Der Stadtrat beschließt – und den Bürokraten ist es egal

Kulturelle Notwehr schafft Gemeinschaft! Wenn der Leidensdruck groß genug ist, gibt es Widerstand. Und da im Leipziger Westen die Schere zwischen kulturpolitischem Anspruch der Stadt Leipzig und der grauen Wirklichkeit im Bürokratendschungel immer weiter auseinanderklafft, gibt’s eben jetzt Notwehr – die IG KULTUR WEST. Nadine Weise, sonst im Boot bei

nadin.jpgKulturelle Notwehr schafft Gemeinschaft!

Wenn der Leidensdruck groß genug ist, gibt es Widerstand. Und da im Leipziger Westen die Schere zwischen kulturpolitischem Anspruch der Stadt Leipzig und der grauen Wirklichkeit im Bürokratendschungel immer weiter auseinanderklafft, gibt’s eben jetzt Notwehr – die IG KULTUR WEST. Nadine Weise, sonst im Boot bei “Kultiviert Anders!”, gehört zu den Initiatoren der über subkulturelle Grenzen agieren wollenden Gemeinschaft und steht Volly Tanner Rede und Antwort zum Warum und Weshalb und Wie weiter?

Volly Tanner: Guten Tag, Nadine. Am Mittwoch, den 14.10.09 wurde die IG Kultur West gegründet. Irgendwie entstehen solche Gemeinschaften ja meist aus Notwehr. Wo hakt’s denn im Leipziger Westen?
Nadine Weise: Es gibt ja schon seit Langem immer wieder ‘Probleme mit der Kultur’ im Stadtteil, doch nun gab es gehäuft mit verschiedensten Ämtern wirklich große Probleme, bis hin zum nicht nachvollziehbaren Entzug von Konzessionen! Insofern hakt es an vielen Stellen auf verwaltungstechnischer Ebene, aber auch in der generellen Unterstützung der Stadt bspw. einem öffentlichen Bekenntnis zu der Kultur, die hier im Stadtteil stattfindet. In
Marketingkampagnen der Stadt brüstet sie sich mit dem ‘Leipziger Westen’, aber gegen die Probleme hier wird leider – bis jetzt – nichts getan.

“Kultur ist nicht nur das Gewandhaus, das Centraltheater und die Oper!”

Volly Tanner: Wie will aber hier die IG Kultur West einschreiten?
Nadine Weise: Mit EINEM Sprachrohr für die Kultur- & Kreativszene im Westen – der IGKW – werden wir auf jeden Fall gehört und können so unsere Forderungen vortragen. Es geht hauptsächlich um Dinge, die die Stadt im Kulturentwicklungsplan 2008 bzw. im SEKO 2009 ja auch schon beschlossen hat! Wir fordern die Stadt demnach auf endlich ihre eigenen Beschlüsse umzusetzen. Wichtig ist hier vor allem Öffentlichkeit zu schaffen und Politik, Stadt aber auch die BürgerInnen im Westen über die Vielfalt der Kulturlandschaft im Westen aufzuklären. Damit zusammen hängt eben auch die von uns geforderte neue Definition des Kulturbegriffes. Kultur ist nicht nur das Gewandhaus, das Centraltheater und die Oper! Leipzig hat leider einen großen Fokus auf die Hochkultur gerichtet und unterstützt hauptsächlich die ‘Leuchttürme’ der Stadt, allerdings wird da vergessen, dass die Kultur- und Kreativszene im Westen in Gänze ein riesiger und bunter Leuchtturm ist, der nicht nur das Hochkulturpublikum anspricht, sondern für jede und jeden eine Kulturveranstaltung parat hält.

Volly Tanner: In der IGKW sind ja doch recht unterschiedliche Subkulturen versammelt, vom ElectroDJ bis hin zum Elternladen Kap West mit Lesungen und/oder dem HelHEIM mit seiner metallischen Ausrichtung. Geht das eigentlich zusammen – überschneiden sich die Interessen genug?
Nadine Weise: Soweit sich das Mittwochabend auch gezeigt hat, ja. In der IG gibt es dafür ja extra drei Bereiche, die nach dem ‘Status beim Amt’ getrennt sind: offizielle legale Kulturinstitutionen, Institutionen in der rechtlichen Grauzone und die freien DJ-Crews, KünstlerInnen sowie VeranstalterInnen. Jeder dieser Bereiche hat spezielle Probleme und Themen, die sie beschäftigen, so dass man immer für eine bestimmte Gruppe der IG gesondert Forderungen formulieren kann und muss, aber auch allgemeine Forderungen verfassen kann, die alle unterstützen bspw. eineN AnsprechpartnerIn bei der Stadt oder angelagert bei der Stadt, der oder die über alle Ämter hinweg verbindliche Aussagen treffen kann.

Volly Tanner: Es geht ja auch um eine Neudefinition des Kulturbegriffs – da der derzeitige angewandte Begriff frische Richtungen ausblendet – das ist ja auch normal, schließlich sind staatliche Stellen ja nicht kreativ, sondern reaktiv. Gibt es da schon Ideen aus der Mitte der IGKW?
Nadine Weise: Ja, es gibt kulturwissenschaftliche Definitionsansätze, aber es sollen alle IGler dazu mit diskutieren. Die Initiatoren wollten absichtlich keine Strukturen, Formen oder detaillierte Inhalte vorgeben, weswegen alle diese Entscheidungen und Diskussionen noch aus stehen.

