Die Köpfe in den diversen Zentralbanken über eine angemessene Exit-Strategie dürften rauchen. Man hat mit seiner raschen Hilfe nach der Lehmann-Pleite zwar einen unmittelbaren Zusammenbruch der Finanzmärkte aufhalten können, aber eine schwere Rezession der Weltwirtschaft konnte nicht vermieden werden. Die Taylor-Rule ist eine Regel, nach der sich die Zinspolitik in normalen Zeiten ausrichten soll, um die Zinspolitik der Zentralbanken angemessen auszurichten, so dass Wirtschaftswachstum und Geldwertstabilität im Großen und Ganzen gewahrt werden können. Leider ist die Regel derzeit kaum anwendbar. Legt man die derzeitigen makroökonomischen Daten zur Inflationsrate und dem Output-Gap, das heißt der Differenz zwischen aktuellen und langfristig möglichen inflationsfreiem Wirtschaftswachstum zugrunde, dann sollte der Nominalzinssatz der Zentralbanken in den meisten Volkswirtschaften negativ sein.
Der stille Zwang zur unorthodoxen Geldpolitik
Da dies jedoch technisch nicht möglich ist, greift die Geldpolitik derzeit zur unorthodoxen Maßnahmen, den Kauf von Schuldverschreibungen des Staates oder auch von Unternehmen. Wegen der Geschwindigkeit der ganzen Krisenentwicklung lassen sich jedoch die aktuellen und mittelfristigen Entwicklungstrends der Wirtschaft der einzelnen Länder nur sehr unzuverlässig bestimmen.
Wenn aber die Zentralbanken gar nicht genau wissen wohin die Reise geht, können sie kaum optimal auf eine solche Entwicklung mit ihrer Geldpolitik reagieren. Eine Exit-Strategie, die einerseits das zarte Pflänzchen Wirtschaftsaufschwung nicht sofort wieder abwürgt, aber auch eine, die zu spät auf eine Überhitzung der Wirtschaft reagiert und so Inflations- oder sogar Stagflagtionsgefahren heraufbeschwört, ist kaum verlässlich planbar. Mithin hängt alles derzeit von der Intuition der Zentralbanker ab, wann und wie stark eine Wende von der exzessiven Geldpolitik zu einer nachhaltig stabilitätsorientierten Geldpolitik erfolgen soll.
Dass beispielsweise Alan Greenspans Intuitionjedoch nicht ausreichte, um die Gefahren einer Blasenbildung auf den globalen Finanzmärkten rechtzeitig zu erkennen, und seine Tippelschritt-Exit-Strategie too-little-to-late der Finanzmarktblase erst nach seinem Abgang durch Ben Bernanke dieser Entwicklung ein dramatisches Ende bereiten ließ.
Derzeit wissen es die Auguren erneut nicht so genau wohin die Reise geht. Da die Realwirtschaft einen dramatischen Schrumpfungsprozess unterworfen ist, bleibt unklar mit welchem Produktionspotential nach Beendigung der Krise gerechnet werden kann. Unklar bleibt auch inwieweit die globalen strukturellen Ungleichgewichte wie beispielsweise das handels- und Zahlungsbilanzdefizit der USA insbesondere gegenüber den asiatischen Ländern die Wachstumschancen der betroffenen Länder reduzieren könnten. Dies sind jedoch Basisinformationen, die man benötigt, um auf Grundlage der Taylor-Regel eine adäquate Anpassung der Geldpolitik nach Beendigung der Krise vornehmen zu können.
