Als ich vor Jahren mein Studium abgeschlossen habe und anfing “richtiges” Geld zu verdienen, war eine meiner ersten Handlungen, der GEZ zu schreiben dass ich einen Fernseher besitze und für diesen gerne Gebühren bezahlen möchte. Diesen Schritt tat ich damals, weil ich der Meinung war, dass ich bei den Öffentlich-Rechtlichen besser informiert werde, als bei den Privaten. Rückblickend kann ich mich über meine damalige Naivität nur noch wundern. Entweder hat sich in den letzten Jahren die Qualität des Zwangsfinanzierten Rundfunks wirklich massiv verschlechtert oder meine Wahrnehmung ist durch das mediale Dauerfeuer, vor allem bei “Panikthemen” wie Umwelt oder Klima, extrem geschärft worden. Ich habe nämlich das zweifelhafte Glück, im Einzugsbereich des WDR zu leben und muss daher mindestens einmal täglich irgendeine neue Horrormeldung zum Klimawandel über mich ergehen lassen.
Das hat letztendlich dazu geführt, dass ich diesen Sender immer seltener einschalte. Gestern war aber mal wieder so ein Tag, an dem ich dachte, ich könnte bei der WDR5 Wissenschaftssendung Leonardo vielleicht doch etwas dazu lernen. Das habe ich auch, und zwar über die schlechte Qualität des, auch von meinem Geld bezahlten, öffentlich rechtlichen Wissenschaftsjournalismus. Als ich schon dachte, die Sendung käme dieses Mal ausnahmsweise ohne Meldung zum Klimawandel aus, hörte ich die Moderatorin Birgit Morgenrath folgendes sagen (ab Minute 36:50 ):
“Wenn über den Klimawandel diskutiert wird, holen die Leisetreter und Abgeklärten immer ein Argument aus der Tasche. Das habe es doch in der Erdgeschichte immer wieder gegeben. Wie heute gemeldet wird, gibt es nun ein Gegenargument. Forscher haben in der Arktis Bohrkerne in die Erde gerammt und Material gehoben, dass 200.000 Jahre alt ist. Da müsste man einen vergleichbaren Prozess wie unseren Klimawandel wie in einem Buch ablesen können. Denn aus Pflanzenresten, Tierspuren und chemischen Verbindungen in den alten Ablagerungen können die Forscher Rückschlüsse auf das Klima ziehen. Ergebnis: es gab in der Arktis keine mit heute vergleichbare Wärmeperiode. Unsere Entwicklung unterscheidet sich eindeutig von den natürlichen Klimaschwankungen vergangener Jahrtausende.“
Mit dieser Aussage bezieht der WDR sich auf eine Pressemeldung der University of Colorado. In dieser war unter anderem folgendes zu lesen:
“Our results show that the human footprint is overpowering long-standing natural processes even in remote Arctic regions. This historical record shows that we are dramatically affecting the ecosystems on which we depend.”
Hätten die hochbezahlten Wissenschaftsredakteure nicht nur nach sensationellen Meldungen zur Befriedigung des menschlichen Schuldkomplexes gesucht und auch mal einen kritischen Blick in die Studie geworfen, hätten ihnen eventuell einige Fragen kommen können und die Sendung wäre tatsächlich noch interessant und auch wissenschaftlich geworden. Dann wäre den Journalisten vielleicht auch aufgefallen, dass die Schlussfolgerungen in der Pressemeldung aus den Ergebnissen der Studie gar nicht gezogen werden können. In dieser steht nämlich im Detail, was in der Pressemeldung nur angedeutet wurde.
“The sediment cores showed that several types of mosquito-like midges that flourish in very cold climates have been abundant at the lake for the past several thousand years. But the cold-adapted midge species abruptly began declining in about 1950, matching their lowest abundances of the last 200.000 years.”
Die Schlussfolgerungen beruhen demnach auf der Häufigkeit bestimmter kälteliebender Mückenarten (Chironomiden), die in den Sedimenten vorkamen. Und deren Zahl hatte seit 1950 den geringsten Wert der letzten 200.000 Jahre erreicht. Was die Pressemeldung nicht verrät ist, dass in der Studie auch die Wassertemperaturen des Sees ermittelt wurden. Und sollte die Aussage des WDR richtig sein, dann müssten auch die Temperaturen des Wassers im untersuchten See heute auf Rekordniveau sein. Das sind sie aber nicht. Die Sommer-Temperaturen liegen heute laut der Untersuchung bei 7 °C. Vor 8.000 bis 10.000 Jahren hingegen erreichten sie Werte von 10-12 °C. Ebenso vor 110.000-120.000 Jahren. Wenn man also eine Schlussfolgerung aus der Studie ziehen kann, dann die, dass die Zahl der kälteliebenden Chironomiden die niedrigste seit 200.000 Jahren ist. Und auch, dass diese Entwicklung noch andere Ursachen als die Erwärmung haben muss. Schließlich hätte deren Zahl sonst vor 8.000 und 110.000 Jahren zumindest so niedrig sein müssen wie heute.
