Der WDR als PR-Agentur – Kritik unerwünscht

Am letzten Montag lief bei der ARD die vom WDR produzierte Reportage “Heilung unerwünscht – Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern” (Video). Darin wurde eine “neu erfundene” Spezialsalbe vorgestellt, welche angeblich in der Lage sein soll, die Symptome bei Neurodermitis spürbar zu lindern. Diese Salbe, welche ein sehr einfaches Gemisch aus

Dauerwerbesendung.jpgAm letzten Montag lief bei der ARD die vom WDR produzierte Reportage “Heilung unerwünscht – Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern” (Video). Darin wurde eine “neu erfundene” Spezialsalbe vorgestellt, welche angeblich in der Lage sein soll, die Symptome bei Neurodermitis spürbar zu lindern. Diese Salbe, welche ein sehr einfaches Gemisch aus Vitamin B12 und Avocadoöl ist, hat sich laut der Darstellung in der Sendung als echter Segen für die vielen Betroffenen dieser Krankheit herausgestellt. Jedoch, so die Reportage weiter, verhindere die Pharmaindustrie die Verbreitung dieses Produktes.

Spätestens ab hier sollte man stutzig werden. Es gibt in Deutschland 900 Pharmahersteller, die meisten davon sind Mittelständler. Sollte diese Creme tatsächlich so wirksam sein, wie in der Sendung behauptet, dann müsste sich doch auch eine Firma finden lassen, welche bereit ist, sie zu produzieren und zu vermarkten. Vor allem, weil die Herstellungskosten eher gering ausfallen und der Markt für ein solches Präparat riesig ist. Allein in Deutschland gibt es 6 Millionen Neurodermitis Patienten.

Blogger findet Unstimmigkeiten

Der erste, dem diese Unstimmigkeit auffiel war der Blogger Hockeystick auf seiner Seite “Stationäre Aufnahme“. Die Seite erreichte große Bekanntheit, als sie Mitte letzten Jahres mit ihren Enthüllungen dafür gesorgt hatte, dass der “Ernährungsexperte” Hademar Bankhofer von der ARD wegen Schleichwerbung gefeuert wurde. Auf dieser Seite findet sich auch eine Chronik der Reaktionen der Presse auf die ARD-Reportage. Was den skeptischen Blogger interessierte war unter anderem auch die Qualität der beiden Studien, welche in der Sendung genannt wurden. Ein erster Kommentar fiel nicht gerade positiv aus:

Die eine Studie, die ich bislang gesehen habe, ist herstellerfinanziert, umfasst mehr statistische Verrenkungen als Patienten (13), zeigt eine tendenziell schlechtere Wirksamkeit als das Vergleichspräparat und enthält keine Placebo-Gruppe. Die andere Studie werde ich mir noch ansehen.

Und so stellten sich nach Recherche des Bloggers viele weitere in dem Film gemachten Behauptungen als unwahr heraus. Falsch ist zum Beispiel, dass die Creme bisher keinen Vermarkter gefunden hat. Das Produkt wurde bereits in den 90ern von der Firma Regeneratio Pharma AG vertrieben, einer Firma die der Erfinder der Hautcreme eigens gegründet hatte. Allerdings schien das Produkt nicht besonders erfolgreich zu sein, die Firma musste 2004 Insolvenz anmelden.

Plötzlicher Erfolg als Reaktion auf die Sendung?

Was ebenfalls stutzig machen konnte war die Tatsache, dass sich nach der Sendung eine Firma gefunden hatte, die, aufgerüttelt durch die Reportage, beschlossen hatte dieses Mittel herzustellen und zu vermarkten. Das Interessante daran: Am 23. Oktober meldete der Hersteller, bereits 27660 Packungen der Salbe produziert zu haben. Eine erstaunlich schnelle Reaktion, die doch verdächtig nach einer längeren Vorlaufzeit aussieht. Und so erfährt man bei “Stationäre Aufnahme” auch, dass die Salbe bereits ab dem 15. Oktober von Apotheken abgerufen werden konnte. Das bedeutet, dass die Anmeldung spätestens am 25. September erfolgt sein muss. Sollte der Autor der Studie von all dem nichts gewusst haben, so wurde er von den Erfindern der Salbe kräftig an der Nase herumgeführt.

