Vor einem Jahr wurde an dieser Stelle das Zustandekommen der Finanzkrise erläutert. Grund genug, um mit etwas Abstand auf die Entwicklung der Krise und ihre Folgen zu blicken. Zentrale Erkenntnis: Die Idee eines starken Amerika wankt und damit die Grundlage unseres wirtschaftlichen Wertesystems.
Es kommt einem beinahe so vor, als spräche man über eine längst vergessene Zeit, wenn man über eine Welt redet, in der sich wirtschaftliche Werte von Gütern in Gold aufwiegen ließen. Dass dies nicht für moralische Werte gilt, ist ja sprichwörtlich bekannt. Dass Letzteres bis heute von nicht geringer Gültigkeit ist, zeigt sich in der aktuellen Krise. Die reichen Boniempfänger der Vergangenheit können trotz oder vielleicht sogar wegen ihres Reichtums ihre bevorzugte Position moralisch nicht vermitteln. Banker und Moral passen dieser Tage in den Köpfen der Menschen nicht so recht zusammen. Ob diese Haltung berechtigt ist, sei dahingestellt. In jedem Fall ist es bequem einen Schuldigen benennen zu können. Von Gier getriebene Finanzjongleure.
Dabei wird leicht übersehen, dass dieser einfache Schuldzuweisungsmechanismus den Blick auf die tiefer liegenden Ursachen und die bedrohlich anmutenden Folgen der Krise verstellt.
Die Zeit, in der wirtschaftliche Werte in Gold aufgewogen werden konnten, liegt noch nicht so lange zurück. Zwar wird schon lange nicht mehr direkt Gold gegen Ware getauscht; den Umweg über das Geld nehmend, ist dieser Mechanismus aber erst seit weniger als 80 Jahren sukzessive verschwunden. Ausgehend von der Goldumlaufswährung (Münzen aus Gold als Zahlungsmittel) über die Goldkernwährung (Gegenwert zu Papiergeld liegt in Gold bei der Zentralbank) bis zur Golddevisenwährung (Zentralbankreserve darf aus den Devisen anderer Goldkernwährungsländer bestehen) war der Wert des Geldes immer an den Wert des Goldes gekoppelt.
1933 schafften die USA die Konvertibilität, also den direkten Umtausch von Papierdollar in Gold zu festem Kurs, ab. 1968 entfiel die Verpflichtung Goldreserven als Gegenwert zum Dollar anzuhäufen. 1971 wurde die Konvertibilität auch auf der Ebene der Zentralbanken aufgehoben.
Diese Entwicklung hatte auch Auswirkungen auf viele andere Währungen der Welt, da deren Gegenwert an den Dollar oder eine Währung, welche mit Dollar hinterlegt war, gebunden waren. Als Leitwährung der Welt, ist der Dollar in den letzten 80 Jahren zum Rückrat des westlichen Wirtschaftssystems geworden.
Die direkte oder indirekte Bindung an das Gold wirkte stabilisierend und garantierte eine gewisse Wertigkeit des Papiergeldes.
Diesem Vorteil steht jedoch ein gewaltiger Nachteil entgegen. Die Geldmenge kann nur in dem Maße erhöht werden, wie die natürliche Ressource Gold verfügbar ist. Wirtschaftliche und damit auch politische Steuerung von Volkswirtschaften über die Geldmenge sind nur unter großen Restriktionen, also in begrenztem Rahmen, möglich.
Mit dem Kappen der Verbindung zwischen Papiergeld und Gold erlangten die Zentralbanken (besonders die US-amerikanische FED) neue Spielräume im Bereich der Geldmarktpolitik.
Je nach Bedarf kann heute die Geldmenge erhöht oder gesenkt und zu flexiblen Leitzinsen in Umlauf gebracht werden.
Diese Möglichkeiten bieten in Krisensituationen tatsächlich hilfreiche Steuerinstrumente. Sie können aber auch politisch missbraucht werden. Längst ist wirtschaftwissenschaftlich bewiesen, dass viel Liquidität aus Zentralbankquellen dazu führt, dass das Geld Spekulationen nährt und maßgeblich dazu beiträgt Blasen zu erzeugen. Wer viel Geld hat, der kauft nicht automatisch mehr Nahrung und andere Konsumgüter; er versucht eher das Geld gewinnbringend anzulegen – ein spekulativer Markt entsteht, der den Überfluss an Geld aufsaugt.
Dieser Mechanismus erklärt unter Anderem die im Jahr 2000 geplatzte Dotcom-Blase sowie die vor einem Jahr geplatzte Immobilienblase.
Hinter dieser Entwicklung steht aber noch weit mehr.
Wenn nicht mehr das Edelmetall Gold den Gegenwert zu Dollar, Euro und Co. bildet, was ist es dann? Was verleiht dem Papiergeld jenen Wert, der über den eines kleinen Streifens bedruckten Papiers hinausgeht?
Diese Frage führt zu einer paradox erscheinenden Konstruktion.Den Gegenwert bilden Wertpapiere. Die Zentralbanken führen Listen, in denen festgehalten wird, welche Wertpapiere sie als Gegenwert akzeptieren. Neben Gold finden sich unter diesen Wertpapieren auch Aktien und Staatsanleihen. Wenn also eine Bank Geld braucht, dann tauscht sie bei der Zentralbank Wertpapiere gegen frisches Geld. Staatsanleihen sind hierbei besonders beliebt.
