung eines Weltwissens oder Erkenntnis. Was sich nicht verwerten lässt im Sinne der Ökonomie, wird als unnütz und überflüssig angesehen. Dem sind dann auch logischerweise die so genannten Orchideenfächer an den Universitäten zum Opfer gefallen. Alles, was sich nicht ökonomisch verwerten lässt, wird als wertlos, das heißt als überflüssig betrachtet.
Totalitarismus des ökonomischen Kalküls
Am weitesten ging dabei Gary S. Becker, der sämtliche sozialen Beziehungen wie Ehe und Familie als Austauschbeziehungen unter Zugrundelegung des Nutzenkalküls interpretierte. Liebe, Freundschaft, Ehe oder auch Kriminalität, werden als rationale Handlungen unter dem Prinzip der Kosten-Nutzenrechnung gedeutet. Mithin war die Gesellschaft und das seiner einzelnen Mitglieder mit ihrem Verhalten ausschließlich durch ein ökonomisches Kalkül bestimmt. Dieses Forschungsprogramm hat weit reichende Folgen für die gesellschaftliche Entwicklung der zurückliegenden Dekaden gehabt. Zum einen wird der Blick auf ein einziges Deutungsschema verengt. Es geht nicht nur um eine neben zahlreichen anderen Sichtweisen, sondern es geht um die Deutungshoheit, das heißt Hegemonie des Denkens, wie Gesellschaft gedacht werden soll. Mithin ist dieses Forschungsprogramm in hohem Grade normativ. Andere Denkansätze werden als überflüssig, unsinnig oder gar falsch diskriminiert. Der Wissenschaftspluralismus, der aus dem Zusammenspiel verschiedener Sichtweisen ein Verständnis über gesellschaftliche Phänomene gewinnt, wird durch Konkurrenz der Denksysteme mit dem Ergebnis von Sieger und Besiegten ersetzt. Das ökonomische Denken soll dabei den Sieg über alle anderen Denksysteme der Gesellschaft davon tragen. In seiner radikalsten Form zielt dieser Ökonomismus in den Gesellschaftswissenschaften darauf ab, alle anderen Konkurrenten aus dem Bereich der Gesellschaftsdeutung zu verdrängen und ein Deutungsmonopol zu errichten.
Das gesellschaftliche Bewusstsein und seine gesellschaftspolitischen Folgen
Diese Unterwerfung der Gesellschaft und den Totalitätsanspruch einer ökonomischen Gesellschaftsdeutung führt aber zwangsläufig auch dazu, dass die Grenzen dieses Ansatzes die Gesellschaft aufgrund seiner normativen Umgestaltungsideologie in eine Richtung verändert, die die Schwächen des Konzepts in Form zunehmender Gesellschaftskrisen sichtbar werden lässt. Die vielfach beklagte Individualisierung der Gesellschaft, da der Gemeinsinn wie ihn beispielsweise die Kommunitarier als konstitutiv für eine Gesellschaft erachten, führt am Ende zu einer Gesellschaft, die am kollektiven Egoismus als Leitbild für das Handeln das Scheitern der Gesellschaft herbeiführt. Übersetzt auf die gegenwärtige Finanzkrise heißt dies, dass die insbesondere im Finanzsektor, der ja ausschließlich darin sich konstituiert, dass immaterielle Werte in Form von Computergeld durch Handelsverträge mit dem alleinigen Ziel getätigt werden, dass Gewinn gemacht oder spekulativ zumindest erhofft wird, jedweden Bezug zur übrigen gesellschaftlichen Wirklichkeit verliert. Diese Loslösung der Verwertungsideologie von der Realität findet denn auch in dem Umstand seinen Niederschlag, dass der weltweite Derivatehandel rund das Zehnfache des Weltsozialprodukts von rund 60 Billionen US-Dollar mit 600 Billionen US-Dollar erreicht hat.
Diejenigen, die dieses Spiel am erfolgreichsten beherrschen sind dann die Superstars der Gesellschaft. Die Milliardäre sind heute diejenigen, die die gesellschaftspolitischen Entscheidungen entscheidend prägen. Sie entziehen sich dabei jedweder gesellschaftlichen Kontrolle. Steuergesetze sind für den Normalbürger, der sich den Regeln unterwerfen muss, Milliardäre können ihre Steuerzahlungen durch die freie Wahl ihres Wohnsitzes frei verhandeln. London ist nicht zuletzt deshalb zum Dorado der Internationale der Reichen geworden, da dort deren Steuerzahlungen frei verhandelbar sind. “Wie viel hätten Sie den gerne gezahlt?”
Die Politik erklärt gegenüber solcher Unabhängigkeit der Superreichen ihre Ohnmächtigkeit. Um den daraus sich ergebenden gesellschaftlichen Skandal zu kaschieren, wird sogar die Möglichkeit einer Vermögens- oder Erbschaftssteuer zum Tabuthema jedweder steuerpolitischen Diskussion erhoben.
