Thilo Sarrazin und der Neuaufguss des Sozialdarwinismus

Die einschlägig bekannten rechtslastigen Politiker, Organe und Journalisten versuchen nun auch hochoffiziell den Sozialdarwinismus samt Volksverhetzung gesellschaftsfähig zu machen. Die Rolle des Tabubrechers in diesem Vorhaben spielt Thilo Sarrazin. Die Ideologie des Sozialdarwinismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Sie nahm einzelne Begriffe und Stichworte von Spencer (1820-1903) und Darwin (1809-1882)

Die einschlägig bekannten rechtslastigen Politiker, Organe und Journalisten versuchen nun auch hochoffiziell den Sozialdarwinismus samt Volksverhetzung gesellschaftsfähig zu machen. Die Rolle des Tabubrechers in diesem Vorhaben spielt Thilo Sarrazin.

Die Ideologie des Sozialdarwinismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Sie nahm einzelne Begriffe und Stichworte von Spencer (1820-1903) und Darwin (1809-1882) auf und vergröberte sie zu einer Art Selektions- und Masterplan für die menschliche Gesellschaft. Hinzugemixt wurden im Lauf der Zeit einige der extremsten Ansichten des späten Nietzsche, – vor allem in der Lesart seiner Schwester – , außerdem missverstandene und einseitig gedeutete Ergebnisse der gerade im Entstehen begriffenen Vererbungslehre.

Ausgangspunkt der sozialdarwinistischen Ideologie sind folgende Selbst-Festlegungen:

Ressourcen sind knapp.

Es herrscht, – wie sonst in der Natur auch -, unter den Menschen ein Kampf um sie.

Nur die Fittesten setzen sich in diesem Überlebenskampf durch.

Aus dieser engen und daher falschen Sicht der Evolution entwickelten die Sozialdarwinisten Kernüberzeugungen, die sich in folgenden Thesen zusammenfassen lassen:

Die soziale Stellung des Menschen ist von der Natur vorgegeben.

Armut ist naturgegeben und ein Merkmal für Leistungsschwäche.

Reichtum ist naturgegeben und ein Merkmal für Leistungsstärke.

Die Haupt-Denkfehler dieser Ideologie stecken schon in den Prämissen.
Ressourcen müssen nicht knapp sein, wenn sie intensiv genutzt werden und nachwachsen. Eine ökologisch vernünftige Energie- und Verkehrspolitik kann den Druck der Ressourcenknappheit entscheidend verringern.

Die Evolution ist nicht nur durch Kampf und Wettbewerb gekennzeichent, sondern viel stärker durch kommunikatives, kooperatives und soziales Verhalten. Gerade kooperierenden und erfinderischen Systemen gelang und gelingt es immer wieder, sich widrigen Umweltbedingungen anzupassen, während aggressive Verhaltensmuster meistens in Stillstand und Vekümmerung enden. Fit ist vor allem, was den und die Anderen kooperativ einbezieht, was Talente optimiert und nicht ausradiert.

Die weiteren Denkfehler der Sozialdarwinisten ergeben sich aus der völlig unwissenschaftlichen statischen Sicht der menschlichen Gesellschaft.

Sozialdarwinisten sehen im menschlichen Zusammenleben eine statisch missverstandene Natur am Werk. Das ist aus rein naturwissenschaftlicher Sicht völlig absurd. Die soziale Stellung ist zum überwiegenden Teil Resultat von Verfasstheit und aktueller Situation der Gesellschaft, der Familie, Gruppe, in die man hineingeboren wird.
Das persönliche Schicksal, die soziale Stellung hat ganz überwiegend mit Zufall, Glück und Pech zu tun und nur zu einem verschwindend geringen Teil mit Erbgut oder Genen.

Schon die Studien zu Intelligenz und sozialem Erfolg in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg hatten gezeigt: Nicht Erbgut, sondern Erziehung, soziales Umfeld und Bildungschancen sind auschlaggebend für die Entwicklung des Menschen.