Der Gegenwert zum Geld ist also theoretisch nahezu unbegrenzt, solange Banken über entsprechende Wertpapiere verfügen. In der aktuellen Situation gerät dieses System zunehmend unter Druck, da zunehmend an der Belastbarkeit des Gegenwerts der Währungen gezweifelt wird. Im Zentrum steht dabei natürlich die Leitwährung Dollar. Hinter dem Dollar steht nicht wie früher ein Edelmetall, sondern über den Umweg der Wertpapiere die Wirtschaftsnation USA.
Über Jahrzehnte galten die USA als Wert an sich. Eine große demokratische Nation mit starkem Militär und mit der Fähigkeit ausgestattet, eigene wirtschaftliche und politische Interessen weltweit durchzusetzen. Ein Land mit namhaften Industriebetrieben, die wertige Produkte in nahezu allen Bereichen produzieren und in alle Welt verkaufen und die damit auch kulturelle Vorgaben schaffen. Angebot und Nachfrage der westlich geprägten Welt wurden von den USA maßgeblich beeinflusst. Eine moderne Infrastruktur, eine gebildete Bevölkerung und eine sichere geopolitische Lage zwischen zwei Ozeanen runden das Bild einer wertvollen und sicheren Nation ab.
Wären die USA eine Firma, so gäbe es keinen Zweifel daran, dass sich ein Investment lohnt.
Wirtschaftliche Werte, wie wir sie kennen, basieren heute nahezu ausschließlich auf der Werthaftigkeit der USA. Die USA sind an die Stelle des Goldes getreten. Alle übrigen Wirtschafträume der Welt hängen letztlich zu einem nicht geringen Teil an diesem einen Gegenwert.
Zunehmend wird jedoch deutlich, dass der den USA unterstellte Wert nicht unumstößlich ist. Viele der oben geschilderten Vorzüge haben sich abgeschwächt oder sind verschwunden. Die Autoindustrie liegt am Boden, moderne elektronische Geräte kommen jetzt aus Asien, der Bildungsstandard sinkt, das Gesundheitssystem lahmt, die Infrastruktur ist in schlechtem Zustand (Wasserfälle in U-Bahnschächten, marode Straßen und Brücken …), die Verschuldung einzelner Bundesstaaten verhindern wichtige Investitionen und seit dem 11. September ist klar, dass auch die USA verwundbar sind.
Das Fundament unseres Wirtschaftssystems wankt und alle Bemühungen es zu stabilisieren lindern nur die Symptome.
Amerika selbst ist eine Blase und jeder Akteur im westlichen Wirtschaftssystem spekuliert darauf, dass die Aktie USA steigt oder wenigstens stagniert.
Diese Entwicklung könnte fatale Folgen haben. Was tun, wenn dem Finanz- und Wirtschaftssystem der Boden entzogen wird? Derzeit müsste man eigentlich nüchtern feststellen: Die wirtschaftlichen Werte, die wir für garantiert hielten und halten sind es nicht. Sie sind spekulativ und nicht real unterfüttert.
Was sind die Folgen? Paradoxerweise werden die Folgen aus dieser Entwicklung nicht zum Untergang des Wirtschaftssystems führen. Die gute Nachricht lautet, dass Werte immer relativ sind. Auch Gold hat nur den Wert, den die Menschen ihm zuordnen. Knappheit als Indikator für die Werthaftigkeit von Gütern ist eine menschliche Zuschreibung. Wert ließe sich auch anders definieren.
Es ergibt sich ein Szenario, wonach eine Umorientierung im Bereich des Gegenwerts von Währungen und Sachwerten die Probleme lösen könnte. Derzeit verschulden sich Staaten, um künstlich nicht mehr vorhandene Werte mit Wert zu füllen. Dabei bedienen sie sich Hilfsmittel, welche selbst dem Werteproblem unterliegen. Löcher werden mit Löchern gefüllt.
Die Alternative ist ein Umbau des Gegenwertsystems. Die USA haben als Gegenwert ausgedient. Es ist ratsam, die Weltgemeinschaft als ganze in den Gegenwert einzubeziehen. Ihre Arbeitskraft, ihre Ressourcen (dazu zählt auch die Umwelt), ihre Innovationskraft. Bemessen an den Schulden und Defiziten des westlichen Wirtschaftssystems ist die potentielle Wirtschaftskraft der Welt gigantisch. Die marktwirtschaftlichen Systeme könnten auf ein neues Fundament gestellt werden. Schulden ließen sich durch tatsächlichen Mehrwert kompensieren und müssten nicht durch Buchhaltungstricks à la “Bad Bank” verschleiert werden.
Erste Entwicklungen in diese Richtung sind bereits erkennbar. Die Beschlüsse der G20, die Überlegungen Öl an einen Währungskorb und nicht nur an den Dollar zu binden, sowie die Etablierung eines neuen Gremiums namens “Financial Stability Forum”, in welchem die USA (im Gegensatz zu IWF, Weltbank und UNO) keine besondere Stellung einnehmen.
Es zeigt sich, dass die wirtschaftlichen Veränderungen unsere Welt grundlegend verändern werden. Es wäre wünschenswert, wenn endlich jemand anfangen würde, diesen Prozess politisch zu gestalten. Ein erster Schritt wäre die Bewusstmachung des Problems und ein Aufzeigen von Perspektiven aus berufenem Mund. Bankerschelte und Gesetze, die Bonuszahlungen regeln sind kleinlich, peinlich und in anbetracht der Situation ein Zeugnis von Phantasielosigkeit.
Der Begriff “Krise” entstammt der medizinischen Fachsprache und dient zur Bezeichnung des Höhe- Wendepunktes einer Krankheit.
Man sollte dafür sorgen, dass die Ärzte endlich begreifen, worum es geht.
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