Sitzenbleiben abschaffen! “Wohlfühlschule” statt Zwangsanstalt. Teil I

Fehlende Schulreformen in Deutschland bis zu Pisa Lange vor dem Pisa-Schock stand die deutsche Schule am Pranger, als Georg Picht in den 60er Jahren den Zustand des Bildungswesens in der Bundesrepublik Deutschland zu Recht als eine Bildungskatastrophe bezeichnete und Ralf Dahrendorf mit seinem Buch “Bildung ist Bürgerrecht” zur Reform der

pisis.jpgFehlende Schulreformen in Deutschland bis zu Pisa

Lange vor dem Pisa-Schock stand die deutsche Schule am Pranger, als Georg Picht in den 60er Jahren den Zustand des Bildungswesens in der Bundesrepublik Deutschland zu Recht als eine Bildungskatastrophe bezeichnete und Ralf Dahrendorf mit seinem Buch “Bildung ist Bürgerrecht” zur Reform der Schule aufrief.

Das Geschrei über den Bildungsnotstand führt zur Einsetzung von Kommissionen und dem Beschluss eines Strukturplans für die Bildungsreform. Es gab die versuchsweise Einführung der Gesamtschule. Im Großen und Ganzen machten aber alle weiter wie bisher. Die Pisa-Studien der OECD seit 2000 zeigen die deutschen Schüler leistungsmäßig ziemlich am Ende aller teilnehmenden 31 Länder.

Auch wenn zuletzt einige Plätze gut gemacht werden konnten, weil andere Länder im Vergleich leicht abrutschten, ist die Lage nach der Auskunft des Bildungsforschers Professor Dr. Klaus Hurrelmann immer noch sehr schlecht.

Die Situation schreit immer noch nach einer grundlegenden Reform des deutschen Schulwesens. Nach eingehender Prüfung der Verhältnisse in den Ländern, die in der Studie besser abschnitten, insbesondere in Skandinavien und nach neuen Erkenntnissen in der Pädagogikwissenschaften hat sich seit einigen Jahren die Forderung nach einer Abschaffung des Sitzenbleibens als eine Kernforderung der Erneuerung ergeben.

Befürwortung des Sitzenbleibens in der allgemeinen Meinung und bei den Lehrern

Das Forsa-Institut ermittelte 2002, dass 79 Prozent der Bevölkerung in Deutschland das Sitzenbleiben als eine sinnfällige pädagogische Maßnahme ansehen. 2006 ermittelte das Institut für Schulentwicklungsforschung an der Ruhr-Universität Dortmund, dass die Lehrer in Deutschland in ihrer Mehrheit gleichfalls dafür sind, dass Schüler, die das Leistungsniveau ihrer Klasse zu weit unterschreiten, die Klasse wiederholen sollten.

Die Lehrerschaft ist in zwei Lager gespalten. Der deutsche Lehrerverband, eine Dachorganisation von Gewerkschaften jenseits der GEW mit etwa 180.000 Mitgliedern, ist dezidiert für die Beibehaltung der Institution des Sitzenbleibens. Ihr Verbandspräsident Joef Kraus versteigt sich sogar dazu, dass für die faulen Schüler die Abschaffung des Sitzenbleibens einem Recht auf “Wohlfühlschule mit Abiturvollkaskoanspruch” gleichkomme

Siehe hierzu:http://www.lehrerverband.de/oecd.htm

http://www.lehrerverband.de/wettbewerb.htm

während die größere Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sich für die Abschaffung ausspricht, von vielen seiner Mitglieder dafür aber heftig angegangen wird.

Siehe hierzu:
http://bildungsklick.de/pm/16275/gew-zahl-der-sitzenbleiber-drastisch-verringern/

http://www.gew-hessen.de/index.php?id=296&tx_ttnews[cat]=72&tx_ttnews[pS]=1130799600&tx_ttnews[pL]=2591999&tx_ttnews[arc]=1&tx_ttnews[tt_news]=2808&tx_ttnews[backPid]=632&cHash=6fe6309f13&type=123

http://www.gew-bw.de/PM_5006_Sitzenbleiben.html

http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,364198,00.html

Das Ausmaß des Sitzenbleibens in Deutschland und anderswo

So wie wir in Deutschland nicht in der Lage sind, die Zahl der Steuervorschriften jemals zu verringern, schaffen wir es auch nicht, die Zerrissenheit des Schulsystems aufzugeben. Die unterschiedlichen Schulformen produzieren unterschiedliche Sitzenbleiberquoten. Diese Zahlen müssen sinnvollerweise ergänzt werden um die Angabe der Zahl der Schüler, die sich insgesamt einmal in ihrer Schulkarriere sitzengeblieben waren, und an den jeweiligen Schulen zusammen kommen, auch durch die sog. Abschulungen. Die Pisa-Studie hat letztere Zahlen für 15-jährige Mädchen ermittelt.

