Es ging alles so wahnsinnig schnell. Zwanzig Jahre soll das schon wieder her sein? Das Tempo war aber schon zu Beginn dieser nun verflossenen Periode der Wendungen und Umwälzungen atemberaubend. Vielleicht gut so. So kam man kaum zum Nachdenken.
Leipzig – Budapest
Mitte September 1989 entstieg ich der in Leipzig gestarteten Maschine der INTERFLUG auf dem Flughafen Ferihegy 1 der Donau-Metropole Budapest. Eh ich mich versah, saß ich bei Ferenc im PKW, einem gestandenen Madjaren mit buschigem Schnäuer, dessen aufgeregt pulsierendem Blutkreislauf bereits der Rythmus der “neuen Zeit” eingeimpft zu sein schien. Die schnurrenden Räder des roten Ford ratterten über welliges Budapester Straßenpflaster, über das ich noch zwei Monate zuvor mit Kollegen als “Diplomat” der DDR in Gestalt eines Bühnenbeleuchters schlurfte, um Kleinigkeiten einzukaufen, die die Geschäfte daheim aus Gründen der ewigen Mangelgesellschaft nicht im Angebot hatten. Dazu ein Glas Apfelpaprika, Ketchup, ein winziges Stück ungarischer Paprika und ungarischen Mostrich. Alles erworben im nostalgisch-schön revoviertem Budapester Großmarkt. Ja, so war das…
Budapest – “Bananenberg” – Wien
Nun chauffierte mich ein gewisser Ferenc durch fast die gleiche Gegend. Verrückt? Unwirklich! Aus dem Beleuchter – der doch an diesem Tage eigentlich eine Neumann`sche Choreographie am Landestheater Halle zu betreuen, Dienst dort, gehabt hätte! Die Dinge nahmen ihren Lauf. An Rückzug war nun kaum noch zu denken. Ruckzuck stoppt Ferenc den roten Ford: Wir sind bereits am Grenzübergang Ungarn-Österreich. Nur Minuten später stehe ich im Zollamt Nickelsdorf, Republik Österreich! Kaum zu glauben! Vor mir am Schalter ein freundlich-aufgeregter Beamter. Im Raum davor: ein exorbitant hoher Berg Bananen. Würde sagen: “mittlerer Reife”. BANANEN? (!!!), dachte ich: Ausgerechnet Bananen! Das verstehe einer. Aber naja, sei’s drum: guat hams des g’moant. Des is eh klar. Gott vergelt’s Ihnen…
Nicht einmal zwei Stunden später – gestärkt durch einen kleinen Imbiss der freundlichen Mitarbeiter des Österreichischen Kreuzes in einem Zelt am Rande der Bundesstraße – setzt sich schon unser Omnibus Richtung Wien in Bewegung. Die Stadt meiner Träume! Die Stadt des berühmt-berüchtigten K&K-Schmähs, der (inzwischen aussterbenden) Kaffee-Häuser, wo man damals noch stundenlang eine Zeitung lesen konnte, ohne gleich einen zweiten “Braunen” oder einen Kaffee mit Schlagobers bestellen zu müssen; die Stadt der Heurigenlokale, der “Burg”, des Wien, das Selbstmörder zu inspierieren scheint, wie kaum eine andere Stadt, und folgerichtig: die Heimstatt des berühmten, von Wolfgang Ambros so wunderbar-schaurig besungenen Zentralfriedhofs: Am Zentralfriedhof is Stimmung wie’s an Lebtag noch net woar… Da tanz’n die Pfarrer mit die Hur’n, die Juden mit Arabern…
Versuchungen, die keine waren…
