Radovan Karadzic und der Jugoslawienkrieg

Dass Radovan Karadzic auch im Prozess gegen ihn wegen Kriegsverbrechen und Völkermord alle Finten und Finessen einsetzen würde, um das Verfahren hinauszuziehen und zu sabotieren, verwundert niemand, der seine Rolle im Bosnienkrieg verfolgt hat. Erstaunlicher ist schon, welches Bild manch deutscher Journalist heute von ihm zeichnet. An und für sich

Dass Radovan Karadzic auch im Prozess gegen ihn wegen Kriegsverbrechen und Völkermord alle Finten und Finessen einsetzen würde, um das Verfahren hinauszuziehen und zu sabotieren, verwundert niemand, der seine Rolle im Bosnienkrieg verfolgt hat. Erstaunlicher ist schon, welches Bild manch deutscher Journalist heute von ihm zeichnet.

An und für sich ist die “junge welt” ein lesenswertes Blatt, vor allem, weil es nicht den Einheitsbrei der deutschen Massenmedien serviert, sondern hinter die Kulissen schaut, meist gut recherchiert, geschichtliche, soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge aufdeckt, persönliche Erfahrungen zu Wort kommen lässt. Doch der Artikel von Gerd Schumann “Der progammierte Bürgerkrieg” über Radovan Karadzic und den Jugoslawienkonflikt steht im krassen Gegensatz zu dieser Tradition.

Zunächst fehlt eine wenigstens skizzenhafte Darstellung der geschichtlichen Hintergründe der Ereignisse zwischen 1991 und 1996 in Ex-Jugoslawien. Daten, Zahlen, Fakten sind in Schumanns Beitrag Mangelware. Sodann spricht Schumann von der “Zerschlagung” des Vielvölkerstaates Jugoslawien.

Es handelt sich jedoch in Wahrheit um den Zerfall eines Gebildes, das ähnlich wie die Habsburger KundK-Monarchie, nur mühsam zusammengekittet war. Die Serben dominierten seit Bestehen Jugoslawiens (1918/21) die Politik, die Verteilung der Mittel und wichtigsten Posten. Solange der Kroate, Charismatiker und Volksheld Josip Broz Tito (1892-1980) am Ruder war (1945-1980), hielt sich diese Vorherrschaft in einem überschaubaren Rahmen. Die blühende Wirtschaft in Europa und Jugoslawien schuf bis Ende der siebziger Jahre Arbeits- und Lebensmöglichkeiten für alle Bevölkerungsteile. Der “dritte Weg” Jugoslawiens und seine herausragende Rolle unter den blockfreien Staaten führte zu einer Art Meta-Patriotismus, der die immer schon schwelenden, ethnisch und religiös begründeten Nationalismen übertünchte. In den achtziger Jahren nach dem Tod Titos veränderte sich die politische und wirtschaftliche Situation Jugoslawiens dramatisch zum Schlechteren.

Jugoslawien hatte 1991 vor dem Jugoslawienkrieg rund 23,5 Millionen Einwohner.

Ihrer ethnischen Zugehörigkeit nach waren 36 Prozent Serben, 20 Prozent Kroaten, neun Prozent so genannte slawische Muslime (vor allem Bosniaken in Bosnien-Herzegowina), acht Prozent Slowenen, sieben Prozent Albaner (vor allem im Kosovo), sechs Prozent Makedonier, 2,5 Prozent Montenegriner, zwei Prozent Magyaren, sprich Ungarnstämmige.

Bis 1991 bestand Jugoslawien aus sechs Teilrepubliken: Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Makedonien, Montenegro und Serbien. Die autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina gehörten zur Republik Serbien.

Zu den ethnischen Unterschieden kamen in Jugoslawien immer schon religiöse.

