DDR-Trauma, Eros und Politik

“Ich verstehe das alles nicht.” war sein erster Satz, als ich an seinen Tisch trat. Ich war leicht irritiert. “Lafontaine war doch kein Mauerschütze!” Ungläubig schaute er sein Handy an und steckte es dann in seine Lap-Top-Tasche. Erst jetzt hatte er mich bemerkt. Es war purer Zufall gewesen, dass wir

“Ich verstehe das alles nicht.” war sein erster Satz, als ich an seinen Tisch trat. Ich war leicht irritiert. “Lafontaine war doch kein Mauerschütze!” Ungläubig schaute er sein Handy an und steckte es dann in seine Lap-Top-Tasche. Erst jetzt hatte er mich bemerkt. Es war purer Zufall gewesen, dass wir einander hier in Berlin begegnet waren. Zwei Wessis auf Kongress-Tournee. Wir standen in derselben U-Bahn, er auf dem Sprung zur IT-Börse, ich mußte zur Tagung der Gesellschaft für psychosomatische Medizin.

Ein mürrischer Kellner nahm meine Bestellung auf. Wir hatten uns für den Nachmittag in einem Restaurant im Osten der Stadt, in der Nähe seines Hotels, verabredet. Das Etablissement atmete den modrigen Mief einer Honecker-Rede. Seichte Tanzmusik ertönte aus dem Hintergrund.

Wir kannten uns aus der Zeit in Tübingen. “IT-unterstützte Methoden der Sprachkompensatorik bei Gehirnläsionen” hiess das DFG-Forschungsprojekt. Ich gehörte zur psychotherapeutischen Fachgruppe, er zur IT-Seite. Wie lange war das nun her? 6 Jahre, 7 oder 8? Studiert hatte er Deutsch mit Schwerpunkt Linguistik, ausserdem Biologie und Informatik. Sein selbstgeschnitztes Programm war mit Mess-Sonden verknüpft und reagierte auf Gehirnaktivitäten im Hippocampus und Neocortex – Stirn- und Parietallappen. Es versuchte Themenfelder und Begriffsbildungen durch Näherungswerte einzukreisen und grafisch darzustellen. Manchmal sassen wir bis weit nach Mitternacht in der Versorgungsklinik, werteten Gesprächs- und Reaktionsprotokolle von Patienten aus, verglichen sie mit den graphischen Darstellungen seines Programms. Da ich mehr als 20 Jahre älter war als er und schon etliche Projekte hinter mir hatte, übernahm ich eine Art Mentorfunktion. Hin und wieder lud ich ihn zu uns nach Hause ein.

Der Kellner schob mir lustlos eine Tasse Kaffee und einen Teller mit Kuchen hin, der wohl noch im Sozialismus angeschnitten worden war. ‘Ach, die Ossis. Service würden sie wohl nie lernen.’ seufzte ich innerlich auf.

Bernd hatte meinen kritischen Blick bemerkt.

“Jochen kommt aus Dortmund. Dreher von Beruf. Musste mit 53 umziehen wegen HartzIV und so.” warb er um Verständnis für das Personal.

“Ah ja” sagte ich.

Er war immer noch der Alte. Mit Herz für die Armen und Ausgegrenzten. Zuviel Herz, wie ich fand. Schon fast ein Helfersyndrom. In Tübingen hatte er sich in der Behindertenarbeit engagiert, leitete neben Studium und Assistententätigkeit eine Hausaufgabenhilfe für Migrantenkinder. “Ein typischer Sozialromantiker, dein Kollege Bernd.” hatte meine Frau einmal gemeint.

Tübingen. Es war nicht verwunderlich, dass er in diesem Umfeld schon mit 19 bei den Grünen gelandet war. Er unterstützte ihre Anliegen, aber eintreten in die Partei wollte er nicht. Einmal war er bei einer ihrer Mitgliederversamlungen gewesen, danach nie wieder. “Pöstchenzirkus” hatte er das Gebaren dort genannt. Auch meine Frau und ich unterstützten grüne Ideen, ebenfalls ohne Mitglied zu sein. Damals ging von den Grünen noch so etwas wie Aufbruchstimmung aus. Dann wurde das Forschungsprojekt wegen mangelnder finanzieller Mittel gestoppt und wir gingen getrennte Wege.

Aus den Lautsprechern des Cafes ertönte nun Bruce Springsteen. “Tougher than the rest”. Ich sah hinüber zum Tresen. Jochen hatte sich eine Zigarette angezündet, wühlte in CDs. Offenbar hatte er für die musikalische Wende gesorgt.

