Siztenbleiben abschaffen! “Wohlfühlschule” statt Zwangsanstalt. Teil II

Früher hieß es: “Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!” War ja auch richtig. Heute muss es heißen: “Die Schule ist für die Schüler da, nicht die Schüler für die Schule!” Das heißt, dass nicht die Schüler sich an scheinbar zwingende Gegebenheiten des Schulksystems anpassen müssen. Die heilige

Früher hieß es: “Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!” War ja auch richtig. Heute muss es heißen: “Die Schule ist für die Schüler da, nicht die Schüler für die Schule!”

Das heißt, dass nicht die Schüler sich an scheinbar zwingende Gegebenheiten des Schulksystems anpassen müssen. Die heilige Kuh der leistungshomogenen Lerneinheiten gehört geschlachtet. Die Schule muss sich auf den Unterricht in heterognenen Klassen einstellen und muss die Schüler individuell fördern.

Nur scheinbar macht das mehr Arbeit. Es sieht auf den ersten Blick so aus, als ob die Lehrer es leichter haben, wenn sie nur einen Einheitsstoff vorbereiten müssen, den sie dann der Klasse vortragen. Wer das nicht packt, gehört eben nicht in die Klasse und wird am Ende sitzen gelassen. Diese Methode hat der Schule Generationen lang ihren Stempel als Zwangsanstalt aufgedrückt und hat die Schüler in großer Zahl leiden lassen. Der Hass der Schüler auf die Schule fiel prompt auch gegen die Lehrer über. Was als System zur Leistungsförderung gedacht war, verkehrte sich in sein Gegenteil.

Die neueren Erkenntnisse aus der Neurologie, Psychologie und Endokrinologie lassen keinen Zweifel daran, dass der Lernerfolg eine positive Einstellung gegenüber dem Lernumfeld braucht. Unter Druck lernt sich schlecht oder gar nicht! Die altmodischen “Pauker”, die meinen, die Schüler wären von Natur aus faul und ohne gezwungen zu werden täten sie gar nichts, sind längst durch humane Schulformen wie die Waldorf-Schulen widerlegt worden. Wenn es endlich verpönt ist, dass Lehrer Schüler beleidigen und nieder machen, wenn sie mit ihren Leistungen nicht zufrieden sind, ist der erste Schritt getan. Das kann aufhören, wenn der Lehrer sowieso nicht mehr mit dem Sitzenbleiben drohen kann.

Frau Dr. Brigitte Schumann aus Essen hat in ihrem bereits in Teil I zitierten großartigen und nachlesenswerten Vortrag den Katalog der notwendigen Änderungen vorgegeben. Ich skizziere dies hier nur in starker Verkürzung:

 1. “Auf den Anfang kommt es an.”

Die Lehrerausbildung muss sich auf die neuen Methoden umstellen. Zudem ist das Vorschulwesen auszubauen – natürlich mit ausreichend geschultem Personal und kostenfrei.

2. Heterogenität schätzen

Bis zum Ende der Pflichtschulzeit sollten alle Kinder gemeinsam lernen. Die unterschiedlichen Fähigkeiten der Schüler sind als Chance zu begreifen, die einzelnen in den unterschiedlichen Abläufen ihrer Entwicklung zu fördern. Wenn ein Schüler mit dem vollen Lernstoff  überfordert ist, muss für ihn eine Alternative her. Das Ausgrenzen der Schwächeren war immer falsch. Heute können wir diese Gemeinheiten endlich fallen lassen. Aus der Schulverdrossenheit wird dann eine Schulzufriedenheit, die die Basis für effektives Lernen und ein gedehliches Miteinander von Eltern, Lehrern und Schülern, auch der Schüler untereinander, ist.

3. Individualisierung des Lernens

Wie schon angedeutet ist künftig nicht mehr der gleichschrittige Lernfortschritt der Klasse als Lerneinheit gefragt. Es kommt auf den einzelnen Schüler an. Dieser muss in die Planung seiner Lernziele mit eingebunden werden (koopertatives Lernen). Das bedeutet nicht, dass jeder Schüler seinen eigenen Unterricht bekäme. Aber es müssen mehrere unterschiedlich anspruchsvolle Lerninhalte vorbereitet werden. Dies ist von den Schulen insgesamt zu bestimmen. Da müssen sich auch die Schulbuchverlage einbringen.