Von der Schule insgesamt produzierte Sitzenbleiber im Jahr 2002/2003:

  • Realschule: 5,5 %
  • Hauptschule: 4,4 %
  • Gymnasium: 2,8 %
  • Grundschule: 1,7 %

In der Schule befindliche 15-Jährige bis dahin einmal Sitzengebliebene:

  • Hauptschule: 42 %
  • Realschule: 25 %
  • Gesamtschule: 20 %
  • Gymnasium: 10 %

Erst die zusammengerechneten Zahlen von zehn bis 42 Prozent zeigen das große Ausmaß.

Eine solch große Zahl von Sitzenbleibern gibt es wohl nur in Deutschland.

In den nach der Pisa-Studie weit vor Deutschland liegenden Ländern England, Finnland, Norwegen und Schweden ist die “Schule ohne Sitzenbleiben” der Standard. Dort kommen Klassenwiederholungen auch schon mal vor, aber nur, wenn die Eltern und Schüler das so wollen.

Siehe hierzu:
http://www.aktion-humane-schule.de/Vortrag-Schumann-Sitzenbleiben.pdf

http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/852/486270/text/

Einwand: Sitzenbleiber sind am Ende erfolgreicher.

Bald nach den ersten der Pisa-Studie 2000 folgenden Rufen nach der Abschaffung des Sitzenbleibens wehte ein heftiger Gegenwind durch alle Zeitungen. Der Tenor: Sitzenbleiben ist nur von Vorteil! Das Rheinisch Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) verkündete im September Essen, den 6. September 2004, dass es eine Untersuchung mit Erhebung der Daten von mehr als 2.500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973 angestellt hätte, die folgendes Ergebnis erbracht hätte:
“‘Sitzenbleiber’ [haben] durchschnittlich eine um fast 50 Prozent höhere Chance, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen als vergleichbare Mitschüler, die immer versetzt wurden. Das Risiko, die Schule mit einem niedrigen Bildungsabschluss zu beenden, ist für diese Gruppe circa 26 Prozent niedriger. Untersucht wurde die ursächliche Beziehung zwischen Sitzenbleiben und Schulabschluss. Dabei wurden durch ein geeignetes ökonometrisches Verfahren Verzerrungen zwischen Wiederholern und Nicht-Wiederholern beseitigt.”

“Ökonometrisches Verfahren” ““ klingt doch ganz toll wissenschaftlich! Prompt gab die Presse das auch ziemlich kritiklos weiter:

http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,316824,00.html

http://www.stern.de/politik/deutschland/bildungspolitik-schule/untersuchung-sitzenbleiber-sind-die-besseren-schueler-529381.html

http://www.rp-online.de/public/article/beruf/bildung/60775/Schulanfang-Sitzenbleiben-lohnt-sich.html

Winand von Petersdorff-Campen von der FAZ trat sogar mit Beispielen seiner Meinung nach besonders erfolgreicher prominenter ehemaliger Sitzenbleiber den praktischen Beweis der These an. Er nennt Thomas Mann, Franz Kafka, Bertolt Brecht, Theodor Fontane und weist darauf hin, dass Abrahma Lincoln gar nicht zur Schule gegangen war. Von den Politikern nennt er Joschka Fischer, Christan Wulf und Edmund Stoiber. Schließlich dienen ihm auch der Rapper Sido und die Sängerin Nena zur Stützung der These.

Erfreulicher Weise hat die überraschende Erkenntnis der später viel erfolgreicheren Sitzenbleiber die Diskussion um die Abschaffung des Sitzenbleibens nicht abgewürgt.

Es war ohnehin alles nur “heiße Luft”. Der Bildungsforscher Professor Dr. Klaus-Jürgen Tillmann widersprach der Studie, die tatsächlich nicht mehr war als eine Meinungsumfrage. Diese Studienaussage beschränkte sich auch nur auf körperliche Spätentwickler, wie Dr. Brigitte Schumann aus Essen in ihrem großartigen Vortrag vom 9.11.2006 auf einer Veranstaltung der Aktion Humane Schule NRW eV. Am 9.11.2006 in Düsseldorf berichtete.

Aktuell: Sitzenbleiben laut neuer Studie sinnlos und teuer

Nach einer gerade erst im September veröffentlichten Studie ist das Sitzenbleiben ein überkommener alter Zopf, der keinen Sinn macht ““ und zudem viel zu teuer. Das Wiederholen einer Jahrgangsstufe erzielt offenbar nicht die gewünschten Effekte und ist obendrein noch teuer. Knapp eine Milliarde Euro geben die Bundesländer jährlich für schulische Ehrenrunden aus. Dies hat der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm für die  Bertelsmann-Stiftung errechnet hat. Eine Leistungsverbesserung bleibe bei den meisten Wiederholern allerdings aus. Die Stiftung forderte daher, das Sitzenbleiben auf einzelne Ausnahmen zu beschränken und schwächelnde Schüler stattdessen verstärkt individuell zu fördern.