Bernd begann zu erzählen. Von seinen drei, vier jämmerlich bezahlten Jobs als Praktikant und wie er schliesslich vor zwei Jahren in einem mittelständischen Pharmalabor gelandet war, dort nun die ganze EDV von den Testauswertungen bis zur Buchhaltung schmiss.

“No Surrender”. “The Boss” liess den Kaffee in meiner Tasse vibrieren.

Als Bernd beim Namen “Lara” angelangt war, hellten sich seine Züge auf. Sie war die Tochter seines Chefs, 25 Jahre, hohe Wangenknochen, schwarzes Haar, Schmetterlingsmund. Ein Duft von Ingwer und Jasmin wehte durchs Cafe. Jemand hatte Tee bestellt. Er war ganz gegen seine Art schwärmerisch geworden. Ich war verblüfft. Es musste etwas Ernstes sein. Wurde aber auch Zeit, er musste inzwischen schon fast Mitte Dreissig sein.

Dann verdüsterte sich seine Miene wieder.

“Seit vier Wochen gibt es nur noch Streit mit ihrem Vater.” eröffnete er mir. “Und wenn Lara und ich nicht verlobt wären, hätte er mich bestimmt schon aus dem Betrieb gejagt.”

“Wie das?” hakte ich nach.

“Alles fing damit an, dass wir bei Lara zuhause im Fernsehen gemeinsam einen Bericht über Kinderarmut in Deutschland anschauten. Unter Schröder hat die sich ja verdoppelt. Von einer Million auf zwei Millionen. Mehr nebenbei hatte ich gesagt, DIE LINKE ist wohl die einzige Partei, die das noch interessiert und energisch gegen Pflegenotstand und Kinderarmut eintritt. Darauf meinte er: DIE LINKE will Mauer und Stacheldraht zurückhaben, Gysi ist ein Massenmörder und Lafontaine sein Helfershelfer. Ich dachte zuerst, er macht Witze. Zu spät, viel zu spät wurde mir klar, er meinte das wirklich. Es war wie in einem wirren Alptraum. Am Ende des Abends waren wir völlig zerstritten.”

Die CD mit Bruce Springsteen war zu Ende. Jochen hatte was Neues eingelegt. “And I guess, thats why they call it the blues”. Die Mundharmonika gab das Äusserste.

“Vorhin meinte er am Telefon, er hätte nachgeschaut, wo mein Hotel liegt. Es sei ihm klar, dass ich als linke Bazille im Osten untergekrochen sei. Untergekrochen! Dabei habe ich das Hotel hier nur gebucht, weil es günstig war.”

Wie auf Stichwort klingelte sein Handy.

“Ich bin gerade mit einem alten Freund in einem Cafe.” hörte ich ihn sagen.

Dann sah ich, wie er blass wurde.
“Moment…” schnaufte er.
Wie bitte?!!….Aber halt…..Wie kommst du denn darauf? … Jetzt warte doch ..”
Mit einem resignierten “Tschüss” schaltete er das Handy ab.
“Er?” fragte ich.
“Ja.”
“Was war?”
“Er fragte, welche Stasibefehle du mir denn gegeben hättest.”
Ich zog die Augenbrauen nach oben.
“Er hält mich für einen Stasi-Agenten?”
Er nickte.
“Und er meint das ernst?”
“Todernst.”
“Er kennt mich doch gar nicht.”
“Das ist es ja. Was soll ich tun?” Bernds Stimme klang verzweifelt.
Ich überlegte.
“Gar nichts.”

Eine nette alte Dame, die viel Weisheit verströmte, lächelte uns zu und setzte sich an den Nebentisch.

“Du bist doch Psychologe. Wie kann ich ihm klarmachen, dass DIE LINKE gar keine zweite DDR will?”
“Gar nicht. Das alles hat mit Politik oder Rationalität überhaupt nichts zu tun. Weil es ihm gar nicht um Objektivität geht, sondern um Rache.”

“Rache?”

“Ja. Rache plus Wiederholungsphobie. Das typische Trauma DDR-Geschädigter.”

“Das verstehe ich nicht.”

“Er findet, dass das Unrecht der DDR nicht wirklich gesühnt wurde. Und weil das vieltausendfache Leid nicht abbezahlt, nicht wirklich wiedergutgemacht wurde, sucht er nach Ersatzschuldigen, nach Prügelknaben und Sündenböcken, die dafür noch büssen müssen. Und da bietet sich eben DIE LINKE an.”

“Aber er hat das alles doch gar nicht selber bewusst miterlebt. Er war ungefähr sechs oder sieben, als seine Eltern in den Fünfzigern “rübergemacht” haben. Er konnte doch von dem schweren Unrecht dort gar nichts bewusst mitbekommen haben.”