Genauso wie die ARD-Sendung “Hart aber Fair“. In dieser ging es in der letzten Sendung eigentlich um ein ganz anderes Thema. Nämlich um die Kontroversen im Zuge der Schweinegrippe Impfung. Warum gerade Klaus Martens, der Autor der Reportage “Heilung unerwünscht” als Experte in dieser Sendung geladen war, bleibt wohl das Geheimnis des Moderators Frank Plasberg. Werbung für den eigenen Sender vielleicht, oder Hilfe für den Autor bei der Vermarktung seines neuen Buches, welches den gleichen Titel trägt wie die Reportage? Plasberg hat inzwischen zwar eingeräumt, handwerkliche Fehler begangen zu haben: “Wir hätten den Auftritt von Martens besser einbetten müssen. Jetzt sah es so aus, als wäre er wie Kai aus der Kiste gesprungen.”, eine Erklärung warum Martens als Gast für eine Sendung mit einem völlig anderen Thema eingeladen wurde, bleibt er jedoch schuldig. Und wer geglaubt hatte, die Aussagen zu den Studien mit der angepriesenen Salbe würden am nächsten Tag dem bei “Hart aber Fair” üblichen Faktencheck unterzogen, der wurde ebenfalls enttäuscht. Immerhin gab es aber eine Seite, auf der man sich die Studien selbst ansehen kann.

Der WDR “moderiert” kritische Kommentare

Was dem ganzen Fall, quasi als I-Tüpfelchen, noch mehr an Brisanz verleiht, ist der Umgang des WDR mit kritischen Stimmen zur Sendung. So meldeten sich ein Kommentator bei “Stationäre Aufnahme”, dem aufgefallen war, dass sich auf den Seiten des WDR, wo man seine Meinung zu der Sendung abgeben konnte, sämtliche Stellungnahmen völlig kritiklos waren. Bei weiterem Beobachten der Seite fiel ihm dann auf, dass manchmal kritische Kommentare erschienen, diese aber nach kurzer Zeit nicht mehr auf der Seite zu sehen waren, also offenbar “moderiert” wurden. Der Versuch, selbst einen kritischen Artikel auf der Seite zu platzieren war ebenfalls erfolglos. Dann sah es aber so aus, als ob sich der WDR plötzlich entschieden hätte, doch kritische Kommentare durchzulassen. Vielleicht war ihnen ja die Diskussion bei “Stationäre Aufnahme” nicht entgangen. Die kritischen Kommentare, die vor diesem Zeitpunkt eingegangen waren, sind allerdings nach wie vor nicht auffindbar.

Was als Enthüllung der ARD über einen Skandal in der Pharmaindustrie begann, könnte sich also als handfester Skandal für den WDR erweisen. So wie es aussieht, hat der Sender, bewusst oder unbewusst, Werbung für ein bislang erfolgloses Präparat gemacht, dessen Nutzen nach wie vor sehr umstritten ist. Aber wie schon meine Mutter wusste, wenn es um nutzlose Medikamente und Therapien geht, einem hilft es immer. Meist demjenigen, der es verkauft. In diesem Fall ist sogar gleich Mehreren geholfen. Zum einen dem Hersteller der Salbe, der die beste PR bekommen hat, die man sich für ein neues Produkt denken kann, und das ohne einen Cent dafür bezahlen zu müssen. Und zum anderen natürlich auch dem Autor des Filmes und seinem Buch. Noch gar nicht auf dem Markt hat es es nach der Ausstrahlung des Beitrages zeitweilig auf Platz 3 der Amazon Bestsellerliste geschafft.

Weiterführende Links:

Deutsche Apotheker Zeitung

Esowatch-Blog

Eine kritische Übersicht über die Studien (ScienceBlogs)

Zuerst erschienen im Science Skeptical Blog

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*