Neueste Erkenntnisse in der Genforschung unterstreichen das. Es gibt keinen sozialen Erbadel. Das Erbgut ist im Individuum seit jeher in ständiger dynamischer Rekombination. Es reagiert in bisher nicht für möglich gehaltener Weise auf äußere Reize, Bedingungen, Einflüsse, Umstände. “Erbgut in Auflösung” heißt ein Artikel aus dem Jahr 2008 in DER ZEIT. Dort heißt es:

“Das Genom galt als unveränderlicher Bauplan des Menschen, der zu Beginn unseres Lebens festgelegt wird. Von dieser Idee muss sich die Wissenschaft verabschieden. In Wirklichkeit sind unsere Erbanlagen in ständigem Wandel begriffen”.

Es sind keine Nischenforscher oder Außenseiter, die das feststellen, sondern die Pioniere und Koryphäen der Genforschung wie Gert-Jan van Ommen von der Universität Leiden oder der US-Genetiker Matthew Hahn.

“Unsere Annahmen waren so naiv, dass es fast peinlich ist”, sagt heute Craig Venter, federführendes Mitglied im Genom-Projekt.

“Die Genetiker müssen sich von ihrem Bild eines stabilen Genoms verabschieden, in dem Veränderungen krankhafte Ausnahmen sind. Das Erbgut eines jeden ist in beständigem Umbau begriffen.”
Die alten und neuen Erkenntnisse aus der Genforschung sind bei den Sozialdwarwinisten und Soziobiologisten nie angekommen. Sie glauben, was menschliches Erbgut und das Verständnis menschlicher Gesellschaft angeht, immer noch den Scharlatanen des vorvorigen Jahrhunderts.

Stattdessen wiederholen die modernen Sozialdwarwinisten die Empfehlungen ihrer museumsreifen Vorgänger:

Der Staat hat sich sozialer Abstützung zu enthalten, um den natürlichen Ausleseprozess nicht zu unterlaufen.

Es gilt, “unnütze Esser” in ihren Rechten zu beschneiden, vor allem sie an der Fortpflanzung zu hindern. Dazu ist die Enthaltsamkeit des Staates in Sozialbelangen nötig, aber auch eine allgemeine utilitaristische Grundhaltung, die nur jenen Bürgern volle Rechte zugesteht, deren Erbmaterial eine gewisse Mindes-Leistungsfähigkeit erwarten lässt.

Als Exponent dieser Haltung darf heute das SPD-Mitglied Thilo Sarrazin gelten. Er beklagte jüngst, “dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden”.

Und wie aus der über 100-jährigen Wirkungsgeschichte des Sozialdarwinismus bekannt ist, gedeiht auf dem Humus dieser Ideologie auch jede Art von Rassismus: “Türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben”, meint Sarrazin zu Berlin und: “Ich muss niemanden anerkennen der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.”

In dieser Aussage stecken gleich mehrere volksverhetzende Unterstellungen.

Erstens wird so getan, als seien die meisten arbeitslosen Menschen arbeitunswillig. Das ist eine volksverhetzende Lüge, die auch dadurch nicht wahrer wird, weil Schröder und Clement jahrelang in diese Kerbe gehauen haben. Tatsache ist, dass seit rund 20 Jahren ein dramatischer Stellenmangel und massvie Massenarbeitslosigkeit in ganz Europa herrschen. Auf eine Stelle kommen seit 20 Jahren im Schnitt zwischen sieben bis zehn Bewerber.

Zweitens wird so getan, als seien die meisten Empfänger von Sozialleistungen türkischer Herkunft. Das ist ebenfalls eine volksverhetzende Lüge. Die meisten Empfänger von HartzIV sind deutscher Herkunft. Unter den Türken sind in etwa gleich viele Menschen auf HartzIV angewiesen, wie unter Griechen, Süditalienern und Ex-Jugoslawen.

Drittens wird so getan, als seien Türken prinzipiell islamistisch eingestellt. Das ist nachweislich falsch.

