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Wissenschaft + Internetkultur

China: Noble Träume

Montag, den 26. Oktober 2009 um 12:55 Uhr von Andy Yee

Die chinesische Presse und die Online-Foren sind in diesem Monat überfüllt mit Berichten über die Nobelpreis Auszeichnung in Physik an Charles Kao. Noch ein anderer Chinese aus dem Ausland hat diesen renommierten Preis aufgeschnappt. Dieser vorübergehende Moment gemeinsamen Ruhms stellt allerdings eine tiefgründige Frage: Wann wird China seinen ersten eingeborenen Nobel-Preisgewinner produzieren?

Ein Kommentar in Xinhua (chin. Nachrichtenagentur) beschreibt diese Psychologie wie folgt:

“Jedes Jahr, wenn die Nobelpreisträger bekanntgegeben werden, werden die Chinesen sehr sentimental. Ist der Preisträger ein Chinese, dann sind sie sehr aufgeregt. Nach ein paar Tagen kühlt sich die Aufregung ab oder wird sogar zu Gleichgültigkeit. Nächstes Jahr wird sich dieser Kreislauf wiederholen.”

詹晟 sandte eine Frage an den ifeng Blog:

“Manche Leute meinen, dies sei eine Diskrimierung gegen die Chinesen - der Nobelpreis wird nicht an Chinesen vergeben. Er wird nur an Leute mit einer gewissen Staatsbürgerschaft verliehen. Eine Voraussetzung für einen Chinesen den Preis zu erhalten ist deshalb amerikanischer Bürger zu sein. Aber warum ist ein Chinese in der Lage den Preis zu erhalten, nachdem er seine Staatsbürgerschaft geändert hat?”

Ein Echo hierüber findet man in 青青草香’s sina blog:

“Spricht man von einem ‘amerikanischen Chinesen’, dann liegt die Betonung nicht auf ‘amerikanisch’ sondern auf ‘Chinese’. Aufgrund der außerordentlichen Medienberichte hat man die Illusion, dass sich alle Chinesen den Nobelpreis teilen. Unsere schwachen Herzen sind erfreut.

Charles Kao ist der achte chinesische Nobelpreisträger. Wir sind stolz darauf und stellen trotzdem die unangenehme Frage: Warum erhalten Chinesen einen Nobelpreis, wenn sie im Ausland leben und nicht in ihrem eigenen Land?”

Ein Kommentar bei ä果 im Southern Metropolitan Weekend zeigt ein paar strukturelle Probleme im chinesischen akademischen Umfeld auf:

“In China fehlt immer noch ein freies akademisches Umfeld, dass die Entwicklung von innovativen Talenten erleichtert. In China fehlen hochwertige Einrichtungen für die Grundlagenforschung, die es im Ausland lebenden Chinesen schwer macht, in ihre Heimat zurückzukehren; in China fehlt die soziale Atmosphäre zur Förderung bahnbrechender Ideen und eine geeignete Gemeinschaft, in der sich führende Wissenschaftler für längere Zeit aufhalten können.”

詹晟 und 青青草香 diskutieren ebenfalls einige bestürzende Realitäten.
詹晟 sagt:

“Sehen Sie sich doch das korrupte akademische Umfeld in China an. Es gibt eine Anzahl so genannter Bücher-veröffentlichende PhD-Berater, die von einigen wenigen bis hin zu ein paar Dutzend pro Jahr reichen. Lokalregierungen beschäftigen gerne ausländische Berater, weil das eben ‘modern’ ist.

Dort wo kein rigoroses akademisches Umfeld mit einem effektiven Vergütungssystem besteht, werden die meisten Akademiker, selbst mit dem Ruhm ein ‘Volks-Lehrer’ zu sein, diesen Kreis verlassen und in die kommerzielle Welt wechseln.

Wir können natürlich ein sich transformierendes China oder die Wellen des Materialismus als Ursachen für all diese Unregelmäßigkeiten verantwortlich machen. Aber steht das nicht auch im Zusammenhang mit unserer Kultur oder Geisteshaltung?”

青青草香 bemerkt:

“In China benutzt man gerne Zahlen. Die Anzahl der veröffentlichten Forschungspapiere wird dazu benutzt, die akademische Qualität einer Person zu bestimmen, oder ob der Forschungs-Student zur Stufe der Doktorarbeit aufsteigen darf. Diesem System zufolge müssen die Lehrer und die Studenten eine große Anzahl von Papieren veröffentlichen, mit dem dazugehörigen Ergebnis von weitverbreitetem Plagiarismus. China liegt deshalb an erster Stelle in der Produktion von akademischen Abhandlungen, mag aber auch an erster Stelle in der Produktion von akademischem Abfall liegen.

Unter dem gegenwärtigen Ausbildungs- und Forschungssystem ist es für China schwer, liberale, unabhängige und innovative Wissenschaftler zu fördern. Den ersten eingeborenen chinesischen Nobelpreisträger zu produzieren mag noch einige Zeit in Anspruch nehmen.”

In dem gemeinsamen englischen Blog, the Fool’s Mountain“, gibt es ebenfalls eine heiße Diskussion über “What Lies between Chinese Writers and the Nobel Prize” (Was liegt zwischen chinesischen Autoren und dem Nobelpreis?). (Foto von nobelprize.org)

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Hans H. Knauf, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.

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