In den Siebziger Jahren bezeichneten sich rund 40 Prozent der Bevölkerung als orthodox (vor allem Serben und Makedonier), ca. 30 Prozent als katholisch (vor allem Slowenen und Kroaten), rund zwölf Prozent als moslemisch (Bosniaken und Kosovo-Albaner). Etwas mehr als zwölf Prozent der Bevölkerung waren konfessionslos. Auch wirtschaftlich zerfiel das Land, und zwar in einen relativ reichen Norden (Slowenien, Kroatien, Teile Serbiens mit 3000 bis 5000 Euro BIP pro Kopf) und einen bitterarmen Süden (Bosnien, Montenegro, Makedonien, Kosovo mit 1700 bis 700 Euro BIP pro Kopf).

Wer ein Urteil über den jugoslawischen Bürgerkrieg abgeben will, muss diese Zahlen zumindest dimensionsmäßig kennen. Auch gehört erwähnt, dass die wahlberechtigten Einwohner der Teilrepubliken Anfang der neunziger Jahre mit überwältigender Mehrheit für die Souveränität ihres Landesteils stimmten. In Slowenien mit 88 Prozent, in Makedonien mit 91 Prozent, in Bosnien-Herzegowina mit 93 Prozent und in Kroatien mit 95 Prozent.

In seinem Bemühen, Radovan Karadzic in mildem Licht zu zeichnen, greift der junge-welt-Autor zu verschwörerischen Thesen: “Gefördert von gewichtigen Kräften im Westen – BRD und Vatikan vorweg – sagten sich Slowenien und Kroatien im Juni 1991 von Belgrad los.”

Die 90 Prozent Zustimmung zur Souveränitat in Slowenien und Kroatien auf den Einfluss Deutschlands und des Vatikans zurückzuführen, wie Gerd Schumann unterstellt, ist barer Unsinn. Allein schon deshalb, weil auch die ganz überwiegend orthodoxen Makedonier sich mit 91 Prozent gegen den Verbleib bei Belgrad ausgesprochen hatten. Weite Teile der Bevölkerung in den Teilrepubliken hatten immer schon das Bestreben, sich von Serbien zu lösen. Vor allem aber waren Zentralismus und Korruption in Belgrad in den Jahren nach Tito immer unerträglicher geworden.

Die Prozentzahlen der Volksabstimmungen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina müssen jedoch relativiert werden, denn dort lebten und leben große serbische Bevölkerungsanteile. In Kroatien um die 15 bis 20 Prozent, in Bosnien-Herzegowina rund 30 Prozent. Die serbischen Bevölkerungsteile in diesen Republiken hatten die Abstimmung zur Souveränität zumeist boykottiert. Es war ein verhängnisvoller Fehler, die Abstimmungsgebiete nicht aufzugliedern, um die wahren Verhältnisse territorial abzubilden. Auch ist unbestritten, dass kroatische Fanatiker pogromartige Übergriffe gegen die serbische Minderheit in Slawonien und der Krajina, Teile der kroatischen Republik, organisierten. Da geschah schweres Unrecht an der serbischen Minderheit. Mit dem systematischen Terror und Völkermord in Bosnien, organisiert von Karadzic und Mladic, sind diese Übergriffe aber nicht vergleichbar.

Und hier beginnt nun die wahre Geschichte des Radovan Karadzic.

Der junge-welt-Autor Gerd Schumann stellt den Serbenführer als Intellektuellen, Arzt und Getriebenen der Geschichte vor. Doch Radovan Karadzic war in diesem schmutzigen Krieg keineswegs ein vernünftig argumentierender Politiker, der die berechtigten Interessen seiner Volksgruppe vertrat, sondern in seiner Grundüberzeugung ein rassistischer Fanatiker.

Das zeigen bereits seine unsäglichen Gedichtsammlungen voll unreflektiertem Nationalismus. Man lese seine schwülstigen Elaborate in Ludo koplje (zu deutsch “Verrückte Lanze”), die vom “Kampfgeist der Serben” schwärmen.

