Cybermobbing: Tod einer 15jährigen

In Großbritannien kam es erneut zu einem Suizid im Zusammenhang mit so genannten Cyber-Mobbing: eine 15jährige beendete ihr Leben durch den Sprung von einer Brücke. Zuvor war sie unter anderem auf ihrer Facebook-Seite massiv durch Mitschüler beleidigt und gedemütigt worden. Cybermobbing löst klassisches Mobbing unter Jugendlichen nicht ab ““ aber

PCpx.jpgIn Großbritannien kam es erneut zu einem Suizid im Zusammenhang mit so genannten Cyber-Mobbing: eine 15jährige beendete ihr Leben durch den Sprung von einer Brücke. Zuvor war sie unter anderem auf ihrer Facebook-Seite massiv durch Mitschüler beleidigt und gedemütigt worden. Cybermobbing löst klassisches Mobbing unter Jugendlichen nicht ab ““ aber ergänzt es mit zum Teil ungleich stärkerer Wirkung, da die Übergriffe am heimischen Computer quasi im intimen sozialen Nahrraum und nicht mehr “žnur” in der Schule stattfinden. Dem Phänomen kann durch die Betreiber von Social Networks entgegengewirkt werden  ““ aber nur mit speziellen Präventionsmaßnahmen.

Mobbing unter Kindern ist ein altes Phänomen ““ und nimmt zu

Unter Mobbing versteht man im Kern, dass ein Kind oder ein Jugendlicher anhaltend vorsätzlichen Aktivitäten wie Demütigungen, Beschämung, verbaler und tätlicher Gewalt durch Mitschüler ausgesetzt ist. Auch wenn es erst seit etwa 40 Jahren untersucht wird, dürfte es sich bei Mobbing an Schulen um ein wesentlich älteres Phänomen handeln, dass auch im Zusammenhang mit Amokläufen erst hohe öffentliche Aufmerksamkeit bekommen hat (viele Amokläufer waren häufig zuvor Opfer von Mobbing). Nach Studien des Bildungsforschers Olweus werden etwa 10 ““ 20% aller Schüler in der Grundschulzeit Opfer von Mobbing. Im Zeitraum 1983 bis 2001 ließ sich zudem zumindest für Norwegen eine Steigerung der Opferraten um 50% nachweisen ““ ein Effekt, der europaweit als gesichert gelten kann. Die häufigste Gewaltform ist dabei immer noch verbale Gewalt.

Cyber-Mobbing: Ausspähen, Beschimpfen, Bloßstellen, Reinlegen

Die grausame Palette der medienerfahrenen jungen Mobber beschränkt sich nun längst nicht mehr auf übergriffige Handlungen im örtlichen Nahfeld der Schule, sondern findet zunehmend in den von allen genutzten sozialen Netzwerken und damit 24 Stunden täglich statt. Neben beleidigenden Einträgen an virtuellen Pinnwänden der Opfer kommt es zum gezielten Ausspähen privater Informationen, zu deren Preisgabe die jungen Nutzer in sozialen Netzwerken wie z.B. SchülerVZ gezielt angeregt werden (Möglichkeiten Bilder mit Profilen zu verlinken, einfache Möglichkeit der Kontaktaufnahme und Verlinkung, Formulare, in denen Hobbies und Freizeitaktivitäten eingetragen werden können). Mehrfach wurde auf der Basis solcher Informationen eine gefälschte Identität genutzt, um mit dem Opfer eine vermeintlich wohlwollende, enge Beziehung herzustellen, die dann übergangslos in Beleidigung, Verleumdung und Veröffentlichung so ausgespähter, intimer Daten umschlug. Diese besonders grausame Form des Cyber-Mobbings dürfte sich deshalb so verheerend auswirken, weil die ohnehin nicht sehr beliebten Opfer ihre gesamte Beziehungssehnsucht an die vermeintlich verständnisvolle Kontaktaufnahme knüpfen. Die psychologischen Folgen des erlebten Vertrauensmissbrauchs dürften mutmaßlich jenen einer tatsächlichen Vergewaltigung in nichts nach stehen. Tatsächlich spielte insbesondere diese Form des Cyber-Mobbings bei mehreren Selbstmorden Jugendlicher eine ausschlaggebende Rolle.

Subjektive Anonymität erleichtert Netzgewalt

Es ist ein bereits seit langem gesicherter Effekt, dass subjektiv erlebte Anonymität die Hemmschwelle deutlich absenkt, Regeln des Miteinanders oder sogar Gesetze zu überschreiten. Im Falle von cybermobbenden Jugendlichen, die unter diversen Nicknames oder falschen Identitäten Schmähungen an Pinnbordes schreiben kommt zudem ein fehlendes Bewusstsein für die weit reichenden Folgen von Verleumdungen im Netz hinzu. Jugendliche überblicken kaum, dass die Daten die sie erzeugen, quasi für immer öffentlich sein werden und welche erlebten Konsequenzen dies für die Opfer von Cybermobbing hat. Darüber hinaus können einmal erfolgte Schmähungen in Sozialen Netzwerken leicht weitere nach sich ziehen, da diese den Eindruck einer allgemein akzeptierten Handlung erzeugen können (“žEs machen ja alle”). Die Medienkompetenz der jungen Nutzergruppe ist zudem zwar hoch ausgeprägt hinsichtlich der technischen Nutzungsmöglichkeiten, aber bezogen auf die soziale Tragweite von Netzaktivitäten meist äußerst defizitär.

Betreiber von Social Networks sind in der Pflicht

Für die Prävention netzbasierter Gewalttaten sind zunächst vor allem die Betreiber von Social Networks in der Pflicht, verbindliche Regeln aufzustellen, die explizit für jüngere Nutzer nachvollziehbar machen, dass Cybermobbing kein Kavaliersdelikt ist. Der sofortige Ausschluss von Cybermobbern sowie ausdrückliche Hinweise, zu erwünschten und unerwünschten Aktivitäten sind neben der permanenten Kontrolle möglicherweise beleidigender Einträge als Standart zu sehen. Idealerweise sollten eigentlich gerade die auf Jugendliche spezialisierten Social Networks Maßnahmen zum Erwerb sozialer Medienkompetenz anbieten, für welche die wesentlich weniger mit dem Internet vertrauten Eltern und Lehrer meist nicht einmal die grundlegenden Kenntnisse besitzen. Da die Funktion solcher Plattformen jedoch hauptsächlich in der Ansammlung von Nutzerdaten zu Werbezwecken besteht, ein leider völlig unrealistischer Gedanke.

Bildquelle: pixelio (vinat)

Kommentare

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  1. “Da die Funktion solcher Plattformen jedoch hauptsächlich in der Ansammlung von Nutzerdaten zu Werbezwecken besteht” … wird natürlich auch künftig über Leichen gegangen. So ist das nun einmal in einem weitgehend unreguliertem Kapitalismus. Alleine die Multimilliardensummen, die Großkonzerne für diese Netzwerke bezahlt haben, müssen jeden Menschen nachdenklich machen. Das machen die nicht, um “putschi, putschi” zu machen, sondern um knallharte Geschäftsmodelle zu entwickeln. Da gehören auch kriminelle Machenschaften dazu, wie das Veröffentlichen von Nazimusik und Nazipropagandaseiten. Hauptsache viele neue Mitmacher gelangen in die klebrigen Fangarme dieser “sozialen” Plattformen.

    In Zukunft wird es vermutlich Anbieter geben, deren Service darin besteht, Daten aus dem Internet “freizukaufen”. Das wird dann aber noch einmal extra-teuer.