Unterschiedliche Anpassungsgeschwindigkeiten bleiben schwer vorhersehbar
Anpassungsgeschwindigkeiten der beiden Prozesse, das heißt deren Koevolution über den kurzen und mittleren Zeitraum sind kaum zuverlässig abschätzbar. Kommt es aufgrund von Marktmacht rascher zu einer Wiederbelebung der Inflation als zu einer Wiederbelebung des Wachstums, dann droht Stagflation. Würde die Zentralbank dabei der Inflationsbekämpfung gegenüber der Stützung des Wirtschaftswachstum höhere Priorität einräumen, dann droht ein erneuter Wirtschaftseinbruch, das heißt die so genannte double-dip Rezession. Japan hat dies in den 1990er Jahren vorgemacht. Um die exzessive Haushaltsverschuldung einzudämmen wurde eine Mehrwertsteuer in Höhe von fünf Prozent eingeführt. Diese bremste jedoch den Konsum so stark, dass die Wirtschaft erneut in die Rezession zurückfiel. Dies sollte all denjenigen zu denken geben, die derzeit vollmundig eine rasche Anhebung der Mehrwertsteuer von 19 auf 25 Prozent in Deutschland fordern. Diese wäre sogar höher als diejenige in Jahren, die von Null auf fünf Prozent praktiziert wurde. Wegen der nachfolgenden Rezession wurde auch das eigentliche Ziel der Mehrwertsteuereinführung in Japan verfehlt. Das Staatsdefizit schwoll trotz Mehrwertsteuer weiter an.
Erholt sich die Wirtschaft rascher als von der Zentralbank erwartet und kehrt auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurück, dann würde eine zu späte Anpassung der Geldpolitik, das heißt einer verspäteten Anhebung der Zinssätze, das Risiko einer Inflationsbeschleunigung herbeiführen, die dann durch eine entsprechende Korrektur, das heißt zusätzliche Zinssteigerungen unter Kontrolle bekommen werden müsste. Auch hier würde dann die Wirtschaftsentwicklung gebremst, um eine Rückkehr zu einem stabilen Wachstum herbeizuführen. Da alles dies jedoch nicht friktionslos zu bewerkstelligen ist, würde eine solche Stop-and-Go-Politik der Zentralbanken nicht zur Stabilisierung der Wirtschaft, sondern deren Destabilisierung einen wesentlichen Beitrag leisten. Ein ständiges Hin und Her mit den Zinssätzen führt zu Unsicherheit über den Kurs der Geldpolitik. Dies aber kann entsprechend aufgrund Risikoaversion das Investitionsverhalten beeinträchtigen. Ein solcher Schlingerkurs hat daher einen hohen ökonomischen Preis.
Hohe Dynamik erfordert entsprechend rasche Reaktionen
Wie bereits nach Ausbruch der Krise die Zinssätze im Rekordtempo auf nahezu Null gesenkt wurden, könnte die Geldpolitik auch erneut vor dem Problem stehen, rasch dramatische Zinsanpassung vornehmen zu müssen. Liefern die statischen Daten keine korrekte Situationsbeschreibung kommt diese Unsicherheit noch bei der Wahl der entsprechenden Anpassungsschritte hinzu. Mithin drohen die Zentralbanker selbst von der Entwicklung insbesondere hinsichtlich deren Geschwindigkeit überrascht zu werden. Dies dürfte das Selbstvertrauen nicht gerade stärken. Man denke nur an den dramatischen Schwenk in der Geldpolitik als die Finanzkrise mit dem Subprimekrise im Juli 2007 ihren sichtbaren Ausgang nahm. Innerhalb weniger Tage musste Ben Bernanke seine öffentliche Meinung revidieren. War zuvor die Inflationsgefahr als vorrangig angesehen worden, wurde jetzt die Stabilisierung der Finanzmärkte durch rasche Zinssenkungen unausweichlich. Ebenso könnte es jetzt mit umgekehrten Vorzeichen kommen. Da jedoch durch den Derivatehandel fundamentale Fehleinschätzungen der Finanzmärkte sehr viel stärker aufgrund der Hebeleffekte bestraft werden, dürfte ein solcher unerwarteter Wechsel in der Geld- und/oder Finanzpolitik zu erneuten Finanzmarktturbulenzen führen.
Ein echter Erber!