4. Wohlbefinden und soziale Integration

Die Schule muss über das Erzwingen der Teilnahme am Unterricht hinaus die Schüler in ihrem gesamten sozialen Umfeld, auch in der Schule selbst in den Blick bekommen. Dass ein Schüler wie Tim K. aus Winnenden ins Zittern und Schwitzen gerät, wenn der Lehrer ihn aufruft und der Lehrer reagiert nicht darauf, das darf es nicht mehr geben! Gemeinsame Schulmahlzeiten sind ein wichtiger sozialisiernder Faktor.

5. Beratungs- und Vertrauenskultur

Die “Wohlfühlschule” braucht Strukturen, die ihre Ziele ständig im Auge haben. Das kann ein System von Mentoren und Tutoren sein, Laufbahnberater wie der “Opu” in Finnland oder auch eine sozial erfahrene Krankenschwester an jeder größeren Schule.

6. Förderung des selbstverantwortlichen Lernens

Lernen wie man methodisch am besten lernt statt Stoff vorsetzen und einfach verlangen, dass der Schüler sich den Inhalt einbläut, ist das Motto, ferner das Lernen, seine eigene Lernarbeit zu reflexieren.

7. Leistungsbewertung

Auch wenn keiner mehr sitzen bleiben muss, ist die Kontrolle des Lernfortschritts weiter wichtig. Darin aber sind die Schüler voll einzubinden

Ein Besipiel für den möglichen Erfolg gibt das Leibniz-Gymnasium in Essen.

Frau Dr. Schumann berichtet, dass das Leibniz-Gymnasium in Essen, das einen sehr hohen Anteil von Schülern mit “Migrationshintergrund” hat, durch die Abkehr vom Selektionsgedanken und der konsequenten Einführung des Leitprinzips des individuellen Förderns die Quote der Nichtversetzungen  von zehn auf zwei Prozent gesenkt hat. Der Schulleiter dazu:

“Die ganze Schule hat einen Lernprozess durchgemacht. Es ist ein Bewusstseinswandel im Kollegium und bei den Eltern erfolgt.”

Kommentare

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  1. Nach 15 Jahren Erfahrung mit deutschen Schulen im In-und Ausland muss ich sagen, es liegt nicht an unserem ursprünglichen 3 gleisigen Schulsystem, sondern an den vermittelten Inhalten, an den LehrerInnen und zum Teil aber auch an den Eltern.

    Das beste Schulsystem ( das deutsche hatte vor den PISA Manipulationen weltweit einen hervorragenden Ruf) taugt nichts wenn die LehrerInnen stinkfaul ( natürlich nicht alle) sind – und am liebsten den ganzen Tag ihre politischen Wirrungen an den Mann und die Frau bringen. Dazu kommen “Über” ehrgeizige Eltern die so manches Kind schlicht überfordern. Aber schliesslich hat man ja selbst auch Abi gemacht und drei Semester Politwissenschaften in Berlin verlebt, na bitte!

    Als Ergebnis ist Schule heute ist ideologisch ausgerichtet, weitgehend wertfrei und vermittelt ein egoistisches und narzisstisches Weltbild. PolitstümperInnen aller Richtungen werkeln ständig am System ohne sich um Ursachen und Grundsätzliches zu kümmern.

    Die Schulabgänger können zwar nicht richtig lesen und schreiben, sind verzogen und egoistisch. (Auch das trifft natürlich nicht auf alle zu. )

    Die Folgen sind bereits an allen Ecken und Kanten der Gesellschaft spürbar.

    Was wir brauchen ist eine breite gesellschaftliche Diskussion über das was ” wir” brauchen, nicht was die ChefideoloInnen in den Partei-und Wirtschaftzentralen der Republik wollen.