Nur einen Tag später sitze ich bei einer Freundin in der Essener Martin-Luther-Straße auf einem Balkon und trinke bei schönstem Herbst-Sonnenschein Rotwein aus’m Plastikbecher! Ein Tempo wie in einem Action-Film. Kinder, wie die Zeit vergeht! Im Oktober schramme ich haarscharf am Job eines Staubsauger-Vertreters vorbei. Und erlebe Kapitalismus pur. Reden muss man können. Wer gut (über)reden kann, der macht auch’n Reibach. Auf den Staubsauger (eine wirklich gute Marke, die ihr Geld wirklich wert ist) lasse ich nichts kommen. Doch vertreten, vertreten kann ich sowas nicht. Doch da schellte schon ein Vertreter der Neuapostolischen Kirche an: Ein Job als Elektriker bei einem Gemeindemitglied wäre schon ‘drin. Hier bitteschön: unsere Bibel, sagt der nette Mann – Klempner von Beruf. Ich will freundlich sein: schaue hinein in das blaue Buch. Doch ich gebe es dankend zurück. Auch als “Neuapostolischer” bin ich nicht geschaffen…
Schabowskis Zettel
Der November 1989 ist kalt und nass. Der Balkon in der Martin-Luther-Straße in der Stadt der “Krupps und Krauses”, Essen ist verweist. Man schrieb den 9. November 1989. Der beim Discounter erworbene Fernseher flimmert im gasbeheiztem Wohnzimmer. Es schlägt dem Fass den Boden aus! Und doch ist es wahr: Ein von Günter Schabowski von einem Zettel verlesener, mit einem eher schlecht als recht heruntergehaspeltem Text verändert die Welt! Irre, wie Geschichte gemacht wird! Nur jetzt bin ich nicht mehr unmittelbar dabei. Wäre ich gerne dabei gewesen? Doch. Ja! “Wir sind das Volk!” skandierten die Menschen. - Nicht zu vergessen zuvor die größte jemals in der DDR stattgefundene legale Demonstration am 4. November der Menschen, die sich für ihr Land DDR engagierten und aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten – sich ehrlich dafür aussprechen, das es endlich ein besseres, sozialistisch-demokratisches werden möge…
Ein Schlüssel lag in Moskau
Die friedliche Revolution der DDR-Bürger – nenne es jeder wie er mag – war jedoch eine in der deutschen Geschichte bisher einmalige, aus dem Volke kommende, Willensbekundung in Sachen Demokratie und Freiheit. Heute feiert man in Deutschland und anderso den 20. Jahrestag des Falls der Mauer. Ich möchte keinen Wermutstropfen in die Feierlaune gießen. Aber niemand vergesse heute: Den Schlüssel dafür, dass das ganze friedlich verlief, hatte die damalige Kreml-Führung in Moskau unter Michail S. Gorbatschow in Händen.
Dank besonnener Menschen fiel kein Schuss
Darüberhinaus sollten in diesen Feier-Stunden auch an die verantwortlichen Kommandeure der DDR-Grenztruppen und die diensthabenden NVA-Soldaten denken, und ihnen durchaus Dank dafür aussprechen, dass sie damals nicht auf ihr eignenes Volk geschossen haben. Dass sie gegen bestehende Dienstvorschriften verstießen, indem sie die gen Westen drängenden Menschenmassen in den Westteil Berlins “fluten” ließen. Die Leitstelle der DDR-Grenztruppen in Oberschöneweide hatte weder Informationen, noch Order wie in der Situation zu verfahren sei. Eigentlich handelte Schabowski unverantwortlich. Klar, der Staat DDR war längst am Ende. Es bröckelte an allen Ecken und Enden. Die Staatsführung “führte” nicht mehr. Die alten Männer lagen in ihren Betten und schlummerten. Sie hatten keine Ahnung, was Schabowski da angerichtet hatte. Bekamen nicht mit, was Tagesthemen-Anchormen Hanns Joachim Friedrichs dann kurz vor halb elf abends wagte hinauszuposaunen: Die DDR-Grenzen seien offen. Auch die West-Medien trugen nicht unwesentlich dazu bei, dass die Dinge eine Eigendynamik bekamen.
Vielen damals besonnen handelnden Menschen bei den Sicherheitsorganen auf DDR- ebenso der Polizei auf Westberliner Seite ist es zu verdanken, dass am 9. November 1989 nichts “ins Auge” ging.