Oder man erinnere sich an den Filmbericht der BBC aus dem Jahre 1992. Er zeigt Radovan Karadzic auf einem Berg über dem belagerten Sarajevo, wie er sich ein Maschinengewehr greift, eine Salve in die brennenden Wohnhäuser unter ihm feuert und folgende Zeilen aus einem von ihm selbst verfassten Opus rezitiert: “Ich höre die Schritte der Zerstörung, die Stadt brennt wie der Weihrauch in der Kirche. Im aufsteigenden Rauch sehe ich unser Gewissen”. Vergleichbare Delirate in Deutschland würde jeder nachdenkliche Geist völlig zurecht als Nazi-Schund bezeichnen.

Doch für Gerd Schumann von der “jungen welt” ist Radovan Karadzic eine Art verkannter Mahner: “Karadzic” so schreibt der Autor “warnte seinerzeit vor einer innerbosnischen Konfrontation. Ein Gegeneinander, so Karadic, hätte fürchterliche Folgen.” Schumann vergisst zu erwähnen, dass vor allem Karadzic und sein General Mladic dafür sorgten, dass diese Folgen für die Zivilbevölkerung in der Tat fürchterlich wurden: Jahrelanger Beschuss Sarajevos durch die Tschnetniks aus den umliegenden Bergen, Vertreibung, Verfolgung und Menschenjagden, tausendfacher Massenmord.

Ähnlich naiv wie Gerd Schumann urteilt Nobert Mappes-Niediek von der Frankfurter Rundschau in seinem Artikel “Schmierenkomödiant im Welttheater” über Karadzic: “…die Richter in Den Haag müssen entscheiden, ob sie einen Massenmörder oder doch nur einen Schmierenkomödianten vor sich haben.” Dass beides der Fall sein könnte, kommt dem Autor der Frankfurter Rundschau anscheinend nicht in den Sinn. Er nennt Karadzic einen “launischen Star” und meint: “Gerade fünf Jahre, von 1990 bis 1995 währte die politische Karriere des Tausendsassas aus Sarajewo, der sich zuvor als Mode-Psychiater für die Elite des Landes und als Dichter serbischer Heldenlieder einen Namen gemacht hatte.”

“Tausendsassa” und “launischer Star” das klingt eher nach Hollywood als nach Brandstiftung eines abgefeimten Rassisten. In Norbert Mappes-Niedieks Augen reduziert sich Karadzic’ Schuld anscheinend auf seine Eitelkeit und Sucht nach Selbstdarstellung.

“Wirklich groß”, so meint der FR-Redakteur, “wurde der Laiendarsteller erst, als die ganze Welt mit ihm verhandelte. Zweimal scheiterte ein Friedensplan, dem Karadzic schon zugestimmt hatte, an den wirklich Mächtigen in der Republik.”

Das klingt so, als seien Karadzic die Hände gebunden gewesen, gegen den Terror einzuschreiten. Das Gegenteil trifft zu. Karadzic hat ihn organisert. Er war kein machtloser Verhandler, der von seinen Kumpanen hintergangen wurde. Alle Indizien und Zeugenaussagen zeigen vielmehr, dass er als Unterhändler den an Lösungen bröselnden, hin- und her gerissenen Diplomaten mimte und so die Gespräche hinzog, während im Hinterland mit seinem Wissen Fakten geschaffen, sprich “gesäubert” und tausendfach gemordet wurde. Es kann als sicher gelten: Er selbst hat dieses Verwirrspiel inszeniert.

Wie sehen die historischen Tatsachen genau aus?

Am 9. November 1991 organisiert Karadzic in den serbischen Regionen Bosniens ein Referendum über einen gemeinsamen Staat der bosnischen Serben mit Serbien, Montenegro und der Republik Serbische Krajina. 90 Prozent der bosnischen Serben stimmen diesem Plan zu. Am 9. Januar 1992 wird die Serbische Republik Bosnien-Herzegowina gegründet. Ihr erster Präsident heisst Radovan Karadzic.

Am 25. Januar 1992 wird im bosnischen Parlament eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit beschlossen. Dies wird von Karadzic als “Kriegserklärung an die Serben” bezeichnet. Das Referendum am 29. Februar und 1. März erbringt eine über 90-prozentige Zustimmung für die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas.