“Kinder sind oft weitaus empfänglicher für Leiderfahrungen Erwachsener als man gemeinhin denkt und viel unversöhnlicher.”

Er dachte nach.

Aus den Lautsprechern erklang jetzt Joe Cocker.

“Ich hatte mal den Fall einer schwer depressiven Patientin so um die Vierzig in meiner Praxis.” nahm ich das Gepräch wieder auf. “Ihr Vater war Ältester bei irgendeiner fundamentalistischen Sekte gewesen. Mit 20 hatte sie einen netten jungen Mann, Mediziner, kennengelernt. Ihr Vater sah in ihm das Böse schlechthin, weil der Freund seiner Tochter nicht glauben wollte, dass Gott die Erde vor rund 5000 Jahren in sechs Tagen erschaffen hatte. Er machte ihr Angst vor Hölle und Verdammnis. Schliesslich löste sie die Verbindung auf. An diesen Fundamentalisten erinnert mich dein Schwiegervater in spe.”

“Fundamentalist? Laras Vater? Er ist völlig areligiös.” widersprach er.

“Es gibt auch areligiöse Fundamentalisten. ” gab ich zu bedenken.

“Und DIE LINKE ist, so weit ich sehe, für ihn das Böse schlechthin.” fügte ich erklärend hinzu.

“Sicher…die DDR war eine üble Diktatur und es gab schwerstes Unrecht und …sicher gibt es in der LINKEN in irgendwelchen Seniorenheimen alte Kader, die die DDR glorifizieren. Aber die haben doch in DER LINKEN gar nichts zu sagen. Das muss man doch einsehen.”

Ich musste schmunzeln. Da kam wieder der Naturwissenschaftler in ihm zum Vorschein.

“Fundamentalisten funktionieren so nicht. Sie sind immun gegen plausible Argumente.”

Er sah mich ratlos an.

“Dann ist rationaler Diskurs gar nicht möglich?” fragte er.

“Doch. Aber nicht mit Fundamentalisten. Fundamentalisten kennen nur Symbiose oder Kampf bis aufs Messer.”

Er wurde sehr still.

“Ich will Lara nicht verlieren. Was soll ich tun? In die CDU eintreten?”

“Das würde er als Trick, als besondere Heimtücke und Verstellung empfinden.”

Die nette Dame von nebenan stand auf. Völlig unangekündigt knallte sie ihre Handtasche auf unseren Tisch, dass die Teller klirrten. Ein Hörgerät war bei dieser Aktion aus ihrem Utensil und mir auf den Schoss gesprungen. Ich reichte es ihr mit freundlichem Blick. Sie riss es an sich und rief aus:

“Stasigesindel! Kommunistenbrut!” Dann entschwand sie.

Jochen, der Kellner, eilte herbei.

“Entschuldigung. Das ist Marie. Die sagt das zu jedem.”
“Schon gut.” antwortete ich.
“Ich denke, wir zahlen dann auch.” Ich sah Bernd fragend an.
Der war noch ganz perplex vom Wutanfall der alten Dame.

“Ja, ja” meinte er dann, immer noch geistesabwesend.

Wir zahlten.

“Vielleicht kommt alles ja gar nicht so schlimm, vielleicht lässt sich ja alles wieder einrenken.” versuchte ich ihm Mut einzuflössen, obwohl ich selber nicht daran glaubte.

Wir verliessen das Cafe. Die Dämmerung hatte eingesetzt.

“Falls aber nicht,” gab ich ihm noch mit auf den Weg. “dann überlege dir doch mal, ob du nicht wieder an die Uni und in die Forschung gehst. Ein guter Freund von mir hätte da eine Stelle zu besetzen. Und eine Halbtagssekretärin sucht er auch.”

Ich gab ihm die Karte meines Freundes.

Er sagte “Danke” und wir verabschiedeten uns.

Es hatte angefangen zu nieseln. Hinter den Häusern rauschte der Verkehr.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Jetzt verstehe ich einiges deutlich besser. Das Stichwort für mich ist ” Tübingen “. Von dorther kam ja auch dieser hochgradig bekloppte Spinner namens Baumann. Er nannte sich Professor für Jura und fungierte in den 70ern in Berlin als Justiz-Senator und war mitverantwortlich für die Umkehrung des Täter-Opfer Verhältnisses und den Beginn des Anwachsens der Kriminalität in dieser Stadt. Wenn Sie , Herr Menschinski , nun auch tübingengeschädigt sein sollten, dann wären Sie ja für das , was Sie so alles schreiben, als schuldunfähig einzustufen. Warum haben Sie diese Offenbarung nicht schon eher getan ? Da tut es mir jetzt wirklich Leid, wenn ich Sie manchmal hart kritisiert habe.