Viertens wird vorgetäuscht, vor allem Türken seien Bildungverweigerer. Auch das ist falsch. Die ethnische Gruppe mit den größten Bildungsproblemen sind die Süditaliener, dann folgen im ungefähr gleichen Verhältnis Türken, Ex-Jugoslawen und Griechen. Schuld an der Bildungsmisere ist das deutsche Schulsystem. Das zeigen seit Jahren die Studien des OECD zur Bildungssituation in Deutschland. Mit Bildungsverweigerung von seiten der Betroffenen haben diese Zustände nichts zu tun, sehr viel aber mit Verweigerung von Bildungsmitteln und Bildungschancen durch schwarz-gelb-rot-grüne Regierungen. (man vergleiche auch: DIE ZEIT/7/2008, S. 29; Statistisches Bundesamt 2005/2006).

Ohne flächendeckende Vor- und Ganztagsschulen wird sich daran nichts ändern.

Aber die modernen Sozialdarwinisten wollen das auch gar nicht ändern. Denn es könnte sich ja erweisen, dass ihre Ideologie gar nicht stimmt, dass Menschen, wenn sie echte Bildungs- und Arbeitschancen bekommen, genau so leistungsfähig, ja leistungsfähiger sind, als der Durchschnitt.

Die Einführung des Schüler- und Studenten-Bafögs unter Willy Brandt haben unwiderlegbar gezeigt, dass gerade in der Unterschicht ungewöhnlich viele Talente schlummern und dass gerade diese Menschen zu echten Leistungsträgern der Gesellschaft heranwachsen, wenn sie faire Bildungs- und Arbeitschancen bekommen.

Fazit: Sarrazin bedient niedrigste Neid- und Hass-Instinkte. Er plaudert aus, was in vielen weniger hellen Köpfen gärt. Auch unter so genannten “Sozialdemokraten”. Die SPD-Rechte von Schröder bis Sarrazin, von Müntefering bis Dohnanyi und Kahrs ist keineswegs sozialer oder demokratischer eingestellt als die Mehrheit in der Union. Das hat die Agenda unabweisbar vor Augen geführt.

Nachdem die Milliarden-Steuergeschenke der Jahre 2000 und 2001 an die Konzerne und Reichsten im Lande ganz global in Luxus, Spekulation und Auslandsabenteuer abflossen, anstatt Arbeitsplätze zu schaffen, regten sich in den schlichten Gemütern der SPD-Rechten die Feldwebel-Gene, der Parvenüdünkel und der Kovertiteneifer.

Nicht ihre Politik war verfehlt, sondern die Menschen passten nicht dazu. So meinten sie. Der Unmut über die eigene Erfolglosigkeit und die angeblich unwilligen Neu-Tagelöhner ergoss sich in die Vision vom großen “virtuellen Arbeitslager”.

In der Schröder-Fischer-Ära wurden in der Folge viele Menschen auf Sozialdarwinismus hin geeicht. Die Verachtung und Verunglimpfung benachteiligter Gruppen und Schichten wurde unter Rot-Grün salonfähig. Schröder und Clement, aber auch “Grüne” der Sorte Oswald Metzger, lieferten die Stichworte (“faule Säcke”, “Parasiten”, Schmarotzer”). Nachdem das soziale Tabu durch die Protagonisten der SPD und etliche GRÜNE erodiert worden war, nutzten die Massenmedien den gesellschaftspolitischen Dammbruch, denn die systematische Verächtlichmachung, das inszenierte Mobbing von Menchen (vor allem, – aber nicht nur -, aus der Unterschicht) brachte und bringt hohe Auflagen und Einschaltquoten.

Auffangbecken und Hauptnutzniesser dieser Art von Konditionierung wurde schließlich die FDP. Dort konzentriert sich heute der Sozialdarwinismus, dort hat er eindeutige politische Form angenommen. Allerdings nicht auf die plumpe Brechstangen-Art des Herrn Sarrazin, sondern mit pseudo-sozialen Phrasen ummäntelt.

