Vorurteile, Xenophobie, Herrenmenschentum. Die ganzen schrecklichen Auswüchse unreflektierten (un)Denkens sind auch in Leipzig zu spüren. Da hilft eindeutig die Augen, Herzen und Ohren zu öffnen und Fremde nicht mehr fremd sein zu lassen. Der Verein zu Hause e.V. hat nun ein Buch veröffentlicht, das Geschichten beinhaltet, die in jeder Schule Stoff sein sollten. Und die Protagonistinnen stehen dafür sogar zur Verfügung. Und warten auf Einladungen – um vor SchülerInnen ihre Lebensgeschichten zu erzählen, um zu berühren und wissend zu machen. Die Welt ist längst schon global – jetzt müssen es nur noch die Menschen werden.
Volly Tanner und Abo Alsleben sprachen mit Zuwanderinnen aus Russland, die mittlerweile in der sächsischen Metropole Leipzig Heimat gefunden haben:
Woher kommen Sie, welchen Beruf übten Sie in Russland aus?
Wir sind insgesamt sechs Frauen, kommen aus Russland und sind alle Lehrerinnen von Beruf. Leider ist es so, dass die pädagogische Hochschulausbildung, die in Russland studiert wurde, in Deutschland nicht anerkannt wird. So wurde es uns vom Zu Hause e.V. angeboten, an einem Buchprojekt teilzunehmen. Unsere Aufgabe ist es, ein Buch das “Jetzt sind wir hier” heißt, in den deutschen Schulen zu präsentieren. Das Buch wurde im Jahr 2008 von der Frau Heidelore Kretschmer, der Leiterin des Vereins “zu Hause e. V.” (Verein zur gesellschaftlichen Integration von Zuwanderern), geschrieben.
Was macht zu Hause e.V.?
Der Verein, dessen Zweck die Integration von Zuwanderern zu fördern ist, existiert seit April 2005. Er bietet verschiedene Deutschsprachkurse sowie auch reichlich Unterhaltungsveranstaltungen und Reiseangebote. All dies erleichtert den Eintritt von Zuwanderern in die Arbeitswelt und hilft die Vertrautheit mit der deutschen Kultur aufzubauen.
Worum geht es diesem Buch?
In diesem Buch geht es um die Schicksale von Auswanderern aus der ehemaligen Sowjetunion – Russlanddeutsche, Juden, Tschetschenen, – die in Leipzig ihre Heimat gefunden haben. Es ist in Form von Interviews geschrieben und besteht aus 20 bewegenden Lebensgeschichten.
Das Buch zeigt einzelne Schicksale von Familien, die großes Leid erfahren haben und wie Zugvögel Tausende von Kilometern zurücklegen mussten, um endlich ein Zuhause zu finden. Parallel gibt es Erklärungen zu den recht komplizierten politischen Hintergründen, über die man nur sehr allgemein in Geschichtsbüchern nachlesen kann. Dank der ganz subjektiven Erlebnisberichte gewinnt der Leser eine emotional bestimmte Vorstellung solcher Begriffe wie “Entkulakisierung”, Vertreibung, “Schwarzer Rabe”, Trauer um Stalins Tod, Perestrojka. Und letztlich schlagen die Buchautoren einen Bogen in die Lebenswelt heutiger, oft jugendlicher Rückkehrer, – die schöne Zeit der Jugend, die Liebe zur Familie, der Glaube und die Hoffnung auf ein besseres Leben.
Mit welchen Problemen werden Zuwanderer heute in Deutschland konfrontiert?
Heute hört man in Deutschland immer öfter das Vorurteil, dass die Russisch sprechenden Zuwanderer den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen oder zu Unrecht Rente erhalten. Es wird oft berichtet über kriminelle Jugendbanden, brutale Russen-Gangs oder die Knast-Mafia. Und dadurch wird häufig die öffentliche Meinung über Spätaussiedler in Deutschland bestimmt. Umso wichtiger ist es, ein Gegengewicht zu diesem Zerrbild zu schaffen und die Normalität dieser Menschen ins Blickfeld zu rücken. Wir hoffen mit unserem Beitrag eine Aufklärung zu leisten und dabei zu helfen, Vorurteile abzubauen.
Welche Erfahrungen haben Sie als Deutsche in der Sowjetunion und Russland gemacht?
Russlanddeutsche waren in Russland als “Deutsche” – “Faschisten” geächtet. Aus diesem Grund blieben für sie viele Türen verschlossen, in der Kindheit wurden sie gemobbt und verprügelt, eine gute Ausbildung durften sie auch nicht machen, sogar glücklich heiraten nicht. Sie konnten ihre eigene Kultur und Sprache nicht pflegen und wurden in den Kriegszeiten deportiert und als Spione vernichtet. Darüber wird es im Buch sehr emotional berichtet.