Die Pressemeldung zu der Studie ist demnach ein weiteres Beispiel für schlechte Wissenschaft im Dienste einer Politik, die auf CO2-Reduktion und die damit verbundene Kontrolle der Wirtschaft abzielt.
Ungewöhnlich ist übrigens auch, dass die Zahl der Mücken gerade zu einer Zeit zurückging, als es in der Region kühler wurde. Die Messstation Clyde, die etwa 20 km vom untersuchten See entfernt liegt, zeichnet die Temperaturen seit 1933 auf. Und von 1950 bis 1990 sind die Temperaturen dort gefallen.

Ein Grund für den ungewöhnlich starken Rückgang der Mücken wäre tatsächlich im Einfluss des Menschen auf die Natur zu finden.
Seit Beginn der 50er Jahre (also exakt dem Zeitpunkt, an dem die Zahl der Chironomiden im Bohrkern stark abnahm) wurde DDT in großem Umfang zur Bekämpfung von Moskitos eingesetzt. Vor allem in arktischen Regionen stellen die kleinen Quälgeister im Sommer eine erhebliche Plage dar. Unweit von dem See, aus dem die Proben genommen wurden, liegt die Ortsschaft Clyde River und in der Region wurden Mitte der 50er Jahre militärische Radarstationen zur Früherkennung sowjetischer Raketen eingerichtet. Aus Berichten des kanadischen Militärs ist bekannt, dass in der Gegend um Militärstationen in der Arktis in den 50er Jahren neben der großflächigen Ausbringung von Ölfilmen auch DDT zur Moskitobekämpfung zum Einsatz kam. Und bei Untersuchungen in den 80er Jahren fand man bei den Bewohnern in der Region außergewöhnlich hohe DDT-Mengen in deren Fettgewebe.
Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Ursache für das Verschwinden der Mücken ab etwa 1950 eben nicht eine Erwärmung war (in dieser Zeit fand eine Abkühlung statt), sondern die ab ziemlich genau dieser Zeit betriebenen Maßnahmen zur Moskitobekämpfung.
Was beim Lesen der Studie ebenfalls stutzig macht, ist die Tatsache dass für den Zeitraum von etwa 1000 vor Christus bis zum 19. Jahrhundert überhaupt keine Ergebnisse präsentiert wurden. Gerade hier wäre es aber interessant gewesen, den Temperaturverlauf und die Mückenbestände in der Römerzeit und im Mittelalter zu sehen. Zu diesen Zeiten war es schließlich weltweit wärmer als heute. Ob die Nichterwähnung daran lag, dass es für diesen Zeitraum keine Proben gab oder ob das Resultat dieser Messungen ansonsten nicht die gleichen Schlussfolgerungen erlaubt hätte, geht aus dem Text nicht hervor.
Eine weitere, ebenfalls in diesem Jahr publizierte, Studie untersuchte ebenfalls Sedimentbohrkerne aus kanadischen Seen, etwa 800 km entfernt. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Temperaturen in dieser Region in der Zeit von 1200 bis 1400 höher lagen als heute. Dieses so genannte Mittelalterliche Wärmeoptimum ist auch anhand zahlreicher Untersuchungen auf der ganzen Welt sehr gut nachgewiesen.

Man mag sich fragen, warum man von solchen Studien nie etwas über die Medien hört.
Die Antwort ist vermutlich einfach. Es ist keine Meldung die in die aktuelle politische Landschaft passt und außerdem werden keine katastrophalen Entwicklungen vorausgesagt. Das macht sie für die Presse heutzutage einfach uninteressant. Nun muss man allerdings zur Ehrenrettung des WDR sagen, dass auch andere Medien diese Pressemeldung ungeprüft übernommen und in noch stärker dramatisierter Form wiedergegeben haben.
So schrieb Spiegel Online gestern mindestens genauso falsch: “Arktis – Bohrkerne belegen rasante Erderwärmung“. Und auch viele andere Blätter titelten gleichlautend. Beim Spiegel allerdings habe ich schon seit langem die Konsequenz aus derart schlecht recherchierter Berichterstattung gezogen. Ich kaufe ihn einfach nicht mehr. Den WDR hingegen bezahle ich weiterhin mit meinen Rundfunkgebühren. Allerdings nicht, weil ich es möchte, sondern weil ich es muss.
Zuerst erschienen im Science Skeptical Blog
Da gehört aber eine geharnischte Protestnote an den federführenden WDR gesandt !