Abriss-Exkursionen: Im Kulturhaus der Bunawerker

Als Stalin noch regierte, sollte das Geburtsklinik für den neuen Menschen werden: Das “Klubhaus der Werktätigen” vor den Toren der Kohlechemiefabrik Buna, wurde im IG-Farben-Code X50 genannt, entstammt aber einer Zeit, als der Sozialismus sich aufmachte, den Kapitalismus zu überholen, ohne ihn zuvor eingeholt zu haben. Arbeit und Kultur, so

Als Stalin noch regierte, sollte das Geburtsklinik für den neuen Menschen werden: Das “Klubhaus der Werktätigen” vor den Toren der Kohlechemiefabrik Buna, wurde im IG-Farben-Code X50 genannt, entstammt aber einer Zeit, als der Sozialismus sich aufmachte, den Kapitalismus zu überholen, ohne ihn zuvor eingeholt zu haben. Arbeit und Kultur, so stellte sich das die Sozialistische Einheitspartei vor, sollten am Arbeitsplatz stattfinden, der Mensch sich definieren als Wesen, das nicht Arbeitszeit und Freizeit unterscheidet, sondern 24 Stunden am Tag an der Zukunft baut.

Ein Konzept, das dem Mauerfall nicht überstand. Plötzlich befand sich das gewaltige Haus, dessen Silhouette an mehrere übereinandergestapelte Großgaragen erinnert, am völlig falschen Ort. Wer mit dem Auto zur Schicht kommt, statt mit dem “Schichterzug”, der zischt auch keine zehn Bier mehr nach Arbeitsschluss.

Über anderthalb Jahrzehnte verfiel der Riesenbau, ehe sich ein irrwitziger Investor mit dem Plan meldete, ein “multikulturelles Veranstaltungszentrum” in die Ruine im Niemandsland zwischen Halle und Leipzig zu bauen. Mehr als 20 Millionen Euro sollten investiert werden – eine Idee, die der Landesregierung in Magdeburg imponierte. Aus dem Töpfchen für die touristische Infrastruktur kamen 9,5 Millionen Euro Fördermittel, schließlich, so hatte der ostdeutsche Disko-König versprochen, würde der neue Kulturtempel Konzertgänger und Diskobesucher noch aus Chemnitz, Erfurt und Berlin anlocken. Und allzu genau wollte es niemand nehmen, denn nachdem die Magdeburger Landesregierung zwischen 1994 und 1999 fröhlich 400 Millionen Euro Fördermittel mangels Anlagemöglichkeit unverbraucht an den Bund zurückgegeben hatte, kam es nur darauf an, irgendetwas zu finden, wo sich Steuergelder verbauen ließen.

Allerdings war der Bauablaufplan dann doch erst etwa bis zur Hälfte abgearbeitet, als sich eine neue Regierung alles anders überlegte. Der genehmigte Fördermittelbescheid wurde zurückgezogen, der Investor wegen Fördermittelmissbrauch angeklagt. Niemand wollte mehr gewusst haben, dass sich im “multifunktionellen Veranstaltungszentrum X50″ von Anfang an auch eine Disko befinden sollte.

Es wurde ein langer kurzer Prozess.

Nach sieben Monaten in Untersuchungshaft wurde der inzwischen insolvente Investor zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, weil das Gericht es als erwiesen ansah, dass er 421.000 Euro Fördermittel zweckentfremdet verwendet habe. Das Land stellte auch für den Rest der bereits ausgezahlten Fördersumme von 4,8 Millionen Rückforderungen. Wenigstens muss man ja so tun als ob. Handwerker zogen los und bauten das Material aus dem Gebäude aus, für das sie nicht bezahlt worden waren. Andere deckten das Dach ab und entfernten Rohrleitungen. Geblieben von den großen Plänen ist vier Jahre später nur die architektonische Ahnung eines großen Wurfes, die vor allem im großen Saal zu spüren ist. Weit schwingende Traversen ziehen sich bis über die beim Umbau auf die andere Seite verlegte Bühne hin. Ja, diese Halle hätte reichen können, 2000 bis 3000 Menschen zu empfangen.

Dazu wird es nicht kommen. Sechs Jahre nach dem Start des ehrgeizigen Umbauprojektes ist X50 nun endlich ein würdiger Kandidat für die PPQ-Reihe Abriss-Exkursionen: Das Land hat seine 4,8 Millionen natürlich bis heute nicht wiedergesehen, dafür aber immerhin eine Ruine errichtet, die sich nicht vorwerfen lassen muss, die touristische oder sonst irgendeine Infrastruktur zu stärken. Multikulturell sind im feuchten Inneren des Baudenkmals nur die Kritzeleien bildungsferner Wandmaler: Kürzlich wurde hier das “Königreich Hohenweiden” ausgerufen. In dem wohnen sie wohl jetzt, die neuen Menschen.

Quelle: politplatschquatsch.com

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  1. Kompliment! Es ist traurig dass Plaste un Elaste nicht mehr aus Schkopau kommen und der Riesenbau X 50 keine sinnvolle Verwendung fand. Der ganze Beitrag ist voll starker Reminiszenzen an die Zeit vor der Wende und die ersten wilden Jahre danach. Selbst der, der diee Zeiten gr nicht kennt, kann sich bestimmt leicht hineinfühlen.

    Dass es auch anders geht, hat das Tropenparadies in Brandenburg gezeigt, das guten Zulauf hat.

    Der Bericht zeigt auch wie nachlässig von westlicher wie östlicher Seite in den neuen Bundesländern mit Fördermitteln umgegangen wurde. Da wurden allein in meinem damaligen Amtsbezirk in Annaberg-Buchholz 300 Millionen Mark für ein völlig nutzloses Arbeitsamt ausgegeben und 18 Millionen Mark für ein “Gründer-zentrum” mit 4.000 m² Büroraum, obwohl nicht ein Gründer da war – prompt wurden die Flächen einfach zweckentfremdet unter Wert vermietet, was zum Leerstand bei anderen renovierten Objekten führte. Fp 30 Millionen Mark wurde im
    3000 – Einwohner großen Dorf Seiffen ein Spaßbad mit Übernachtungstrakt gebaut, das schon mit der Fertigstellung plete war, weil Seiffen und sein schönes Spielzeugmuseum sehr gut in ein paar Stunden besichtigt werden kann. Ich könnte mich lange dran halten, die Veschwendungen aufzuzählen. Verantwortlich dafür sind dieselben etablierten Parteien, die jetzt die Investmentbanken mit Billionen von Steuergeldern aus dem Dreck geholt haben – mit der Folge, dass jetzt für soziale und für Bildungsaufgaben auf lange Sicht hin kein Geld mehr da ist.

    Die DDR war noch weniger erfolgreich, da hatte die Misswirtschaft aber noch ein System!