Im Land der Zauderer – Wer die Wahl hat, hat die Qual

Montagnachmittag: Ein Meeting in einem x-beliebigen mittelständischen Unternehmen.Ein Großauftrag steht auf der Kippe. Es muss eine Entscheidung zwischen den Abteilungsleitern her, wie man den Kunden doch noch von dem Projekt überzeugen kann. Vier Stunden wird diskutiert, ein Flipchart bedient, hin und her gerechnet. Am Ende wird entschieden, einen Arbeitskreis zu

Montagnachmittag: Ein Meeting in einem x-beliebigen mittelständischen Unternehmen.Ein Großauftrag steht auf der Kippe. Es muss eine Entscheidung zwischen den Abteilungsleitern her, wie man den Kunden doch noch von dem Projekt überzeugen kann. Vier Stunden wird diskutiert, ein Flipchart bedient, hin und her gerechnet. Am Ende wird entschieden, einen Arbeitskreis zu gründen und die Entscheidung zu vertagen. Der Ablauf solcher Meetings wiederholt sich deutschlandweit in allen Unternehmenssparten. Und häufig heißt es am Ende: Die Entscheidung ist, dass wir keine Entscheidung haben.

Doch nicht nur in der Arbeitswelt sind wir Zauderer geworden.

Auch im Privatleben fallen uns Entscheidungen immer schwerer. Fisch oder Fleisch? Kaufen oder Mieten? Meer oder Berge? Wen wundert es da, dass sich die Deutschen bei Wahlen so schwer tun. Denn auch in der Definition von Wahl steckt das entscheidende Wort: Eine Wahl im engeren Sinne ist die Entscheidung einer Personengruppe mittels eines festgelegten Verfahrens über die Auswahl einer Person oder mehrerer Personen für einen festgelegten Zeitraum für ein Amt oder Gremium.

Bei der Bundestagswahl 2005 lag der Nichtwähleranteil bei 22,3 Prozent. Abzüglich derer, die aus Protest oder politischen Desinteresse nicht wählen, bleibt eine große Mehrheit, die aus mangelnder Entscheidungskraft nicht wählen. Die keine klare Stellung beziehen können. Zu keinem Parteiprogramm und zu keiner Person. Denn wählen heißt eine Meinung zu haben und diese zu äußern und das scheinen wir verlernt zu haben.

Die Gründe sind vielfältig

Erstens scheinen Nicht-Entscheider bequem (er) zu leben: Wer A sagt muss auch B sagen. Das heißt, jede Entscheidung zieht eine Konsequenz nach sich, für die der Entscheider die Verantwortung trägt. Und wer möchte schon gerne mit den Worten “Verantwortung” und “Konsequenzen” konfrontiert werden? Wer möchte schon zum Buhmann werden, weil er einen nicht für alle Beteiligten gleich bequemen Weg gewählt hat? Solange alles glatt läuft, ist die Welt noch halbwegs in Ordnung. Aber wehe es geht was schief.

Mit Misserfolgen tun wir Deutschen uns schwer. Dass Fehler zum Leben dazugehören, dass jeder Fehler uns weiterbringt, dass haben wir verlernt zu begreifen.

Zweitens scheinen Nicht-Entscheider nichts zu verpassen:  In einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten will man sich alle Möglichkeiten offen halten. Was ist, wenn man heute eine Entscheidung trifft und sich damit andere Möglichkeiten verbaut? Studium oder Ausbildung? Weltreise oder Hausbau? Alles ist und soll möglich (bleiben). Doch wer sich nie für einen Möglichkeit entscheidet, lebt nicht im Hier und Jetzt. Und vergisst, dass man selten die Entscheidungen bereut, zu der man sich entschlossen hat. Sondern immer die, die man nicht getroffen hat.

Zaudern ist etwas für Angsthasen.

Jeder große Erfindung ist dadurch gezeichnet, dass es Menschen gibt die den Mut haben für diese Idee eine klare Stellung zu beziehen und auch Mal einen unbequemen Weg zu gehen. Und manchmal sind es schon die kleinen Entscheidungen, die eine große Wirkung haben. Der heutige Gang zur Urne ist eine davon.

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