Das Labor sagte: “24 Stunden bis das Ergebnis da ist”; 22 dürften jetzt rum sein. Nicht, dass mir Angst und Bang wird bei dem Gedanken mit der Schweinegrippe, Neuen Grippe, Influenza A H1N1, wie auch immer, infiziert zu sein. Aber ein wenig beunruhigend ist die Vorstellung dennoch, sich so mir-nichts-Dir-nichts angesteckt zu haben.
In der Notaufnahme des kleinen, idyllisch am Fluß gelegenen Krankenhauses, in dem ich mein Praktisches Jahr zum Ende des Medizinstudiums verbringe, hatte (durch seltsame Umstände bedingt!) ausgerechnet ich mit dieser Patientin, die da mit Husten, Atemnot und 40° Fieber auf ihrer Liege saß, zu tun. Ironischerweise wollte ich eigentlich zu der verrückten alten Frau die krähend und schimpfend auf der Pritsche eins weiter rechts der Versorgung ihrer Schenkelhalsfraktur entgegendelirierte. Ich habe der fiebernden Atemnotpatientin nur die Hand geschüttelt, mich leicht anhusten lassen – dann meinen Irrtum festgestellt und bin einen Bettplatz weiter gezogen. Das war es.
Die Symptome begannen dann etwa anderhalb Tage später, von jetzt auf gleich
Ich schleppte mich allerdings noch zwei mal ins Krankenhaus, da ja irgendjemand Blut abnehmen muss und der Krankenstand sowieso hoch ist. Als am zweiten Tag klar wurde, dass, erstens, die oben genannte Fieber-Frau gesichert mit H1N1 infiziert auf der Intensivstation liegt und, zweitens, der im Dienst jene Patientin betreuende Internist auch schon krank zu Hause weilt – kamen mir aber dunkle Zweifel.
Um die Vorgeschichte nicht unnötig in die Länge zu ziehen: Ab diesem Moment war ich ein meldepflichtiger Verdachtsfall, ich ging mit Mundschutz in die Notaufnahme, die hübsche Ärztin und hübsche Schwestern (die unvermummt wirklich viel besser aussehen!) nahmen mir Blut ab, ich machte einen Rachen- und einen Nasenabstrich, bekam eine Fünftagespackung Tamiflu, füllte den Bogen für das Gesundheitsamt aus – und sitze seit dem in meinen 15qm Wohnheimisolation und warte auf Nachricht bezüglich des Abstriches.
Das kleine, auffallend misanthropische Männchen in meinem Kopf, das der Pandemie durch einen neuen, fiesen Grippevirus stets mit fatalistischer Vorfreude entgegensah ist übrigens recht leise geworden.
Zum Glück habe ich am Vortag noch eingekauft, so dass ich wenigstens nicht verhungern oder verdursten muss. Und eigentlich geht es mir gar nicht so schlecht. Kaffee, Wasser, Ibuprofen, Tamiflu, Maultaschen mit Sahnesoße und die Aussicht, ein paar Tage auszuschlafen. Als junger und leidlich immunkompetenter Mensch habe ich nach drei Tagen Grippesymptomen vermutlich auch nicht mehr viel schlimmeres zu befürchten, tussio ergo sum. Das Fieber ist niedriger, Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Hals- und Kopfschmerzen sind noch da, aber mir ging es im Leben durchaus schon schlechter. Aus der gezwungenen Qurantäne in meinem Zimmerchen habe ich also fast gut lachen. Ich wäre schon eine Art Mitglied mit ganz niedriger Nummer in der Schweinegrippen-Partei… Neue Grippe ’09 und ich habe sie gehabt! Viel früher als Du!
Aber alles ist langweilig und ungewiss.
Ich habe schon versucht für das Examen zu lernen; meine Aufmerksamkeitsspanne hält aber leider nicht länger als drei Minuten. Hier im siebten Stock komm ich mir vor wie auf einem ruhigen, kalten Berg. Da unten laufen die Menschen, da drüben ist die Stadt und ich darf nicht runter. Meine größte Sorge ist, jemanden angesteckt zu haben, der damit weniger gut klar kommt.
Und, wie eine Vision aus den Fieberträumen, dass das Gesundheitsamt alle Verdachtsfälle mit Hilfe vermummter Schergen in schwarze SUVs verfrachtet und in ein Isolationslager steckt. Aber das ist wohl eher nur die ansonsten sorgsam unterdrückte Paranoia.
Am Ende dieses kleinen Erfahrungsberichtes steht wieder der Beginn der Langeweile. Zigaretten habe ich auch keine mehr. Vielleicht wäre es angesichts von Husten und Stubenarrest keine schlechte Idee zu versuchen aufzuhören. Aber wenn es dunkel ist geh ich am Fluss spazieren. Vielleicht bringt mir eine Kommilitonin noch was zu Essen aus der Krankenhauskantine mit.
Ach ja: Impfen müsste ich mich dann ja nicht mehr lassen. Aber ich wünschte ich hätte es vorher schon getan. Nicht für mich, sondern für die, an die ich das Virus vielleicht unbewusst weitergegeben habe.
In einer Stunde rufe ich im Labor an.
Was für ein langweiliger und fader Artikel. Ausserdem ist zu durchsichtig, dass damit lediglich die Impfhysterie weiter angeheizt werden soll. Die Aussage im zweitletzte Absatz ist typisch:
“Ach ja: Impfen müsste ich mich dann ja nicht mehr lassen. Aber ich wünschte ich hätte es vorher schon getan. Nicht für mich, sondern für die, an die ich das Virus vielleicht unbewusst weitergegeben habe.”
Dieser Absatz zeigt, dass versucht wird, die Impfunwilligen, also die Mehrheit der Bevölkerung jetzt über die Moralschiene zum Impfen zu bewegen.
Nach einer kurzen Ruhepause ist jetzt auffallend, dass die Pandemiefreunde wieder in sämtlichen Medien aus allen Rohren feuern.
Aber vielleicht ist die Mehrheit der Bevölkerung gar nicht so blöd wie die meinen.