Die FDP (1) – Januskopf der deutschen Politik

Die FDP entstand nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Überresten und Überbleibseln der beiden liberalen Parteien DDP und DVP. Die DDP gehörte zum eher linken Spektrum der Weimarer Republik, die DVP tendierte seit jeher nach Rechts. Am 17. März 1947 wurde in Rothenburg ob der Tauber die  Demokratische Partei Deutschlands

Die FDP entstand nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Überresten und Überbleibseln der beiden liberalen Parteien DDP und DVP. Die DDP gehörte zum eher linken Spektrum der Weimarer Republik, die DVP tendierte seit jeher nach Rechts.

Am 17. März 1947 wurde in Rothenburg ob der Tauber die  Demokratische Partei Deutschlands (DPD) als gesamtdeutsche Partei gegründet. Vorsitzende waren Theodor Heuss und Wilhelm Külz. Dieses Projekt scheiterte. Dafür wurde die Freie Demokratische Partei am 11./12. Dezember 1948 in Heppenheim an der Bergstraße als Variante der westlichen Besatzungszonen aus der Taufe gehoben.

Die DDP der Weimarer Republik war geprägt von Kultur- und Verantwortungsliberalismus, ein tolerantes weltoffenes Bildungsbürgertum und sozial denkende Unternehmer prägten ihre Ziele. Viele Künstler und Intellektuelle, Akademiker und sozial denkende Unternehmer engaierten sich in der DDP oder standen ihr nahe.

Darunter viele Juden.

So zum Beispiel Walter Rathenau, Bernhard Weiß und Bernhard Dernburg. Walther Rathenau war der älteste Sohn des jüdisch-deutschen Industriellen Emil Rathenau, der die AEG gründete.

Am 24. Juni 1922 wurde Walter Rathenau, damals Reichsaußenminister, von Rechtsextremisten der Gruppe Consul in Berlin ermordet.

Den jüdischen Geist zeichneten und zeichnen nicht nur in Deutschland vor allem vier Grundtugenden aus: (1) Großzügigkeit, Weltoffenheit und Toleranz, (2) Bildungsbeflissenheit, -freude, ja -lust, (3) Gerechtigkeitssinn und (4) Mutterwitz.

Das färbte immer schon auf die Nichtjuden in ihrem Umfeld ab. Jüdischer Mutterwitz blitzt auch heute noch hin und wieder bei Gregor Gysi auf, auch wenn die vielen politischen Gegner das nur ungern zugeben.

Von 1920 bis 1930 waren rund 20 Prozent aller DDP-Abgeordneten jüdischer Herkunft, was sie zur Hass-Zielscheibe der Antisemiten machte, die sie als “jüdische Partei” zu diffamieren trachteten.

Auch in SPD und KPD gab es Juden in der Parteispitze. DNVP und Zentrum, die Vorläufer der Union, aber auch die DVP, betrachteten Juden als “personae non gratae”.

Die jüdischen Intellektuellen der Weimarer Zeit – wie z.B. Adorno, Bloch, Tucholsky und der “glücklose Engel” Walter Benjamin schmerzwandelten politisch zwischen DDP, SPD und KPD hin und her. Die DDP war ihnen oft zu patriotisch-gutgläubig, die SPD zu bieder-kompromisslerisch, die KPD zu engstirnig-doktrinär.

DDP und DVP rutschten nach dem Börsencrash 1929 im Sog der Wirtschaftskrise immer mehr nach Rechts ab und stimmten schließlich für Hitlers Ermächtigungsgesetz.

Durch die Judenverfolgung verlor die eher linksliberale DDP viele ihrer besten Köpfe, so dass die DVP, also der national und wirtschaftsorientierte Teil der Liberalen in den “Jugendjahren’” der FDP die Oberhand behielt.

Ein Sonderfall innerhalb der FDP war Erich Mende. Mit Politik hatten seine Erfolge Anfang der Sechziger Jahre wenig zu tun; er war eher ein Frauenschwarm als eine politische Leitfigur. Das Rekordergebnis von 13 Prozent 1961 erklärt sich nicht zuletzt daraus.