Da ist von Bürgergeld für alle ohne bürokratische Hürden die Rede. Sieht man genauer hin, stellt man fest: Es soll der ohnehin viel zu knapp bemessene HartzIV-Satz um rund 20 Prozent gesenkt werden, und die Finanzämter sollen eine Art Bedürftigkeitspfüfung durchführen.

Die wenigen existierenden Mindestlohnregelungen sollen gekappt, der Kündigungsschutz soll beseitigt werden. Das alles wird als sozial verkauft. Es ist aber die Vorbereitung zu weiterer Ausgrenzung der Ärmsten im Bildungs- und Gesundheitsbereich, zu weiterem Lohndumping, zu Nachfrageschwächung, zur Drei-Klassen-Gesellschaft und zum Ruin der Staatsfinanzen.

Fast alle asozialen Regungen, den gesammelten Sozialneid von oben sowie Parvenüdünkel und Abstiegsangst findet man heute gebündelt im Programm und Personal, unter den Anhängern und Wählern der FDP.

Wann Thilo Sarrazin den Weg Wolfgang Clements geht und die FDP als Hort seiner Vorschläge und Ideen anpreist, dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein.

Kommentare

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  1. Sarrazin ist Abschaum der widerlichsten Sorte.

    Gleich nach dem Amtseintritt (Bundesbank) hatte er allgemein Rentner und “Hartz IV-”Empfänger im Visir:
    «Die große Frage ist: Wie kann ich es schaffen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die damit fertig werden». Derzeit würden manche Frauen zwei, drei oder mehr Kinder in die Welt setzen, obwohl sie «nicht das Umfeld» oder «die persönlichen Eigenschaften» hätten, «um die Erziehung zu bewältigen». Darum müsse das Sozialsystem so geändert werden, «dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann, was heute der Fall ist».

    http://www.topnews.de/sinkende-renten-unumgaenglich-350905

    Nun hat er dazu MigrantenInnen insbesondere Türken benannt. Es ist widerlich!

    Weitere Ergänzung zu den volksverhetzenden Unterstellungen:

    Fünftens in den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl türkischer Studierender an deutschen Universitäten mehr als verdreifacht. Hinter diesen Zahlen steht eine enorme soziale Dynamik, ein großer Aufstiegswille. Viel öfter als unter ethnisch Deutschen sind es unter den Türken nicht die Kinder von Eltern mit Abitur und Studium, die in die Hörsäle drängen, sondern die von Putzfrauen und Arbeitern. Während 14 Prozent der deutschen Unterschichtskinder erklären, sie wollten das Abitur machen, sind es bei den Migrantenkindern derselben Schicht fast doppelt so viele, 27 Prozent. Jeder vierte Berufsanfänger hat heute einen Migrationshintergrund. 2020 werden es 40 Prozent sein und 2032 sogar 50 Prozent.

    Ab dem Jahr 2020 werden immer mehr Erwerbstätige aus den Baby-Boom-Jahren in die Rente gehen. Das durchschnittliche Alter der Erwerbstätigen wird daraufhin – mehr oder weniger – schlagartig steigen. Gleichzeitig bildet Deutschland zu wenige (akademische) Fachkräfte aus, um diesen Bedarf kurzfristig decken zu können. Aber auf dem Weg in eine wissensbasierte Ökonomie wird Deutschland dringend Akademiker benötigen. Deutschland muss in den folgenden Jahrzehnten Einwanderung zulassen, wenn sie die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit seiner Wirtschaft aufrecht erhalten und vor allem ausbauen möchte.

    Herr Zbigniew Menschinski Sie haben die politische Richtung wieder hervorragend erkannt. Die Soziale Spaltung in „Gewinner“ und „Verlierer“ hat bereits begonnen. In den nächsten 4 Jahren erwarten uns sozialer Kälte und mehr…
    Für die Unfähigkeit der Politiker werden wir bereits jetzt vorbereitet.