Seit das Kostenmoment bekannt ist, kommen die Dinge jetzt doch ins Rollen. Hamburg will das Sitzenbleiben abschaffen, Berlin es bis auf ganz wenige Fälle beschränken. Auf einmal sollen die Schüler doch individuell gefördert werden.

Sitzenbleiben hinterlässt ein Trauma

Dass das Sitzenbleiben nur ein überkommenes Mittel ist, überalterte Methoden der schulischen Erziehung durch Zwangsmittel am Leben zu erhalten, ist dem erfahrenen Pädagogen Bernhard Bueb, langjährigem Leiter des Elite-InternatsSchloss Salem und Verfasser des Erzihungsbuchs “Lob der Disziplin” schon seit Jahrzehnten geläufig. Allerdings setzt die Abschaffung des Sitzenbleibens ein neues Schulystem voraus. Wörtlich: “…das Sitzenbleiben entspringt der Logik eines Schulsystems, das die Angleichung eines Schülers an einen vorgegebenen Standard höher bewertet als seine persönlichen Lernfortschritte. Dieses System und damit das Sitzenbleiben waren aber noch nie sinnvoll und wurden schon vor hundert Jahren von Reformpädagogen massiv kritisiert. … Die Erfahrung zeigt, dass Sitzenbleiber häufig ihre Leistungen nicht verbessern. Sitzenbleiben hinterlässt eher ein Trauma. Erfolgreich lernt nur derjenige, der erfahren darf, dass er durch Selbstdisziplin das Glück der Anstrengung erfahren kann. Er muss einsehen, dass Lernen sein Glück vermehrt, weil es ihm Anerkennung und Erfolg in der Sache bringt. Eine solche Einsicht erzeugt Sitzenbleiben aber selten.”

Die Maxime des überkommenen Schulsystems ist die Herstellung leistungshomogener Lerngruppen (Klassen). Dahinter steht die falsche Vorstellung, dass in Lerngruppen, deren Teilnehmer in Bezug auf Leistung, aber auch Herkunft, Geschlecht, Kultur, Religion oder Behinderung heterogen sind, die leistungsstarken Schüler ausgebremst würden, während die schwachen Schüler permanent überfordert würden.

Dr. Brigitte Schumann hierzu wörtlich:

“Das Sitzenbleiben ist eine ganz und gar unsinnige Maßnahme auch aus Sicht der Emotionspsychologie und der Hirnforschung: Negative Emotionen, insbesondere Angst, sind unbedingt in Lernsituationen zu vermeiden. Druckmittel, die negative Emotionen erzeugen, sind nicht lernförderlich, sondern wirken eher leistungsverhindernd. Umgekehrt gilt, dass eine freundliche und angstfreie Atmossphäre die Bereitschaft zuraufmerksamen Beteiligung und aktiven Verarbeitung  von Lerninformationen fördert.

Das Sitzenbleiben erhöht besonders das Risiko des Schulversagens, der Schulverweigerung und des Schulabbruchs bei Jungen. Denn schulischen Misserfolg kompensieren sie häufig durch Abgrenzung von schulischen Leistungsnormen und bringen sich damit noch mehr ins Abseits.”

Dieses erbarmungslose System macht die Schule für Schüler und Lehrer zur Qal, zum Glückskiller Nr. 1 unserer Jugend.

“Beschäme nie ein Kind!”

Bemerkenswert ist die Philosophie der finnischen Pädagogen, von der Dr. Schumann berichtet. Dort heißt es: “Beschäme nie ein Kind!” Welch wunderbarer Appell!

So wie wir in unserem “Gesundheitssystem” erst zuwarten bis die Menschen sich auf Grund falscher Lebensweise ein ganzes Bündel an Krankheiten zugezogen haben, bis wir mit ärztlichen und arzneilichen Reparaturen beginnen, so werden bei uns erst dann die Krisentelefone eingerichtet, wenn die Gefahren übergroß geworden sind oder es schon zu Messerstechereien au dem Schulhof, Schlägereien auf dem Nachhauseweg, Angriffen gegen Lehrer oder gar zu Suizidgedanken, Suiziden oder gar Amokläufen erniedrigter Schüler gekommen ist.

Individuelles Lernen in einer grundlegend reformierten Schule ist angesagt. Das ist gar nicht so schwer zu bewerkstelligen. Wir müssen nur von unseren erfolgreicheren Nachbarn lernen! Da wir ““ s. Hamburg, Berlin und NRW ““ schon auf dem Weg dorthin sind, gilt es, diese neue Schule in ihren Grundzügen zu verstehen. Damit befasse ich mich im abschleißenden Teil II.

Photo Quelle/Copyright: fileccia, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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