Alteingesessenen Bürgerinnen und Bürgern im Stadtteil die Angst nehmen

Volly Tanner: Konkret geht es ja auch um das Aufeinandertreffen von Meinungen, wer ist Ansprechpartner und vor allem Entscheider in der Stadt und weiß der kleine Bürokrat im Amt überhaupt, was seine Arbeitgeber – die Stadträte – beschlossen haben. Das ewige Kuddelmuddel im “Haus, das Verrückte macht”. Daneben gehts aber auch um die Akzeptanz in der Bevölkerung. Ist da schon etwas angedacht, um auf die alteingesessenen Einwohner zuzugehen?
Nadine Weise: In beiden Fällen: ja. Zum einen ist es leider tatsächlich so, dass die Stadt zwar den KEP und das SEKO im Stadtrat beschlossen hat aber leider die Beamten in den Ämtern dies nicht verinnerlichen. Zum anderen ist es natürlich auch dringend notwendig den alteingesessenen Bürgerinnen und Bürgern im Stadtteil die Angst zu nehmen, Aufklärungsarbeit zu leisten und eventuell sie sogar zu motivieren die Kulturangebote wahr zu nehmen. Dafür soll es Ende November/ Anfang Dezember eine große Plakataktion geben – aber
wie an allem, muss auch daran noch inhaltlich gearbeitet werden.

Volly Tanner: Wie können sich denn Interessierte bei Euch melden und sich über Euch informieren?
Nadine Weise: Vorläufig nur über die Emailadresse igkulturwest@gmx.de / perspektivisch auch im Internet.

Volly Tanner: So, die IG ist gegründet – wie geht’s aber jetzt konkret weiter?
Nadine Weise: Nächsten Dienstag wird es das erste Arbeitstreffen der IGKW geben. Dazu sind natürlich auch Interessierte eingeladen. Los geht es 19 Uhr im Elipamanoke (Zschochersche Straße 59). Dort werden Strukturen, Strategien, der Kulturbegriff aber auch erste Aktionen besprochen und diskutiert. So ist für Ende November/ Anfang Dezember – nach der Plakataktion – ein Kulturforum
angedacht, wo die Themen und Probleme, die wir gestern in drei Workshops gesammelt haben, in wissenschaftlichen Vorträgen und einer Podiumsdiskussion thematisiert werden sollen. Dazu laufen bereits Anfragen an die Stadt sowie die Politik. Geplant ist diese Arbeitstreffen 14tägig weiter zu führen – Infos dazu gerne per Mail.

Volly Tanner: Danke Nadine. Und Daumen gedrückt!

Und hier nochmal die Pressemitteilung der IG KULTUR WEST:

Gründung der IG Kultur West

Interessengemeinschaft für Kultur im Leipziger Westen gegründet / Vernetzung zum Erhalt und Ausbau von Kultur / Breite Unterstützung der Kulturschaffenden im Leipziger Westen

Leipzig, 14. Oktober 2009. Am heutigen Mittwoch gründeten 67 Kulturinteressierte sowie -institutionen in Plagwitz, unter Moderation des Quartiersmanagements Leipziger Westen, die IG Kultur West. Die Kulturschaffenden aus dem Stadtgebiet diskutierten im Rahmen der konstituierenden Sitzung ihre aktuellen Problemlagen sowie Themen der städtischen Kulturpolitik. Besonders wurden hier die immer stärkere Einschränkung von Freiräumen sowie erhöhte Barrieren für Kulturveranstaltungen und -institutionen thematisiert. Aufgrund dieser problematischen Entwicklungen für die Kultur- und Kreativszene im Stadtteil wurde der Beschluss gefasst, sich in einer Interessengemeinschaft zu organisieren um diesen Umständen, kurz- wie langfristig, entgegenzuwirken.

Die IG Kultur West versteht sich als Vertretung der an einer legalen Ausübung von kulturellen Veranstaltungen interessierten Kulturschaffenden und -institutionen des Leipziger Westens. Dieses Netzwerk dient als Sprachrohr und Kommunikationsplattform, welches für ein positives Kulturklima im Stadtgebiet eintritt. Neben der Vernetzung untereinander, soll die Verständigung mit den Verantwortlichen aus Politik und Stadt gefördert werden.

Weitere Ziele sind die faktische Unterstützung des Kultur- und Kreativstandortes “Leipziger Westen” durch die Stadt Leipzig, wie dies bereits im Kulturentwicklungsplan aus dem Jahr 2008 als auch im SEKO 2009 beschlossen wurde. Insbesondere sind eine stadtteilspezifische Anpassung der Rahmenbedingungen sowie einheitliche Auflagen für kulturelle Veranstaltungen von Nöten. Im Weiteren setzt sich die IG Kultur West für die Etablierung eines breiten Kulturbegriffes ein, der über das tradierte Verständnis von Hoch- und Subkultur hinausgeht.

Unterstützt wird die Gründung der IG Kultur West von folgenden Institutionen, Initiativen und Gruppen: Alte Damenhandschuhfabrik, Ars Avanti, BMDG Jean Webster Akademie, Boundles Beatz, dreikommanull, Elektronische Klanggeschichten, EEG/Helden wider Willen, endorphinschub, exLEpäng, Gieszer 16, Global Space Odyssey, Helheim, hinzundkunz, internil e.V., InTus, LOFFT, Kap West, Kultiviert Anders! e.V., kunZstoffe e.V., Ostprodukte, Raum der Kulturen, Superkronik, Team 23, Theater der Jungen Welt, Victor Jara/ Victors Garten e.V., Vleischerei, Volly Tanner, Westbesuch e.V., Westkonzerte, Zwischenwelten e.V.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*