Vernünftig wäre nun gewesen, eine Teilung des Landes gemäß Bevölkerungsanteil anzustreben. Stattdessen zieht Karadzics Partei am 1. April ihre Mitarbeiter aus dem Innenministerium von Bosnien-Herzegowina zurück, gründet ihr Machtzentrum in Pale und eröffnet den Krieg gegen die anderen bosnischen Bevölkerungsgruppen. Am 5. April 1992 beginnt die Belagerung Sarajevos durch Karadzics Truppen. Sie endet am 29. Februar 1996 und ist mit 1425 Tagen die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert. 300 Granaten schlagen im Schnitt täglich im Stadtgebiet ein. Rund 10.000 Menschen werden getötet – darunter ungefähr 1500 Kinder – Zigtausende werden teilweise schwer verletzt.

Anfang März 1995 erlässt Radovan Karadzic die “Direktive 7″(als “Exhibit 425″ liegt sie den Richtern in Den Haag vor) an die bosnisch-serbische Armee. In ihr fordert er, durch Militäroperationen eine unerträgliche Lage in der UN-Schutzzone Srebrenica herbeizuführen und keine Versorgungstransporte passieren zu lassen. In die 6000-Einwohner-Stadt waren infolge der Kriegshandlungen rund 40.000 Menschen geflohen. Drängende Appelle, einen Korridor für Hilfslieferungen zu öffnen, bleiben erfolglos.

Anfang Juli sterben die ersten Einwohner Srebrenicas an Hunger und Entkräftung. Am 27. März 1995 ordnet Radovan Karadzic die totale Mobilmachung in der Republika Srpska an. Am 11. Juli wird auf Befehl Radovan Karadzics die UN-Schutzzone Srebrenica von serbischen Truppen eingenommen. 7000 männliche Gefangene werden exekutiert.

Auch dazu schweigt. Gerd Schumann. Das Wort “Srebrenica” taucht in seinem Artikel gar nicht erst auf.

Stattdessen zieht er folgendes Resümee: “Alle Staaten, die Bosnien-Herzegowina 1992 unmittelbar nach dessen gegen die Serben durchgesetzte Unabhängigkeitserklärung anerkannten – und damit die Abspaltung von Jugoslawien –, machten sich schuldig, weil ihnen die Folgen bekannt waren. Das Völkermorden begann. Es dauerte bis 1995.”

Hier stellt der Autor die Dinge völlig auf den Kopf. Kein Mensch konnte ahnen, zu welchem Terror und zu welcher Brutalität die Soldateska unter Karadzics und Mladics Führung fähig sein würde.

Im Fall Srebrenica begannen in den Morgenstunden des 12. Juli die Maldic-Truppen damit, Männer aus der Masse der Flüchtlinge auszusondern und mit Bussen in Richtung Bratunac abzutransportieren. Die Massenexekutionen fanden zwischen dem 14. und 17. Juli statt. Leichenfunde lassen auf mindestens 7000 Opfer schliessen. Berichten zufolge wurden zum Teil Truppenangehörige und Busfahrer von den Anführern gezwungen, auf die Gefangenen zu schiessen.

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Die UNO hat in diesen Wirren jahrelang versagt. Nicht nur Serben haben Kriegsverbrechen begangen, und die Serben sind sicher nicht kollektiv schuld an den gegen Moslems und Kroaten begangenen Morden und Massakern, sondern ein fanatisierter hypernationalistischer Teil, in dem schon lange ein unerträglicher Rassismus gärte. Die Mehrheit der Serben steht dieser Haltung und diesen Verbechern mit Abscheu gegenüber.

Zu den übelsten Fanatikern, Aufstachlern, Anstiftern und Verbrechern im Chaos dieses Bürgerkriegs gehören jedoch ganz zweifellos Radovan Karadzic und sein General Ratko Mladic.

Kommentare

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  1. Leute, der General von Karadzic heisst Ratko und nicht Zlatko. Es gibt so viele Informationen über ihn, wie kann man da bitte auf Zlatko kommen?