Wie und wann kamen die Deutschen nach Russland?
Angefangen hat es alles im 18. Jahrhundert, als Katharina II (die deutsche Prinzessin, die zur russischen Zarin wurde) die deutschen Bauern und zahlreichen Abenteurer nach Russland lockte. Sie versprach ihnen die Religions- und Steuerfreiheit und beabsichtigte, das fruchtbare russische Land besser nutzbar zu machen und die Agrarwirtschaft zu verbessern. Sie wurden meistens im Wolga- und Schwarze Meer Gebiet angesiedelt.
Wo wollen Sie das Buch präsentieren?
Die Idee ist, dass das Buch in deutschen Schulen präsentiert werden soll. Wir stellen das Buch vor, die Schüler bekommen es für drei Wochen ausgeliehen und dann diskutieren wir gemeinsam darüber. Aber wie es aussieht, ist es sehr schwierig in die Schulen reinzukommen. Wir finden es sehr schade, weil dieses Buch auf jeden Fall Wert ist, gelesen zu werden. Deswegen bitten wir alle, die Interesse haben und jetzt zu hören, sich bei der Frau Kretschmer im zu Hause e.V. zu melden.
Kontakt: www.zuhause-ev.de
Email: zuhause-ev@web.de
UND HIER NOCHMAL DIE OFFIZIELLE ANFRAGE DES VEREINS AN SCHULEN, VEREINE & INTERESSENGRUPPEN:
zu Hause e.V. sucht interessierte Partner und Vereine
Der Leipziger Verein zu Hause e.V. zur gesellschaftlichen Integration von Zuwanderern veröffentlichte in diesem Jahr das Buch “Jetzt sind wir hier – Gespräche mit Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion”. Dieses über 300 Seiten fassende Werk beleuchtet das Schicksal von Russlanddeutschen und ihre Geschichte. Die im Buch interviewten Zuwanderer reflektieren die historischen Hintergründe und berichten über politische Machstrukturen in Russland.
So erfährt der Leser, dass die russische Zarin Katharina die Große, als sie am 22. Juli 1763 das Manifest zur Ansiedlung von deutschen Bauern an der Wolga verabschiedete und ihnen Religionsfreiheit, Steuerfreiheit und das Verfügungsrecht über ihr Land versprach, den eigentlichen Grundstein für das Leben der Russlanddeutschen schuf. Schon im ersten eisigen Winter verloren unzählige Neuankömmlinge ihr Leben. Doch auch in den folgenden Jahrhunderten blieben die Lebensbedingungen für die ausgewanderten Deutschen hart: Nach der Oktoberrevolution 1917 waren sie Freiwild für machtbesessene Kommunisten, später generalverdächtige Kulaken für argwöhnische Stalinisten und bis heute die Faschisten aus Deutschland. Die Geschichte der Russlanddeutschen ist geprägt von Leid, Vertreibung und Not. Heute – zu Hause in ihrer ursprünglichen Heimat – warten jedoch neue Sorgen auf sie: Sprachbarrieren, Ausgrenzung, Hürden der Bürokratie und durch rechte Politik geschürter Hass auf alles Fremde.
Das Spektrum der Erfahrungsberichte ist fast endlos, die Schilderungen ergreifend und tragen zum besseren Verständnis der Zuwanderer bei. “Jetzt sind wir hier” eröffnet neue Sichtweisen, macht betroffen und baut Vorurteile ab. Es ist ein wahrer Schatz an Menschlichkeit und sollte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Denn kaum ein Geschichtsbuch eröffnet so viele Informationen über Kultur, Historie und gesellschaftliche Strukturen in den ehemaligen Sowjetrepubliken.
Deswegen ist der Verein zu Hause e.V. auf der Suche nach Schulen, Vereinen, Gesellschaften oder Interessensgruppen, denen man das Buch vorstellt, mit ihnen ins Gespräch kommt und kooperieren kann. Weil die Geschichte lebendig ist und man aus ihr lernen muss. Die Mitarbeiter von zu Hause e.V., die an der Herstellung des Buches beteiligt waren, kommen kostenlos vorbei und lesen aus dem Buch, geben Informationen und regen die Diskussion an. Gegebenenfalls können einige Ausleihexemplare zur Verfügung gestellt werden.
Bitte helfen Sie uns, die Geschichte lebendig zu gestalten. Welche Einrichtung, Verein oder Schule hat Interesse an einer fruchtbaren Zusammenarbeit?
Dieses Projekt wird gefördert durch die ARGE Leipzig.
www.zuhause-ev.de
Tel-Nr. zu Hause e.V.: 0341 – 24 78 251
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