Der leicht veränderte Satz
Bald schon tauchten schwarz-rot-goldenen Flaggen und Plakate mit einem leicht abgeändertem Satz auf, erklangen auf den Straßen und Plätzen der DDR Sprechchöre, die aus diesen vier Worten bestanden: “Wir sind ein Volk!”. Wohingegen es doch noch soeben geheißen hatte: “Wir sind das Volk!” Woher mögen wohl auf einmal die vielen schwarz-rot-goldenen Flaggen hergekommen sein? Wo der leicht veränderte Aufruf auf den Plakaten? – Viele der Demonstranten hatten eine andere, bessere Republik, eine wirklich demokratische DDR gewollt. Der veränderte Satz jedoch stellte die Weichen in eine ganz andere Richtung…
Vertane Chancen
Das neue Deutschland, bestehend aus der alten Bonner Republik und der ihr beigetretenen DDR, hätte das Zeug dazu entwickleln können, diese bessere deutsche Republik zu werden. Es ist noch nicht so recht gelungen. In den 1990er Jahren ist leider viel zu wenig dafür getan worden, um aus der Kraft der fraglos 1989/1990 aufgekommenen Euphorie im Umfeld von Wende und Widervereinigung Energie für ein wahrhaft neues Deutschland zu schöpfen – einen weit in die Zukunft hinein reichenden Elan dauerhaft zu befeuern, der genügend Antriebskraftstoff auch zu künftigen Visionen betreffs einer gerechteren sozialen Gesellschaft in sich birgt. Vertane Chancen…
Überdies hätte es eines Prozesses bedurft, der auch diejenigen ehemaligen DDR-Bürger, hätte in den neue “Berliner Republik” mitnehmen müssen, denen der Verlust ihres Landes DDR ein schmerzlicher war. Die sicherlich nötige geschichtliche wie juristische Aufarbeitung von DDR-Unrecht hätte dem nicht entgegen gestanden.
Irretationen
Und auch dies gilt m. E. bei aller Feierlaune zu reflektieren: Viele einstige DDR-Bürger haben es bestimmt auch ein für alle mal satt, sich selbst nach dem Ablauf von 20 Jahren seit dem Mauerfall von manchem Westdeutschen immer noch erzählen lassen zu müssen, wie sie im verblichenen Staate DDR gelebt haben. Freilich gab es dort unbestritten Unrecht. Aber auch Gerechtigkeit. Die DDR war eben tatsächlich mehr als nur Broiler, Club-Cola und Stasi…
Noch immer gibt es Menschen, die nicht nur nichts oder nur ein bruchstückhaftes, vorurteilbehaftetes Wissen über die DDR konserviert haben und weiter pflegen; aber anscheinend in Wirklichkeit auch nichts wissen oder neues über die östliche deutsche Repbulik hinzulernen wollen. Wer wirklich wissen will, muss nämlich zuerst einmal zuhören können…
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich 20 Jahre nach dem Mauerfall mit Nachdruck gegen einen Schlußstrich unter die DDR-Geschichte ausgesprochen: “Einen Schlußstrich ziehen zu wollen heißt, etwas verdrängen zu wollen.” Merkel weiter gegenüber der Leipziger Volkszeitung: “Dass sind wir außerdem den vielen Opfern des SED-Regimes und auch den kommenden Generationen schuldig.”
VERSÖHNEN statt SPALTEN
Der neue brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, der einer rot-roten Koalition aus SPD und LINKEN vorsteht, polarisiert da wohltuend, wissend um die Dinge, weniger. Er rief ausdrücklich zur Versöhnung auf. Damit stellt er sich in eine gute Tradition eines großen anderen SPD-Mannes. Nämlich in die des Johannes Rau, langjähriger NRW-Ministerpräsident und späterer Bundespräsident handelte nach einer einfachen aber vernünftigen Devise. Sie lautet VERSÖHNEN statt SPALTEN.
Die DDR gehört zur deutschen Geschichte. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Die Historiker haben noch jede Menge Arbeit. Man bedenke hierzu: der US-amerikanische Bürgerkrieg – der kriegerische Konflikt zwischen Süd- und Nordstaaten – wirft bis ins Heute hinein noch seine dunklen Schatten…
Dass die Mauer fiel, ist ein Grund zum Feiern. Wie rasend schnell das damals alles ging! Wahnsinn. Kaum zu fassen. Ist das schon wieder 20 Jahre her? Manchmal macht einen Geschichte schwindlig. WIR SIND DAS VOLK. Das sollte vermehrt auch gesamtdeutsch wieder gelten.
Last but not least: Ein anderes Gedenken, das nämlich an die schrecklichen Ereignisse in der Reichspogromnacht vor 71 Jahren darf heute nicht hinter die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls zurücktreten.
Photo/Quelle: haasi1 via Wikipedia.org
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