Nachdem der “schöne Erich” aber mit IOS – einem frühen Zertifikate-Schwindel-Schiffbruch erlitten hatte und in die Schlagzeilen geriet, sank sein Stern und damit auch der Stern der FDP. Fortan entwickelte sich die Partei in Richtung sozialliberale Werte und Verantwortungsliberalismus. Das Erbe der DDP meldete sich zurück. 1970 trat Mende aus Protest gegen die Ostverträge zur CDU über.

Der ordo- und sozialliberale “Freiburger Kreis”, Karl-Hermann Flach, Gerhart Baum, Burkhard Hirsch und Hildegard Hamm-Brücher unterstützten das Motto “Mehr Demokratie wagen” und leiteten die Hinwendung zur SPD Willy Brandts ein. Zusammen mit den Sozialdemokraten brachten sie die Ostverträge auf den Weg, sorgten für mehr Mitbestimmungsrechte in den Betrieben und für mehr Chancengerechtigkeit an Schulen und Universitäten.

Im Windschatten der 2. Ölkrise 1980/81 und des aufkeimeden Neoliberalismus machten sich Anfang der 80er Jahre in der FDP wieder stärker die Kräfte des Wirtschaftsflügels und der Nationalliberalen (vormals DVP) bemerkbar. Viel sozialliberales Potential und Personal saugten damals DIE GRÜNEN im Rahmen der Anti-Atom-, Bürgerrechts- und Friedensbewegung auf, so dass in der FDP der rechte Flügel immer mehr erstarkte.

Wortführer und Stichwortgeber wurde in der FDP mehr und mehr Otto Graf Lambsdorff. Die FDP wechselte am 17. September 1982 die Fronten, wurde Juniorpartner der Union unter Helmut Kohl. Seither gibt es in der FDP kaum mehr Regungen einer sozial verantwortlichen Politik. Sie degenerierte mehr und mehr zu einer Steuersenkungs-, Staats- und Sozialabbaupartei mit populistischen Zügen. Zugpferd und Antreiber war in den Neunziger Jahren Jürgen Möllemann.

Freier Markt, Privatisierung, Sozialabbau, Bildungsdünkel, Lohndumping und Zeritfikatehandel schrieben die Freidemokraten damals auf ihre Fahnen. Am deutlichsten wird der Geist, der seither in der FDP herrscht, an der Haltung Otto Graf Lambsdorffs zur Frage der Entschädigungszahlungen für Ost-Zwangsarbeiter. Jahrelang zog der Wirtschaftsgraf die Entscheidung in die Länge, wohl wissend, das jeden Monat ein Prozent der Anspruchsberechtigen starb.

“Verhandlungsgeschick” nennen FDP-Anhänger das bis heute.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. So kann nur jemand schreiben, der der alten FDP viel Sympathie entgegengebracht hat, wie ich viele Jahre auch.

    Noch nie habe ich – zudem in so kurzer und prägnanter Weise – eine so komplette und so zutreffende Historie der FDP gelesen. Der Beitrag ist Satz für Satz ein Feuerwerk an bemerkenswerten Wahrheiten und tiefen Einsichten in die Zustände der Partei von ihrer Gründung bis heute!

    Absolut richtig ist die Darstellung der verhängnisvollen Rolle des zwielichtigen Otto Graf Lambsdorff, der der Rechtsstaatspartei F.D.P. den Todesstoß versetzt hat. Ich verstehe, dass es sich nach dieser gloriosen Parteigeschichte nicht mehr lohnt, die nachfolgenden Figuren wie Möllemann, Gerhard und Westerwelle überhaupt mit Namen zu nennen. Selbst der clevere Daueraußenminister Genscher, der sich ja hier und da noch in der Öffentlichkeit sehen lässt, hat nicht das menschliche Format besessen, den inneren Niedergang der Partei aufzuhalten, weshalb ich verstehe, dass er keinen bedeutenden Platz in der liberalen “Hall of Fame” verdient
    hat.