Wenn man sich in den letzten Tagen und Wochen ein wenig im Netz herum getrieben hat wird man wohl kaum um Lockerz.com herum gekommen sein. Erst im März 2009 gestartet, hat das junge Start-Up innerhalb kürzester Zeit mit sehr effektiven Werbemethoden eine unglaubliche Präsenz entwickelt.
Eigentlich wurde schon genug zu dem System der Seite gesagt, aber hier nochmal eine kurze Zusammenfassung. Wer schon etwas darüber gelesen hat, kann die Liste gerne überspringen.
- Zugang zu Lockerz erhält man nur per Einladung. Das hört sich zuerst einmal nach einer elitären Community an, ist aber eigentlich nur ein weiterer Werbekniff, da Mitglieder für jede gelungene Einladung systemeigene Punkte (PTZ) erhalten. Pro geworbenen Freund erhält man zwei Punkte, wer für Lockerz mehr als 20 neue Punktesammler an Land zieht erhält sogar für ein Jahr doppelt so viele Punkte.
- Punkte erhält man im Moment noch ziemlich einfach: Einloggen bringt pro Tag 2 PTZ, das tägliche beantworten von Fragen bringt ebenfalls jeweils 2 Punkte. Dazu kommen noch Möglichkeiten wie Musik hören und Videos gucken. Als kleine Motivationshilfe wird gleich nach dem ersten Log-In ein Minispiel gestartet das das Punktekonto erstmal mit bis zu 30 PTZ füllt. Der erste Schuss ist immer gratis.
- Auch wenn es sich eigentlich unseriös anhört: Hinter Lockerz steht Liberty Media, ein Unternehmen mit immerhin 8,6 Mrd. $ Umsatz. Als CEO steht Kathy Savit in den AGB, die wohl irgend etwas mit Amazon.com am Hut haben soll, gefunden habe ich dahingehend allerdings nichts.
- Die Artikel, die auf Lockerz im Tausch für die vorher “verdienten” Punkte angeboten werden umfassen so ungefähr alles, was den jungen Netzgänger interessieren könnte: Markenartikel von Shnowboards über Uhren und Ray Ban Brillen bis hin zu Paintballwaffen und Föns. Alles natürlich von den coolsten und angesagtesten Herstellern in den tollsten Farben und Limited Editions. Die “Preise” reichen hier von 7500 PTZ für einen Piaggio-Roller (!) bis hin zu 50 PTZ für einen Becher Eis (!!).Die Artikel die wohl am meisten Kunden anziehen wird sind allerdings die Elektronikgeräte: Es gibt alles, was die Herzen junger, technikaffiner Menschen begeistern könnte: PS3 (625 PTZ), Samsung 40“ LCD (3000 PTZ), iPods in allen Farben und Formen und aktuelle Spiele sowie vieles mehr. Hier fallen die wirklich niedrigen Preise auf: 625 PTZ für eine PS3 sind schon schnell gesammelt. Jedoch sollen nach dem Ende der Beta-Phase jetzt Mitte Oktober die Preise deutlich steigen – mal gucken, wie der Gegenwert für meine Meinung und meine Daten dann aussieht.
Als weitere Produktkategorie gibt es noch “Experiences”, in der man seine Punkte entweder für wohltätige Zwecke spenden kann (wenn das noch transparent gemacht wird – Respekt!) oder besondere Preise warten (im Moment z.B. ein Privatkonzert der Gym Class Heroes für 5000 PTZ).
An und für sich hört sich die ganze Sache nicht so schlecht an, wenn man nicht allzu viel Wert auf die Sicherheit seiner Daten sowie seiner Identität legt. Denn, wenn man mal in die AGBs sowie die Privacy Policy guckt, dann gibt’s Hinweise wie diese hier:
We do not collect personally-identifiable information about you unless you provide us with such information via registration as a Member[...]
Daten werden also faktisch sofort gesammelt, wenn man angemeldet ist und da man ja auch beliefert werden muss, sind nicht nur Email und Passwort in deren Datenbank, sondern auch Straße, PLZ, etc pp.
Und dann weiter zu den elektronischen Daten:
We may automatically record your IP address and use it to help diagnose problems with our server, administer and improve our Website, and gather broad demographic information about Users of our Website. We use your information to personalize your experience, to analyze usage[...]
Ist ja nicht so, dass das nicht sowieso jede Seite, hinter der finanzielle Interessen stehen, machen würde, aber hier liegt bei Lockerz doch ein größeres Augenmerk drauf. Denn, wenn die Seite erst einmal aus ihrem Beta-Stadium ausgetreten ist, werden die Macher richtiges Geld verdienen wollen. Und das klappt ja am Besten mit personalisierter Werbung – das kombiniert mit netten Preisen für eine kleine abgegebene Meinung (noch mehr Personalisierung…) wird sicherlich ordentlich Geld reinspülen. Die Mitglieder werden mit kleinen Belohnungen an der Stange gehalten und da die meisten den Wert ihrer Meinung und ihrer Bewerbungsfläche nicht kennen, wird sich kaum einer Sorgen machen. Immerhin gehört man zu – Lockerz-Zitat – “the coolest group of brand trendsetters”. Hier gibt’s nicht Zuckerbrot und Peitsche, sondern Zuckerbrot und Honig um den Mund.
Wie die Seite so bekannt geworden ist: Virales Marketing!
Immense Werbung in allen möglichen sozialen Netzwerken und dazu noch die schmackhaften Belohnungen für jeden, der Freunde einlädt, haben Lockerz geholfen innerhalb kürzester Zeit unglaublich viel Aufmerksamkeit zu erregen. Jetzt muss sich zeigen, ob da auch wirklich etwas innovatives dabei rumkommt oder ob die Seite sich doch nur als weiterer Versuch reaktionärer Medienmacher erweist, das Internet und seine “Bewohner” als Gelddruckmaschinen zu benutzen.
Mein Tipp: Versuchen kann man’s, aber am besten mit einer Müll-Emailadresse, dann kann wenig schief gehen. Und wenn man vorsichtig mit den Daten ist, die man angibt (das gilt auch für die zu beantwortenden Fragen), dann kann meiner Meinung nach nur wenig Schlimmes passieren.
PS: In deren Werbeabteilung müssen sie aber noch ein bisschen was lernen. Der englische Wikipediaartikel zu Lockerz.com wurde gelöscht. Grund:
14:29, 26 September 2009 Tedder (talk | contribs) deleted “Lockerz” (G11: Unambiguous advertising or promotion)
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