Gegen die Vermögenssteuer wird das Argument der Doppelbesteuerung, das heißt der Steuer von bereits versteuertem Einkommen geltend gemacht. Steuersystematisch ein Sakrileg. Dabei wird jedoch geflissentlich verschwiegen, dass jeder Normalbürger mit Einkommen, das der Einkommenssteuer unterliegt, danach selbstverständlich doppelt besteuert wird, wenn er danach Verbrauchssteuern wie insbesondere die Mehrwertsteuer entrichtet. Diese Form der Doppelbesteuerung wird als systemkonform angesehen. Eine Vermögenssteuer auf Vermögen, das kumulativ durch Vermögenserträge angesammelt worden ist und oftmals sogar zu großen Teilen der regulären Einkommenssteuer legal, z.B. insbesondere auch Spekulationsgewinne, oder illegal via Steueroasen und Schwarzgeldkonten entzogen werden kann, muss unter allen Umständen vor Steuern geschützt werden. Diese steuerpolitische Doppelmoral trägt jedoch unweigerlich dazu bei, dass das Anreizsystem einer solchen Gesellschaft eine wachsende Vermögens- und Einkommensungleichheit erzeugt.
Im Kapitalismus gilt analog der Regel im Feudalismus, dass die herrschende Oberschicht sich der Beiträge zum Gemeinwesen entzieht. Der Feudaladel genoss damals Steuer- und Abgabenfreiheit, der Geldadel heute genießt es ebenso. Die Reichen werden mithin immer reicher, der Rest fällt unaufhörlich zurück.
Hinzu kommt, dass durch legale Steuervermeidung – wie beispielsweise der Steuerfreiheit von Spekulationsgewinnen ““ die Anreize dort besonders seine Wirtschaftsaktivitäten hinzuverlagern gefördert wird. Mithin hat der Kasinokapitalismus, wie er derzeit allgemein beklagt wird, auch seine steuerpolitischen Ursachen. Wenn darüber hinaus Verluste aus riskanten Spekulationen nicht vom Spekulanten, sondern auf kosten der Allgemeinheit der Steuerzahler via bail-outs getragen werden, braucht es niemanden zu wundern, dass wir eine Entwicklung in Gang gesetzt haben, die über kurz oder lang in den Staatsbankrott führen wird.
Grundlegende Neuausrichtung des gesellschaftspolitischen Orientierungsrahmens
Mithin bedarf es einer grundlegenden Revision der Gesellschaftsverfassung, das heißt seiner Institutionen, Regeln und Anreizsysteme. Ein solcher neuer Denkansatz wird derzeit heftig diskutiert. Es geht um den Versuch durch das Prinzip der Lebenszufriedenheit (Wellbeing) bzw. Lebensqualität eine Gesellschaftsreform in Gang zu setzen, die durch neue Zielsetzung, Anreizsysteme und Institutionen eine Gesellschaftstransformation ermöglicht, die die jetzige Gesellschaft vor ihrer Selbstzerstörung bewahrt. Unter der Federführung der OECD wird derzeit mit Unterstützung führender Wirtschaftswissenschaftler, darunter unter anderem die Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Amartya Sen, Daniel Kahnemann und Kenneth Arrow, daran gearbeitet, der Wirtschaftswissenschaft eine neue empirisch und theoretisch fundierte Grundlage zu verschaffen. Das Neuartige an diesem Vorstoß ist, dass er auf Unterstützung auch der EU-Kommission, dem Europäischen Parlament sowie führender Regierungschefs wie Nicolas Sarkozy in Europa hoffen kann (siehe hierzu den Stiglitz-Report).
Mit dem Ziel eines Indikatorensets zur komplexeren Messung gesellschaftlichen Fortschritts, das Bruttoinlandsprodukt als Leitindikator abzulösen, soll die in der derzeit vorherrschenden Wirtschaftstheorie eindimensionale Denkweise durch einen gesellschaftspolitischen Diskurs über ein Bündel gesellschaftlicher Zielindikatoren ersetzt werden.
Das Grundbedürfnis wird dabei in der Lebenszufriedenheit der Gesamtheit der Gesellschaftsmitglieder gesehen. Sollte diese Initiative erfolgreich sein, dann könnte dies einen grundlegenderen Wandel unserer Gesellschaft herbeiführen. Zum ersten Mal würden so bisher als Externalitäten abgehandelte Phänomen wie Umwelt, soziale Sicherheit, Frieden, Verteilungsgerechtigkeit als gleichrangige Ziele neben denen des Wirtschaftswachstums legitimiert.
Die Politiker einer Gesellschaft müssten sich dann von den Bürgern an der Zielerreichung all dieser Zielgrößen messen lassen. Hohes Wirtschaftswachstum auf Kosten der Vernachlässigung sämtlicher anderer Ziele wäre kein Selbstzweck mehr. Sollte Europa an dieser Aufgabe festhalten, dann dürfte dies die Lage weltweit grundlegend verändern. Leider versagen unsere Wahlkämpfer in den aktuellen Wahlkämpfen total diese Entwicklung aufzugreifen und hinsichtlich ihrer Einstellung dazu zu thematisieren. Man liebt es halt kleinteiliger und überlässt die Grundsatzfragen einer umfassenderen Gesellschaftsreform anderen. Wir brauchen jedoch einen neuen Kompass, um die Gesellschaft für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts fit zu machen.
Absolut treffend! Die Orientierung unserer Gesellschaften auf möglichst viel Konsum ist schizophren. Der Schaden dadurch ist umso größer, als die Funktionäre, die sich
vom Volk wählen lassen, durch die Bank nur noch der Lobby dienen und das Wohl der Allgmeinheit hinten an stellen.